Amie Kaufman & Jay Kristoff – Gemina

Dass es ihr Sozialleben killen würde, wenn sie ans andere Ende der Galaxie zieht, das wusste Hanna schon vorher. Aber dass es sie wirklich umbringen könnte, ist neu…
Hanna ist die verwöhnte Tochter des Kommandanten der Sprungstation Heimdall, Nik der unwillige Erbe des Mafia-Bosses. Beide hadern mit dem Leben an Bord der (wie sie finden) langweiligsten Raumstation des Alls. Bis eine feindliche Kampfeinheit die Station angreift und ein Funktionsausfall des Wurmlochs das Raumzeitkontinuum zu zerfetzen droht.
Hanna und Nik kämpfen nicht nur um das eigene Überleben und ihre Liebe – das Schicksal der Heimdall und wahrscheinlich das des gesamten Universums liegt in ihren Händen. Aber keine Panik. Sie schaffen das schon. Hoffen sie jedenfalls… (Klappentext)

Was habe ich mich auf Kady und Ezra gefreut. Ich wollte unbedingt wissen, wie es für die beiden nun auf der Hypatia weitergeht. Ich schlage das Buch auf und… bin enttäuscht. Weit und breit weder die eine noch der andere. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, soll ich nun die Geschichte einer arroganten Zicke und eines Kleinkriminellen lesen.

Aber ich habe mich – natürlich – darauf eingelassen. „Iluminae“ hat mir so gut gefallen, da schaffen das Amie Kaufman und Jay Kristoff doch sicher noch einmal, oder?

Nachdem der erste Schock überwunden war, war ich auch schon sofort drin. Ebenso wie der Vorgänger nahm die Geschichte schnell Fahrt auf. Plötzlich sind 24 unbekannte Menschen an Bord. Eine feindliche Übernahme steht Heimdall bevor und die Soldaten sind alles andere als zimperlich. Sie bringen Tod, Verderben und Blut. Sie sind schnell und brutal. Sie töten ohne mit der Wimper zu zucken. Nur durch einen Zufall sind Hanna und Nik nicht unter den Geiseln im Atrium. Und nun liegt es an ihnen – mit einiger Hilfe – das Schiff zu retten.

Das Buch liest sich wie ein wahnsinniger Actionfilm. Und das, obwohl wieder alles durch Akten, Zeichnungen, Transkripte, Chat-Verläufe und vieles mehr geschildert wird. Jede Seite bringt einen tiefer ins Geschehen, lässt die Brutalität und die Angst realer werden. Der Einsatz jedes Stilmittels ist durchdacht. Besondere Formatierungen sind quasi Teil der Geschichte. Und trotzdem entfaltet sich eine vollkommene Geschichte vor dem Leser. Hanna und Nik zu begleiten war so mitreißend und spannend, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Sie wurden mir immer sympathischer. Ich schloss beide so sehr ins Herz und hoffte, dass sie es irgendwie schaffen, gegen die Invasoren zu gewinnen, egal wie aussichtslos ihre Lage schien. Ich begleitete die beiden Helden voller Begeisterung in jeden Winkel des Schiffes.

Ich habe jede einzelne Seite geliebt. Bei Teil 1 habe ich mich noch gefragt, ob ich die Story in einem „normalen“ Buch auch gut gefunden hätte. Dieses Mal kann ich es ohne jedes Zögern bejahen. Die Jagd der Soldaten auf die unschuldige Schiffsbesatzung war rasend spannend, das Zusammenspiel von Hanna, Nik und den anderen witzig und süß und herzzerreißend. Die Ideen und Entwicklungen waren klug, rasant, passend und vollkommen logisch.
Dabei war das Buch keinesfalls „einfach“. Es gab 24 Soldaten. Die wurden mal mit ihrem Codenamen, mal mit ihrem Vornamen und mal mit ihrem Nachnamen angesprochen. Und manchmal mit der Bezeichnung ihrer Einheit. Nicht immer überschaubar. Aber das Buch hat einem auch hierfür Hilfsmittel an die Hand gegeben. Ebenso waren die weltraum- und raumschiffspezifischen Wörter nicht immer klar für mich. Ich wusste nicht immer, was nun wo gemacht werden muss, damit etwas anderes passiert oder eben nicht. Aber das war nicht schlimm. Es tat der Sache keinen Abbruch.

Ich schrieb begeisterte Nachrichten: „Das Buch ist der Wahnsinn! Lies das!“ und so meine ich es. Ich mochte „Illuminae“ schon sehr (sehr, sehr), aber Gemina hat mich nun vollends abgeholt. Ich möchte nicht, dass das Buch zu Ende ist. Ich möchte Nik und Hanna nicht hinter mir lassen. Ich möchte weiter mit ihnen in Hangars sein, Heimdall durchstreifen, in das finstere Nichts gucken.
Zum Glück gibt es noch einen dritten Teil. Leider ist mein letzter Stand, dass es noch vollkommen offen ist, ob das Finale übersetzt wird. Dann halt auf Englisch. Ich muss einfach wissen, wie es weitergeht. Ich muss wissen, ob alles ein gutes Ende findet. Bis dahin gibt es für Teil 2 .

Amie Kaufman & Jay Kristoff – Gemina – Die Illuminae-Akten_02
Originaltitel: Gemina – The Illuminae Files_01 (Oktober 2016)
dtv Verlagsgesellschaft, 21. September 2018
ISBN 9783423762328
659 Seiten
Gebunden; 19,95 Euro

Reihenfolge der Bücher:
1. Illuminae – Originaltitel: Illuminae
2. Gemina – Originaltitel: Gemina
3. – Originaltitel: Obisidio (Noch nicht übersetzt)

Amie Kaufman & Jay Kristoff – Illuminae

Gestern noch dachte Kady, das Schlimmste, was ihr bevorsteht, ist die Trennung von ihrem Freund Ezra. Heute dann wird ihr Planet angegriffen.
Kady und Ezra verlieren sich bei der Flucht und gelangen auf unterschiedliche Raumschiffe. Doch die Fliehenden werden immer noch von dem feindlichen Kampfschiff verfolgt. Und damit nicht genug: Ein XXXXX, freigesetzt bei dem Angriff mit biochemischen Waffen, mutiert mit grauenhaften Folgen. Und dann ist da noch AIDAN, die Künstliche Intelligent der Flotte, die von Raumtemperatur über Antrieb bis Nuklearwaffen alles an Bord steuert. Eigentlich soll AIDAN sie beschützen, aber er verhält sich mehr als seltsam.
All das und noch viel mehr wird von dem Führungsstab vertuscht. Kady versucht herauszufinden, was vor sich geht, doch dazu braucht sie Ezras Hilfe. Und so wendet sich Kady an den Jungen, mit dem sie nie wieder ein Wort sprechen wollte… (Text der Titelklappe)

Kady und Ezra haben keine gute Zeit, erst Trennung, dann Flucht von ihrem zerstörten Heimatplaneten. Doch auf den Rettungsschiffen, die sie aufgenommen haben, sind sie schon schnell nicht mehr sicher. Gefahren durch Krankheiten, rigorose Chefetagen und durchgedrehte Künstliche Intelligenzen sind an der Tagesordnung. Kady kann nur versuchen, mit ihren Fähigkeiten am Computer, Ezra und sich zu retten – und damit auch die komplette Flotte.

Doch das alles wird nicht einfach so erzählt. Man liest es in Geheimakten, E-Mails, auf Plakaten und in Protokollen. Es gibt schwarze Seiten und weiße Seiten, Seiten voller Zeichen oder welche ohne alles, Bilder und Tabellen… Allein aufgrund der Form war bei mir die Spannung wahnsinnig hoch. Ich wollte nicht nur wissen, wie die Geschichte rund um Kady und Ezra weitergeht, sondern ich wollte auch unbedingt wissen, wie es dargestellt ist. Denn auch wenn bestimmte Dinge, wie Chats und E-Mails, den Hauptteil ausmachen, so wurde man bis zuletzt mit neuartigen Formatierungen überrascht.

