Stefanie Hasse – Bad Influence

Ein luxuriöses Schiff auf hoher See.
Die bekanntesten Influencer*innen der Welt.
Ein gefährliches Spiel um Wahrheit und Lüge.

Am liebsten hätte Tara Dawson einen großen Bogen um die Jungfernfahrt der SIREN gemacht. Schließlich reisen zahlreiche Influencer*innen mit, die das luxuriöse Kreuzfahrtschiff in Szene setzen sollen – und Tara hat ziemlich schlechte Erfahrungen mit Social Media hinter sich. Doch ihrer besten Freundin Lola zuliebe beschließt Tara, dennoch mitzufahren und sich auf eine entspannte Woche in der karibischen Südsee zu freuen. Das wäre allerdings leichter ohne Lolas Brüder Jonah und Lucas, die Tara vor Rätsel stellen und gleichzeitig ihr Herz höherschlagen lassen. Doch das wahre Drama beginnt, als jemand an Bord Videos mit den dunkelsten Geheimnisse der High-Society-Gäste veröffentlicht … (Klappentext)

Schon lange vor der Veröffentlichung habe ich mich auf das Buch gefreut. Und nach all dem spontanen Marketing als der Name von Stefanie Hasse auf der Erstauflage verloren ging, konnte ich mich nicht bremsen und musste das Buch kaufen. Schnellstmöglich habe ich dann auch begonnen zu lesen. Ich freute mich auf ein bisschen Liebe zwischen ganz viel Geheimnis und Influencer-Leben.

Recht schnell bemerkte ich, dass ich mit Tara einfach nicht warm wurde. Ich konnte schon nachvollziehen, warum sie so überaus sensibel, zurückhaltend und auch eingeschüchtert ist. Trotzdem fand ich es beim Lesen nervig. Doch jeder ihrer Freunde hatte großes Verständnis für ihr Verhalten – klar, fand ich auch gut an sich. Doch diese ständige Hände drücken, Schulter tätscheln und Arme umeinanderlegen, um Mut zuzusprechen und zu zeigen, dass man da ist, das war mir zu überemotional und überdramatisiert.

Und eigentlich hatte ich mich ja eh auf etwas ganz anderes gefreut: Die Influencer und ihre Geheimnisse. Ich war so gespannt auf diesen Mystery-Aspekt des Buches. Doch leider hatte der Klappentext hier etwas versprochen, was der Inhalt nicht halten konnte.
Die Influencer sollen mit authentischen Werbevideos die Vorzüge des Luxus-Liners in Szene setzen. Doch jemand auf dem Schiff filmt sie, wenn die Selfie-Kamera nicht auf sie gerichtet ist und fängt damit weniger vorteilhafte Seiten ein. Nix mit dunkle Geheimnisse. Eher etwas Klatsch und Tratsch. Hinterfragen der Scheinwelt der Influencer. Und trotzdem waren die Kapitel, in denen die Videos immer im Zuge einer täglichen Fernsehsendung gezeigt wurden, meine Highlights. Darauf habe ich mich gefreut. Auf den Rest weniger.

Mir ging es eindeutig zu viel um Tara, all ihre Unzulänglichkeiten und die semi-aufregende, weil recht vorhersehbare, Liebesgeschichte, die für mich auch noch zum Teil schleimige und unangenehme Dialoge bereithielt.
Ich fand einfach überhaupt keinen Zugang zu Tara als Hauptfigur und sie und ihr Leben, das hier so präsent war, während ich mehr von den Influencer*innen wissen wollte, nervte mich.

Insgesamt kam für mich auch wenig Spannung auf. Die Liebe gab, wie gesagt, da nicht so richtig viel für mich her und die Suche nach der Person, die die anderen heimlich filmt, war auch nicht wirklich intensiv. Meiner Meinung nach gab es hier sogar noch Logiklöcher, weil man die Person recht einfach hätte identifizieren können.

Ich fand die Idee, die der Klappentext präsentierte also total cool und habe mich sehr darauf gefreut, das Buch an sich konnte das nur zum Teil umsetzen. Mir fehlte die Spannung, auch wenn ich noch mit ein paar wenigen Überraschungen konfrontiert wurde. Es kommen aber auch ein paar wichtige Themen zur Sprache, unter anderem Bodyshaming und anderes gefährliches und übergriffiges Verhalten, das an der Stelle zu sehr spoilern würde.

Ich glaube, ich bin ungefähr die einzige Person, die das Buch nicht so gern mochte und einfach nicht abgeholt wurde. Und gerade das lässt mich etwas zweifeln, denn wenn so viele Leute das Buch fantastisch finden, dann konnte es scheinbar einfach MICH nicht erreichen, ist aber an sich keinesfalls ein schlechtes Buch. Ich hätte so gern mit Freude das Schiff erkundet, die Influencer näher kennengelernt und das Rätsel um die Videos gelöst. Aber irgendwie hat Tara mir das alles verleidet.

Stefanie Hasse – Bad Influence – Reden ist Silber, Posten ist Gold
Ravensburger, 01. Februar 2022
ISBN 3473402214
413 Seiten
Gebunden; 16,99 Euro

Weitere Bücher der Autorin:
Matching Night – Küsst du den Feind?
Matching Night – Liebst du den Verräter?

Kyrie McCauley – You Are (Not) Safe Here

Ich frage mich, wie das wohl sein würde, nach Hause zu kommen und keine Angst davor zu haben, was mich drinnen erwartet.

Tausende Krähen belagern die Kleinstadt Auburn, Pennsylvania, und es werden immer mehr. Alle Einwohner empfinden dies als Bedrohung – alle außer der 17-jährigen Leighton und ihren beiden jüngeren Schwestern. Denn die größte Gefahr lebt in ihrem Zuhause: ihr Vater, der immer wieder gewalttätig wird. Und ihre Mutter, die schweigt und ihn nicht verlässt. Und die Nachbarn, die konsequent wegschauen.

Leighton würde nichts lieber tun, als der Stadt den Rücken zu kehren, aber sie kann und will ihre Schwestern nicht zurücklassen. Denn eins ist klar: Irgendwann wird die Situation eskalieren… (Inhalt der Titelklappe)

Nachdem ich einige sehr begeisterte Rezensionen las und „Jahres-Highlight!“- Rufe hörte, musste ich mir dieses Buch auch unbedingt kaufen. Ich habe wirklich Großes erwartet. Und vielleicht war diese Erwartungshaltung der Fehler.

