Olga Grjasnowa – Der Russe ist einer, der Birken liebt

Mascha ist Aserbaidschanerin, Jüdin, und wenn nötig auch Türkin und Französin. Sie ist selbstbewusst, anpassungsfähig und immer zum Davonlaufen bereit. Mit elf Jahren nach Deutschland immigriert, musste sie früh die Erfahrung der Sprachlosigkeit machen. Nun spricht sie fünf Sprachen fließend und ein paar weitere so »wie die Ballermann-Touristen Deutsch «. Sie plant gerade ihre Karriere bei der UNO, als ihr Freund Elias schwer krank wird. Verzweifelt flieht sie nach Israel und wird schließlich von ihrer eigenen Vergangenheit eingeholt. (Klappentext)

Im Zuge der Verfilmung dieses Buches habe ich ein Goodie-Paket bekommen, in dem das Buch enthalten war. Vor allem, weil dieses Buch eigentlich so gar nicht meinem Genre entspricht, war ich sehr gespannt. Vielleicht habe ich ja all die Jahre umsonst gedacht, sowas wäre nicht mein Genre…

Und es fing eigentlich auch ganz gut an. Es war interessant die Dynamiken zwischen Elias und Mascha zu beobachten, die nicht immer ganz einfach waren, weil er gern mehr über ihre Kindheit wüsste, sie die alten Traumata jedoch nicht vor ihm aufarbeiten möchte.
Und ich sage es direkt: Ich habe das Buch zwei Freundinnen weiterempfohlen und das, obwohl sich immer weiter herauskristallisierte, dass das mit dem Buch und mir nichts mehr wird.

Es dauerte nicht lang, da dachte ich: Ja, ich verstehe, warum das Buch Preise gewonnen hat. So lesen sich solche Bücher. Denn sprachlich war eben „Literatur“. Es war seltsam sperrig zu lesen, verworren, verwirrend… auch wenn es floss, wenn ich dabei war. Nur wenn ich das Buch zugeklappt hatte, dann hatte ich wenig Lust, es wieder aufzuklappen. Darum habe ich auch einen Monat gebraucht, die 288 zu lesen.

Mascha fand ich extrem unsympathisch, abweisend und unangenehm. Ihr Verhalten kommt sicher zu einem großen Teil aus ihrer Kindheit mit der Flucht aus der Heimat, dem Vater, der als gescheiterter Kosmonaut unglücklich im Leben war und der seltsam passiven Mutter. Ein Kind, das Krieg erlebt hat, das Menschen hat sterben sehen. Trotzdem fand ich so zu ihr keinen Zugang. Es war ein bisschen, als ob sie sich selbst nicht liebt und deswegen alle Leute wegstößt, die es tun.

Insgesamt waren alle Beschreibungen immer sehr auf Religion und den ethnischen Background der Leute bezogen und vor allem ist es auch sehr politisch. Es geht um den Aserbaidschan-Armenien-Konflikt im Karabach und später geht es vor allem auch um den Israel-Palästina-Konflikt. Grjasnowa geht schon auf vieles ein und holt auch unwissendere Leser ab, aber gefühlt fehlte mir trotzdem manchmal Detailwissen.

Was ich aber tatsächlich seltsam fand: Jeder Mensch in jedem Land kifft erstmal ganz selbstverständlich mit Mascha. Alle haben auch immer Marihuana dabei. Fand ich so ein vollkommen unnötiges Detail, weil es nichts zu der Geschichte beitrug. Aber davon gab es einige im Buch. Die Autorin beschreibt häufig genau, was Mascha sieht oder was jemand anhat und hat mich als Leserin damit gelangweilt.

Alles in allem fand ich das Buch recht handlungsarm. Erst eine schwere Phase in Deutschland und dann tingelt sie verloren durch Israel. Aber ja, das ist auch einer der zentralen Punkte des Buches. Mascha ist eine verlorene Persönlichkeit und man merkt diese Verlorenheit, das Nicht-Ankommen sehr gut. Sie hat keine Heimat, weder in Orten noch in Menschen.

Nein, das Buch und ich wurden leider keine Freunde. Dafür war es für meinen ganz persönlichen Geschmack zu unspannend und zu politisch. Aber gerade wegen des zweiten Punktes konnte ich das Buch ohne schlechtes Gewissen an zwei Freundinnen weiterempfehlen.
Ich wurde leider weder mit der Story noch mit Mascha oder der Schreibart richtig warm.

Olga Grjasnowa – Der Russe ist einer, der Birken liebt
dtv, 1. September 2013 (Erstveröffentlichung Februar 2012)
ISBN 3423142464
285 Seiten
Taschenbuch; 12,00 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

Alessandro Baricco – Seide

Im Herbst 1861 bricht der südfranzösische Seidenhändler Hervé Joncour zu einer beschwerlichen Reise nach Japan auf, um Seidenraupen zu kaufen. Die Begegnung mit einer rätselhaften Schönheit erlaubt nur heimliche Blicke und eine kurze Botschaft – mehr ist es nicht, was Hervés Leidenschaft entfacht und ihn nun Jahr für Jahr wieder nach Japan treibt. Doch niemals wird er auch nur die Stimme dieses Mädchens hören. Erst viele Jahre später begreift er das Geschehen. (Klappentext)

Als ich meine Regale neu ordnete, fiel mir dieses Buch in die Hände. Zweite Reihe auf dem obersten Regalboden. Ich hatte es schon vergessen. Es ist auch kein Wunder, denn gelesen habe ich es 2009 oder 2010 – aber noch vor Start des Blogs. Ich hatte es nur 2011 mal erwähnt als Buch mit dem besten Schlusssatz in meinem Regal.