Ich hatte wahnsinnig viel Spaß beim Entdecken. Man rast nur so durch die Seiten. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob ich die Story, wäre sie mir rein mit Prosa serviert worden, auch so gut gefunden hätte. Aber letztlich ist das auch nicht so wichtig, denn die Kombination aus Text und Form musste passen und das tat sie sehr gut!
Vor allem die beiden Hauptcharaktere haben es mir leicht gemacht. Kady ist schlau und mutig und steht dankenswerterweise nie auf dem Schlauch. Sie zieht schnell Schlüsse und ist trotzdem keine allwissende Nervensäge. Ezra brachte mich zum Lachen und punktete mit seiner charmanten Art.

Doch es gab auch ein paar Dinge, die ich nicht so gut fand. So musste man bei all den Namen, Schiffen, Vereinigungen und Vorgängen schon aufpassen, alles mitzubekommen. Zwei, drei Mal musste ich zurückblättern, um noch einmal nachzulesen, wo die Person in der Zwischenzeit abgeblieben war oder wer noch einmal alles gestorben ist. Denn eins steht fest: Das Autoren-Duo geht mit seinen Figuren wirklich nicht zimperlich um.
Im Zuge meiner Aufregung und Begeisterung über die Form des Buches blieb die Emotionalität ein wenig auf der Strecke bei mir. Ich hechelte durch die Transkriptionen, Akten und Berichte, aber ich habe mich nicht so richtig an die Figuren gebunden. Schwierig, wenn die Figuren eben hauptsächlich miteinander kommunizieren oder andere Protagonisten über sie schreiben. Die eigene Reflexion, der Blick in ihr Inneres, geht unter.

Nichtsdestotrotz habe ich die 600 Seiten an zwei Tagen gelesen. Natürlich geht es auch deutlich schneller, wenn man Chats liest, aber ich legte das Buch auch nur sehr widerwillig beiseite. Es war mein erstes Buch, das im Weltall spielte, ich mochte die Figuren sehr gern, fand die Darstellungsform unglaublich interessant und damit auch die Geschehnisse durchgehend super spannend. Die ein oder andere Überraschung hielt die Story dann auch noch bereit. Ein paar Schwächen hat das Buch, aber ich kann es kaum abwarten, den zweiten Teil, der seit ein paar Wochen auf meinem SuB liegt, zu lesen.

Amie Kaufman & Jay Kristoff – Illuminae – Die Illuminae-Akten_01
Originaltitel: Illuminae – The Illuminae Files_01 (Oktober 2015)
dtv Verlagsgesellschaft, 13. Oktober 2017
ISBN 9783423761833
599 Seiten
Gebunden; 19,95 Euro

Reihenfolge der Bücher:

1. Illuminae – Originaltitel: Illuminae
2. Gemina – Originaltitel: Gemina
3. – Originaltitel: Obisidio (Noch nicht übersetzt)

Matthias A. K. Zimmermann – KRYONIUM

Gefangen an einem unbekannten Ort, schmiedet der Erzähler heimlich Fluchtpläne. Die Tatsache, ohne Erinnerungen zu sein, erschweren das Vorhaben. Doch der Drang, endlich auszubrechen aus diesem furchteinflößenden, schneeverwobenen Schloss, lässt ihn jedes Risiko eingehen. Und so gerät der Erzähler immer tiefer hinein in einen wirren Strudel aus rätselhaften Begegnungen und magischer Paranoia, die er spielerisch zu entschlüsseln hofft, was ihn letztlich zum Ursprung seiner Erinnerungen führt. Der All-Age-Roman ist ein technoides Märchen, das sich mit Virtualität auseinandersetzt und die Frage aufwirft, was Erinnerungen sind und was sie bedeuten. Nichts ist so, wie es scheint in der Geschichte und die Frage, was Realität ist, muss immer wieder neu überdacht werden. (Klappentext)

Als ich die Anfrage für ein Rezensionsexemplar zu diesem Buch bekam, war ich direkt Feuer und Flamme. Keine Erinnerungen, Flucht, Schloss, Märchen, Schnee… es klang nach einem Buch, das eine fantastische Atmosphäre mit einer spannenden Geschichte verknüpft.

Als ich das Buch begann, war ich schnell ernüchtert. Ich konnte kaum etwas mit der Schreibart anfangen. Beschreibungen und Wörter wiederholten sich, Gespräche wirkten hölzern und gewollt. Manches klang, wie aus einem Schulaufsatz übernommen. Genervt begann ich schon, Post-Its an Stellen zu kleben, die ich in der Rezension als Negativ-Beispiel hervorheben wollte.
Es dauerte gut dreißig, vierzig Seiten bis nicht nur ich drin war. Es wirkte auch, als hätte sich der Autor quasi warmgeschrieben. Und ab diesem Moment konnte ich nicht mehr genug von KRYONIUM bekommen.

Fasziniert folgte ich der Hauptfigur, von der ich weder Namen noch Aussehen kannte. Nicht einmal das Geschlecht war bekannt. Doch das machte alles noch interessanter. Zusammen erkundeten wir dieses seltsam magische Schloss und fürchteten uns vor dem Ungeheuer, das im See um das Gebäude herum lebt und alles verschlingt, was ihm nah kommt. Wir schlichen zusammen durch den gruseligen Wald, in dem Gnome, Kobolde, Einhörner und sogar eine Hexe leben.
Und als ich da so wohlig in der Märchenwelt war, da entfaltete sich plötzlich eine Story vor mir, mit der ich nicht gerechnet habe. Schicht um Schicht entblätterte sich etwas, was mich immer tiefer in das Buch hineinzog. Jede freie Sekunde las ich. Selbst beim Kochen und Essen. Wenn Besuch da war, zog ich mich kurz mal zehn Minuten zurück, nur um ein Kapitel weiterzukommen.
Überraschung um Überraschung entdeckte ich und als ich dachte, ich wüsste jetzt, was Phase ist, krempelte der Autor all mein Wissen einfach um.

Es gab so unfassbar viele Verbindungen, Hinweise, Rätsel und Erkenntnisse. Nicht selten habe ich einen imaginären Hut vor dem Autoren gezogen, dass er das alles miteinander verwoben hat. Nicht einen Logikfehler habe ich in all dem Wust gefunden. Ganz im Gegenteil: Dinge, die ein Fehler hätten sein können, hebt der Autor extra hervor und ordnet sie ins Gesamtgefüge ein.

Das alles macht eine Rezension des Buches – vor allem in Bezug auf den Inhalt – wahnsinnig schwer. Denn mehr als den Plot, den auch der Klappentext wiedergibt, kann man eigentlich nicht erwähnen. Jedes weitere Wort wäre zu viel. Beim Lesen überkam mich schnell eine Idee, was auf dem Schloss vor sich geht und ich hatte absolut Recht und gleichzeitig kein Stück.

Bis zum Ende holperte es sprachlich mal an der einen oder anderen Stelle, doch ich sah eher, was für schöne Bilder Matthias A. K. Zimmermann mit seinen Worten malen konnte.
Vor allem physikalische Zusammenhänge haben es dem Autoren angetan und manchen Begriff erklärt er über die Notwendigkeit hinaus. Aber schnell war es ok für mich. Ich lächelte an der Stelle, an der ich bei anderen Büchern genervt wäre und dachte: „Tja, das ist wohl seine Art…“

Das Buch ist im besten aller Sinne komplex. Es ist eine Kunst, so etwas nicht schwierig werden zu lassen, sondern trotz aller Details und Verschachtelungen logisch und leichtfüßig zu bleiben. Meine Genervtheit der ersten Seiten ist komplett verflogen und hat sich absolut ins Gegenteil gewandelt. Ich bin begeistert und habe ein paar Spazierrunden dafür genutzt, meinem Freund alles über das Buch zu erzählen. Letztlich wäre ich gern länger bei dem Erzähler geblieben, der so klug und mutig war.