Fast einen Monat habe ich an diesem Buch gelesen. Das erste Drittel des Buches ging noch ganz ok weg. Ich fand es nicht sehr spannend, aber es ließ sich gut lesen. Dann bekam ich Besuch, kam ein paar Tage nicht zum Lesen und dann war der Drive weg. Ich nahm immer öfter dünne Nebenbücher zur Hand und las die lieber.

Leightons Vater ist aggressiv, bedroht, beleidigt und es steht die Gefahr im Raum, dass es irgendwann noch schlimmer wird und er physisch gewalttätig wird und dann nicht mehr nur auf das Haus und die Möbel einschlägt.
Das Thema ist so wichtig und richtig und es war auch gut, dass der Vater nicht als das pure Böse dargestellt wurde, sondern McCauley ihn auch menschlich und liebenswert sein ließ.
Doch trotz aller Wichtigkeit konnte das Thema mich einfach nicht abholen. Ich wurde nicht berührt und fieberte leider auch nicht mit.

Dafür war ich von der sich entwickelnden Beziehung von Leighton oft sehr genervt. Beide sind 17, beide kennen sich schon ewig und trotzdem ist es ein: „Willst du bei mir schlafen? Das Gästezimmer ist frei.“ Es war so prüde und so verschämt. Eine Beziehung, in der sich alle zwei Wochen mal zu einem besonderen Anlass geküsst wird. Ich fand es einfach müßig und es stellte sich bei mir kein süßes Gefühl ein.
Trotz allem fand ich Leighton und ihre Schwestern schon toll. Sie waren klug und stark und haben sich auf ihre unterschiedlichen Arten gewehrt und der ganzen Situation getrotzt.

Neben des Themas der häuslichen Gewalt ging es noch um die Krähen, die die Stadt belagert. Es werden immer mehr und damit werden sie ein immer zentraleres Thema innerhalb der Geschichte. Auch wenn es sicher mal etwas Neues war, konnte mich das genauso wenig abholen wie die anderen Themen.

Den Rest gaben mir aber die kleinen Partikel Magie, die im Buch vorkommen. Hat für mich einfach null zur Geschichte gepasst. Die Autorin erklärt das zwar in den Anmerkungen, ich mochte den Aspekt trotzdem nicht.

Tja, für manche war „You Are (Not) Safe Here“ ein absolutes Highlight, ich hab mich da so mäßig interessiert durchgearbeitet. Ja, es ist ganz gut geschrieben, das Thema ist wichtig und die Figuren sind einigermaßen interessant. Aber ich bin nicht begeistert.

Kyrie McCauley – You Are (Not) Safe Here
Originaltitel: If These Wings Could Fly (März 2020)
‎dtv, 24. Januar 2020
ISBN 3423740558
393 Seiten
Broschiert; 14,95 Euro

Sebastian Fitzek – Der erste letzte Tag

Ein ungleiches Paar
Eine schicksalhafte Mitfahrgelegenheit
Ein Selbstversuch der besonderen Art

Was geschieht, wenn zwei Menschen einen Tag verbringen, als wäre es ihr letzter?

Ein Roadtrip voller Komik, Dramatik und unvorhersehbarer Abzweigungen von Deutschlands Bestsellerautor Nr. 1 Sebastian Fitzek – mit zwei skurrilen, ans Herz gehenden Hauptfiguren, die unterschiedlicher nicht sein könnten. (Klappentext)

Sebastian Fitzek gehört zu meinen liebsten Autoren. Selbst die Thriller, die mich nicht so abholen konnten, habe ich super schnell gelesen und ich blieb trotzdem ziemlich zufrieden zurück. Und auch wenn mich sein Ratgeber „Fische, die auf Bäume klettern“ nicht interessierte, freute ich mich sehr auf seinen ersten humoristischen Roman.

Schneechaos in Deutschland und Livius kann nicht, wie geplant, von München nach Berlin fliegen. Doch er ist nicht der einzige, der nun einen Mietwagen benötigt. Und so bekommt er den letzten Wagen – und teilt ihn sich mit der wilden, exzentrischen Lea. Sie schlägt Livius ein außergewöhnliches Experiment vor: Die lange Fahrt wollen sie nutzen, um den Tag zu leben als wäre es ihr letzter. Und so beginnt eine Reise, die beide wohl nicht mehr vergessen werden.

Livius ist Lehrer und scheint spießiger und älter als er wirklich ist, Lea wirkt ein wenig wahnwitzig mit ihrem großen Selbstbewusstsein und ihrer Schlagfertigkeit – und es wäre kein echter Fitzek, wenn nicht beide vom Schicksal schon hier und da eins übergebraten bekommen hätten. Sie könnten kaum unterschiedlicher sein und ergänzen sich zusammen perfekt. Sie stolpern von einer seltsamen Begebenheit in die Nächste, immer gelenkt von Leas kruden Einfällen.

Doch der Weg ist nicht nur Abenteuer. Vor allem Lea schafft es immer wieder, Situationen und Livius‘ Handlungen philosophisch zu betrachten und einzuordnen. Es entstehen Gespräche und Diskussionen zwischen den beiden, bei denen auch der Leser immer wieder sein eigenes Denken in Frage stellen kann.

Es geht also um mehr als um eine lustige Tour durch Deutschland. Doch ehrlicherweise fand ich das Buch zäh. Klar, es ließ sich leicht lesen, wie Fitzek das immer schafft. Aber ich legte das Buch häufig nach wenigen Seiten zur Seite, weil ich nichts so richtig spannend fand, nicht den Fortgang der Geschichte herbeigesehnt habe.
Selbst die vielen verschiedenen Begebenheiten und Überraschende konnte mich dabei nicht packen. Ich hatte all das irgendwie hingenommen.

Schwierig fand ich die ganzen „lustigen“ Vergleiche. Immer wieder bemühte Fitzek eine absurde Parallele, um das Beschriebene nochmal besser visualisieren zu können. Zwischendurch fand ich das aber deutlich zu oft. Das ist jedoch nicht das erste Humor-Buch, bei dem ich das bemerkt habe. Als müsste der Witz mit dem Holzhammer in jede Zeile geschrieben werden. Dafür habe ich aber zweimal wirklich laut lachen müssen. Das war gut.
Außerdem spricht Livius regelmäßig zum Leser – siezt ihn auch noch – da bin ich kein Fan.