Hervé führt ein zufriedenes Leben mit seiner Frau in einer kleinen Stadt. Doch als er sich aufmacht, um in Japan Seidenraupen zu kaufen, nachdem alle europäischen Seidenraupeneier durch eine Krankheit unbrauchbar geworden sind, verändert sich sein Leben. Als er ein Auge auf eine unbekannte Frau in Japan wirft, ändert es sich ein weiteres Mal.

Das Buch ist poetisch und in seiner Art besonders. Die Hin- und Rückwege der Reise nach Japan werden mit den immer gleichen Wörtern beschrieben. Das Buch ist leise und sanft und bedächtig.
Dabei liest es sich sehr schnell – nur leider verfolgte ich das Geschehen nicht mit großem Interesse. Ich habe nur immer weiterlesen, weil es halt gut ging. Denn Seide spiegelt sich in vielen Dingen wider: Seidenraupen, Kleidung, Tücher – und auch in Bariccos Worten.
Dadurch dass das Buch so kurz ist, geht auch nicht viel über das reine Beschreiben der Geschichte – der Fahrten und Hervés Sehnsucht – hinaus. Man lernt kaum etwas über die japanische Kultur.

Das Buch war für mich wie ein Tanz. Ganz hübsch und ästhetisch anzusehen, aber wenn ich rausgehe, bin ich damit durch und meine Gedanken hängen nicht mehr dran.
„Seide“ fand ich insgesamt etwas nichtssagend und unspannend, aber eben auch auf eine Art besonders.

Alessandro Baricco – Seide

Originaltitel: Seta (1996)
Piper. Mai 2004 (erschien erstmals 1997 auf Deutsch)
ISBN 3492241077
132 Seiten
Taschenbuch; 8,00 Euro

Paula Hawkins – Wer das Feuer entfacht

Drei Frauen. Drei Schicksale.
Ein schreckliches Verbrechen,
das ihre Welt erschüttert.

Auf einem Hausboot in London wird die Leiche eines brutal ermordeten jungen Mannes gefunden. Besonders drei Frauen geraten danach ins Visier der Ermittlungen.
Laura, die aufgewühlt wirkende junge Frau, die nach einem One-Night-Stand mit dem Opfer zuletzt am Tatort gesehen wurde. Carla, die Tante des Opfers, bereits in tiefer Trauer, weil sie nur Wochen zuvor eine Angehörige verlor. Und Miriam, die neugierige Nachbarin, die als Erste auf die Leiche stieß und etwas vor der Polizei zu verbergen scheint.
Drei Frauen, die einander kaum kennen, mit ganz unterschiedlichen Beziehungen zum Opfer. Drei Frauen, die aus verschiedenen Gründen zutiefst verbittert sind. Die auf unterschiedliche Weise Vergeltung suchen für das ihnen angetane Unrecht. Wie weit würde jede einzelne von ihnen gehen, um Frieden zu finden? (Klappentext)

Als ich „Wer das Feuer entfacht“ als Rezensionsexemplar bekommen habe, habe ich mich so sehr gefreut. „Girl on the Train“ liegt seit April 2015 auf meinem SuB, aber ständig habe ich so viel Gutes gehört. Da kann das neue Buch von Paula Hawkins doch nicht schlecht sein. Aber dann stolperte ich immer wieder über extrem negative Rezensionen, bekam Angst und stellte das Buch zurück in der Prio-Liste. Doch nun war es soweit und ich habe es gelesen.

Vorweg: Auch ich kann leider keine positive Rezension schreiben. Ich glaube, das Buch hat zwei große Probleme: 1. der Vergleich mit „Girl on the Train“ (was ich, wie gesagt, nur von anderen gehört habe bisher) und 2. den Klappentext. Er schürt Hoffnungen, Thriller oder wenigstens Krimi zu sein. Dramatik, Zerstörung, Wut. Düster auf jeden Fall.

Im zweiten Kapitel wurde die Leiche bereits gefunden. Ab da gab es ein schieres Hin und Her. Es wurde zwischen fünf Perspektiven und Zeiten wild gewechselt. Es sind fünf extrem problembeladene Personen, die zum größten Teil auch noch unsympathisch und unangenehm sind. Jeder Person gibt Paula Hawkins unfassbar viel Zeit, die eigene Geschichte immer und immer wieder zu wälzen. Es geschehen ermüdend viele Wiederholungen. Die immergleichen Storys werden nicht nur von unterschiedlichen Figuren erzählt, sondern auch mehrfach von derselben. Erst grob, beim nächsten Mal mit mehr Details, beim nächsten Mal komplett – mit Glück.
Sie alle haben schwere Schicksalsschläge erleiden müssen, keine Frage. Manche hängen unmittelbar mit dem Opfer, Daniel, zusammen andere kein bisschen. Aber beim Lesen kam es mir kaum so vor, als würden wir uns der Auflösung des Falls nähern. Der Mord wurde nie aus den Augen verloren, aber sehr lange auch nicht so richtig behandelt.

In all den Geschichten abseits des Mords geht es zentral noch um einen dramatischen Vorfall aus Miriams Jugend, über den sie einen Roman geschrieben hat, der scheinbar von einem erfolgreichen Autoren abgekupfert wurde. Aus dem Buch des Autoren werden immer wieder seitenweise Auszüge geteilt. Auch das nimmt sehr viel Raum im Buch ein, bringt den Fall um Dan aber nicht weiter.

Am Ende wird der Mord natürlich noch aufgeklärt, aber groß überraschend war es einfach nicht mehr. Hatte man sich dann auch irgendwann schon gedacht.