Edit:
Meine Rezension habe ich auch als Kurzform auf Instagram gepostet. Auf die Kritik zur Sprache hat der Autor geantwortet:

Der Anfang der Geschichte ist eigentlich sein Schluss. Ich habe den Roman rückwärts geschrieben, also mit dem Ende begonnen. Die Geschichte begann in seiner ersten Fassung also rasant in der Realität und führte durch mehrere Ebenen immer tiefer und tiefer hinab. Nach und nach entschleunigte die Handlung, die Sätze wurden länger, die Sprache in sich verschachtelter, bis der Schluss (also Kapitel 4 bis 1) dann quasi in einer Bildbetrachtung zugefroren war. Die Dramaturgie des Textes, so habe ich es mir vorgestellt, gleicht Wasser, das nach und nach zufriert. Eigentlich wäre es aber viel passender, so dachte ich dann, wenn es gerade umgekehrt wäre und die Dramaturgie einem Eiswürfel gleichen würde, der nach und nach auftaut und sich verflüssigt. Und so schrieb ich den ganzen Roman nochmals neu: vom Ende zum Anfang. Das hat natürlich die Wirkung, dass der Roman, so wie er jetzt vorliegt, wie eine Bildbetrachtung beginnt. Die Handlungen und ihre Figuren sind zu Beginn statisch und wie eingefroren, der Text liest sich quasi wie durch eine dicke Eisschicht. Die Räume und Landschaften tauen nach und nach erst auf, nehmen dann allmählich an Fahrt auf ab Kapitel 4. Man muss sich die Struktur des Romans als einen sich auftauenden Eiswürfel vorstellen …

Mein Gefühl, dass sich „warmgeschrieben“ wurde, stimmt also im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn der Autor dieses Gefühl auslösen wollte, hat er das bei mir auf jeden Fall erreicht. Nichtsdestotrotz begeisterte mich die Sprache anfangs nicht.

Matthias A. K. Zimmermann – KRYONIUM – Die Experimente der Erinnerung
Kulturverlag Kadmos Berlin, 28. Oktober 2019
ISBN 386599444X
324 Seiten
Gebunden; 19,90 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

Sarah Kuttner – Kurt

Lena hat mit ihrem Freund Kurt ein Haus gekauft. Es scheint, als wäre ihre größte Herausforderung, sich an die neuen Familienverhältnisse zu gewöhnen, daran, dass Brandenburg nun Zuhaue sein soll. Doch als Kurts kleiner Sohn bei einem Sturz stirbt, bleiben drei Erwachsene zurück, die neu lernen müssen, wie man lebt. (Text der Titelklappe)

Schon mit ihrem Buch „180° Meer“ hat mich Sarah Kuttner vor drei Jahren begeistert. Nun hat sie es wieder geschafft.

„Kurt“ fühlte sich unfassbar real an. Vielleicht, weil ich so viel davon mit meiner eigenen Geschichte verbinden kann.
Es fängt schon mit dem Setting an. Brandenburg. Das Bundesland, in dem ich geboren und aufgewachsen bin. Erst mit 20 Jahren hab ich es verlassen. Kuttner hat es geschafft, mir wieder für seine Schönheit die Augen zu öffnen. Die Alleen und Seen, die Wälder und die Parks.

Hierhin hat es nun Lena und Kurt verschlagen, damit sie näher bei dem kleinen Kurt sein können. Die Vater-Sohn-Beziehung hatte unter der Entfernung Berlin-Oranienburg zu sehr gelitten.
Da sitzt Lena nun. Sie, das Großstadtmädchen, die Freiberuflerin, die Kinderlose. Plötzlich ist der Sohn ihres Freundes den halben Monat bei ihnen. Plötzlich muss sie sich mit Gärten und Hausrenovierungen auseinandersetzen. Plötzlich ist alles anders, aber nicht unbedingt weniger schön. Bis Kurt stirbt. Und Lena plötzlich mit einem verwaisten Vater zusammen ist.

Schon der Klappentext verrät den großen Knall. Ich wusste, was passieren wird und trotzdem habe ich Kurti mein Herz stehlen lassen. Dieser kleine, herzliche Junge mit den fehlenden Schneidezähnen und Spielzeugautos in der Hand. Voller Spannung und Angst habe ich jede Situation kritisch beäugt, in der sich Kurt befand. Bis es kam. Es.
Doch auch danach verlor das Buch nichts von seiner Anziehungskraft. Ich musste doch sehen, ob Lena und Kurt – und auch Klein-Kurts Mutter Jana – ein wenig heilen können.
Wie sehr mich das Buch in seinen Bann zog, konnte ich klar an Zahlen festmachen. Ich wollte nur mal kurz am ersten Abend reinlesen. Den ersten Satz lesen. Die erste Seite vielleicht. Dann war ich auf Seite 140 und musste ins Bett. Den Rest habe ich am nächsten Tage gelesen.

Sarah Kuttner schafft es aber auch jedes Mal, dass mein Herz aufgeht bei ihrer Art zu erzählen. Wenn Leute sich in Gedanken verbummeln und durch den Garten hotten, um die Blumen zu gießen, dann bin ich zuhause. Dann bin ich selber wieder in Brandenburg und kieke, anstatt zu gucken. Gerade mit dieser Art zu schreiben, schafft sie kleine Lichtstrahlen in all dem Grau des Buches. Ich musste nicht selten lachen und damit ist doch eine weitere Parallele in das echte Leben gezogen. So traurig alles ist, man sollte nicht sein Lachen verlieren.

Mit ihrer Sprache hat sie aber noch mehr geschafft, was mir erst aufgefallen ist, als das Buch beendet war. Ich habe sie vor mir gesehen – Lena, Kurt, Kurt, Jana, den Nachbarn, die Schwester. Als würde ich sie kennen. Dabei wurde nicht einer beschrieben. Ich weiß nicht mal, ob Kurti braune oder blonde Haare hat. Aber all das brauchte ich nicht, um das Gefühl zu bekommen, ich hätte die Personen alle schon mal gesehen.

„Kurt“ – ein Buch wie ein Bosse-Song. Melancholisch und leicht zugleich. Und ein bisschen Brandenburg-Romantik, wie in seinem Lied „Frankfurt Oder“.
Ich habe großes Glück. Ich weiß nicht, wie es ist, ein Kind zu verlieren. Aber einige Personen in meiner Familie wissen es. Und das Buch gibt mir die Kraft, mich das nächste Mal zu meiner Oma zu setzen, ihre Hand zu nehmen und zu fragen: „Sag doch mal, wie hast du das überlebt?“
Ich durfte dahingegen dieses Buch lesen, während meine neugeborene Tochter auf mir lag. Ich musste aufpassen, ihr nicht das Köpfchen nass zu weinen und sie gleichzeitig nicht beim Lachen zu sehr durchzuschütteln. Und vielleicht ist das alles, was man über „Kurt“ wissen muss.

Sarah Kuttner – Kurt
S. FISCHER, 13. März 2019
ISBN 3103974248
240 Seiten
Gebunden; 20,00 Euro

Dave Eggers – Der Circle

Huxleys schöne neue Welt reloaded: Die 24-jährige Mae Holland ist überglücklich. Sie hat einen Job ergattert in der hippsten Firma der Welt, beim »Circle«, einem freundlichen Internetkonzern mit Sitz in Kalifornien, der die Geschäftsfelder von Google, Apple, Facebook und Twitter geschluckt hat, indem er alle Kunden mit einer einzigen Internetidentität ausstattet, über die einfach alles abgewickelt werden kann. Mit dem Wegfall der Anonymität im Netz – so ein Ziel der »weisen drei Männer«, die den Konzern leiten – wird die Welt eine bessere. Mae stürzt sich voller Begeisterung in diese schöne neue Welt mit ihren lichtdurchfluteten Büros und High-Class-Restaurants, wo Sterne-Köche kostenlose Mahlzeiten für die Mitarbeiter kreieren, wo internationale Popstars Gratis-Konzerte geben und fast jeden Abend coole Partys gefeiert werden. Sie wird zur Vorzeigemitarbeiterin und treibt den Wahn, alles müsse transparent sein, auf die Spitze. Doch eine Begegnung mit einem mysteriösen Kollegen ändert alles …
(Inhalt laut Verlagshomepage)

Meine Bachelorarbeit, die ich nun schreiben muss, wird als Thema einen Vergleich vom Buch „Der Circle“ und Film „The Circle“ beinhalten. Um das zu realisieren, musste ich erst einmal das Buch lesen.

