Magdalena Nirva – Magdalena 24h

»Ich war wie geschaffen dafür, das Objekt ihrer Begierde zu sein. Oft war es aber auch anders herum. Ich war der Jäger…«

Magdalena ist 24, Literaturstudentin und liebt Sex. Als sie nach ihrer gescheiterten Ehe mit ihrem Kind mittellos dasteht, wirft sie alle Bedenken beiseite und sagt sich: »Warum soll ich damit nicht auch Geld verdienen?« Um ihr Kind zu versorgen. Um die Universität abzuschließen. Um sich ein schöneres Leben leisten zu können. Auf der Suche nach neuer Liebe begegnet sie dem anziehenden Bad Boy Eagle. Die beiden beschliessen, ihrer Heimat Bulgarien den Rücken zu kehren und nach Wien zu gehen, wo sie als Callgirl viel Geld verdienen kann. Doch bald wird Eagle von seiner Vergangenheit eingeholt, und sie müssen Wien eilig verlassen. Und Magdalena gerät immer tiefer in Abhängigkeit zu Eagle, der sein ›goldenes Huhn‹ zunehmend rücksichtslos antreibt und eifersüchtig bewacht… (Klappentext)

Als mich Magdalena anschrieb, ob ich ihren biografischen Debütroman lesen möchte, war ich sofort begeistert. In das Milieu rund um Prostituierte und Escort-Damen werde ich persönlich nie hineinkommen. Auch wenn ich in Hamburg wohne, hat das Rotlicht-Viertel mit meinem Alltag nichts zu tun. Und gerade deswegen war ich gespannt auf ein paar Geschichten. Nachdem mir Magdalena in unserem E-Mail-Verkehr schnell sympathisch wurde, freute ich mich sehr auf das Buch und begann es direkt nach dem Erhalt zu lesen.
Das war im August.
Ich muss es sagen, wie es ist: Dieses Buch stürzte mich in eine tiefe Leseflaute.

Vielleicht ging ich mit den falschen Erwartungen an das Buch. Der Klappentext verspricht unter der Erklärung zum Inhalt „skurrile Begebenheiten und emotionale Verwirrungen“. Es wird gesagt, das Buch wäre „amüsant, berührend und unmoralisch“. Deswegen hoffte ich, dass es hauptsächlich aus kurzen Anekdoten bestehen wird. So, wie man es von vielen Büchern kennt. Viele verschiedene Männer, aufregende Geschichten und alles ein bisschen verbunden durch einen roten Faden.

Bekommen habe ich das Gegenteil. Magdalena rollt ihr Leben von der Kindheit an auf. All ihre Ex-Freunde werden ausgewalzt, ebenso wie ihre Probleme mit der Mutter und dem Ex-Mann. Natürlich verstehe ich, dass der Teil ihres Lebens wichtig ist, um zu verstehen, dass es kam, wie es kam. Aber selbst zum Ende hin, als sie im Milieu fest verankert war, wurden über Seiten ihre Kolleginnen und deren privaten Probleme beschrieben.
Ein paar Geschichten mit Freiern kamen natürlich drin vor. Für meine Erwartungen waren es jedoch zu wenig und Geschichten mit manchen Stammkunden zogen sich lang.
Vor allem fehlten einfach Einblicke in ihr Gefühlsleben. Sie ließ ihren Sohn in Bulgarien zurück, aber es fehlte der Schmerz einer Mutter. Sie war in einem fremden Land, aber die vollkommene Hilfslosigkeit wurde nur beschrieben und nicht gefühlt. Sie wird geschlagen und misshandelt, aber wie es ihrer Seele dabei geht, wird nicht gesagt.

Ich fand das Buch – anders als angepriesen – weder amüsant, noch berührend.
Alles war relativ plump niedergeschrieben. Für ein persönliches Gespräch wäre es so ok gewesen, aber für ein Buch war es zu wenig. Es fehlte ein klassisches „Buch-Feeling“. So gibt es beispielsweise rhetorische Fragen mitten im Text, die ungelenk wirken, wie ein eingestreutes: „Doch was ist das?“ (S. 256)

Durch die Mischung aus wenig leichtfüßiger Sprache und einer zu breitgetretenen Lebensgeschichte fehlte auch komplett die Spannung. Und auch mit dem Interesse war es bei mir nicht weit her. Tagelang, zwischendurch sogar wochenlang, zog es mich nicht zum Buch. Wäre der Weg von Bulgarien über Österreich nach Berlin knackig erzählt gewesen, wäre ich mehr dabei geblieben. Mich hätten mehr die Zustände beziehungsweise Termine in den Bordellen und Escort-Agenturen interessiert. Es muss einfach mehr Spannendes zu berichten geben, als hier aufgeschrieben wurde.

Die Freier sind unterschiedlicher Natur. Manche liebevoll, andere schüchtern und wieder andere eklig. Aber ich hatte mehr Skurrilität erhofft. Vor allem hätten die Geschichten pointierter erzählt werden können.

Ich war also inhaltlich wirklich nicht begeistert und dann kam auch noch dazu, dass ich die Buch-Magdalena, anders als die E-Mail-Magdalena, wirklich unsympathisch fand. Sie wirkte kalt, berechnend und arrogant auf der einen Seite und völlig irrational liebend auf der anderen. Immer wieder vielen Sätze, die vielleicht stimmten, aber einfach unsympathisch klangen: „Erst, seitdem ich dort die Drinks servierte, war es immer voll. […] Jedenfalls steigerte ich ganz schön den Umsatz.“ (S. 57); „Sie ist nicht die Frau, die ein Mann sofort haben will, wenn er sie sieht, so wie bei mir.“ (S. 245) oder „Ich bin vierundzwanzig, ich bin so jung, so hübsch […]“ (S. 310)

Insgesamt gab es ein paar nette Geschichten auf den 379 Seiten, aber ich wurde weder gefesselt, noch berührt oder zum Lachen gebracht. Es ist wirklich schade, ich hätte das Buch so gern gemocht.

Magdalena Nirva – Magdalena 24h
Independently published, 28. Juli 2017
ISBN 1521865701
379 Seiten
Taschenbuch; 15,90 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

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Dan Vyleta – Smoke

Stell dir vor, deine dunklen Gedanken könnten sichtbar werden…

England, Ende des 19. Jahrhunderts. Eine Welt, die von einem besonderen Phänomen geprägt ist: Jede Bosheit, Unaufrichtigkeit oder Lüge manifestiert sich als Rauch, der unkontrollierbar dem Körper entweicht. Nur Thomas und Charlie, Schüler eines Elite-Internats, wagen es, die Gesetze des Rauchs zu hinterfragen. Sie stoßen auf ein düsteres Komplott aus Willkür, Macht und Unterdrückung und müssen schon bald um ihr Leben fürchten… (Klappentext)

Eigentlich habe ich mir vorgenommen, keine Rezensionsexemplare mehr anzufordern, weil ich noch einige zuhause habe. Aber dann kam die Information zu „Smoke“ und ich konnte nicht widerstehen. Das Buch klang zu gut.

Die Idee ist einfach klasse. Böse Gedanken, Lügen, Neid, alles entströmt den Menschen als Rauch. Mal ist er dicker, mal dünner, mal heller, mal dunkler. Doch immer können die Mitmenschen ihn lesen wie Gedanken, die sich von einem Menschen in den anderen übertragen. Schlechte Dinge können nicht mehr verheimlicht werden. Doch der Rauch schafft auch eine Zweiteilung in der Gesellschaft. Die armen Menschen, die Arbeiter, rauchen. Die Reichen und Mächtigen zeichnen sich durch fast vollständige Rauchlosigkeit aus. Thomas und Charlie, Kinder aus reichem Hause, wohnen in einem Internat unter Ihresgleichen. Doch die Weihnachtsferien, die sie bei Thomas Familie verbringen, werden alles verändern. Wie sie den Rauch sehen, wie sie die obere Gesellschaft sehen, wie sie ihr Leben sehen.