Insgesamt war mir Livius zu steif, zu ernst, zu distanziert. Auch wenn er sich notgedrungen auf alles eingelassen hat und damit ja schon gar nicht so spießig sein kann, wurde ich nicht so recht warm mit ihm.

Ich würde gar nicht sagen, dass ich enttäuscht bin. Es war eben mal ein ganz anderer Fitzek, was total ok war. Auch wenn weder die Idee noch die Umsetzung wirklich neu waren, kann man das Buch ganz gut lesen. Vielleicht war es für mich einfach nicht die richtige Zeit. Selbst die emotionalen Momente konnten mich nicht so recht kriegen. Da das Buch aber auf keinen Fall schlecht war, bekommt es von mir.

Sebastian Fitzek – Der erste letzte Tag
Droemer, 28. April 2021
ISBN 3426283867
271 Seiten
Broschiert; 16,00 Euro

A. A. Milne – Pu der Bär

Und dann, gerade als sie zu den Sechs Tannen kamen, blickte Pu sich um, um zu sehen, dass niemand lauschte, und sagte mit sehr feierlicher Stimme: »Ferkel, ich habe etwas beschlossen.«
»Was hast du beschlossen, Pu?«
»Ich habe beschlossen ein Heffalump zu fangen.« (Klappentext)

Als meine Tochter geboren wurde, erwachte bei mir eine seltsame Winnie-Pooh-Liebe. Die ersten Bodys waren mit dem kleinen Bären bedruckt und auch ihr Motorikwürfel. Selbst heute, zweieinhalb Jahre später, ziert er noch ihre Bettwäsche. Ich wollte unbedingt, dass sie mit Christopher Robin, Ferkel, Pooh und all den anderen Freunden aufwächst. Obwohl – oder gerade weil – ich es selbst nicht bin. Ich habe hier und da als Kind mal ein paar Folgen der Serie gesehen, aber nicht mal den Disney-Film. Erst als der Film „Christopher Robin“ mit Ewan McGregor in die Kinos kam, habe ich etwas mehr über den Hintergrund der Figuren erfahren.
Doch, wie gesagt, mein Kind sollte mit Pooh aufwachsen. Ich wollte immer mal eine „Gesamtausgabe“ oder zumindest ein dickes Buch mit vielen Geschichten kaufen, doch das ist nie passiert. Bis mir letztens in einem Second-Hand-Laden dieses Buch in die Hände fiel. Die Zeit war gekommen. Ich habe die originale Geschichte gelesen!

Diese Version ist die Neuübersetzung von Harry Rowohlt. Manche kennen ihn vielleicht als den Obdachlosen Harry aus der „Lindenstraße“ – auf jeden Fall aber auch als Abkömmling des Rowohlt Verlags.

Das Buch besteht aus zehn Kapiteln – und damit Kurzgeschichten – aus dem Hundertsechzig-Morgen-Wald. Der Junge Christopher Robin bekommt die Geschichtem erzählt und ist zeitgleich eine der Hauptfiguren. Vorrangig geht es aber um den Bären Pu, der verfressen und lieb ist, was ihn in die ein oder andere brenzliche Situation bringt. Dabei sind auch das quirlige Ferkel und der ständig deprimierte und verbitterte Esel I-Ah. Außerdem gibt es Kaninchen mit all seinen Bekannten-und-Verwandten, Känga und klein Ruh und Eule.
Die Gefahren und Geschichten sind nie groß und dramatisch, sondern vollkommen kindgerecht und Probleme können durch Zusammenhalt der Freunde immer gelöst werden. Mal muss Pu vor Bienen gerettet werden, mal unternehmen alle eine Expedition zum „Nordpohl“, mal muss der verlorene Schwanz von I-Ah gesucht werden.
An zwei, drei Stellen konnte ich sogar richtig lachen und fand den Wortwitz gut gemacht.

Und trotzdem finde ich das Buch nicht für (kleinere) Kinder geeignet. Die Sprache ist schwierig. Die Sätze sind lang und verschachtelt. Es schwingt dadurch eine bestimmte Athmosphäre mit, aber die kommt bei Kindern eventuell eher schwierig an. Außerdenm reden Pu und seine Freunde häufig Nonsense. Floskeln, die aus dem nichts kommen und sich um nichts drehen. Vollkommen leere Gespräche.
Was ich persönlich auch unangenehm fand, war, dass der Erzähler Pu ständig einen „sehr geringen Verstand“ attestiert und Christopher Robin immer sagt, wenn auch liebevoll: „dummer alter Bär“.
Und I-Ah ist ja schon in der Kinderserie traurig und deprimiert. Aber in dem Buch ist er vollkommen verbittert und gemein. Ständig betont er, dass ihn niemand mag und ihn alle bei nichts dabei haben wollen. Netten Worten glaubt er nicht und er will trotzdem immer im Mittelpunkt stehen. Eine unfassbar blöde Figur.

Toll sind die Illustrationen, die die Geschichten immer schön unterstreichen und visualisieren. Sie werten das Buch richtig auf.

Tja, am Ende bleibe ich etwas enttäuscht zurück. Aus verschiedenen Gründen.
Zum einen – und dafür kann das Buch wenig – habe ich gehofft, hier all die schönen und bekannten Zitate des kleinen Bären zu finden. Sie waren aber leider nicht da.
Die Geschichten an sich und die Illustrationen waren schön, aber die Figuren fand ich unmöglich. Ja, der kleine Bär ist Kult, aber das hat mir nicht geholfen, alles gut zu finden.

A. A. Milne – Pu der Bär
Originaltitel: Winnie-the-Pooh (Originalausgabe: 1926)
‎Dressler Verlag, 01. Februar 1998 (Deutsche Erstausgabe: 1928)
ISBN 3791513265
159 Seiten
Gebunden

John Marrs – The Watchers

Sie kennen alle Geheimnisse!

Im digitalen Zeitalter sind Informationen wertvoller als Gold. Doch Computer können gehackt und Files gestohlen werden. Nach einem massiven Cyberangriff nimmt die britische Regierung ihre Staatsgeheimnisse offline, wandelt sie in einen genetischen Code um und implantiert sie ausgewählten Zivilisten. Doch was niemand ahnt: Jeder dieser Wächter verfolgt einen eignen Plan, und schon bald weiß niemand mehr, wem er eigentlich noch trauen kann… (Klappentext)

Ich habe in diesem Jahr schon „The One“ und „The Passengers“ von John Marrs gelesen und weil mir beide so gut gefallen haben, konnte ich den neuen Near-Future-Thriller kaum erwarten. Wie glücklich war ich, als ich das Buch als Rezensionsexemplar bekommen habe!