Die Geschichte beginnt an dem Ort, der schnell zum Dreh- und Angelpunkt von Maes Leben wird: die spannende und coole Firma „Circle“. Mae steigt in der Abteilung der Costumer Experience ein und arbeitet sich schnell hoch. Bald schon ist sie eines der Aushängeschilder der Firma. Die Geschäftsfelder, die sie so kennenlernt, sollen das Leben der amerikanischen Bevölkerung erleichtern: Finanzen vereinfachen, Profile in den sozialen Medien zusammenführen, fremde Ecken der Welt entdecken, in der eigenen Vergangenheit wühlen – dank des Circle ist nichts mehr unmöglich. Doch wann wird aus dieser Erleichterung eine Gefahr für die Freiheit?

Dave Eggers schaffte es, fantastische Bilder vom Circle an sich und dem Arbeiten dort zu vermitteln. Bilder, die mich direkt sehnsüchtig werden ließen. Schön muss es da sein. Hübsch, interessant, spannend. Die moderne Optik kombiniert mit all den Gratis-Angeboten und der Tätigkeit bei einem Unternehmen, das die Welt verändert. Ich wollte dort hin.
Doch umso mehr man erfährt, umso tiefer man mit Mae in die Geschäftsfelder einsteigt, umso gruseliger wird es. Umso realer wird es. Schnell wird einem klar, dass man von vielem heute entweder nicht mehr weit weg ist oder dass manches technisch sicher schon möglich ist. Und diese Erkenntnis kann Angst machen.

Mit Mae wird eine nette Person vorgestellt, die von der schieren Übermacht ihres neuen Arbeitgebers etwas eingeschüchtert ist. Vor allem in ihren Arbeitsanfängen schafft Dave Eggers etwas Besonderes. Bei der Darstellung ihres Arbeitsaufkommens und des stetigen Erweiterns des Umfangs ihrer Aufgaben war ich beim Lesen regelrecht gestresst. Ich saß mit Mae dort an diesem Schreibtisch und bekam einen Monitor nach dem anderen, musste eine Anfrage nach der anderen beantworten und musste innere, äußere und externe Feeds im Auge behalten, um zu kommentieren, bewerten und informieren.
Doch umso weiter die Geschichte voranschritt, umso weniger konnte ich Mae und ihre fanatische Blindheit ihres Arbeitgebers gegenüber ertragen. Irgendwann wurde dieses vollkommene Unterwerfen für mich unrealistisch und ich schüttelte ständig den Kopf über Maes Aussagen.
Dass sie sich den Aufgaben und Zielen des Circles so unterwarf, stand auch in krassem Gegensatz zu ihrem stetigen Überhöhen über die anderen Mitarbeiter.
Auch wenn Dave Eggers das bewusst so anlegte – denn es gab durchaus auch andere Figuren, Kritiker, Menschen, die Dinge hinterfragten – nervte mich Mae.

Die größte Schwäche des Buches liegt für mich aber an der fehlenden Spannung.
Es war unglaublich interessant, in diesem Unternehmen unterwegs zu sein. Die Ideen und Geschäftsfelder waren von Grund auf erst einmal alle schlüssig und würden unser aller Alltag tatsächlich auf bestimmten Ebenen erleichtern. Ich wollte gern immer mehr kennenlernen.
Doch das Zuschlittern auf die große Katastrophe geschah eher subtil und sehr langsam. Eine echte Spannung wurde so nicht aufgebaut.

Mit seinen 560 Seiten, die fast ausschließlich auf dem Circle-Campus spielten, entstanden für mich allerhand Längen. Viele Schleifen wurden gedreht, wenn auch jede neue Umdrehung die Schraube weiter in den Kern des Circle bohrte. Das Ziel und die Katastrophe kamen näher, aber eben sehr gemächlich. Für mich einfach zu gemächlich. Ich hätte verschiedene Arbeitsräume nicht sehen müssen, einige Aufgaben nicht begleiten müssen und so allerhand Personen nicht kennenlernen müssen, die einfach nie wieder eine Rolle spielten.

Insgesamt war das Buch und seine Idee also wirklich gut und beängstigend. Doch das Lesen war irgendwann etwas zäh und Mae wurde nach und nach immer unlogischer und unsympathischer.

Dave Eggers – Der Circle
Originaltitel: The Circle (Oktober 2013)
Kiepenheuer&Witsch, 14. August 2014
ISBN: 3462046756
560 Seiten
Gebunden, 13,99 Euro (als Taschenbuch erhältlich)

Magdalena Nirva – Magdalena 24h

»Ich war wie geschaffen dafür, das Objekt ihrer Begierde zu sein. Oft war es aber auch anders herum. Ich war der Jäger…«

Magdalena ist 24, Literaturstudentin und liebt Sex. Als sie nach ihrer gescheiterten Ehe mit ihrem Kind mittellos dasteht, wirft sie alle Bedenken beiseite und sagt sich: »Warum soll ich damit nicht auch Geld verdienen?« Um ihr Kind zu versorgen. Um die Universität abzuschließen. Um sich ein schöneres Leben leisten zu können. Auf der Suche nach neuer Liebe begegnet sie dem anziehenden Bad Boy Eagle. Die beiden beschliessen, ihrer Heimat Bulgarien den Rücken zu kehren und nach Wien zu gehen, wo sie als Callgirl viel Geld verdienen kann. Doch bald wird Eagle von seiner Vergangenheit eingeholt, und sie müssen Wien eilig verlassen. Und Magdalena gerät immer tiefer in Abhängigkeit zu Eagle, der sein ›goldenes Huhn‹ zunehmend rücksichtslos antreibt und eifersüchtig bewacht… (Klappentext)

Als mich Magdalena anschrieb, ob ich ihren biografischen Debütroman lesen möchte, war ich sofort begeistert. In das Milieu rund um Prostituierte und Escort-Damen werde ich persönlich nie hineinkommen. Auch wenn ich in Hamburg wohne, hat das Rotlicht-Viertel mit meinem Alltag nichts zu tun. Und gerade deswegen war ich gespannt auf ein paar Geschichten. Nachdem mir Magdalena in unserem E-Mail-Verkehr schnell sympathisch wurde, freute ich mich sehr auf das Buch und begann es direkt nach dem Erhalt zu lesen.
Das war im August.
Ich muss es sagen, wie es ist: Dieses Buch stürzte mich in eine tiefe Leseflaute.

Vielleicht ging ich mit den falschen Erwartungen an das Buch. Der Klappentext verspricht unter der Erklärung zum Inhalt „skurrile Begebenheiten und emotionale Verwirrungen“. Es wird gesagt, das Buch wäre „amüsant, berührend und unmoralisch“. Deswegen hoffte ich, dass es hauptsächlich aus kurzen Anekdoten bestehen wird. So, wie man es von vielen Büchern kennt. Viele verschiedene Männer, aufregende Geschichten und alles ein bisschen verbunden durch einen roten Faden.

Bekommen habe ich das Gegenteil. Magdalena rollt ihr Leben von der Kindheit an auf. All ihre Ex-Freunde werden ausgewalzt, ebenso wie ihre Probleme mit der Mutter und dem Ex-Mann. Natürlich verstehe ich, dass der Teil ihres Lebens wichtig ist, um zu verstehen, dass es kam, wie es kam. Aber selbst zum Ende hin, als sie im Milieu fest verankert war, wurden über Seiten ihre Kolleginnen und deren privaten Probleme beschrieben.
Ein paar Geschichten mit Freiern kamen natürlich drin vor. Für meine Erwartungen waren es jedoch zu wenig und Geschichten mit manchen Stammkunden zogen sich lang.
Vor allem fehlten einfach Einblicke in ihr Gefühlsleben. Sie ließ ihren Sohn in Bulgarien zurück, aber es fehlte der Schmerz einer Mutter. Sie war in einem fremden Land, aber die vollkommene Hilfslosigkeit wurde nur beschrieben und nicht gefühlt. Sie wird geschlagen und misshandelt, aber wie es ihrer Seele dabei geht, wird nicht gesagt.