Schnell ist man inmitten der Geschichte, schnell passieren große Dinge, schnell ist es langweilig.
„Smoke“ hat 618 Seiten und peitscht einen in der Zeit durch viele Gegebenheiten. Erst passiert einiges im Internat, dann im Weihnachtsurlaub und ab da wird es eigentlich erst richtig hektisch. Doch leider kommt dabei zu keiner Zeit Spannung auf. Und das ist wohl das Dramatischste an der ganzen Lektüre. Es gibt so viel zu sehen, so viel passiert und ich langweilte mich da so durch.
Klar, das Buch ist offiziell kein Thriller oder Krimi, wo das Thema Spannung ganz oben stehen würde, aber nicht mal der düstere Komplott, den der Klappentext verspricht, versprüht irgendeine Art von Gefahr oder Nervenkitzel.
Natürlich passieren schreckliche Dinge, gefährliche Sachen. Aber diese kommen so unvermittelt, dass sich vorher keine Spannung aufbaut und dann werden sie so sehr ausgewalzt, dass es das alles auch nicht besser macht.

Als das Beste empfand ich weiterhin die Grundidee an sich. Es animierte mich sogar in der Anfangszeit des Buches, ab und zu zu denken: „Wäre dieser Gedanke, dieses Wort, diese Tat nicht auch Rauch wert gewesen?“. „Smoke“ brachte mich also anfänglich wirklich zum Nachdenken.
Doch umso länger das Buch wurde, umso weniger reizvoll wurde die Thematik, denn sie entwickelte sich nicht. Es gab einige neue Erkenntnisse zum Rauch, aber es brachte weder die Figuren noch den Leser wirklich voran.
Und letztendlich bleiben die großen, essentiellen Fragen zum Rauch ungeklärt. Das enttäuschte mich.

Oft schafft ein Buch es ja, mich trotz wenig Spannung von sich zu überzeugen, wenn die Figuren und die Sprache mitreißend sind. Doch leider schneidet in diesem Bereichen „Smoke“ auch sehr schlecht ab.
Die Figuren waren alle schwer zu fassen. Besonders nah war man an den beiden Hauptfiguren, den Jugendlichen Thomas und Charlie, dran. Thomas ist hart und distanziert, doch Charlie ist offen, ehrlich, herzlich und gütig. Er ist also der Kandidat, den die Leser spontan am meisten mögen können. Doch Dan Vyleta schaffte es zielsicher, die einzige – für mich – sympathische Person im Laufe des Buches auch verkommen zu lassen. Die Nebenfiguren sind durch die Bank nicht der Rede wert. Gemein, verlogen, gefährlich, arrogant – Sympathie kam bei mir nie auf.
Zusätzlich schwierig war, dass das Buch zum größten Teil in der dritten Person geschrieben ist. Wenige Kapitel sind aus der Sicht einer Figur geschrieben – dann in der Ich-Form. Aber weder sind das ausschließlich die Hauptfiguren noch macht es die jeweilige Person sympathischer.

Sprachlich hat es mir das Buch noch schwerer gemacht. Unnötig verkomplizierte Satzkonstruktionen stören oft den Lesefluss. Beschreibungen der Umgebung sind überladen mit Aufzählungen.
Da viel passiert im Laufe der Geschichte, kommen unsere Hauptfiguren an viele verschiedene Orte, zum Beispiel ein Bergwerk. Vyleta scheint sich damit, aber auch mit anderen Dingen, sehr ausgiebig beschäftigt zu haben und nutzt vollumfänglich das jeweils passende Vokabular. Dass der Leser dabei nicht immer mit allem vertraut sein wird, scheint für den Autoren Nebensache zu sein. Klarer Fall von: Er hat sich sehr bemüht, alles perfekt zu beschreiben. Leider schlägt sich das negativ auf das Lesevergnügen nieder.

Ich habe fast zwei Monate für „Smoke“ gebraucht. Ich hatte es extra direkt nach dem Erhalt angefangen, um ein Rezensionsexemplar nicht lange liegen zu lassen. Doch dann wurde mir das Lesen so wahnsinnig schwer gemacht.
Gute Idee, aber langweilige Geschichte, unsympathische Figuren und kein flüssiger Schreibstil. Als würde das nicht schon reichen, wurden die drängendsten Fragen der Geschichte nicht beantwortet. Praktisch: Das Ende reihte sich perfekt in das enttäuschende Buch ein.
Allein wegen der guten Idee, gibt es .

Dan Vyleta – Smoke
Originaltitel: Smoke (Juli 2016)
carl’s books, 13. März 2017
ISBN: 3570585689
618 Seiten
Broschiert, 16,99 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

Tilman Rammstedt – Morgen mehr

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Sommer 1972. Das ganze Leben liegt noch vor dem Erzähler. Sein Problem ist nur: Er ist noch nicht geboren, seine zukünftigen Eltern kennen sich nicht einmal. Er muss sie also zusammenführen. Quer durch Europa, in Begleitung von einem Möchtegernganoven, zwei Frischverliebten und drei Männern im Pelz, die einem geheimnisvollen Koffer hinterherjagen. Dafür ist der längsze Tag aller Zeiten gerade lang genug. (Klappentext)

„Morgen mehr“ von Tilman Rammstedt – Ein Buch voller Wissen, Noch-nicht-wissen und allerhand dazwischen

Was wir bislang wissen:
Tilman Rammstedt ist mit seinem aktuellsten Roman einen relativ neuen Weg gegangen. Täglich veröffentlichte er ein paar Seiten des Buchs online. Leser, die ein Abonnement abgeschlossen hatten, lasen vom 11. Januar 2016 bis zum 08. April 2016 ein Kapitel. Und morgen gab es mehr. Doch sie durften nicht nur lesen, sie durften auf der eigens eingerichteten Website auch den vom Autoren eingelesenen Text hören und bei Bedarf kommentieren.

Da liegt ein Leben vollkommen ausgebreitet vor dem Erzähler und er weiß doch noch nicht, ob er es leben darf. Es ist der 30. Juni 1972 und er weiß schon alles. Er weiß wie sein Leben verlaufen wird, welche Fehler er machen, welche Küsse er verteilen wird. Selbst wie er sterben wird, weiß er schon ganz genau. Es gibt nur ein kleines Problem: Er ist noch nicht geboren und „Wenn man noch nicht geboren ist, hilft es einem leider herzlich wenig, alles schon zu wissen.“
Um überhaupt geboren werden zu können, muss der Erzähler aber noch eine ganz andere Hürde überwinden: Er muss es schaffen, seine Eltern zusammenzuführen, die sich noch gar nicht kennen. Und für das alles hat er genau 24 Stunden Zeit.

Wir wissen auch, dass diesem Buch dringend beim Lesen der Schutzumschlag abgenommen werden sollte. Nicht nur, damit er keine Knicke bekommt, sondern auch, damit der Leser die volle Farbenpracht des Einbandes genießen kann. Damit er so die Leichtigkeit sehen kann, die er beim Lesen noch spüren wird.

Was wir noch nicht wissen:
Es ist noch unklar, wie der Autor die Geschichte erzählen wird. Welche Figuren er dazuholt, in welcher Sprache er alles verpackt, mit welchen Besonderheiten er den Roman ausstattet, welche Bilder er im Kopf des Lesers kreiert.
Doch das alles soll kein Geheimnis bleiben.