Der Deal für die Wächter ist denkbar einfach: Sie müssen den Kontakt zu ihrer Familie und ihren Freunden für fünf Jahre einstellen, dürfen keine Technik verwenden und sollten sich unauffällig verhalten. Dafür bekommen sie eine neue Identität, quasi unbegrenzt finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt und sie erfahren alle (dreckigen) Geheimnisse der Regierung und königlichen Familie.
Flick, Charlie, Sinéad und Bruno sind jedoch mit ihrem aktuellen Leben eh jeweils so in einer Sackgasse, dass es ihnen nicht allzu schwer fällt, ihr altes Leben hinter sich zu lassen. Doch schon bald werden sie zu Gejagten und sie wissen nicht, wer hinter ihnen her ist.

Der Einstieg ins Buch hat mir wirklich gut gefallen und ich mochte, dass das Buch wieder in kurzen Kapiteln aus den Perspektiven der verschiedenen Personen geschrieben ist. Der ein oder andere Cliffhanger ließ mich am Ball bleiben, aber Tricks waren gar nicht weiter nötig, denn ich hatte so viel Lust auf das Buch und die Story!
Interessant war, dass „The Watchers“ an „The One“ und „The Passengers“ anknüpft. Manch ehemalige Hauptfiguren spielen sogar eine mittelwichtige Rolle. So oder so wird auf jeden Fall viel gespoilert.

Die einzelnen Personen haben alle ihre eigenen Probleme und bieten sich deswegen nicht an, sich stark emotional an sie zu binden. Doch sie waren alle interessant genug, dass ich mich auf jede Perspektive freute.

Nach circa einem Viertel des Buches wurde meine Stimmung langsam gedämpft. Aus dem guten Anfang hatte John Marrs irgendwie nicht viel gemacht. Auch wenn es eine generelle Gefahr im Buch gab, war die so unberechenbar und gleichzeitig kompromisslos, dass sie keine Spannung in mir auslöste. Ich wurde dem Geschehen immer gleichgültiger gegenüber. Es fehlte nicht nur die große Spannung, sondern die einzelnen Storys schienen sich auch langsam zu ziehen und nur langsam – ganz langsam – kam man so manchen Geheimnissen auf die Schliche.
Immer öfter schaute ich auf die verbleibenden Seiten und dachte: „Puh, so viel noch…“
Dazu kamen einige Logiklöcher, die mich immer wieder verwirrten und mich mit einem Gefühl von „Aber das geht doch gar nicht!“ zurückließen.

Das Ende konnte mich dann auch nicht mehr so richtig überraschen oder umhauen. Manches hatte ich mir sogar schon gedacht. Also auch hier konnte das Buch mich leider nicht mehr einfangen.

Letztlich bleibe ich ein bisschen enttäuscht zurück. Ich habe mit so viel Lust und Energie gestartet, aber dem Buch ging ganz schön die Puste aus. Nett, ja. Coole Idee. Interessante Figuren. Aber es fehlen Spannung, coole Überraschungen und überzeugende Entwicklungen.
Trotzdem freue ich mich auf den – hoffentlich kommenden – nächsten Near-Future-Thriller von John Marrs. Ich weiß ja, dass er es kann! „The Watchers“ bekommt leider nur .

John Marrs – The Watchers – Wissen kann tödlich sein
Originaltitel: The Minders (September 2020)
Heyne Verlag, 16. August 2021
ISBN 3453321375
542 Seiten
Broschiert; 15,99 Euro

Bücher des Autoren:
The One
The Passengers
The Watchers

Kostenloses Rezensionsexemplar

R. L. Stine – Fear Street – Im Visier

Du entkommst mir nicht!

Er verfolgt sie Tag und Nacht. Er weiß alles über sie. Er lauert ihr auf. Chris scheint wie besessen von Tina. Trotzdem fühlt sie sich magisch zu ihm hingezogen – und lässt sich auf ein Treffen mit ihm ein. Er führt sie zum Essen aus und macht ihr kleine Geschenke. Doch dann zeigt er sein wahres Gesicht. Und ein harmloser Ausflug wird Tina zum Verhängnis. (Klappentext)

Ich habe wirklich mit mir gehadert, ob ich den Klappentext hier mit aufnehme. Doch sollte sich jemand das Buch kaufen, liest er ihn ja eh. Durch ihn wurde mir das Buch nämlich wirklich verleidet. Er nimmt die komplette Geschichte vorweg, die sich eigentlich vorrangig um etwas anderes dreht:

Tina fährt mit ihrer Cousine Holly von Shadyside nach Patterson, denn hier studiert ihr Freund Josh nun am College. Doch am Bahnhof holt er sie nicht ab wie versprochen. Dafür erscheint sein Zimmernachbar Chris, um die Mädchen abzuholen. Josh war dieses Wochenende überraschend in den Bergen zelten und durch eine Autopanne war er nicht rechtzeitig zurück. Solange sie warten, verbringen die Mädchen Zeit mit Chris. Und der scheint verdächtig viel über Tina zu wissen…

Neutral betrachtet, war der unterschwellige Nervenkitzel, der sich durch die Seiten zog, wirklich gut gemacht. Es ploppten immer mehr Fragezeigen auf: Wo bleibt Josh so lange? Warum findet Tina Gegenstände im Zimmer, die nicht da sein dürften und warum fehlen wieder andere? Welches Interesse verfolgt Chris? Und wo ist auf einmal Tinas Cousine hin?
Es wäre wirklich spaßig gewesen, doch durch den Klappentext (und reichliche Fear-Street-Erfahrungen), war alles extrem vorhersehbar und es kamen keine Überraschungen auf.

Dazu war Tina leider eine wahnsinnig eintönige Hauptfigur. Es kommt öfter „dachte Tina“ als „sagte Tina“ und ich hätte sie so gern mal angeschrien, damit sie all die Ungereimtheiten, die ihr auffallen, einfach ausspricht. Alles schluckt sie herunter. Sie handelt wahnsinnig naiv, auch wenn sie – wie man anhand ihrer Gedanken sieht – gar nicht mal so naiv ist. Chris war mir dank des Klappentextes natürlich sofort unheimlich. Mit besserem, sprich spoilerfreiem, Klappentext wäre das eventuell anders gewesen.