„Wer das Feuer entfacht“ lässt sich super leicht lesen. Aber mich hat eigentlich nie interessiert, was da noch kommt. Es war nicht spannend, die Figuren waren unsympathisch und uninteressant, der Mord irrelevant, nicht aufregend, nicht neuartig, durch das Sprunghafte zum Teil verwirrend.

Paula Hawkins – Wer das Feuer entfacht
Originaltitel: A Slow Fire Burning (August 2021)
‎Blanvalet Verlag, 6. September 2021
ISBN 3764507829
413 Seiten
Gebunden; 20,00 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

Matt Haig – Die Mitternachtsbibliothek

Stell dir vor, auf dem Weg ins Jenseits gäbe es eine riesige Bibliothek, gefüllt mit all den Leben, die du hättest führen können.
Alles, was du jemals bereut hast, könntest du ungeschehen machen.
Genau dort findet sich Nora Seed wieder, nachdem sie aus lauter Verzweiflung beschlossen hat, sich das Leben zu nehmen. An diesem Ort zwischen Raum und Zeit, an dem die Uhrzeiger immer auf Mitternacht stehen, hat sie plötzlich die Möglichkeit, all das zu ändern, was sie aus der Bahn geworfen hat. Aber kann man in einem anderen Leben glücklich werden, wenn man weiß, dass es nicht das eigene ist? (Klappentext)

Ich war so gespannt auf dieses Buch, dass ich es direkt nach Erscheinen gekauft habe. Und dann lag es leider doch viel zu lange auf dem SuB. Endlich habe ich es in kürzester Zeit gelesen.

Als Nora stirbt, landet sie in der Mitternachtsbibliothek und ein Blick ins Buch des Bereuens eröffnet ihr eine Welt voller Möglichkeiten. Sie darf sich entscheiden, alles, was sie bereut, ungeschehen zu machen. Sie darf jeweils eines der unendlichen Bücher ihres Lebens lesen, in dem sie sich anders entschieden hat. Bei etwas oder jemandem geblieben ist, Dinge anders gemacht und durchgezogen hat. Und eines ist klar: Da findet sich doch ganz sicher das Leben, das sie endlich glücklich macht…

Ich liebe diese Idee. Denn trotz der Moralkeule, die ziemlich schnell mitschwingt, fand ich das Buch sehr heilsam. Ich bin mir sicher, dass bei vielen ein „Was wäre wenn“ ab und zu ins Gedankenkarussel einsteigt und ein paar Runden dreht. Dem widmet sich Matt Haig in „Die Mitternachtsbibliothek“ und bringt auch den Leser dazu, sich zu fragen, ob es wirklich heute alles so viel besser wäre, hätte man sich anders entschieden.

Mit Nora bin ich nicht so richtig warm geworden, aber das musste ich auch gar nicht. Mich interessierte weniger ihr Innenleben als vielmehr die verschiedenen Varianten ihres Lebens. Schade fand ich dabei nur, dass es von Anfang an klar war, welche einschneidenden Entscheidungen sie rückgängig machen wird. Ich hätte Lust gehabt, noch ein paar mehr „kreative“ Leben zu lesen, in denen ganz kleine Änderungen spannende Ergebnisse gebracht hätten. Für die Moral des Buches waren aber natürlich die großen Entscheidungen wichtig. Die Dinge, die auch die Leser bereuen würden.

Ja, ich fand das Buch wirklich toll, leicht zu lesen und einfach schön. Ich wäre nur gern noch ein wenig mehr überrascht worden. Die großen Wendepunkte Noras Lebens waren sehr schnell klar und die Moral war auch extrem schnell deutlich. Aber ansonsten wird es ziemlich sicher zu meinen liebsten Büchern 2022 gehören.

Matt Haig – Die Mitternachtsbibliothek
Originaltitel: The Midnight Library (September 2020)
Droemer, 1. Februar 2021
ISBN 3426282569
318 Seiten
Gebunden; 20,00 Euro

Jenny Jägerfeld & Mats Strandberg – Monster auf der Couch

Der bipolare Doktor Jekyll,
die polyamoröse Vampirin Carmilla,
der Narzisst Dorian Gray und
Familie Frankenstein bekommen,
was sie brauchen: eine Therapie!

Eine Psychologin verschwindet spurlos – in ihrem Büro findet die Polizei Akten über ihre Patienten: Dr. Jekyll, Dorian Gray, Carmilla und Viktor Frankenstein. Ist es möglich, dass die zum Leben erwachten Figuren der Schauerliteratur in Therapie sind? Welche Geheimnisse hat die Psychologin über sie herausgefunden? Warum befinden sich Blutspritzer auf den Dokumenten? Und wollte die Verschwundene tatsächlich ein Buch mit dem Titel »Monster auf der Couch« schreiben?
Nur wer die Akten der Psychologin durchstöbert, kann dem Mysterium ihres Verschwindens auf den Grund gehen und wird belohnt mit schauderhaftem Wissen: nämlich was uns Menschen zu Monstern macht – und Monster zu Menschen… (Klappentext)

Als ich das erste Mal von diesem Buch gelesen habe, war ich sofort Feuer und Flamme. Ich las aus dem Klappentext ein Rätsel heraus, einen Thriller und ein Fantasybuch. Ich habe mich wahnsinnig gefreut, als ich es als Rezensionsexemplar erhalten habe.

Und es ging gleich mit dem Brief von M los, dass ihre Frau J, Psychologin und angehende Autorin, spurlos verschwunden ist. Sie übergibt mit dem Brief die Akten von vier sehr speziellen Patienten an die Polizei. Und was liegt näher, als dass Monster etwas mit dem Verschwunden ihrer Therapeutin zu tun haben?