Was wir nach dem Lesen wissen:
Nicht nur mit dem Vorab-Veröffentlichen ist Rammstedt einen neuen Weg gegangen, auch die Geschichte an sich ist etwas Neues, Individuelles. Ein Junge möchte dringend geboren werden. Er möchte endlich in dieses Leben hinein, das doch nur ihm passt, das nur für ihn gemacht ist. Um ihn bei dem Zusammenführen seiner Eltern zu begleiten, wird auf verschiedene Erzählweisen zurückgegriffen. Denn die Geschichte ist eng verknüpft mit einer Jagd nach einem Koffer quer durch Europa, an der sich ein Möchtegernganove, zwei Frischverliebte, drei Männer im Pelz und drei Personen, deren Leben von Abwesenheiten geprägt ist, beteiligen. Und was würde eine rasante und abwechslungsreiche Jagd besser beschreiben als ein rasantes und abwechslungsreiches Buch?
Es wird erzählt, es werden Interviews geführt, es werden verschiedene Personen beobachtet und vor allem werden Listen geführt. Vorrangig über Dinge, die man bislang weiß und Dinge, die man noch nicht weiß.

rammstedtWas wir ganz sicher wissen:
Die Eltern bekommen vom Erzähler die meiste Aufmerksamkeit. Das Herz des Vaters ist seit dreiundvierzig Tagen irreparabel gebrochen. Seine geliebte Claudia hat ihn verlassen und nun ist sein Gesichtsausdruck im Leiden eingerastet. Hunger stillt er mit Dosenravioli, Vermissen mit einem weiteren Gedicht über die Gegangene. Doch beides kann ihm nicht helfen. Da kommt es ihm nicht sehr ungelegen, als er erst verwechselt wird und dann mit vorgehaltener Waffe gezwungen wird mit dem Fremden in ein Auto zu steigen, um mit Betonschuhen in den Main geworfen zu werden.

Die Mutter hat auch jemanden verloren, doch leider für immer. Ihre Zwillingsschwester Eva ist gestorben und nun sind da plötzlich zwei Leben, die weitergelebt werden wollen. Und vor allem ist ein Tag dafür viel zu kurz. Alles muss doppelt gegessen, gemacht und geträumt werden. Doch das zweite Leben ist doch vollkommen neu für sie. Sie muss sich daran gewöhnen, es kennenlernen. Sie war doch immer nur der Gegensatz von Eva, immer nur die andere. Und nun muss sie plötzlich beides sein. Um dieses neue Leben kennenzulernen, hat sie jedoch einen guten Ansatzpunkt. Eva hat eine Liste mit 131 Punkten hinterlassen, die sie machen wollte: einfache Dinge, schwere Dinge, verrückte Dinge, ganz und gar unmögliche Dinge. Und damit sind es 131 perfekte Dinge für die Mutter. Und um dem Vermissen zu entfliehen kommt es ihr nicht sehr ungelegen, für den Punkt „Mit einem Franzosen schlafen“ nach Frankreich reisen zu müssen.

Beide Elternteile sind verletzlich und zerrissen und wirken – auch bei den schlechten Entscheidungen und falschen Abzweigungen – sympathisch und herzerwärmend. An keiner Stelle nerven sie oder verlangen dem Leser ein Augenrollen ab. Und manchmal möchte man ihnen zurufen: „Halte durch. Es wird bergauf gehen!“ oder wie der Erzähler sagt: „Es wird alles gut oder ein wenig gut oder zumindest weniger schlecht!“
Es sind zwei Personen, denen man das Glück wünscht. Am besten das gemeinsame.
Und auch die andere Figuren, die Ganoven, die Möchtegernganoven, die Frischverliebten oder das flüchtige Kind haben alle ihr glaubhaften Beweggründe. Ihre Sorgen und Ängste verkörpern sie ebenso glaubhaft wie die Eltern.

Die schwungvolle Geschichte fängt Rammstedt mit einer Sprache auf, die alles nicht hektisch werden lässt, sondern zur Ruhe kommen. Er spielt gekonnt mit der Sprache, lässt sie poetisch und humoristisch klingen, macht Wortspiele und lässt den Leser Floskeln in einem Wimpernschlag überdenken. Er schreibt leicht und schwer zugleich. Es werden Himmel wundgeguckt, wenn etwas eine Frage der Zeit ist, dann soll die Zeit sich gefälligst auch selber um die Antwort kümmern und wenn man nicht genau hinhört, dann hört man halt einfach daneben.
Die Sprache als „beschwingt melancholisch“ zu beschreiben, klingt das vielleicht zu gegensätzlich, um wahr zu sein und doch ist es genau richtig. Durch die Sprache, ja vor allem vielleicht hauptsächlich durch sie, geht das Buch nicht nur so zu Herzen, sondern macht auch wahnsinnig Spaß.

Dieses Ambivalente, dieses Schöne und dieses Traurige und dieses Leichte und dieses Schwere, das überträgt sich von der Sprache direkt in die Atmosphäre. Der Leser wird getragen und muss sich – auch durch die rasante Geschichte – durch keine Längen quälen. Und manchmal, wenn eine Ereigniskette durch ein neuerliches „und dann“ immer länger wird, dann hat man das Gefühl, die Geschichte direkt aus dem Mund eines Kindes zu hören. Immer dann ist einem der Junge, der doch endlich geboren werden will, noch ein ganzes Stück näher.

Durch kleine Details schafft es Rammstedt auch neben der Frage: „Werden die Eltern zusammenfinden?“ spannungshebende Momente einzubauen. Wenn dem Leser Dinge verschwiegen werden, wenn große oder kleine Überraschungen eingebaut sind oder wenn neue Figuren ins Spiel kommen, dann will man dringend weiterlesen.

In achtundsechzig Kapiteln und einem mehr breitet sich das 223 Seiten und ein paar mehr lange Buch wohlig aus. Dabei erhält jedes Kapitel eine kurze Erklärung, die alles über das Kapitel sagt und gleichzeitig doch nichts.

Was wir bislang wissen:
Tilmann Rammstedt hat ein wunderbares Buch geschrieben. Ein kleines zartes, das trotzdem vor Brutalität und Zerstörung nicht zurückschreckt.
Ein Buch, das zum Nachdenken anregt, ohne traurig zu machen. Das manches ganz genau nimmt und manches lieber ungenau. Ein Buch, das eine Hommage an die Zeit ist und an das Leben. Auch an die Leben, die erst noch gelebt werden wollen.
„Da war Nacht und Paris und da waren all die Leben, die geführt wurden, als hätten sie das nötig, als wüssten sie nicht selbst den Weg.“

Was wir noch nicht wissen:
Warum „Morgen mehr“ nicht von so viel mehr Menschen gelesen wird. 4,5 Sterne

Tilman Rammstedt – Morgen mehr
Carl Hanser Verlag, 25. Juli 2016
ISBN 3446250964
228 Seiten
Gebunden; 20,00 Euro

Ransom Riggs – Die Insel der besonderen Kinder

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Die Insel. Die Kinder. Das Grauen. Bist du bereit für dieses Abenteuer?

Manche Großväter lesen ihren Enkeln Märchen vor – doch was Jacob von seinem hörte, war etwas ganz, ganz anderes: Abraham erzählte ihm von einer Insel, auf der merkwürdige Kinder mit besonderen Fähigkeiten leben – und von den Monstern, die auf der Suche nach ihnen sind. Inzwischen ist Jacob fast erwachsen und glaubt nicht mehr an die wunderbaren Schauergeschichten. Bis zu jenem Tag, an dem sein Großvater unter mysteriösen Umständen stirbt… (Klappentext)

Seit Jahren habe ich in Buchhandlungen auf das Buch mit dem alt anmutenden Cover gestarrt. Ab und zu nahm ich es in die Hand und betrachtete das ein oder andere Foto darin. Doch erst als ich viel Geld auf der Payback-Karte hatte und nicht wusste, was ich davon kaufen soll, griff ich zu.