Ich fand das Buch – anders als angepriesen – weder amüsant, noch berührend.
Alles war relativ plump niedergeschrieben. Für ein persönliches Gespräch wäre es so ok gewesen, aber für ein Buch war es zu wenig. Es fehlte ein klassisches „Buch-Feeling“. So gibt es beispielsweise rhetorische Fragen mitten im Text, die ungelenk wirken, wie ein eingestreutes: „Doch was ist das?“ (S. 256)

Durch die Mischung aus wenig leichtfüßiger Sprache und einer zu breitgetretenen Lebensgeschichte fehlte auch komplett die Spannung. Und auch mit dem Interesse war es bei mir nicht weit her. Tagelang, zwischendurch sogar wochenlang, zog es mich nicht zum Buch. Wäre der Weg von Bulgarien über Österreich nach Berlin knackig erzählt gewesen, wäre ich mehr dabei geblieben. Mich hätten mehr die Zustände beziehungsweise Termine in den Bordellen und Escort-Agenturen interessiert. Es muss einfach mehr Spannendes zu berichten geben, als hier aufgeschrieben wurde.

Die Freier sind unterschiedlicher Natur. Manche liebevoll, andere schüchtern und wieder andere eklig. Aber ich hatte mehr Skurrilität erhofft. Vor allem hätten die Geschichten pointierter erzählt werden können.

Ich war also inhaltlich wirklich nicht begeistert und dann kam auch noch dazu, dass ich die Buch-Magdalena, anders als die E-Mail-Magdalena, wirklich unsympathisch fand. Sie wirkte kalt, berechnend und arrogant auf der einen Seite und völlig irrational liebend auf der anderen. Immer wieder fielen Sätze, die vielleicht stimmten, aber einfach unsympathisch klangen: „Erst, seitdem ich dort die Drinks servierte, war es immer voll. […] Jedenfalls steigerte ich ganz schön den Umsatz.“ (S. 57); „Sie ist nicht die Frau, die ein Mann sofort haben will, wenn er sie sieht, so wie bei mir.“ (S. 245) oder „Ich bin vierundzwanzig, ich bin so jung, so hübsch […]“ (S. 310)

Insgesamt gab es ein paar nette Geschichten auf den 379 Seiten, aber ich wurde weder gefesselt, noch berührt oder zum Lachen gebracht. Es ist wirklich schade, ich hätte das Buch so gern gemocht.

Magdalena Nirva – Magdalena 24h
Independently published, 28. Juli 2017
ISBN 1521865701
379 Seiten
Taschenbuch; 15,90 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

Dan Vyleta – Smoke

Stell dir vor, deine dunklen Gedanken könnten sichtbar werden…

England, Ende des 19. Jahrhunderts. Eine Welt, die von einem besonderen Phänomen geprägt ist: Jede Bosheit, Unaufrichtigkeit oder Lüge manifestiert sich als Rauch, der unkontrollierbar dem Körper entweicht. Nur Thomas und Charlie, Schüler eines Elite-Internats, wagen es, die Gesetze des Rauchs zu hinterfragen. Sie stoßen auf ein düsteres Komplott aus Willkür, Macht und Unterdrückung und müssen schon bald um ihr Leben fürchten… (Klappentext)

Eigentlich habe ich mir vorgenommen, keine Rezensionsexemplare mehr anzufordern, weil ich noch einige zuhause habe. Aber dann kam die Information zu „Smoke“ und ich konnte nicht widerstehen. Das Buch klang zu gut.

Die Idee ist einfach klasse. Böse Gedanken, Lügen, Neid, alles entströmt den Menschen als Rauch. Mal ist er dicker, mal dünner, mal heller, mal dunkler. Doch immer können die Mitmenschen ihn lesen wie Gedanken, die sich von einem Menschen in den anderen übertragen. Schlechte Dinge können nicht mehr verheimlicht werden. Doch der Rauch schafft auch eine Zweiteilung in der Gesellschaft. Die armen Menschen, die Arbeiter, rauchen. Die Reichen und Mächtigen zeichnen sich durch fast vollständige Rauchlosigkeit aus. Thomas und Charlie, Kinder aus reichem Hause, wohnen in einem Internat unter Ihresgleichen. Doch die Weihnachtsferien, die sie bei Thomas Familie verbringen, werden alles verändern. Wie sie den Rauch sehen, wie sie die obere Gesellschaft sehen, wie sie ihr Leben sehen.

Schnell ist man inmitten der Geschichte, schnell passieren große Dinge, schnell ist es langweilig.
„Smoke“ hat 618 Seiten und peitscht einen in der Zeit durch viele Gegebenheiten. Erst passiert einiges im Internat, dann im Weihnachtsurlaub und ab da wird es eigentlich erst richtig hektisch. Doch leider kommt dabei zu keiner Zeit Spannung auf. Und das ist wohl das Dramatischste an der ganzen Lektüre. Es gibt so viel zu sehen, so viel passiert und ich langweilte mich da so durch.
Klar, das Buch ist offiziell kein Thriller oder Krimi, wo das Thema Spannung ganz oben stehen würde, aber nicht mal der düstere Komplott, den der Klappentext verspricht, versprüht irgendeine Art von Gefahr oder Nervenkitzel.
Natürlich passieren schreckliche Dinge, gefährliche Sachen. Aber diese kommen so unvermittelt, dass sich vorher keine Spannung aufbaut und dann werden sie so sehr ausgewalzt, dass es das alles auch nicht besser macht.

Als das Beste empfand ich weiterhin die Grundidee an sich. Es animierte mich sogar in der Anfangszeit des Buches, ab und zu zu denken: „Wäre dieser Gedanke, dieses Wort, diese Tat nicht auch Rauch wert gewesen?“. „Smoke“ brachte mich also anfänglich wirklich zum Nachdenken.
Doch umso länger das Buch wurde, umso weniger reizvoll wurde die Thematik, denn sie entwickelte sich nicht. Es gab einige neue Erkenntnisse zum Rauch, aber es brachte weder die Figuren noch den Leser wirklich voran.
Und letztendlich bleiben die großen, essentiellen Fragen zum Rauch ungeklärt. Das enttäuschte mich.

Oft schafft ein Buch es ja, mich trotz wenig Spannung von sich zu überzeugen, wenn die Figuren und die Sprache mitreißend sind. Doch leider schneidet in diesem Bereichen „Smoke“ auch sehr schlecht ab.
Die Figuren waren alle schwer zu fassen. Besonders nah war man an den beiden Hauptfiguren, den Jugendlichen Thomas und Charlie, dran. Thomas ist hart und distanziert, doch Charlie ist offen, ehrlich, herzlich und gütig. Er ist also der Kandidat, den die Leser spontan am meisten mögen können. Doch Dan Vyleta schaffte es zielsicher, die einzige – für mich – sympathische Person im Laufe des Buches auch verkommen zu lassen. Die Nebenfiguren sind durch die Bank nicht der Rede wert. Gemein, verlogen, gefährlich, arrogant – Sympathie kam bei mir nie auf.
Zusätzlich schwierig war, dass das Buch zum größten Teil in der dritten Person geschrieben ist. Wenige Kapitel sind aus der Sicht einer Figur geschrieben – dann in der Ich-Form. Aber weder sind das ausschließlich die Hauptfiguren noch macht es die jeweilige Person sympathischer.