Danach wird das Pferd von hinten aufgezäumt. Man liest sich chronologisch durch die Protokolle der einzelnen Therapiesitzungen der monströsen Patienten, die es schaffen, durch die Zeit zu reisen.
Diese Protokolle sind wiederum gar nicht mehr so speziell. Trotz der Besonderheiten geht J die Sitzungen strukturiert und analytisch an. Sie möchte wirklich zum Kern ihrer Patienten kommen und das Problem lösen, wegen dem sie sie aufgesucht haben.
Nach jedem Protokoll gibt es verschiedene weitere Infos: Artikel in Fachbüchern, Skizzen, E-Mails, Zeitungsausschnitte und Karten füllen die Akten.
Zum Glück konnte ich mich recht schnell von der Frage des Verschwindens trennen, ansonsten wäre ich wohl recht enttäuscht gewesen. Denn eine Rolle soll es für eine sehr lange Zeit nicht mehr spielen.

Für mich als vollkommenen Laien in psychologischen Bereichen, klangen Js Fragen und Analysen immer ziemlich gut und interessant. Immerhin werden echte pychologische Phänomene auf die Figuren angewendet.
Auch wenn ich die Geschichten der Patienten bisher nicht gelesen habe, kannte ich zumindest drei der vier. Nur die Story um Carmilla und Laura war mir fremd. So konnte man Js Schlussfolgerungen immer ziemlich gut in Einklang bringen mit der Originalgeschichte. Ich glaube sogar, dass die Infos aus den Sitzungen viel der Originalgeschichten nachzeichnen.

Das große Manko des Buches ist aber der fehlende Spannungsbogen. Sowohl innerhalb der einzelnen Sitzungen als auch im Gesamten mit dem Verschwinden, was ja vollkommen fallengelassen wird.

Ich fand das Buch also wirklich ganz cool. Es hatte definitiv seinen Reiz, den bekannten Figuren der Schauerliteratur einmal so nah zu kommen. Wer Interesse an Psychologie hat, findet hier sicher Spaß. Nur so richtig spannend ist das halt trotzdem nicht.

Jenny Jägerfeld & Mats Strandberg – Monster auf der Couch
Originaltitel: Monster i terapi (Januar 2020)
Penhaligon Verlag, 14. März 2022
ISBN 3764532688
459 Seiten
Gebunden; 20,00 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

Bov Bjerg – Deadline

Paula ist Ende dreißig und übersetzt Gebrauchsanweisungen. Sie lebt in den USA, »schon so richtig amerikanisch dick« – eine Ausgewanderte, die der alten Heimat doch nicht entkommen kann: Denn eines Tages muss sie sich auf den Weg zurück machen. Widerstrebend reist sie noch einmal in das Dorf ihrer Kindheit. Das von der Schwester bewohnte Elternhaus wird zum Schauplatz einer atemberaubenden Geschichte. Paulas Vater war Friedhofssteinmetz, und nun ist sein eigenes Grab abgelaufen. Es ist an Paula, seinen Stein abzumontieren und nach Hause zu schaffen. Dort kommt es zum Showdown. (Klappentext)

2008 wurde „Deadline“ vom Mitteldeutschen Verlag erstmals verlegt. Von 750 gedruckten Ausgaben wurden 224 verkauft. Als das Außenlager der Verlagsauslieferung abbrannte, wurde die restliche Auflage zerstört – und wurde auch nicht mehr nachgedruckt. Nun, 13 Jahre später, wurde das Buch vom Kanon Verlag neu aufgelegt.

Ehrlicherweise interessierte mich das Buch aufgrund seiner Hintergrundstory sehr. Ich wollte wissen, was dieses „verschollene“ Buch kann. Die Story, die der Klappentext schon beinahe vollständig widergibt, war dabei zweitrangig. Sie klang nämlich auch gar nicht allzu spannend, aber das hat manchmal ja nichts zu sagen.

Doch was mich dann wirklich erwarten sollte, konnte ich nicht ahnen.
Das Buch lebt nämlich auch nicht von der Story. Es lebt von Paulas Art zu denken und damit von der Art, wie es geschrieben ist.
Das Buch besteht quasi mehrheitlich aus Ellipsen, Gedankensprüngen, Alternativwörtern, Fremdwörtern, ausgefallenen Wörtern.

„Die Kutterbugwellen schlugen | droschen | brandeten gegen die Buhne | den Betonsteg, klatschten | platschten | patschten | leckten | plätscherten | läpperten | wisperten.“ (S. 39)

Beim Lesen entstand bei mir kein Film im Kopf. Ich wurde stolpernd über eine Straße gezogen und ab und zu wurde ich stehengelassen, damit sich kurz ein klares Bild am Wegrand zeigen kann. Dann ging es weiter.
Paula ist Übersetzerin und hat einen wahnsinnig großen Wortschatz, weswegen sie auch ihren Kunden immer direkt alternative Ausdrucksweisen mitliefert. Gleich zu Beginn beschwert sich jemand darüber, doch Paula kann nicht aus sich heraus. Diese Art hat sich schon in ihrem Denken manifestiert.

Wie bereits gesagt, gibt die Story nicht viel her. Paula beschreibt dafür präzise, was sie gerade sieht. Ihre Umgebung – vom Bodenbelag beginnend – wird genauestens analysiert und festgehalten.