Seit Jacob Portman sich erinnern kann, erzählt sein Großvater ihm Geschichten aus seiner Kindheit. Von der Insel. Von dem Kinderheim, das ein Paradies war. Von den Monstern, vor denen alle dort sicher waren. Von seinen Freunden, die schweben konnten, unsichtbar waren, in deren Bäuchen Bienen wohnten oder andere Besonderheiten hatten.
Doch es kam der Punkt in Jacobs Leben, da begriff er, dass es solche Menschen nicht gibt. Und Kinderheime auch keine Paradiese auf abgelegenen Inseln sind. Sein ganzes Leben wurde er von seinem Großvater belogen – die Geschichten wollte er nicht mehr hören. Doch im Tod flüsterte Grandpa Portman verworrene Worte. Worte, die Jacob nicht zuordnen kann. Vielleicht muss er die Insel bereisen, um alles zu verstehen…

Schon immer sind Menschen fasziniert von dem Andersartigen, von dem Besonderen. Nicht umsonst gab es Zirkusse mit außergewöhnlichen Menschen. Sogenannte Freakshows, die selbst heute noch Mittelpunkt in Filmen und Serien sind, wie in „American Horror Story – Freak Show“.
Und auch dieses Buch lebt von ebenjenen Besonderheiten. Die Geschichten von Abraham bannen den Leser, dabei ist zweitrangig, ob sie stimmen oder nicht. Ich wollte von immer neuen Kindern erfahren, immer mehr Fähigkeiten entdecken.
die-insel-der-besonderen-kinderZusätzlich überraschten und begeisterten die Fotos, die zuhauf im Buch vorhanden sind. Und als ich – im Anflug einer Ahnung – noch im ersten Drittel des Buches mal zu den allerletzten Seiten vorblätterte, steigerte sich meine Faszination: Es sind alles echte Bilder, von denen nur wenige bearbeitet wurden. All diese seltsamen Fotos wurde also vor vielen Jahrzehnten genau so geschossen. Immer öfter las ich die Seiten zwischen den Bildern schnell weg, um mich wieder erstaunen lassen zu können. Jedes Bild passte perfekt in die Geschichte. Und bei dem einen oder anderen merkte man, das die Geschichte extra zum Bild geschrieben wurde.

Ich war von der Spannung vor allem am Anfang des Buches total mitgerissen. Stimmen die Geschichten? Gibt es die Kinder? Wenn ja, kann Jacob sie noch treffen? Sie sind ja ebenso wie sein Großvater mittlerweile alt.
Und auch als die erste große Auflösung kam, wurde die Spannung nicht weniger. Ganz im Gegenteil. Neue Fragen wurden aufgeworfen, neue Antworten wollten erlesen werden.

Erst mit der Mitte des Buches flachte das große Interesse und die Spannung bei mir ab. Längen entstanden. Doch auch wenn ich sie registrierte, störten sie mich nicht groß. Ich las unbeirrt weiter, musste mich nicht durchquälen. Denn eine Flaute in der Geschichte war nie von Dauer. Bald wurde sie durch eine neue Wendung oder Überraschung gerettet.
Jacob machte es mir als Hauptfigur dabei leicht. Als Kind aus reichem Hause wollte er genau das nicht sein. Er war kein Schnösel, kein Frauenversteher oder Cliquenmagnet. Jacob ist ein unsicherer Junge mit Problemen und Nöten, die Jugendliche eben haben.
Trotzdem erwachte sein Entdeckergeist und seine Neugierde durch den Tod seines Großvaters, was mich als Leser mitriss.
Ich blieb an seiner Seite und wollte alles, was er sieht und erfährt, genau beschrieben bekommen.
Auch wenn er ganz klar die Hauptperson und der Ich-Erzähler des Buches war, gefielen mir die anderen Figuren. Dabei waren manche Personen vielschichtiger als andere. Aber allein aufgrund der schieren Masse der Personen, ist das für den Leser angenehmer, wenn er manche als oberflächliche Nebenfigur erfahren kann.

Die Sprache blieb vollkommen unauffällig. Dies passte aber allein deswegen perfekt zum Buch, als dass die Geschichte schon besonders genug ist. Eine ausgefallene Sprache hätte zu sehr vom Wesentlichen Ablenken können.

Und abgelenkt wollte ich nicht werden bei Jacobs Suche auf der düsteren, herbstlichen, rauen Insel nach ganz besonderen Kindern.

die-insel-der-besonderen-kinder_comicMir gefiel das Buch äußerst gut. Nur die Längen zum Ende hin, die die Spannung in Mitleidenschaft zogen, lassen das Buch für mich ein paar Punkte verlieren.
Nichtsdestotrotz ist der zweite Teil der Reihe schon bestellt und ich freue mich wahnsinnig, weiterlesen zu können.
Der erste Teil bekommt bis dahin erst einmal 4 Sterne von mir.

Doch nicht nur mir scheint das Buch gefallen zu haben. Mittlerweile wurde es auch als Comic aufgelegt und der Kinofilm läuft aktuell im Kino.

Ransom Riggs – Die Insel der besonderen Kinder
Originaltitel: Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children (Juni 2011)
Knaur Taschenbuch, 01. August 2013 (Gebundene Edition: November 2011)
ISBN 342651057X
416 Seiten
Taschenbuch; 12,99 Euro

Reihenfolge:
1. Die Insel der besonderen Kinder (Originaltitel: Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children)
2. Die Stadt der besonderen Kinder (Originaltitel: Hollow City)
3. Die Bibliothek der besonderen Kinder (Originaltitel: Library of Souls)

David Safier – Traumprinz

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Du findest keinen? Mal dir einen!

Welche Frau würde sich nicht gerne den perfekten Mann malen? Comiczeichnerin Nellie hat schlimmen Liebeskummer, da fällt ihr zufällig eine alte tibetische Zeichenkladde in die Hände. In diese zeichnet Nellie ihren Traumprinzen: stark, edel und dreitagebärtig. Als sie am nächsten Morgen aufwacht, hat der Prinz das Zeichenblatt verlassen und steht leibhaftig vor ihr. Mit Schwert und Kettenhemd. Gemeinsam mit dem ungestümen Prinzen namens Retro macht Nellie sich in Berlin auf die Suche nach dem Geheimnis der magischen Kladde. Dabei erlebt das ungleiche Paar jede Menge Abenteuer: Nellie und Retro kämpfen gegen Söldner und einen Chihuahua, sie fliehen vor der Polizei und stellen fest, dass böse Kräfte mit der Magie der Zeichenkladde die Welt zerstören wollen. Das größte Abenteuer jedoch, das die beiden zu bestehen haben, ist das der Liebe. (Klappentext)

David Safier steht für mich mit Büchern wie „Jesus liebt mich“, „Mieses Karma“ und dessen Nachfolger und „Happy Family“ für solide bis (sehr) gute Unterhaltung. Mit all seinen Büchern hatte ich bisher viel Spaß, aber keines war zu einem Lieblingsbuch avanciert.
Als ich vom Verlag nun gefragt wurde, ob ich Interesse am neuen Buch „Traumprinz“ hätte, sagte ich sofort ja. Selbst wenn da kein Lieblingsbuch bei rumkommt, freute ich mich auf gute Unterhaltung.