Sprachlich hat es mir das Buch noch schwerer gemacht. Unnötig verkomplizierte Satzkonstruktionen stören oft den Lesefluss. Beschreibungen der Umgebung sind überladen mit Aufzählungen.
Da viel passiert im Laufe der Geschichte, kommen unsere Hauptfiguren an viele verschiedene Orte, zum Beispiel ein Bergwerk. Vyleta scheint sich damit, aber auch mit anderen Dingen, sehr ausgiebig beschäftigt zu haben und nutzt vollumfänglich das jeweils passende Vokabular. Dass der Leser dabei nicht immer mit allem vertraut sein wird, scheint für den Autoren Nebensache zu sein. Klarer Fall von: Er hat sich sehr bemüht, alles perfekt zu beschreiben. Leider schlägt sich das negativ auf das Lesevergnügen nieder.

Ich habe fast zwei Monate für „Smoke“ gebraucht. Ich hatte es extra direkt nach dem Erhalt angefangen, um ein Rezensionsexemplar nicht lange liegen zu lassen. Doch dann wurde mir das Lesen so wahnsinnig schwer gemacht.
Gute Idee, aber langweilige Geschichte, unsympathische Figuren und kein flüssiger Schreibstil. Als würde das nicht schon reichen, wurden die drängendsten Fragen der Geschichte nicht beantwortet. Praktisch: Das Ende reihte sich perfekt in das enttäuschende Buch ein.
Allein wegen der guten Idee, gibt es .

Dan Vyleta – Smoke
Originaltitel: Smoke (Juli 2016)
carl’s books, 13. März 2017
ISBN: 3570585689
618 Seiten
Broschiert, 16,99 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

Tilman Rammstedt – Morgen mehr

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Sommer 1972. Das ganze Leben liegt noch vor dem Erzähler. Sein Problem ist nur: Er ist noch nicht geboren, seine zukünftigen Eltern kennen sich nicht einmal. Er muss sie also zusammenführen. Quer durch Europa, in Begleitung von einem Möchtegernganoven, zwei Frischverliebten und drei Männern im Pelz, die einem geheimnisvollen Koffer hinterherjagen. Dafür ist der längsze Tag aller Zeiten gerade lang genug. (Klappentext)

„Morgen mehr“ von Tilman Rammstedt – Ein Buch voller Wissen, Noch-nicht-wissen und allerhand dazwischen

Was wir bislang wissen:
Tilman Rammstedt ist mit seinem aktuellsten Roman einen relativ neuen Weg gegangen. Täglich veröffentlichte er ein paar Seiten des Buchs online. Leser, die ein Abonnement abgeschlossen hatten, lasen vom 11. Januar 2016 bis zum 08. April 2016 ein Kapitel. Und morgen gab es mehr. Doch sie durften nicht nur lesen, sie durften auf der eigens eingerichteten Website auch den vom Autoren eingelesenen Text hören und bei Bedarf kommentieren.

Da liegt ein Leben vollkommen ausgebreitet vor dem Erzähler und er weiß doch noch nicht, ob er es leben darf. Es ist der 30. Juni 1972 und er weiß schon alles. Er weiß wie sein Leben verlaufen wird, welche Fehler er machen, welche Küsse er verteilen wird. Selbst wie er sterben wird, weiß er schon ganz genau. Es gibt nur ein kleines Problem: Er ist noch nicht geboren und „Wenn man noch nicht geboren ist, hilft es einem leider herzlich wenig, alles schon zu wissen.“
Um überhaupt geboren werden zu können, muss der Erzähler aber noch eine ganz andere Hürde überwinden: Er muss es schaffen, seine Eltern zusammenzuführen, die sich noch gar nicht kennen. Und für das alles hat er genau 24 Stunden Zeit.

Wir wissen auch, dass diesem Buch dringend beim Lesen der Schutzumschlag abgenommen werden sollte. Nicht nur, damit er keine Knicke bekommt, sondern auch, damit der Leser die volle Farbenpracht des Einbandes genießen kann. Damit er so die Leichtigkeit sehen kann, die er beim Lesen noch spüren wird.

Was wir noch nicht wissen:
Es ist noch unklar, wie der Autor die Geschichte erzählen wird. Welche Figuren er dazuholt, in welcher Sprache er alles verpackt, mit welchen Besonderheiten er den Roman ausstattet, welche Bilder er im Kopf des Lesers kreiert.
Doch das alles soll kein Geheimnis bleiben.

Was wir nach dem Lesen wissen:
Nicht nur mit dem Vorab-Veröffentlichen ist Rammstedt einen neuen Weg gegangen, auch die Geschichte an sich ist etwas Neues, Individuelles. Ein Junge möchte dringend geboren werden. Er möchte endlich in dieses Leben hinein, das doch nur ihm passt, das nur für ihn gemacht ist. Um ihn bei dem Zusammenführen seiner Eltern zu begleiten, wird auf verschiedene Erzählweisen zurückgegriffen. Denn die Geschichte ist eng verknüpft mit einer Jagd nach einem Koffer quer durch Europa, an der sich ein Möchtegernganove, zwei Frischverliebte, drei Männer im Pelz und drei Personen, deren Leben von Abwesenheiten geprägt ist, beteiligen. Und was würde eine rasante und abwechslungsreiche Jagd besser beschreiben als ein rasantes und abwechslungsreiches Buch?
Es wird erzählt, es werden Interviews geführt, es werden verschiedene Personen beobachtet und vor allem werden Listen geführt. Vorrangig über Dinge, die man bislang weiß und Dinge, die man noch nicht weiß.

rammstedtWas wir ganz sicher wissen:
Die Eltern bekommen vom Erzähler die meiste Aufmerksamkeit. Das Herz des Vaters ist seit dreiundvierzig Tagen irreparabel gebrochen. Seine geliebte Claudia hat ihn verlassen und nun ist sein Gesichtsausdruck im Leiden eingerastet. Hunger stillt er mit Dosenravioli, Vermissen mit einem weiteren Gedicht über die Gegangene. Doch beides kann ihm nicht helfen. Da kommt es ihm nicht sehr ungelegen, als er erst verwechselt wird und dann mit vorgehaltener Waffe gezwungen wird mit dem Fremden in ein Auto zu steigen, um mit Betonschuhen in den Main geworfen zu werden.

Die Mutter hat auch jemanden verloren, doch leider für immer. Ihre Zwillingsschwester Eva ist gestorben und nun sind da plötzlich zwei Leben, die weitergelebt werden wollen. Und vor allem ist ein Tag dafür viel zu kurz. Alles muss doppelt gegessen, gemacht und geträumt werden. Doch das zweite Leben ist doch vollkommen neu für sie. Sie muss sich daran gewöhnen, es kennenlernen. Sie war doch immer nur der Gegensatz von Eva, immer nur die andere. Und nun muss sie plötzlich beides sein. Um dieses neue Leben kennenzulernen, hat sie jedoch einen guten Ansatzpunkt. Eva hat eine Liste mit 131 Punkten hinterlassen, die sie machen wollte: einfache Dinge, schwere Dinge, verrückte Dinge, ganz und gar unmögliche Dinge. Und damit sind es 131 perfekte Dinge für die Mutter. Und um dem Vermissen zu entfliehen kommt es ihr nicht sehr ungelegen, für den Punkt „Mit einem Franzosen schlafen“ nach Frankreich reisen zu müssen.

Beide Elternteile sind verletzlich und zerrissen und wirken – auch bei den schlechten Entscheidungen und falschen Abzweigungen – sympathisch und herzerwärmend. An keiner Stelle nerven sie oder verlangen dem Leser ein Augenrollen ab. Und manchmal möchte man ihnen zurufen: „Halte durch. Es wird bergauf gehen!“ oder wie der Erzähler sagt: „Es wird alles gut oder ein wenig gut oder zumindest weniger schlecht!“
Es sind zwei Personen, denen man das Glück wünscht. Am besten das gemeinsame.
Und auch die andere Figuren, die Ganoven, die Möchtegernganoven, die Frischverliebten oder das flüchtige Kind haben alle ihr glaubhaften Beweggründe. Ihre Sorgen und Ängste verkörpern sie ebenso glaubhaft wie die Eltern.