Tja, „Im Visier“ ist also im Prinzip gut gemacht und es gab immer eine unterschwellige Gefahr, die echt Spaß gemacht hätte, wenn der Klappentext nicht schon den kompletten Twist erklärt hätte. Schade.

R. L. Stine – Fear Street – Im Visier
Originaltitel: College Weekend (1995)
Loewe, 1. Juni 2005
ISBN: 3785555644
156 Seiten
Gebunden

Andere Bücher der Reihe:
Fear Street – Das Skalpell – Originaltitel: The Knife
Fear Street – Die Falle – Originaltitel: Wrong Number 2
Fear Street – Die Mutprobe – Originaltitel: The Thrill Club
Fear Street – Eingeschlossen – Originaltitel: Ski Weekend
Fear Street – Falsch verbunden – Originaltitel: Wrong Number
Fear Street – Prüfungsangst – Originaltitel: The Cheater
Fear Street – Rachsüchtig (Neuauflage von „Halloween“) – Originaltitel: Halloween Party
Fear Street – Jagdfieber – Originaltitel: Partysummer

John Green – Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken

Aza Holmes hatte ganz sicher nicht vor, sich an der Suche nach dem verschwundenen Milliardär Russell Pickett zu beteiligen. Sie hat genug mit ihren eigenen Problemen und Ängsten zu kämpfen, die ihre Gedanken beherrschen. Doch als eine Hunderttausend-Dollar-Belohnung auf dem Spiel steht und ihre furchtlose beste Freundin Daisy es kaum erwarten kann, das Geheimnis um Pickett aufzuklären, macht Aza mit. Vielleicht kann sie trotz ihrer Ängste mehr sein als nur eine gute Tochter und Schülerin – zumindest eine gute Freundin. Aza versucht es, und überwindet gemeinsam mit Daisy nicht nur kleine Hindernisse auf dem Weg zu Pickett, sondern auch große Gegensätze, die sie von seinem Sohn Davis trennen. Für Aza wird es eine Reise ins Zentrum ihrer Gedankenspirale. (Text der Titelklappe)

Dass John Green wirklich berührende Geschichten schreiben kann, weiß man spätestens seit „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“. Das letzte Buch, das ich von ihm gelesen habe, war „Tage wie diese„, in dem er eine von drei Kurzgeschichten verfasste. Ich habe das Buch geliebt. Also startete ich sehr gespannt in die Leserunde mit meiner besten Freundin zu „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“.

Doch schon im ersten Kapitel bekam ich einen Eindruck davon, was mich wohl erwarten wird. Und es verhieß nichts Gutes.
Man steigt hinab in die Zwangsgedanken von Aza, die panische Angst vor Bakterien und Viren und den Konsequenzen etwaiger Infizierungen hat. Für mich war es psychisch wirklich anstrengend, das zu lesen. Ich konnte ihre Gedanken und Ängste nur schwer nachvollziehen. Doch ich bin auch sehr zwiegespalten, denn die Anstrengung, die ich als Leser empfinde, empfinden sicher auch die Betroffenen. Von daher ist es bestimmt gut dargestellt und gemacht – ich wurde an der Stelle jedoch überhaupt nicht abgeholt.

Doch abseits der Zwangsgedanken und Ängste gibt es noch andere zentrale Teile im Buch. Es geht darum, was der Tod von Elternteilen mit den Kindern macht, es geht um Freundschaft vollkommen gegensätzlicher Personen, es geht um moralische Fragen und es geht um das Verschwinden von Russell Pickett.
Und an den Stellen kann man hier und da auf jeden Fall etwas mitnehmen. Gerade die Freundschaft zwischen Aza und Daisy fand ich speziell und interessant. Vor allem, weil sich Daisy, mit der ich anfangs so meine Schwierigkeiten hatte, zu einer wirklich tollen Figur entwickelt hat. Wohingegen mir Aza leider bis zum Ende unsympathisch blieb. Es ging sogar so weit, dass ich mir mehrfach wünschte, Aza würde im Laufe des Buches noch sterben. Das hatte ich so auch noch nie, glaube ich.

Viele Entwicklungen, gerade auch in Bezug auf Picketts Sohn Davis, den Aza noch aus Kindertagen kennt – gingen zu schnell und manche Entscheidungen schienen vom Himmel zu fallen. Hier hätten dem Buch einige Seiten mehr wirklich nicht geschadet. Vor allem, da in der Danksagung steht, dass John Green sechs Jahre an dem Buch geschrieben hat. Die sehe ich, ehrlich gesagt, nicht.

Was auch schade war: So ein bisschen schien das Verschwinden von Pickett aus den Augen verloren worden zu sein. Es war zwar immer wieder Thema, aber es ging nicht voran. Da wäre sicherlich mehr herauszuholen gewesen.

Sonst kann ich zu Übersetzungen nie was sagen, da ich keinen Vergleich habe, aber da meine beste Freundin auf Englisch gelesen hat, geht das dieses Mal. Wir haben so manche Stellen verglichen und wir beide finden: Die Übersetzung ist schwach. Sie wirkt nicht rund und kann tolle Sätze und Gedanken aus dem Original nicht einfangen und widergeben. Die paar Absätze, die ich auf Englisch gelesen habe, fand ich deutlich schöner und angenehmer zu lesen.

Alles in allem gab es wirklich einige Sachen, die man für sich mitnehmen kann und die gut gemacht waren. Gerade der Teil um Azas psychische Probleme nimmt viel Raum ein und mag für viele Leser ansprechend und interessant sein und Einblick in eine Welt geben, die man so nicht kennt. Ich fand diese Teile einfach nur anstrengend.
Am allermeisten haben mir die Dinge gefallen, die mit den Haupthandlungen nichts zu tun hatten, wie die Star-Wars-Fan-Fiction von Daisy, all das Wissen zum Universum von Davis oder auch die Infos über eher unbekannte Tiere. Und das war von John Green so sicher nicht geplant.