Dass man Dinge aus Büchern herauslesen kann, wissen wir alle spätestens seit „Tintenherz“, dass Gute-Nacht-Geschichten die Realität verändern können, wissen wir seit dem Film „Bedtime Stories“, aber dass Zeichnungen aus tibetischen Kladden real werden können, ist neu.
Was wiederum so gar nicht neu ist, ist die Suche nach dem Traummann.
Nellie hatte diese Suche schon fast aufgegeben, da traf sie Bendix. Alles schien perfekt, bis er ihr überraschend das Herz brach. Doch wo sie schon zufällig diese Kladde hat, da kann sie sich ja mal überlegen, wie ihr Traumprinz – so ganz theoretisch – aussehen und sein sollte. Dass der nun tatsächlich am nächsten Morgen vor ihr steht, war so nicht geplant. Doch er möchte gar nicht Nellies Traumprinz sein, er möchte einfach nur zurück in sein Reich.
Zusammen machen sie sich nun auf die Suche nach einem Rückweg und müssen dabei allerhand Gefahren überstehen.
traumprinzDas alles wurde von mit Zeichnungen von Oliver Kurth, die das Geschehen dann und wann illustrierten, unterstützt. Ungewöhnlich, detailreich und lustig waren sie allesamt.

Die Idee fand ich wundervoll. Ich konnte mich ganz und gar auf sie einlassen. Nichts störte mich an ihr. Ich habe kein Problem mit Magie in Büchern und auch die grundsätzlich abgedroschene Suche nach der wahren Liebe macht mir keine Bauchschmerzen. Solange alles frisch verpackt und spannend umgesetzt ist, kann ich davon immer wieder lesen.
Und spannend war es für mich ab der ersten Seite, die den Leser mitten ins Geschehen – also in diesem Fall mitten in eine Badewanne – schmeißt. Ich konnte es kaum abwarten, die nächste Seite umzublättern. Am liebsten hätte ich manches Mal die nächsten paar Seiten übersprungen, weil ich so schnell wie möglich wissen wollte, wie manches aufgelöst wird. Aber natürlich ist Überblättern für mich keine wirkliche Option. Aber ich wollte wissen, was Nellie wohl so alles zeichnen wird und ich wollte wissen, was aus Retro wird. Ich wollte wissen, ob er zurück in sein Königreich kehren kann und vor allem wollte ich wissen, ob Nellie ihre große Liebe finden wird. Vieles kam für mich überraschend und ich konnte bis zur Auflösung oft nicht absehen, wie manche Dinge ausgehen werden.

Was mich neben der Geschichte und der Spannung aber wohl am meisten begeistert hat, war Nellie selbst. Sie könnte mitten aus dem realen Leben genommen sein. Ich habe mich so sehr in ihrer Suche, in ihren Ansichten und ihrer Gratwanderung zwischen Realität und Fantasie wiederentdecken können. Und wo ich mich nicht wiederentdeckt habe, da konnte ich sie trotzdem verstehen und hätte sie am liebsten in den Arm genommen. Ich mochte sie einfach so gern.
Retro war naturgemäß ein wenig schwieriger zu mögen mit seinen strickten Meinungen und seiner altmodischen Art. Aber besonders war er allemal.

Das Gerüst aus Geschichte und Figuren wurde zusammengehalten von einer leichtfüßigen Sprache. Man wurde förmlich dazu eingeladen, immer schneller und immer mehr zu lesen, allein schon, weil es möglich war. Und dazu war sie noch unheimlich komisch. Oft musste ich lachen, hauptsächlich aufgrund Nellies trockener Art.

Ach wisst ihr, nichts hat mich an dem Buch gestört. Ich persönlich fand alles toll. Nellie, ihre Probleme, Retro, sein Wunsch nach Hause zurück zu kehren, die magische Kladde, die Sprache, der Humor. Alles mochte ich so unglaublich gern.
Aber ich verstehe es auch, wenn man das Buch nur so durchschnittlich findet. Das kann passieren, wenn man sich nicht so in die Figuren hineinversetzen und man Magie in Büchern auch nicht so richtig etwas abgewinnen kann. Wenn man Nellies Sorgen und Leid lächerlich findet, da so ein bisschen Liebeskummer ja nun kein Weltuntergang ist. Und wenn einem Retro viel zu retro ist. Wenn all das zusammenkommt beim Leser, dann findet man das Buch vielleicht nur ganz ok. Aber so ist es nunmal immer. Manchem gefällt ein Buch, der andere hasst es.
Aber viel wichtiger: ICH habe „Traumprinz“ geliebt. 5 Sterne

David Safier – Traumprinz
Kindler, 27. Oktober 2016
ISBN 3463406047
315 Seiten
Gebunden; 19,95 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

Astrid Schilcher – Frühstücksei à la Goethe mit Metamorphosen

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Wie lebt man ein Leben, wenn man alle sieben Jahre eine neue Chance bekommt? Seit ihrem einundzwanzigsten Lebensjahr wird eine junge Frau von mysteriösen Metamorphosen heimgesucht, aus denen sie in einem neuen Körper und konstant verjüngt erwacht. Von der CIA gejagt, findet sie verstörende Antworten auf ihre Herkunftsfrage und trifft auf mächtige Cyborgs, die ihr eine schwere Bürde auferlegen: die Entscheidung über die Kontrolle der Menschheit, um sie vor sich selbst zu retten. Drei Metamorphosen lang hat sie Bedenkzeit und ringt sich am Ende zu einer Entscheidung durch, welche die Welt ein für alle Mal verändert… (Klappentext)

Ich habe mich sehr darüber gefreut, als Astrid Schilcher anfragte, ob ich ihr Buch „Frühstücksei à la Goethe mit Metamorphosen“ lesen möchte, denn das Thema klang wirklich interessant.

Und diese Idee fand ich beim Lesen immer noch toll. Alle sieben Jahre wacht die junge Frau als jemand anderes auf, sieht anders aus, heißt anders. Wie soll man da Konstanten ins Leben bekommen? Und kann man Dinge ohne Konsequenzen machen, wenn man bald eh nicht mehr gefunden werden kann?

Dies ist auch der Grund, warum ich hoffte, der erzählerische Fokus würde auf den Metamorphosen und den entsprechenden Leben, die ja immerhin sieben Jahre – und damit gar nicht mal so kurz – dauern. Da das Buch mit 176 Seiten relativ kurz ist, war schon davon auszugehen, dass nicht alles weitreichend ausgeschmückt sein wird, aber ich fand es oft definitiv zu kurz. Wenn die neuen Leben in ein oder zwei kurzen Kapiteln abgehandelt wurden, flogen Namen, Aussehen, Ereignisse nur so an mir vorbei. Sieben Jahre als eine Person und ich als Leser habe die gar nicht wirklich wahrgenommen.
Die Frage nach der Herkunft und die Jagd durch die CIA nahm auch einen großen Teil des Buches ein. Gerade Zweiteres ist generell in keinem Buch mein Lieblingsthema, aber dafür kann die Autorin ja nichts. Daher konnte mich aber keine Spannung packen, auch wenn mich interessierte, woher die Metamorphosen kamen. Ich wurde nicht zum Weiterlesen „gezwungen“.

Leider hat mir die Umsetzung der grundsätzlich interessanten Geschichte auch aus mehreren Gründen nicht wirklich gefallen.

Ich mag es, wenn ich mit Personen mitfühlen kann. Die junge Frau in diesem Buch schaffte es nicht. Gerade durch die wechselnden Leben fand ich den Charakter und die Seele wichtig, die ja immer gleich bleiben. So richtig kam beides jedoch nicht durch. Ich bekam den Kern der Person einfach nicht zu fassen. Sie bleibt distanziert, zu unterkühlt.
Damit war ich auch nie berührt, egal wie dramatisch das Geschehen gerade war.