Die schwungvolle Geschichte fängt Rammstedt mit einer Sprache auf, die alles nicht hektisch werden lässt, sondern zur Ruhe kommen. Er spielt gekonnt mit der Sprache, lässt sie poetisch und humoristisch klingen, macht Wortspiele und lässt den Leser Floskeln in einem Wimpernschlag überdenken. Er schreibt leicht und schwer zugleich. Es werden Himmel wundgeguckt, wenn etwas eine Frage der Zeit ist, dann soll die Zeit sich gefälligst auch selber um die Antwort kümmern und wenn man nicht genau hinhört, dann hört man halt einfach daneben.
Die Sprache als „beschwingt melancholisch“ zu beschreiben, klingt das vielleicht zu gegensätzlich, um wahr zu sein und doch ist es genau richtig. Durch die Sprache, ja vor allem vielleicht hauptsächlich durch sie, geht das Buch nicht nur so zu Herzen, sondern macht auch wahnsinnig Spaß.

Dieses Ambivalente, dieses Schöne und dieses Traurige und dieses Leichte und dieses Schwere, das überträgt sich von der Sprache direkt in die Atmosphäre. Der Leser wird getragen und muss sich – auch durch die rasante Geschichte – durch keine Längen quälen. Und manchmal, wenn eine Ereigniskette durch ein neuerliches „und dann“ immer länger wird, dann hat man das Gefühl, die Geschichte direkt aus dem Mund eines Kindes zu hören. Immer dann ist einem der Junge, der doch endlich geboren werden will, noch ein ganzes Stück näher.

Durch kleine Details schafft es Rammstedt auch neben der Frage: „Werden die Eltern zusammenfinden?“ spannungshebende Momente einzubauen. Wenn dem Leser Dinge verschwiegen werden, wenn große oder kleine Überraschungen eingebaut sind oder wenn neue Figuren ins Spiel kommen, dann will man dringend weiterlesen.

In achtundsechzig Kapiteln und einem mehr breitet sich das 223 Seiten und ein paar mehr lange Buch wohlig aus. Dabei erhält jedes Kapitel eine kurze Erklärung, die alles über das Kapitel sagt und gleichzeitig doch nichts.

Was wir bislang wissen:
Tilmann Rammstedt hat ein wunderbares Buch geschrieben. Ein kleines zartes, das trotzdem vor Brutalität und Zerstörung nicht zurückschreckt.
Ein Buch, das zum Nachdenken anregt, ohne traurig zu machen. Das manches ganz genau nimmt und manches lieber ungenau. Ein Buch, das eine Hommage an die Zeit ist und an das Leben. Auch an die Leben, die erst noch gelebt werden wollen.
„Da war Nacht und Paris und da waren all die Leben, die geführt wurden, als hätten sie das nötig, als wüssten sie nicht selbst den Weg.“

Was wir noch nicht wissen:
Warum „Morgen mehr“ nicht von so viel mehr Menschen gelesen wird. 4,5 Sterne

Tilman Rammstedt – Morgen mehr
Carl Hanser Verlag, 25. Juli 2016
ISBN 3446250964
228 Seiten
Gebunden; 20,00 Euro

Ransom Riggs – Die Insel der besonderen Kinder

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Die Insel. Die Kinder. Das Grauen. Bist du bereit für dieses Abenteuer?

Manche Großväter lesen ihren Enkeln Märchen vor – doch was Jacob von seinem hörte, war etwas ganz, ganz anderes: Abraham erzählte ihm von einer Insel, auf der merkwürdige Kinder mit besonderen Fähigkeiten leben – und von den Monstern, die auf der Suche nach ihnen sind. Inzwischen ist Jacob fast erwachsen und glaubt nicht mehr an die wunderbaren Schauergeschichten. Bis zu jenem Tag, an dem sein Großvater unter mysteriösen Umständen stirbt… (Klappentext)

Seit Jahren habe ich in Buchhandlungen auf das Buch mit dem alt anmutenden Cover gestarrt. Ab und zu nahm ich es in die Hand und betrachtete das ein oder andere Foto darin. Doch erst als ich viel Geld auf der Payback-Karte hatte und nicht wusste, was ich davon kaufen soll, griff ich zu.

Seit Jacob Portman sich erinnern kann, erzählt sein Großvater ihm Geschichten aus seiner Kindheit. Von der Insel. Von dem Kinderheim, das ein Paradies war. Von den Monstern, vor denen alle dort sicher waren. Von seinen Freunden, die schweben konnten, unsichtbar waren, in deren Bäuchen Bienen wohnten oder andere Besonderheiten hatten.
Doch es kam der Punkt in Jacobs Leben, da begriff er, dass es solche Menschen nicht gibt. Und Kinderheime auch keine Paradiese auf abgelegenen Inseln sind. Sein ganzes Leben wurde er von seinem Großvater belogen – die Geschichten wollte er nicht mehr hören. Doch im Tod flüsterte Grandpa Portman verworrene Worte. Worte, die Jacob nicht zuordnen kann. Vielleicht muss er die Insel bereisen, um alles zu verstehen…

Schon immer sind Menschen fasziniert von dem Andersartigen, von dem Besonderen. Nicht umsonst gab es Zirkusse mit außergewöhnlichen Menschen. Sogenannte Freakshows, die selbst heute noch Mittelpunkt in Filmen und Serien sind, wie in „American Horror Story – Freak Show“.
Und auch dieses Buch lebt von ebenjenen Besonderheiten. Die Geschichten von Abraham bannen den Leser, dabei ist zweitrangig, ob sie stimmen oder nicht. Ich wollte von immer neuen Kindern erfahren, immer mehr Fähigkeiten entdecken.
die-insel-der-besonderen-kinderZusätzlich überraschten und begeisterten die Fotos, die zuhauf im Buch vorhanden sind. Und als ich – im Anflug einer Ahnung – noch im ersten Drittel des Buches mal zu den allerletzten Seiten vorblätterte, steigerte sich meine Faszination: Es sind alles echte Bilder, von denen nur wenige bearbeitet wurden. All diese seltsamen Fotos wurde also vor vielen Jahrzehnten genau so geschossen. Immer öfter las ich die Seiten zwischen den Bildern schnell weg, um mich wieder erstaunen lassen zu können. Jedes Bild passte perfekt in die Geschichte. Und bei dem einen oder anderen merkte man, das die Geschichte extra zum Bild geschrieben wurde.

Ich war von der Spannung vor allem am Anfang des Buches total mitgerissen. Stimmen die Geschichten? Gibt es die Kinder? Wenn ja, kann Jacob sie noch treffen? Sie sind ja ebenso wie sein Großvater mittlerweile alt.
Und auch als die erste große Auflösung kam, wurde die Spannung nicht weniger. Ganz im Gegenteil. Neue Fragen wurden aufgeworfen, neue Antworten wollten erlesen werden.

Erst mit der Mitte des Buches flachte das große Interesse und die Spannung bei mir ab. Längen entstanden. Doch auch wenn ich sie registrierte, störten sie mich nicht groß. Ich las unbeirrt weiter, musste mich nicht durchquälen. Denn eine Flaute in der Geschichte war nie von Dauer. Bald wurde sie durch eine neue Wendung oder Überraschung gerettet.
Jacob machte es mir als Hauptfigur dabei leicht. Als Kind aus reichem Hause wollte er genau das nicht sein. Er war kein Schnösel, kein Frauenversteher oder Cliquenmagnet. Jacob ist ein unsicherer Junge mit Problemen und Nöten, die Jugendliche eben haben.
Trotzdem erwachte sein Entdeckergeist und seine Neugierde durch den Tod seines Großvaters, was mich als Leser mitriss.
Ich blieb an seiner Seite und wollte alles, was er sieht und erfährt, genau beschrieben bekommen.
Auch wenn er ganz klar die Hauptperson und der Ich-Erzähler des Buches war, gefielen mir die anderen Figuren. Dabei waren manche Personen vielschichtiger als andere. Aber allein aufgrund der schieren Masse der Personen, ist das für den Leser angenehmer, wenn er manche als oberflächliche Nebenfigur erfahren kann.