John Green – Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken
Originaltitel: Turtles All the Way Down (Oktober 2017)
Carl Hanser Verlag, 10. November 2017
ISBN 3446259031
285 Seiten
Gebunden; 20,00 Euro (Als Taschenbuch erhältlich)

Anne Freytag – Das Gegenteil von Hasen

»Er war wie ein Wolf unter den Hasen. Und ich wollte sein wie er.«

Sie sind in derselben Jahrgangsstufe und trotzdem in verschiedenen Welten. Julia, Marlene und Leonard im Zentrum der Aufmerksamkeit, der Rest irgendwo in ihrer Umlaufbahn. Dann geschieht etwas, das alles verändert: Eines Morgens macht eine Internetseite die Runde, die bis dato auf privat gestellt war. Darauf zu finden sind Julias ungefilterte Gedanken, Bomben in Wortform, die sich in kürzester Zeit viral verbreiten. Wer hinter der Aktion steckt, ist zunächst unklar, doch nach und nach kommt heraus: Gründe dafür hätten einige. (Klappentext)

Ich konnte es kaum erwarten, in die Leserunde zu diesem Buch zu starten. Immerhin habe ich Anne Freytags andere All-Age-Romane geliebt. Und auch wenn ihr erster Thriller, „Aus schwarzem Wasser“, mich letztlich nicht abholen konnte, so war der Anfang doch wirklich stark.
Mit diesem Anfang musste sich „Das Gegenteil von Hasen“ nun messen lassen – und verlor.
Auch wenn man Dank des Gesprächsprotokolls direkt im Mobbingfall um Julia ist, der einsetzt, nachdem ihre Blogartikel veröffentlicht wurden, so war der Anfang doch recht unaufgeregt und langsam.

Aus dieser Langsamkeit kam das Buch bis zum Ende nicht heraus. Wäre ja ok gewesen, wenn Anne Freytag es doch schafft – und ich weiß, sie kann es – Spannung aufzubauen. Oder wie sonst üblich große Emotionen. Mitgefühl. Hat sie aber nicht.
Und die Geschichte hätte dazu sicher Potential gehabt. Julia lässt ihren Jute-Beutel, in dem sie alles Wichtige bei sich trägt, nach der Schule im Bus liegen. Am nächsten Tag bekommt sie ihn wieder, doch der Laptop fehlt. Und mit ihm der Zugang zu ihrem auf privat gestellten WordPress-Blog, der Julias geheimste Gedanken enthält. Mehrheitlich drehen sie sich um ihre Mitschüler. Julia hat eine gute Beobachtungsgabe und kann präzise Dinge beschreiben. Aus dieser Kombination sind mitreißende Artikel entstanden, die jedoch nie für die Augen anderer bestimmt waren. Doch jemand veröffentlicht die Artikel. Darüber Julias Name. Und damit hat sie plötzlich ihre Mitschüler gegen sich. Julia, die mit ihrer besten Freundin Marlene bis vor kurzem nicht nur zu den beliebtesten und hübschesten Mädchen der Schule zählte, sondern auch regelmäßig beim Mobben mit von der Partie war. Nun dreht sich der Spieß um.

Schon diese Ausgangssituation ließ mich mit dem Kopf schütteln. Warum zum Teufel sollte jemand etwas, das er wirklich niemals veröffentlicht wissen möchte, erst in WordPress schreiben? Warum nicht einfach in ein Schreibprogramm? Warum Julia nicht in ein Tagebuch schreibt, wird noch erklärt. Aber diese Logiklücke kriegt Anne Freytag einfach nicht weggeschrieben. Aber klar, dann hätte der Plot nicht funktioniert.

Der Fall um die veröffentlichten Blogartikel und wie die Mitschüler damit umgehen, wird aus verschiedenen Perspektiven beschrieben. Das brachte Abwechslung rein und ich konnte das Buch schnell lesen. Doch irgendwie waren die Personen alle gleich. Außen hart und innen weich. Für ihre Mitschüler gaben sie die Coolen, doch innerlich waren alle auf ihre Art unsicher und verletzt.
Außerdem wurden direkt ein paar Klischees bedient. Die Dicke wird gemobbt, die Homosexuelle hat eine strenge asiatische Mutter, der sie sich nicht anvertrauen kann, wer ausdrücken will, dass ihn die Meinung der anderen nicht interessiert, färbt sich die Haare grün. Alles schon mal dagewesen – und da war es schon nicht besonders innovativ.

Spannung soll aus einigen Richtungen erzeugt werden. Die Beziehungen zueinander, die sich stetig wandeln und nicht immer ganz gradlinig verlaufen und die große Frage: Wer hat Julias Laptop geklaut und veröffentlicht nun die Beiträge? Vor allem Zweites interessierte mich sehr und ich rätselte mit. Ebenso wie die Mitschüler hatte ich verschiedene Theorien.

Aber insgesamt passierte gefühlt kaum etwas. Die Story war seltsam behäbig und schien sich im Kreis zu drehen. Dramen zeichneten sich ab und wurden dann doch fallengelassen, Entwicklungen passierten nur in einem geringen Rahmen.
Und selbst die Einträge, auf die ich recht gespannt war, gaben nicht viel her, denn von den 30 bis 40 Artikeln, die Julia geschrieben hat, bekommt man nur drei zu lesen.

Dass das Thema Mobbing behandelt wird, ist wichtig und richtig. Gerade durch die steigende Internetnutzung Jüngerer wird es immer einfacher, anonym zu (cyber)mobben. Hier wird das Thema aus zwei Richtungen angegangen. Im Hintergrund das Mobbing, das Marlene und Julia vor Jahren betrieben. Hauptsächlich dreht es sich aber um das Mobbing, dem Julia nun ausgesetzt ist. So wird es immer wieder in den Gesprächsprotokollen mit der Schulleitung genannt: „Mobbingvorfall Julia Nolde“.
Doch ich frage mich: Ist das wirklich Mobbing? Julia wird nach dem Veröffentlichen geschnitten und auch körperlich angegangen. Doch vor allem für Erstes gibt es auch gute Gründe. Hier geht es um den tiefen Fall eines beliebten Mädchens. Obwohl auch fraglich ist, ob der Fall wirklich so tief ist, denn Julia verliert die Leute, die sie eh nicht mag, hat aber weiterhin Menschen an ihrer Seite.
Ich würde behaupten, dass das, was hier passiert, für Mobbingopfer, die jahrelang gequält und schikaniert wurden, ein herber Schlag ist. Denn wenn die Mitschüler ein paar Tage sauer sind, hinter dem Rücken tuscheln und blöde Kommentare ablassen, ist das zwar für Julia sehr unangenehm und eine Situation, die dich ungern zur Schule gehen lässt, aber doch noch kein Mobbing. Und selbst wenn Julia richtig verprügelt werden würde – was sie nicht wird – wäre es schlimm und Körperverletzung, ja, aber doch immer noch kein Mobbing.