Die Sprache strengte mich am gesamten Buch jedoch am meisten an.
Die Autorin ist Österreicherin und für meine deutschen Ohren sind bestimmte Ausdrücke und Wortzusammenstellungen immer so ungewöhnlich, dass ich aus dem Lesefluss gerissen werde. Aber das ist ja im Prinzip mein Problem und nicht das von Astrid Schilcher. Wie es jedoch häufig bei Debütromanen ist, merkte man in dem unbedingten Willen, variabel zu schreiben, eine bestimmte Steifheit. Der Wunsch nach Synonymen brachte manches Mal seltsame Konstruktionen hervor, wie „prustende Lacheruptionen“ (S. 74).
Die Geschichte begann im Jahr 1948 und ich war mir nie sicher, ob nur dadurch die Sprache vor allem zu Beginn des Buches sehr altbacken wirkte: „Ich querte die Murbrücke, fand besagte Gaststätte und gab mich den Gaumenfreuden eines vortrefflich zubereiteten Mahls hin […]“ (S. 23). Auch wenn es zu der Zeit sicherlich passte, mochte ich es nicht. Ich hatte immer die Hoffnung, dass die Autorin die Sprache ebenso wie die Zeit voranschreiten lässt, moderner werden lässt. Tatsächlich passierte das, aber so richtig modern wurde es trotzdem nie. Ein zweiter Grund, warum ich oft ein wenig aus dem Lesefluss gerissen wurde.

Und noch etwas, was mich oft irritierte: Ich bin wirklich nicht dumm, aber bei diesem Buch fühlte ich mich ab und zu so. Es gab viele Hinweise auf Musiker, Maler, Künstler im allgemeinen. Die meisten kannte ich, verstand ich, manchmal blieb ich aber fragend zurück: „Was würden Philip Marlowe oder Mike Hammer an meiner Stelle tun? Obwohl ich Chandler und Spillane nur in homöopathischen Dosen genossen hatte […]“ (S. 52).

Ich bin auch nach dem Beenden des Buches von der Idee immer noch begeistert. Ich hätte sie nur gern mehr ausgeführt gesehen. Intensiver beschrieben. Näher dran, sodass ich mitfühlen kann.
Die Autorin hat aber auf jeden Fall Potenzial und wenn mehr Erfahrung beim Schreiben dazu kommt, könnten ihre nächsten Bücher auf jeden Fall einen Blick wert sein.
Dieses hier bekommt aufgrund der Kritikpunkte erst einmal 2,5 Sterne von mir.

Astrid Schilcher – Frühstücksei à la Goethe mit Metamorphosen
Books on Demand, 07. Januar 2016
ISBN 3739221186
176 Seiten
Taschenbuch; 12,90 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

Maria Semple – Wo steckst du, Bernadette?

Semple_Wo steckst du Bernadette

Bernadette Fox ist berüchtigt. In Fachkreisen gilt sie als Stararchitektin mit revolutionären Ideen. Ihr Ehemann Elgie, der neue Hoffnungsträger bei Microsoft, liebt sie für ihren Witz. Und für ihre verrückten Ideen. Und irgendwie auch für ihre Launen. Und manchmal sogar für ihre quälenden Ängste. Die anderen Mütter halten Bernadette allerdings für eine Nervensäge. Durchgeknallt. Verantwortungslos. Schließlich beschäftigt sie online eine indische Assistentin, die ihren Alltag für sie regelt. Zum Stundensatz von 0,75 Dollar bucht Manjula Kapoor Familienurlaube, reserviert den Tisch im Restaurant und erledigt mal eben die Bankgeschäfte. Und für ihre 15-jährige Bee, die kleine Streberin, ist Bernadette, na ja, eine Mutter. Bee kennt ja keine andere. Doch dann verschwindet Bernadette auf einmal…
(Inhaltszusammenfassung im Buch)

Es ist fast ein Jahr her, da habe ich dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten. Doch andere Bücher hatten immer eine höhere Priorität. Im Juli entschied ich mich dann doch endlich, es mal anzufangen. Dann kam die Prüfungsphase und ich hatte keine Zeit mehr. Das Buch lag ein paar Wochen, nachdem ich in den Anfang so schnell hineingefunden hatte. Nachdem ich es nun weiterlas, dauerte das Beenden nicht lange.

Die Grundgeschichte an sich ist nicht sonderlich neu und besonders. Aber die Figuren sind es.

Bernadette Fox, ihr Mann Elgie Branch und ihre Tochter Bee leben in einer ehemaligen Mädchenerziehungsanstalt, die mittlerweile ziemlich heruntergekommen ist. Nicht nur deswegen ist der Ruf der Familie nicht der beste. Elgie ist selten da und dann steht er auch noch voll und ganz hinter den seltsamen Verhaltensweisen seiner Frau. Und diese gefallen den Nachbarn und den Müttern von Bees Mitschülern ganz und gar nicht. Bernadette redet nämlich nicht mit ihnen, hält sich von Schulaktivitäten fern und wirkt auch ansonsten nicht sehr herzlich. Immerhin lässt sie ihr krankes Kind in einer Bruchbude wohnen. Und dann lässt sie Manjula auch noch ihren kompletten Alltag planen. Zum Beispiel die Reise, die die Familie auf Bees Wunsch hin antreten will – in die Antarktis…

Bis das titelgebende Ereignis eintritt, sind schon gut zwei Drittel des Buches vorbei. Und in diesen zwei Dritteln lernt man das Leben von Bernadettes Familie sehr genau kennen. Immer wieder taucht man in die Vergangenheit ein, um die Charaktere voll erfassen zu können. Vor allem, um zu verstehen, warum Bernadette so verschroben und seltsam ist.

Die Geschichte kann man dabei vor allem über E-Mails, Briefe, Krankenakten und handschriftliche Zettel verfolgen. Allein durch die Kürze vieler dieser Schriftstücke liest sich das Buch schnell und wirkt rasant. Immer neue Entwicklungen aus den Perspektiven verschiedener Leute. Zusammengehalten werden diese Einzelteile von Bees übergreifender Erzählung.

Für mich persönlich schafften diese kurzen Briefe auch die Spannung. Es ging immer weiter, aber nur die wichtigsten Dinge wurden mitgeteilt. Trotz des Austausches zwischen zwei Buchfiguren war man mitten in der Geschichte. Auch die Figuren mit all ihren Besonderheiten waren spannend. Ich wollte entdecken und aufdecken, auf das Verschwinden zusteuern.
Doch umso weiter die Geschichte voranschritt, umso länger wurden die Briefe. Die verschiedenen Schichten der Figuren waren auch relativ schnell aufgedeckt. Man hörte immer wieder von denselben Charakteristiken, nur durch andere Menschen. Vor allem die Skurrilitäten von Bernadette waren am Ende immer dieselben. Verschiedene Menschen brachten nur ähnliche Beispiele, um alles zu untermauern.
Das Verschwinden von ihr brachte dann noch einmal ein wenig Schwung in die Geschichte und auch die Spannung stieg wieder. Nun wollte ich doch wissen, wo sie war und wie sie so einfach spurlos verschwinden konnte.

Ich mochte die 15-jährige Bee sehr gern, doch alle Erwachsenen in ihren Umfeld – Eltern wie Nachbarn – waren anstrengend. So besonders und individuell die Charaktere auch waren, sympathisch waren sie nicht. Vor allem durch die ungewöhnlichen Eigenschaften ist es schwer, sich in sie hineinzuversetzen.