„Die Stirn des Mittelgebirges halbierte den Rückspiegel. Ländliche Skyline. Unten schwarzer Wald. Oben heller Restlichthimmel. Ein geteiltes Wappen. Unter mir die Lichter des Dorfes. Kurz vor der Ortseinfahrt verbot ein roter Reflektorfolienring, darin die Rückfront eines orangefarbenen Lasters (Donutquadrat!), Fahrzeugen mit gefährlichen Gütern die Durchfahrt. Zeichen 261.“ (S. 56)

Es gibt kaum Erklärungen oder Ausführungen. Paula beschreibt im Hier und Jetzt, was sie sieht und was sie tut. Ich konnte sehr oft nicht folgen und habe erst im Nachhinein irgendwann verstanden, was passiert war.
Es war, als würde ich einer fremden Person zugucken, was sie macht, aber dafür weder einen Kontext bekommen noch erklärt die Person sich. Ich fühlte mich stehengelassen und verstand wenig.

Bis zum Ende verstand ich auch nicht, wer Paula war. Ich weiß, dass sie fett ist, in Wortvariationen denkt, Gebrauchsanweisungen übersetzt und ein recht schlechtes Verhältnis zu ihrer Familie hat. Das war es. Sie gibt nichts von sich preis, an dem man sich festhalten könnte. Ich bin als Leser komplett von ihr abgeglitten. Sie blieb fremd und unsympathisch.

Ja, das Buch ist besonders geschrieben. Neu und fremdartig.

„Die Frau (Subjekt) hinter dem Campingtischchen (lokales präpositionales Attribut d. Subjektes) zerstampfte (Prädikat) die Limetten (Akkusativobjekt) mit einem Holzklöppel (instrumentale adverbiale Bestimmung d. Prädikats) im Glas (lokale adverbiale Bestimmung d. Prädikats)“. (S. 125)

Nur leider hat mir diese Art absolut nicht gefallen. Ehrlicherweise hat mir insgesamt nichts am Buch gefallen. Die Story war langweilig, die Personen blieben mir fremd, die Art zu schreiben fand ich mehr als anstrengend. Durch die ganzen Alternativen war das Buch einfach nur unnötig aufgebläht. Seiten gefüllt mit Synonymen.

Ich kann nicht sagen, dass das Buch schlecht ist. Das so zu schreiben ist bestimmt eine Kunst. Aber ich fand es ausschließlich unangenehm. Alles an dem Buch.

Bov Bjerg – Deadline
Kanon Verlag Berlin, 11. August 2021
ISBN 3985680027
175 Seiten
Gebunden; 22,00 Euro

Hanna Bervoets – Flauschig

»Mach dir keine Sorgen, alles bessert sich im Laufe der Zeit. Doch natürlich wird alles auch wieder mal schlechter. Aber in den Momenten bin ich für dich da, verstehst du?«

Solchen Trost spendet der kleine flauschige Ball, die neueste Errungenschaft im Kreis um die Designerin Florence. Jeder hat einen, keiner gibt ihn mehr her. Denn sie lieben ihr weißes, blaues oder rosarotes flauschiges Bällchen, und sie wissen, es versteht sie wie keiner sonst… (Klappentext)

Als ich den Klappentext gelesen habe, war ich direkt fasziniert, denn ich ahnte nicht, in welche Richtung die Geschichte weitergehen wird. Ist es etwas Nettes zum Wohlfühlen? Will das Bällchen nur das Beste der Menschen? Oder geht es in Richtung Überwachung und Abhängigkeit?
Mit dem ersten Kapitel hat mich das Buch dann auch sofort bekommen. Das Bällchen spricht zum Leser und – ganz im Stile eines Horoskops – scheint es den Leser auch wirklich zu kennen. Das hat mir richtig gut gefallen.

Danach liest man aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, auch wenn der Kosmos des Buches nicht allzu viele Personen umfasst.
Eine richtige Geschichte entspannt sich weniger, viele Themen kreisen um sich selber und kommen nicht wirklich weiter. Trotzdem blieb ich gespannt am Ball, denn ich hoffte immer noch auf bestimmte Entwicklungen und wartete gespannt.

Immer wieder werden die Geschichten der Personen – Florence, Maisie, Diek und Stephan – unterbrochen und das Bällchen spricht zum Leser. Seine Ergüsse sind immer recht philosophisch und haben mir gut gefallen, denn sie haben mich zum Teil wirklich zum Nachdenken gebracht. Sie beschäftigen sich mehrheitlich mit Liebe, Sehnsüchten und Glück.
Was ich problematisch fand: Damit es passt, musste sich die Autorin eine Zielgruppe für das Buch überlegen, damit sich der Leser auch wirklich angesprochen fühlt. Und diese Zielgruppe wurde festgelegt als kinderlose, leicht melancholische Single-Frau. Damit redete das Bällchen häufig an meiner Lebensrealität vorbei. Und wäre ich ein Mann, fände ich das vielleicht auch doof, immer als „Liebes“ angesprochen zu werden.

Die vier Personen sind alle totale Normalos, was mal ziemlich erfrischend war. Aber sie alle haben auch mehr oder weniger große Probleme und sind recht unglücklich mit ihrem Leben. Das machte es schwer, sich mit ihnen zu identifizieren. Am ehesten mochte ich und interessierte mich hier noch Maisie, die die Ex-Freundin von Florence, die Erfinderin des Bällchens, ist.

Sprachlich machte das Buch es mir anfangs nicht leicht. Die ersten 40, 50 Seiten fand ich sehr holprig und musste den ein oder anderen Schachtelsatz auch mehrfach lesen. Doch dann wurde es immer besser und ich wurde nicht mehr so aus dem Lesefluss gerissen.