Die Sprache blieb vollkommen unauffällig. Dies passte aber allein deswegen perfekt zum Buch, als dass die Geschichte schon besonders genug ist. Eine ausgefallene Sprache hätte zu sehr vom Wesentlichen Ablenken können.

Und abgelenkt wollte ich nicht werden bei Jacobs Suche auf der düsteren, herbstlichen, rauen Insel nach ganz besonderen Kindern.

die-insel-der-besonderen-kinder_comicMir gefiel das Buch äußerst gut. Nur die Längen zum Ende hin, die die Spannung in Mitleidenschaft zogen, lassen das Buch für mich ein paar Punkte verlieren.
Nichtsdestotrotz ist der zweite Teil der Reihe schon bestellt und ich freue mich wahnsinnig, weiterlesen zu können.
Der erste Teil bekommt bis dahin erst einmal 4 Sterne von mir.

Doch nicht nur mir scheint das Buch gefallen zu haben. Mittlerweile wurde es auch als Comic aufgelegt und der Kinofilm läuft aktuell im Kino.

Ransom Riggs – Die Insel der besonderen Kinder
Originaltitel: Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children (Juni 2011)
Knaur Taschenbuch, 01. August 2013 (Gebundene Edition: November 2011)
ISBN 342651057X
416 Seiten
Taschenbuch; 12,99 Euro

Reihenfolge:
1. Die Insel der besonderen Kinder (Originaltitel: Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children)
2. Die Stadt der besonderen Kinder (Originaltitel: Hollow City)
3. Die Bibliothek der besonderen Kinder (Originaltitel: Library of Souls)

David Safier – Traumprinz

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Du findest keinen? Mal dir einen!

Welche Frau würde sich nicht gerne den perfekten Mann malen? Comiczeichnerin Nellie hat schlimmen Liebeskummer, da fällt ihr zufällig eine alte tibetische Zeichenkladde in die Hände. In diese zeichnet Nellie ihren Traumprinzen: stark, edel und dreitagebärtig. Als sie am nächsten Morgen aufwacht, hat der Prinz das Zeichenblatt verlassen und steht leibhaftig vor ihr. Mit Schwert und Kettenhemd. Gemeinsam mit dem ungestümen Prinzen namens Retro macht Nellie sich in Berlin auf die Suche nach dem Geheimnis der magischen Kladde. Dabei erlebt das ungleiche Paar jede Menge Abenteuer: Nellie und Retro kämpfen gegen Söldner und einen Chihuahua, sie fliehen vor der Polizei und stellen fest, dass böse Kräfte mit der Magie der Zeichenkladde die Welt zerstören wollen. Das größte Abenteuer jedoch, das die beiden zu bestehen haben, ist das der Liebe. (Klappentext)

David Safier steht für mich mit Büchern wie „Jesus liebt mich“, „Mieses Karma“ und dessen Nachfolger und „Happy Family“ für solide bis (sehr) gute Unterhaltung. Mit all seinen Büchern hatte ich bisher viel Spaß, aber keines war zu einem Lieblingsbuch avanciert.
Als ich vom Verlag nun gefragt wurde, ob ich Interesse am neuen Buch „Traumprinz“ hätte, sagte ich sofort ja. Selbst wenn da kein Lieblingsbuch bei rumkommt, freute ich mich auf gute Unterhaltung.

Dass man Dinge aus Büchern herauslesen kann, wissen wir alle spätestens seit „Tintenherz“, dass Gute-Nacht-Geschichten die Realität verändern können, wissen wir seit dem Film „Bedtime Stories“, aber dass Zeichnungen aus tibetischen Kladden real werden können, ist neu.
Was wiederum so gar nicht neu ist, ist die Suche nach dem Traummann.
Nellie hatte diese Suche schon fast aufgegeben, da traf sie Bendix. Alles schien perfekt, bis er ihr überraschend das Herz brach. Doch wo sie schon zufällig diese Kladde hat, da kann sie sich ja mal überlegen, wie ihr Traumprinz – so ganz theoretisch – aussehen und sein sollte. Dass der nun tatsächlich am nächsten Morgen vor ihr steht, war so nicht geplant. Doch er möchte gar nicht Nellies Traumprinz sein, er möchte einfach nur zurück in sein Reich.
Zusammen machen sie sich nun auf die Suche nach einem Rückweg und müssen dabei allerhand Gefahren überstehen.
traumprinzDas alles wurde von mit Zeichnungen von Oliver Kurth, die das Geschehen dann und wann illustrierten, unterstützt. Ungewöhnlich, detailreich und lustig waren sie allesamt.

Die Idee fand ich wundervoll. Ich konnte mich ganz und gar auf sie einlassen. Nichts störte mich an ihr. Ich habe kein Problem mit Magie in Büchern und auch die grundsätzlich abgedroschene Suche nach der wahren Liebe macht mir keine Bauchschmerzen. Solange alles frisch verpackt und spannend umgesetzt ist, kann ich davon immer wieder lesen.
Und spannend war es für mich ab der ersten Seite, die den Leser mitten ins Geschehen – also in diesem Fall mitten in eine Badewanne – schmeißt. Ich konnte es kaum abwarten, die nächste Seite umzublättern. Am liebsten hätte ich manches Mal die nächsten paar Seiten übersprungen, weil ich so schnell wie möglich wissen wollte, wie manches aufgelöst wird. Aber natürlich ist Überblättern für mich keine wirkliche Option. Aber ich wollte wissen, was Nellie wohl so alles zeichnen wird und ich wollte wissen, was aus Retro wird. Ich wollte wissen, ob er zurück in sein Königreich kehren kann und vor allem wollte ich wissen, ob Nellie ihre große Liebe finden wird. Vieles kam für mich überraschend und ich konnte bis zur Auflösung oft nicht absehen, wie manche Dinge ausgehen werden.

Was mich neben der Geschichte und der Spannung aber wohl am meisten begeistert hat, war Nellie selbst. Sie könnte mitten aus dem realen Leben genommen sein. Ich habe mich so sehr in ihrer Suche, in ihren Ansichten und ihrer Gratwanderung zwischen Realität und Fantasie wiederentdecken können. Und wo ich mich nicht wiederentdeckt habe, da konnte ich sie trotzdem verstehen und hätte sie am liebsten in den Arm genommen. Ich mochte sie einfach so gern.
Retro war naturgemäß ein wenig schwieriger zu mögen mit seinen strickten Meinungen und seiner altmodischen Art. Aber besonders war er allemal.

Das Gerüst aus Geschichte und Figuren wurde zusammengehalten von einer leichtfüßigen Sprache. Man wurde förmlich dazu eingeladen, immer schneller und immer mehr zu lesen, allein schon, weil es möglich war. Und dazu war sie noch unheimlich komisch. Oft musste ich lachen, hauptsächlich aufgrund Nellies trockener Art.

Ach wisst ihr, nichts hat mich an dem Buch gestört. Ich persönlich fand alles toll. Nellie, ihre Probleme, Retro, sein Wunsch nach Hause zurück zu kehren, die magische Kladde, die Sprache, der Humor. Alles mochte ich so unglaublich gern.
Aber ich verstehe es auch, wenn man das Buch nur so durchschnittlich findet. Das kann passieren, wenn man sich nicht so in die Figuren hineinversetzen und man Magie in Büchern auch nicht so richtig etwas abgewinnen kann. Wenn man Nellies Sorgen und Leid lächerlich findet, da so ein bisschen Liebeskummer ja nun kein Weltuntergang ist. Und wenn einem Retro viel zu retro ist. Wenn all das zusammenkommt beim Leser, dann findet man das Buch vielleicht nur ganz ok. Aber so ist es nunmal immer. Manchem gefällt ein Buch, der andere hasst es.
Aber viel wichtiger: ICH habe „Traumprinz“ geliebt. 5 Sterne

David Safier – Traumprinz
Kindler, 27. Oktober 2016
ISBN 3463406047
315 Seiten
Gebunden; 19,95 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

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