Insgesamt macht das Ungewöhnliche den Reiz des ganzen Buches aus. Doch spätestens nach der Hälfte scheint alles entdeckt und erklärt. Dann lässt auch die Spannung nach, die erst zum Schluss noch einmal aufkommt.
Ich musste zwar weder wirklich lachen, noch war ich tief berührt, aber ich fühlte mich sehr wohl mit dem Buch. 3,5 Sterne

Maria Semple – Wo steckst du, Bernadette?
Originaltitel: Where’d You Go, Bernadette (2012)
btb Verlag, 12. Januar 2015
ISBN 3442748518
384 Seiten
Taschenbuch; 9,99 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

Hans Rath – Und Gott sprach: Du musst mir helfen!

Rath_Und Gott sprach Du musst mir helfen

«Du sollst den Menschen die frohe Botschaft verkünden.»
«Vergiss es, Abel. Sie werden mir nicht zuhören.»
«Sag ihnen, wenn sie dir blöd kommen, komme ich mit der Apokalypse.»

Die Welt ist schlecht. Das muss Jakob Jakobi am eigenen Leib erfahren, als er ausgerechnet auf dem Weihnachtsmarkt von zwei Typen in Nikolausverkleidung bestohlen wird. Aber nicht nur im Kleinen, auch im Großen muss dringend was passieren auf der Erde. Sagt wer? Ein alter Bekannter Jakobs: Gott persönlich. Der taucht in Gestalt des Lebenskünstlers Abel Baumann auf und wirft erst mal Jakobs Winterurlaubspläne über den Haufen. Und nicht nur das: Diesmal ernennt Gott seinen Extherapeuten kurzerhand zum neuen Messias. Eine kleine Schar etwas zwielichtiger Apostel gesellt sich auch bald dazu – doch Jakob zweifelt sehr daran, dass das mit der Weltrettung so funktioniert. Und wo soll man überhaupt anfangen? (Klappentext)

Ich habe mich so wahnsinnig gefreut, als mein Freund mich mit dem zweiten Teil („Und Gott sprach: Der Teufel ist auch nur ein Mensch!“) und diesem dritten Teil der Jakob-Jakobi-Reihe überraschte. Als ich vor über zwei Jahren den ersten Teil („Und Gott sprach: Wir müssen reden!“) gelesen hatte, fand ich das Buch so toll und wollte endlich die Reihe weiterlesen.
Ich habe die letzten beiden Bücher nun direkt hintereinander gelesen.

Als ich anfing, den zweiten Teil zu lesen, hatte ich erst gemerkt, wie sehr ich Jakob und Abel vermisst hatte. Deswegen hatte ich wirklich Respekt, dieses letzte Buch zu lesen. Doch wie schon in der Reihe um Dr. Paul Schuberth hat es Hans Rath mir einfach gemacht, die Reihe und die Figuren am Ende loszulassen, indem er die Spannung und Story unheimlich drosselte.

Nachdem Jakob im ersten Buch Abel kennenlernte, der der Meinung war, Gott zu sein und im zweiten Buch dann Anton, der sagte, er sei der Teufel, gibt es im letzten Teil die große Auflösung: Abel ist tatsächlich Gott. Bis zuletzt gab es Momente des Zweifels, doch nun kann auch Jakob es nicht mehr leugnen. Und jetzt soll er im göttlichen Plan auch noch eine große Rolle spielen: Er soll der neue Messias werden. Dazu gesellen sich bald auch ein paar gescheiterte Exitenzen dazu. Doch so leicht ist helfen gar nicht. Wo anfangen? Und wie legal muss das alles eigentlich bleiben?

Prinzipiell kann die Geschichte sicherlich spannend sein, ich empfand es jedoch nicht so. Mir ganz persönlich gefiel an den ersten beiden Büchern das Spiel zwischen den Figuren besonders gut. Das entfällt hier quasi ganz und es wird mehr auf die Entwicklung der Geschichte Wert gelegt. Dabei wurde die Messiasgeschichte sicherlich weitreichend abgehandelt, aber viel mehr gab es links und rechts auch nicht. Es wurde alles relativ linear abgehandelt. Und insgesamt gefiel mir dieses „Die Welt muss besser werden!“-Konzept nicht. So in echt ist es eine tolle Sache, klar. Zum Lesen war mir das zu langweilig, zu sehr mit erhobenem Zeigefinger.

Nachdem Abel im zweiten Teil nur eine sehr untergeordnete Rolle spielte, ist er hier endlich wieder richtig da und darüber freute ich mich auch sehr. Doch leider war es nicht mehr der alte Abel. Er war verändert und gefiel mir damit leider nicht mehr. Der komplette Charme war auf der Strecke geblieben. Nun fühlte es sich mehr nach Gott an und nicht mehr nach dem melancholischen Zirkusclown aus dem ersten Teil.
Auch die paar neuen Figuren, die dazu kamen, nervten mich alle mehr oder weniger. Niemanden mochte ich so richtig, mit niemandem konnte oder wollte ich mich identifizieren.
Nur Jakob fand ich immer noch ziemlich gut. Zumindest anfänglich. Dann veränderte auch er sich in eine seltsame Richtung und das war mir dann auch nichts mehr. Er wurde mir zu weich und verlor dadurch seine charmante Rauheit.

Geschrieben war es immer noch klasse und auch der Humor war spitz und sarkastisch.
Insgesamt mochte ich die Jakob-Jakobi-Reihe sehr, aber der letzte Teil ist im Gegensatz zu den ersten beiden ziemlich abgeschlagen.
Trotzdem war es für die Reihe wichtig, auch dieses letzte Buch zu lesen. Gefallen hat es mir aber nur bedingt: 3 Sterne.

Hans Rath – Und Gott sprach: Du musst mir helfen!
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 29. Oktober 2015
ISBN 3805250924
283 Seiten
Broschiert; 4,99 Euro

Reihenfolge der Bücher:
1. Und Gott sprach: Wir müssen reden!
2. Und Gott sprach: Der Teufel ist auch nur ein Mensch!
3. Und Gott sprach: Du musst mir helfen!

Rath_Und Gott sprach wir müssen reden Rath_ Und Gott sprach Der Teufel ist auch nur ein Mensch Rath_Und Gott sprach Du musst mir helfen

Hans Rath – Und Gott sprach: Der Teufel ist auch nur ein Mensch!

Rath_ Und Gott sprach Der Teufel ist auch nur ein Mensch

Immer Ärger mit dem Höllenfürsten
Psychotherapeut Jakob Jakobi bekommt ungebetenen Besuch von einem Kerl namens Anton Auerbach. Der möchte nichts Geringeres als Jakobs Seele kaufen, denn seit Jakobs Begegnung mit Gott ist diese Seele besonders wertvoll. Für wen? Für den Teufel natürlich. Und genau der behauptet Auerbach zu sein. Jakob ist genervt. Und denkt weder daran, seine Seele zu verkaufen, noch, «Toni» für voll zu nehmen. Doch der vermeintliche Teufel hat das eine oder andere Ass im Ärmel. Mehr und mehr wird Jakobs Leben zur Hölle. Da wäre es wirklich gut, Gottes Beistand zu bekommen… (Klappentext)

Ich habe mich wahnsinnig gefreut, dass mein Freund mir Teil 2 und Teil 3 der Jakob-Jakobi-Reihe geschenkt hat. Nachdem mir damals „Und Gott sprach: Wir müssen reden!“ so gut gefallen hat, begann ich gleich zu lesen.

Die Geschichte unterscheidet sich in der Grundkonstellation nicht sehr vom ersten Teil. Der Psychotherapeut Jakob bekommt Besuch von jemandem, der offensichtlich eine Persönlichkeitsstörung hat. Oder wahlweise tatsächlich der ist, für den er sich ausgibt: Gott oder Teufel.
Die Geschichte gefiel mir – trotz Innovationsschwäche – wieder sehr gut. Und auch die Umsetzung blieb toll. Dieses Mal gab es auch mehr Nebenstories und der Fokus lag nicht so ausschließlich auf den beiden Hauptpersonen, wie noch im Serienauftakt.