Am Ende wird natürlich noch aufgelöst, wer Julias private Artikel öffentlich geteilt hat. Ich war wahnsinnig enttäuscht. Nicht von der Person, sondern was Anne Freytag daraus gemacht hat.

Alles in allem hat mich das Buch ziemlich enttäuscht.
Doch es gab auch viele Kleinigkeiten, die mir gefallen haben. Das Buch lässt sich schnell und flüssig lesen. Die Sprache war angenehm poetisch und in die Menschen konnte ich mich – trotz allem – gut hineinversetzen. Ich wollte auch wirklich gern wissen, wer hinter der Aktion steckt und ich wollte sehen, wie sich bestimmte Beziehungen entwickeln. Emotional berührt war ich jedoch nie. Dabei hat Anne Freytag mich mit ihren früheren Büchern schon so sehr zum Heulen gebracht.
In der Kombination ergibt das alles wirklich mittelmäßige .

Anne Freytag – Das Gegenteil von Hasen
Heyne Verlag, 25. Mai 2020
ISBN 3453272803
416 Seiten
Gebunden; 17,00 Euro

Andere Bücher der Autorin (klicke für die Rezension):

William C. Morrow – Der Affe, der Idiot und andere Leute

William Chambers Morrow (1854 – 1923) war ein amerikanischer Journalist und Schriftsteller, der von Kollegen wie Ambrose Bierce für seine stilistisch herausragenden Kurzgeschichten mit psychologischem Tiefgang und makabren Pointen in der Tradition von E. A. Poe gerühmt wurde. Wie dieser gilt Morrow heute unter Kennern als einer der wichtigsten Wegbereiter der modernen Horrorliteratur. Die hier erstmals auf Deutsch vorliegende legendäre Sammlung DER AFFE, DER IDIOT UND ANDERE LEUTE aus dem Jahr 1897 blieb zu Morrows Lebzeiten die einzige Zusammenstellung seiner Erzählungen in Buchform. Sie enthält 14 der besten Geschichten von Morrow wie SEIN UNBESIEGBARER FEIND oder DER MONSTER-MACHER. (Klappentext)

Als mich der JOJOMEDIA Verlag fragte, ob ich den zweiten Band aus ihrer Reihe „Untote Klassiker“ lesen möchte, war ich direkt Feuer und Flamme. Ein fast vergessener Journalist und Schriftsteller, der zu Lebzeiten schon durchweg positive Kritik für seine Geschichten aus dem Bereich „Weird Fiction“ erhielt, klang interessant. Edgar Allen Poe und Howard Phillips Lovecraft sind den meisten Menschen wohl ein Begriff, doch der vorliegende frühe Meister des Genres fand nach seinem Tod kaum noch Anerkennung.
Umso schöner finde ich die Idee hinter den „Untoten Klassikern“. Ich wollte Morrow gern kennenlernen.

Mit einem kleinen Abriss aus Morrows Biografie beginnt das Buch und erlaubt so einen Einblick in sein Leben und damit in seine ganz persönliche Geschichte.
Darüber hinaus wurde das Buch schön aufgemacht. Jede Seite besitzt einen Rahmen und die Kurzgeschichten, die ursprünglich zwischen den Jahren 1880 bis 1897 erschienen sind, starten mit einer passenden Zeichnung.

Obwohl die Geschichten 140 Jahre alt sind, wirkt die Sprache sehr modern. Generell lässt sich das Buch deswegen schnell und gut lesen.

Das Buch beginnt mit der titelgebenden Geschichte „Die Auferstehung der kleinen Wang Tai“ („The Ape and the Idiot“/“The Resurrection of Litle Wang Tai“, 1891), in der ein entflohener Zirkusaffe einen jungen Mann aus einer psychiatrischen Klinik befreit, um danach mit ihm umherzuziehen. Diese Geschichte um einen denkenden Affen ist die einzig unrealistische.
Die anderen waren deutlich weniger „weird“. Sie hätten so oder so ähnlich tatsächlich mit viel gutem Willen stattfinden können.
Doch auch wenn in fast jeder Story jemand stirbt, so verspricht der Klappentext beim „Wegbereiter der modernen Horrorliteratur“ vielleicht ein wenig zu viel. Auch wenn die Weird Fiction den Weg bereitet hat, sind die Morrow-Geschichten weit weg von Horror. Und ehrlicherweise auch weit weg von Spannung.
Es gab Twists, doch viele waren vorhersehbar. Manche Geschichten waren ein einziger langer, wirrer Monolog. Die Menschen bekamen absolut keine Tiefe. Die Geschehnisse fanden in einem engen Handlungsrahmen statt. Es wurde schlicht nie eine Atmosphäre kreiert, die die Geschichten besonders machten. Ich hätte gern Nervenkitzel gehabt.

Keine Frage, die 14 Geschichten waren auf ihre Art alle einzigartig und der Mix ist vielfältig. Man ist bei Gerichtsanhörungen dabei, drückt Menschen beim Glücksspiel die Daumen, hat Hoffnung für Schiffsbrüchige, begleitet medizinische Experimente und lernt noch so viel anderes kennen.
Doch leider konnten die Geschichten mich allesamt weder berühren noch fand ich sie in irgendeiner Art spannend.
Dabei muss ich jedoch gestehen, dass ich den „Horrorwert“ der Geschichten zu ihrer Entstehungszeit nicht einschätzen kann. Gerade, wenn diese Art der Geschichten damals noch neuartig waren, lag ein ganz anderer Nervenkitzel in ihnen. Aus heutiger Sicht konnten sie mich aber nicht begeistern.

Doch generell bin ich ein großer Fan des Gedankens hinter „Untote Klassiker“ und Fans des Genres finden sicher ihren Gefallen an den Geschichten von William Chambers Morrow. Mich konnten sie leider weniger begeistern. So kam es auch, dass ich das Buch meistens nach einer Geschichte wieder zuklappte, da die Motivation, eine weitere zu lesen, äußerst gering war.