Trotz fehlender Spannung und um sich kreisende Gedanken las ich das Buch wirklich ganz gern, vor allem auch, weil die Idee mit dem Bällchen neu war. Ich rätselte permanent, warum und wie Florence es gemacht hat. Welchen Zweck sie verfolgt und ich wollte auch wissen, ob die Figuren doch noch glücklich werden. Ob endlich mal ein Date von Diek ein gutes Ende nimmt, Stephan sich von seiner scheinbar zerrütteten Ehe lösen kann und Florence und Maisie noch einmal aufeinandertreffen.

Doch mit dem Ende hat mich das Buch dann verloren. Es fehlten an allen Ecken und Enden Erklärungen und Klärungen. Manche Geschichten hörten einfach abrupt auf. Ich verstehe wirklich nicht, was sich die Autorin dabei gedacht hat. Als hätte sie selber nicht gewusst, wie das alles funktionieren soll und hätte dann aufgegeben, eine Lösung zu suchen.
Ich hatte auf tolle Wendungen und feuerwerksartige Auflösungen gehofft und blieb total enttäuscht zurück.
Nur weil ich den Weg bis dahin ganz gut fand, gibt es .

Hanna Bervoets – Flauschig

Originaltitel: Fuzzie (April 2017)
‎btb Verlag, 12. Juli 2021
ISBN 3442770483
318 Seiten
Broschiert; 12,00 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

Holly-Jane Rahlens – Everlasting – Der Mann, der aus der Zeit fiel

Sie ist 250 Jahre vor ihm geboren. Ihre Welt ist dem Untergang geweiht. Setzt er sein Leben für sie aufs Spiel?

Man schreibt das Jahr 2264. Zweihundert Jahre nach dem Dark Winter ist das Leben von Harmonie geprägt: Die Liebe existiert zwar nicht mehr, doch die Welt ist von Gemeinsinn und Fortschritt zusammengehalten.

Finn Nordstrom, Historiker und Spezialist für die tote Sprache Deutsch, erhält den Auftrag, Tagebücher eines Mädchens aus dem Berlin des 21. Jahrhunderts zu übersetzen. Öde, findet er. Doch dann ist er zunehmend fasziniert von der jungen Frau, die quasi vor seinen Augen erwachsen wird. Kurz darauf darf er ein Virtual-Reality-Spiel testen, das in jener fernen Zeit angesiedelt ist. Zu seiner Überraschung steht er plötzlich vor der Tagebuchschreiberin – und fragt sich, was das für ein sonderbares Gefühl ist, das ihn plötzlich überkommt. Ohne es zu ahnen, wird er damit zu einem Versuchskaninchen mächtiger Wissenschaftler. (Klappentext)

Ich liebe Geschichten, die in der Zukunft angesiedelt sind. Vorstellungen einer Welt, die wir nicht mehr erleben werden. Allein damit war ich schon ganz glücklich, doch dazu kam der Ansatz mit der toten Sprache Deutsch und all der Zerstörung, die dem vorausgegangen war. Ich bin gespannt in die Leserunde mit einer Freundin gestartet.

Der Einstieg in die Welt des 23. Jahrhunderts hat mir dann auch sehr gut gefallen. Holly-Jane Rahlens führte den Leser recht komprimiert und doch ausführlich genug in die zukünftige Welt ein. Vor allem die Zwischenmenschlichkeiten haben sich sehr geändert. Nachdem im Dark Winter die Weltbevölkerung stark dezimiert wurde, hat sich die Welt davon immer noch nicht vollkommen erholt. Vor allem Fortpflanzung mit dem genetisch perfekten Partner ist das Ziel. Die Gefühle sind dabei über die Jahrhunderte verlorengegangen. Liebe ist ein Konzept, das Finn und all seinen Mitmenschen fremd ist.
In seinem Job als Historiker musste er zuletzt Geschäftsberichte der Deutschen Bank übersetzen, was in ihm auch keine allzu positiven Gefühle auslösen konnte. Doch dann bekommt er den Auftrag, die Tagebücher eines dreizehnjährigen, deutschen Mädchens zu übersetzen. Was er erst lächerlich findet, stürzt ihn schon bald in ein emotionales Abenteuer.
Diese Emotionalität ist auch der einzige größere Kritikpunkt an dem Buch. Finn ist 26 Jahre alt. Auch wenn er vielleicht durch die deutlich gestiegene Lebenserwartung nicht mit heutigen 26-Jährigen vergleichbar ist, ist er auch definitiv kein Kind mehr. Und doch entwickelt er eine Faszination an der Tagebuchschreiberin, die sehr bald deutlich in Richtung Verlieben steuert. Das fand ich unangenehm zu lesen. Sie war halb so alt wie er und vor allem in den ersten Tagebucheinträgen auch stark kindlich in ihrer Art. Ganz, ganz schwierig.
Doch die Schreiberin wurde natürlich älter, reifer – und Finns Gefühle an der Stelle nachvollziehbarer.

„Everlastig“ öffnete mir auch ein wenig den Blick für unsere heutige Zeit. Unsere Popkultur und unsere Alltagsgegenstände sind vollkommen logisch für uns. Von Kaugummimarken über Musik und Bekleidungstrends wissen wir Bescheid. Doch der Rückblick von Finn bewegte mich. Er kannte all das nicht und mir viel immer wieder auf, für wie selbstverständlich wir manch seltsame Sachen nehmen. Das war toll und erhellend geschrieben.

Wir hatten für die Leserunde ein recht geringes Tagespensum festgelegt und ich konnte mich immer kaum überwinden, das Buch nun schon zuzuklappen.
Ich raste durch die Seiten und wollte immer mehr. Ich fand es total spannend und konnte durch einige Entwicklungen wirklich überrascht werden.