Das Buch spielt drei Jahre nach dem ersten Teil. Auch wenn man nicht mehr alle Details der ersten Geschichte im Kopf hat, ist das kein Problem. Geschickt wurden alle wichtigen Figuren und Ereignisse noch einmal eingebunden.

Spannungstechnisch war das natürlich kein Buch, das den Puls in die Höhe schießt. Die Frage, ob Jakob tatsächlich seine Seele verkaufen wird, war nicht nervenaufreibend. Aber so war das auch sicher nicht geplant.
Das Interesse blieb trotzdem stetig weit oben. Ist Anton wirklich der Teufel? Was passiert, wenn er eine Seele kauft? Kommt Gott noch ins Spiel? Was passiert mit allen anderen Personen?

Wie schon im ersten Teil mochte ich Jakob sehr gern. Er ist lieb, aber auch trocken und sarkastisch und gerade deswegen zum Gernhaben.
Auch die anderen Figuren waren alles richtige Charaktere, die mit verschiedenen Eigenschaften und Persönlichkeiten ausgestattet waren. Keiner blieb blass oder oberflächlich.

Wieder fühlte ich mich pudelwohl in dem Buch. Es gab weder große Schenkelklopfer, noch große Spannung oder große Gefühle oder eine vollkommen neue Geschichte. Aber man konnte sich zurücklehnen, durch die Seiten fliegen, sich wohlfühlen, Spaß haben und auch ab und zu zum Nachdenken angeregt werden.

Weil eben manches fehlt, aber ich das Buch trotzdem unglaublich gern mag und mich schon auf den dritten Teil freue, gibt es 4 Sterne.

Hans Rath – Und Gott sprach: Der Teufel ist auch nur ein Mensch!
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 29. Oktober 2015 (Broschierte Variante: 26. September 2014 als „Manchmal ist der Teufel auch nur ein Mensch“)
ISBN 3499268604
286 Seiten
Taschenbuch; 9,99 Euro

Reihenfolge der Bücher:
1. Und Gott sprach: Wir müssen reden!
2. Und Gott sprach: Der Teufel ist auch nur ein Mensch!
3. Und Gott sprach: Du musst mir helfen!

Rath_Und Gott sprach wir müssen reden Rath_ Und Gott sprach Der Teufel ist auch nur ein Mensch Rath_Und Gott sprach Du musst mir helfen

Susan Crawford – Sie muss sterben

Crawford_Sie muss sterben

Dana erwacht mit pochenden Kopfschmerzen. Von draußen blitzen Lichter durchs Fenster. Polizei und Notärzte blockieren die Straße. Ihre Nachbarin Celia ist tot – ermordet. Und Dana war nur wenige Stunden vorher bei ihr. Die beiden Frauen hatten ein paar Gläser Wein getrunken – und sich gestritten. Doch daran kann Dana sich nicht erinnern. Auch nicht, wie sie zurück nach Hause gekommen ist. Panisch versucht sie, die Ereignisse zu rekonstruieren und Celias Geheimnisse zu entschlüsseln. Doch das merkwürdige Verhalten ihres Mannes und die bohrenden Fragen von Detective Jack Moss erschweren ihre Suche nach Antworten. Als Drohbriefe in ihrer eigenen Handschrift auftauchen, beginnt Dana selbst an ihrer Unschuld zu zweifeln… (Text der Titelklappe)

Aufgrund des Titels freute ich mich auf einen richtig schönen Thriller. Oder zumindest einen Krimi. Doch so richtig wurde es keins von beidem.
Man steigt mitten ins Geschehen ein. Gerade, als Dana erwacht. Ihre Nachbarin ist tot und das Letzte, woran Dana sich erinnern kann, ist, dass sie ein paar Stunden zuvor noch bei ihr war. Und die beiden hatten einen schrecklichen Streit. Sie weiß nicht, ob sie Celia vielleicht ermordet hat.

Man startet also in eine Geschichte, in der einem die Mörderin schon präsentiert wird. Doch es tauchen immer mehr Menschen mit Motiven auf. Sie alle hätten ihre Gründe, Celia tot sehen zu wollen. Es folgt eine detektivische Kleinstarbeit, um herauszufinden, wer der Mörder ist.

Doch um zu dieser Kleinstarbeit zu gelangen, muss man sich durch die erste Hälfte des Buches quälen. Vor allem, da einem von der ersten Seite an ein potenzieller Schuldiger gezeigt wirkt, hält sich das Interesse zum Weiterlesen in Grenzen.
Man ist zwar tatsächlich sofort im Fall, dann ist aber erst einmal Stillstand. In allen Details werden die Innenleben von Dana und Detective Moss dargestellt. Es wird sich in all ihren Problemen verloren, die zum Teil so wenig mit dem Fall an sich zu tun haben.
Für den einen mag es interessant sein, Dana dabei zu beobachten, wie sie sich selber immer mehr misstraut und dem Wahnsinn verfällt. Mich irritierte das ständige Fragen, ob die jeweilige Situation wirklich passiert oder es nur ihren Gedanken entspringt, sehr.

In der zweiten Hälfte zieht das Tempo dann an und es kommt tatsächlich so etwas wie Spannung auf. Zu dieser Zeit hatte das Buch jedoch schon zu viel Boden verloren, als dass mein Interesse noch so richtig geweckt wurde.

Überhaupt fand ich die Story in weiten Teilen sehr konstruiert. Die Protagonisten sprangen auf Kleinigkeiten an, machten aus Minimalhinweisen ganz sichere Fakten. In der Realität wäre die eine oder andere Kausalkette so sicherlich nicht zustande gekommen.

Leider mochte ich auch keine der Figuren so wirklich. Dana war mir zu problembeladen und undurchsichtig. Die Nebenfiguren hatten zu wenig Platz, als dass man sich mit ihnen identifizieren könnte.
Nur Detective Moss war recht sympathisch. Aber so richtig ans Herz wachsen konnte er mir auch nicht.

Das Ende konnte mich dann aber doch noch einmal überraschen, dafür lohnte es sich jedoch auch nicht, sich durch das Buch zu langweilen.
Vor allem, da das Ende auch schon 300 Seiten zuvor eingetroffen wäre, wenn das pathologische Labor alle Informationen weitergegeben hätte.
Es wirkte, als hätte die Autorin keine Ahnung gehabt, wie sie den Mörder auffliegen lassen soll und so wurde auf schlampige Polizeiarbeit zurückgegriffen.

Überhaupt wirkte die ganze Polizeiarbeit seltsam schlampig. Alle Zeugen mussten mehrfach aufs Revier kommen, um dann nach fünf Fragen wieder gehen zu können.
Es wirkte ein bisschen an der Realität vorbei geschrieben.

Sprachlich machte das Buch leider auch nicht so richtig Spaß. Sie wirkte schwerfällig und altbacken. War damit der Geschichte aber ebenbürtig.

Insgesamt war „Sie muss sterben“ kein feinfühliges Buch. Alles war irgendwie mit dem Holzhammer geschrieben. Die Geschichte konstruiert, die Hinweise oftmals eigentlich nicht so bemerkenswert, wie die Figuren sie wahrgenommen haben.
Nur weil die zweite Buchhälfte ein bisschen anzog und tatsächlich so etwas wie Interesse aufkommen konnte, bekommt „Sie muss sterben“ 2,5 Sterne.

Susan Crawford – Sie muss sterben
Originaltitel: The Pocket Wife (Juli 2015)
Diana Verlag, 8. September 2015
ISBN 3453291697
399 Seiten
Broschiert; 14,99 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

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