William C. Morrow – Der Affe, der Idiot und andere Leute
Originaltitel: The Ape, The Idiot & Other People (1897)
JOJOMEDIA Verlag, 15. Mai 2020
ISBN 3903358002
288 Seiten
Taschenbuch; 19,90 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

Rachel Cohn – BETA

Sei perfekt.
Oder dich erwartet ein Schicksal, schlimmer als der Tod.

Elysia ist ein Klon. Sie dient den Menschen, ohne zu fragen. Sie hat keine eigenen Bedürfnisse. Sie hat keine Gefühle. Doch die Realität sieht anders aus: Elysia hat Gefühle. Sie ist neugierig. Sie will alles erleben. Auch die Liebe. In ihrer Welt bedeutet das für einen Klon den Tod. Es sei denn, sie kann aus dem Paradies fliehen.. (Klappentext)

Was für ein Zufall.
Ohne in letzter Zeit von BETA gehört zu haben, entschied ich mich spontan, es zu lesen. Als ich nach der Lektüre nach einem zweiten Teil recherchierte, erfuhr ich, dass er im Juli 2020 erscheinen soll. Über sieben Jahre nach Teil eins? Jein. Im September 2019 erschien eine Neuauflage in Taschenbuchformat. Neues Cover, neuer Name, alter Inhalt. „Perfect Twin – Der Aufbruch“ heißt „BETA“ nun. Und bald erscheint der zweite Teil. Aber lohnt sich die Reihe überhaupt?

Elysia ist ein Teen-Beta. Eine neue Art der Klone. Doch wie die anderen lebt sie auf der paradiesischen Südsee-Insel Demesne. Das violettblaue Meer Ion, das den Körper umschmeichelt. Luft, die mit Sauerstoff angereichert ist. Eine Atmosphäre, die die Menschen auf der Insel glücklich macht. Das alles entstand durch Bio-Engineering, denn eigentlich sieht die Welt anders aus. Nach den Water Wars haben sich die verbliebenen Länder zum Mainland zusammengeschlossen. Wüsten wurden besiedelt, nichts ist mehr, wie es war. Doch auf Demesne ist alles perfekt. Hier leben die Schönen und Reichen – mit ihren Dienstklonen, die wunderschön aussehen, doch innerlich leer sind. Keine Wünsche, keine Träume, keine Seele. Sie sind nur darauf programmiert, zu dienen.
Aber Elysia ist anders. Und nach und nach öffnet sich für sie die Welt der Klone und damit ein Wissen um Dinge, die anders sind, als sie scheinen.

Dieser Plot hat mich von der ersten Seite an begeistert. Ich wollte so gern wissen, wie es sich wohl anfühlt, in diesem besonderen Meer zu schwimmen und diese hervorragende Luft zu atmen. Und außerdem liebe ich Geschichten mit Klonen und künstlichen Intelligenzen, was hier irgendwie verflochten ist.

Ich stürzte mich in dieses Buch, in dem die Menschen von der paradiesischen Atmosphäre so sehr eingenommen werden, dass ihnen vollkommen die Motivation fehlt, zu arbeiten, sich anzustrengen, Aufgaben zu erledigen.
Ein wenig habe ich das Gefühl, Rachel Cohn hat auch zu viel Zeit in Demesne verbracht und sie strebte nur nach Glück und Entspannung – in dieser Geschichte „Raxia“ genannt.
Die Geschichte entfaltete sich langsam, zu langsam. Immer wieder werden Handlungsstränge und Ideen aufgenommen, um sie dann doch zu verlieren. Alles wird ein wenig angerissen, aber scheinbar nicht bis zum Ende gedacht.
Es geht ein wenig um die toxischen Beziehungen, die in der Familie Bratton, die Elysia gekauft hat, herrschen. Es geht um die Verbindungen der Klone. Um Drogen, um Teenager-Liebe, um Tod und Erschaffen, Rechte von Individuen und das Einhalten dieser, um Revolutionen und defekte Klone, um Straftaten und Partys.
Und trotz all dieser Themen wird das Buch nie rasant oder eben spannend. Alles läuft langsam und parallel und häufig halt zu kurz.

In diesem Gefüge wurde mir niemand sympathisch. Weder Familie Bratton noch die Handvoll Jugendlichen der Insel. Leider nicht einmal Elysia. Sie tat mir nicht leid, als ihre Gefühle erwachen und sie merkt, in was für einem goldenen Käfig sie sitzt. All die schlimmen Dinge, die ihr wiederfahren, werden dann ebenso kurz abgehandelt und auch von Elysia nicht tiefgreifend betrauert.
Die Dialoge zwischen den Figuren waren hölzern, unauthentisch und unmodern.

Was mich beim Lesen ständig irritierte war die Vermischung von Klon und Künstlicher Intelligenz. Einerseits gibt es Organe und Blut, andererseits einen Chip, von dem der Klon sein Wissen bezieht. Dadurch waren diese lebendigen, atmenden, herz- und hirnbesitzenden und gleichzeitig vollkommen leeren und willenlosen Wesen nicht greifbar für mich.

Auch wenn „BETA“ mich mit ein paar Wendungen überraschen konnte, blieb das restliche Buch farblos. Das vollkommen unlogische und nach dem Verständnis des Buches auch unmögliche Ende gab dem Ganzen den Rest.
Beim Zuklappen des Buches war es für mich noch ein Standalone. Vielleicht klärt sich immerhin dieses Logikloch im Nachfolger.

Doch so negativ, wie das alles klingt, war es nicht. Ich las gern immer mal ein paar seiten in dem Buch. Schwelgte in der paradiesischen Atmosphäre, begleitete Elysia auf ihrem (hoffentlich bald) selbstbestimmten Weg. Aber es fesselte mich nicht. Es wurde nicht so recht spannend und vieles wirkte einfach nicht ausgearbeitet.

Rachel Cohn – BETA
Neuauflage: Perfect Twin – Der Aufbruch (9. September 2019)
Originaltitel: ANANDA Series 1: Beta (Oktober 2017)
cbt, 25. Februar 2013
ISBN 3570161641
413 Seiten
Gebunden; 19,99 Euro

Reihenfolge der Bücher:
1. Perfect Twin – Der Aufbruch (Original: ANANDA Series 1: Beta)
2. Perfect Twin – Die Rebellion (Original: ANANDA Series 2: Emergent)

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