Im Buch gibt es im Prinzip eine Dreiteilung:
Erstens: die allgemeinen Teile in Finns Zeit. Man lernt Stück für Stück mehr der Zukunft kennen und bekommt Einblicke in Finns Leben, seine Freunde und eigene Geschichte. Vor allem wichtig ist aber seine Arbeit und „Projekt Zeit“, in dem Finn mittels Virtual Reality in unsere Zeit eintauchen kann.
Zweitens: das Tagebuchlesen und -übersetzen. Die Tagebücher erstrecken sich über einen Zeitraum mehrerer Jahre und man sieht die Schreiberin quasi erwachsen werden. Mit all den Höhen, Tiefen und Meilensteinen, die ein junges Leben so mit sich bringen kann.
Drittens: die Teile in der Vergangenheit. Ich habe es geliebt, wie Finn mir unsere Welt beschrieb und sich hier vollkommem unbeholfen durchnavigierte. Besonders interessant war es dabei natürlich, wie er mit der Tagebuchschreiberin interagierte und was er hier erlebte.

Jeder Teil hatte seinen eigenen Reiz und seine eigene Spannung.
Emotional konnte mir das Buch auch etwas bieten: Zwischendurch musste ich sowohl weinen als auch lachen.

Mit dem Ende bin ich nicht zu 100 Prozent zufrieden und auch nicht damit, dass manche Hinweise der Geschichte nie aufgelöst werden. Ein paar offene Fragen bleiben. Das finde ich schade.
Doch die offenen Fragen und die kurze Spanne, in der Finn mir zu viel Faszination an einem Kind hatte, sind die einzigen negativen Aspekte für mich. Ansonsten hatte richtig viel Spaß mit dem Buch. Ich fand die Geschichte toll und war wirklich gespannt auf alles, was da kommt.

Holly-Jane Rahlens – Everlasting – Der Mann, der aus der Zeit fiel
Rowohlt Taschenbuch, 01. Oktober 2013
ISBN 3499256665
425 Seiten
Taschenbuch; 9,99 Euro

David Safier – 28 Tage lang

Was für ein Mensch willst du sein?

Die sechszehnjährige Mira schmuggelt Lebensmittel, um im Warschauer Ghetto zu überleben. Als sie erfährt, dass die gesamte Ghettobevölkerung umgebracht werden soll, schließt sich Mira dem Widerstand an. Der kann der übermächtigen SS länger trotzen als vermutet. Viel länger. Ganze 28 Tage.

28 Tage, in denen Mira Momente von Verrat, Leid und Glück erlebt.

28 Tage
, in denen sie sich entscheiden muss, wem ihr Herz gehört.

28 Tage, um ein ganzes Leben zu leben.

28 Tage, um eine Legende zu werden. (Klappentext)

Die lustigen Bücher von David Safier lese ich immer ganz gern und wurde bisher auch noch nicht enttäuscht. Doch an diesen ernsten Roman traute ich mich jetzt viele Jahre nicht ran, denn der Zweite Weltkrieg ist einfach nicht mein bevorzugtes Thema. Doch nach sieben Jahren wurde das Buch nun vom SuB befreit.

Die sechszehnjährige Mira ist als Jüdin zusammen mit ihren beiden Geschwistern und den Eltern ins Warschauer Ghetto gesperrt worden. Nachdem ihr Vater sich umgebracht und der Bruder sich abgewandt hat, muss sie sich nun um ihre Mutter und Schwester kümmern. Dazu muss sie Lebensmittel von der polnischen Seite schmuggeln und läuft ständig Gefahr, entdeckt und getötet zu werden. Doch schon bald ist die Gefahr allgegenwärtig, egal ob Mira schmuggelt oder nicht. Die Herrschaft der SS wird im Ghetto immer willkürlicher. Und dann beginnt die „Umsiedlung“…

Dieses Buch war wahnsinnig intensiv und schmerzhaft. Ich habe wahrscheinlich noch nie ein Buch so dringend kurz zur Seite legen müssen, damit ich durchatmen kann. Einmal wurde mir schlecht beim Lesen. Vor allem trafen mich all die Szenen hart, in denen es um Babys und (kleine) Kinder ging.
Es war grausam zu lesen, was die Menschen alles erleiden mussten. Jede Seite las ich in dem Wissen, dass alles so passiert ist. Jede neue Bekanntmachung, jede Entscheidung, jeder Schuss – sie alle katapultierten mich gedanklich in die Realität von 1942.

Die Mira, wie sie im Buch vorkommt, gab es nicht. Doch es gab hunderte, tausende Miras, deren Leben genau so aussah, wie David Safier es beschrieb.
Doch ihr Leben war nicht nur schwarz. Es gab auch lustige Momente, hoffnungsvolle Momente, liebevolle Momente. Der Autor fand eine sehr schöne und angenehme Mischung und malte so auch den düstersten Szenen einen hellen Rand um all das Schwarz.

Es gab ziemlich viele Personen in dem Buch und sie alle waren sofort total greifbar und nah, auch wenn sie eine kleine Rolle spielten. Das war wirklich gut umgesetzt.
Mira als Hauptfigur war toll gewählt und erzählt. Dabei war ihr eigenes Schicksal mir ab und zu aber gar nicht so „wichtig“. Ich behielt immer auch den Blick für das große Ganze. Von daher fand ich es absolut legitim, dass Mira häufig Glück hatte und in der ein oder anderen Situation ziemlich gut durchgerutscht ist.
Nichtsdestotrotz blieb die Spannung für mich kontant hoch. Keine der liebgewonnen Figuren war je sicher. Mit jeder neuen Seite konnte die SS wieder etwas Neues erlassen haben. Jedes Mal wurde das Leben im Ghetto noch schwerer, noch unerbittlicher, noch unmöglicher. Da der Autor mit den Figuren absolut nicht zimperlich umging – wie es die Realität ja vorgibt – konnte ich nicht absehen, was noch alles auf Mira, ihre Familie und der Widerstandsbewegung bevorsteht.

Safier sagt im angehängten Interview, dass er die Sprache bewusst modern gewählt hat, damit die Geschichte für die heutige Generation wieder lebendig wird. Mir hat diese Übertragung sehr gut gefallen und ich flog nur so durch die Seiten – wenn ich nicht gerade durchatmen musste.
Ich hatte mich bisher noch nie tiefer mit dem Warschauer Ghetto, seinen (bekannten) Einwohnern und besonderen Momenten befasst. Ich konnte durch das Buch nun wirklich einiges mitnehmen und lernen.
Ständig wird man zum Denken angeregt. Auch durch die wiederkehrende Frage: „Was für ein Mensch willst du sein?“. Ich bin dankbar und froh, dass ich nicht zu jener Zeit gelebt habe und damit so viele Entscheidungen nicht treffen musste.

David Safier – 28 Tage lang
Kindler Verlag, 14. März 2014
ISBN 3463406403
414 Seiten
Gebunden; 16,95 Euro (Als Taschenbuch erhältlich)

Markus Thiele – Die Wahrheit der Dinge

Wo beginnt Schuld, wo endet Gerechtigkeit?

Frank Petersen, Strafrichter aus Leidenschaft, ist überzeugt von der Unfehlbarkeit des Rechts. Seine Urteile, so sein Selbstverständnis, sind objektiv und gerecht. Bis eines Tages sein Leben völlig aus den Fugen gerät, als ein Angeklagter in seinem Gerichtssaal erschossen wird. (Klappentext)

Die Geschichte um Frank Petersen ist inspiriert von zwei wahren Rechtsfällen: dem Fall Marianne Bachmeier sowie dem Fall Amadeu Antonio Kiowa. Und dieses Wissen macht das Buch noch erschreckender.

Petersen ist ein angesehener Richter, doch seit ein Angeklagter in seinem Gerichtssaal erschossen wurde, ist sein Leben durcheinandergerüttelt. Als Corinna Maier am letzten Prozesstag den Angeklagten erschießt, löst das viel in Petersen aus. Seine Selbstsicherheit hat einen gewaltigen Knacks bekommen und so halten seine Urteile immer öfter nicht Stand vor dem BGH. Mit seinem letzten Urteil hat er seiner Familie zusätzlich so sehr vor den Kopf gestoßen, dass seine Frau und sein Sohn kurzfristig ausgezogen sind.

Die Perspektive des Richters spielt in 2015 und wechselt sich mit einer anderen in 1989 ab. Hier lernen wir Corinna Maiers Vergangenheit kennen und wie sie sich an der Uni in Steve verliebt. Doch die Sicherheit der beiden ist fragil, denn Steve ist schwarz und damit haben viele Menschen in der Gesellschaft ein großes Problem.

Der Autor ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch Rechtsanwalt und hat damit tiefe Einblicke in unser Rechtssystem. In seinen Büchern verbindet er Realität mit Fiktion und macht das Grauen damit ganz real.

Petersen ist ein Richter im mittleren Alter, der gerade sehr von Problemen gebeutelt ist. Ich blieb zu dieser sachlichen Person bis zum Ende auf Distanz, ebenso wie zu Corinna Maier. Doch das war gut, denn so wurde der Blick nicht vom Wesentlichen abgelenkt und das waren die Straffälle, aktuelle wie vergangene, die in gewisser Weise miteinander verknüpft waren. Man konnte sich nicht von den Gefühlen zu den Personen leiten lassen, sondern schaute ebenso sachlich auf die Kernthemen Selbstjustiz, Rassismus, Schuld und Recht.

„Die Wahrheit der Dinge“ entblättert selbst recht gemächlich seine Wahrheit. Der Fall, der Familie Petersen spaltet, wird erst nach und nach erklärt. Die Verbindung von Petersen und Corinna, die nach vier Jahren Gefängnis frisch auf freien Fuß kommt, wird recht schnell klar und doch gibt es auch hier Details, die erst im Laufe der Geschichte ans Licht kommen.
Mit diesem Entfalten der ganzen Wahrheit wechselte sich auch immer mal mein Gefühl zur Gerechtigkeit einzelner Entscheidungen. So manche Enthüllung kann die Waagschale auf die eine oder andere Seite kippen lassen.

Ich fand das Buch wirklich spannend, erhellend und auf eine Art und Weise schockierend, die hoffentlich Menschen aufrütteln kann.
Das Buch ist blutig, aber dabei nicht bildlich. Es ist grausam und doch kein Thriller. Es tut weh, aber hält den Leser dabei am Ball.

Ich hätte mir trotz allem vielleicht mehr Aha-Momente und Überraschungen gewünscht. Und auch wenn es schlimm war zu lesen, was Menschen (vor allem auch in der Realität) passiert ist, nur weil sie eine andere Religion oder Hautfarbe haben, blieb ich aufgrund der Distanz zu den Figuren ein wenig unemotional. Aber „Die Wahrheit der Dinge“ ist wichtig und richtig und ich habe es gern gelesen. Es hat meine Augen wieder etwas mehr für Dinge geöffnet, die im Rauschen des Alltags schnell untergehen können.

Markus Thiele – Die Wahrheit der Dinge
Benevento, 22. April 2021
ISBN 371090093X
240 Seiten
Gebunden; 22,00 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

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