Neil Gaiman – Der Ozean am Ende der Straße

Sussex, England. Ein Mann kehrt in seinen Heimatort zurück. Wie durch Magie zieht es ihn zu der Farm am Ende der Straße. Dort ist ihm damals ein bemerkenswertes Mädchen begegnet: Lettie Hempstock. Der Mann hat seit Jahrzehnten nicht mehr an sie gedacht. Doch nun, als er an dem Teich sitzt, der angeblich ein Ozean sein soll, kehren die Erinnerungen wieder zurück. Erinnerungen an eine Welt, in der Menschen nichts zu suchen haben. Und in der etwas Böses lauert, das seine Finger nach ihm ausstreckt … (Klappentext)

Mit dem Namen Neil Gaiman verband ich nur ein vages Gefühl. Ein bisschen düster, atmosphärisch, fantastisch. Und doch zog mich dieses Buch in der Flughafenbuchhandlung magisch an. Vielleicht hatte da ja Lettie ihre Finger im Spiel…

Ein Mann kommt von einer Beerdigung, doch anstatt weiterhin mit seiner Familie zusammenzusitzen, fährt er ziellos umher – und landet beim Haus am Ende der Landstraße. Das Haus, in dem seine Freundin Lettie früher wohnte. Ihre Mutter ist so freundlich, ihn zum Teich hinter dem Haus gehen zu lassen. Und als er da so sitzt, fällt ihm alles wieder ein. Wie das war, als der Opalschürfer Untermieter bei seinen Eltern wurde und wie er sein Ende fand und was dieses Ende alles in Gang setzte. Dinge, die die Vorstellungskraft eines damals Siebenjährigen weit übertreffen. Dinge, die jedermanns Vorstellungskraft weit übertreffen.

Dieses Buch ist sehr besonders. Es fängt schon damit an, dass der Mann in dem Buch nie einen Namen bekommt. Und man auch nichts über sein heutiges Leben erfährt. Es geht einzig und allein um ein paar entscheidende Wochen in seiner Kindheit. Als in seinem Dorf plötzlich so viel passiert und nur Letties Familie helfen kann.

Ich war auch gar kein großer Fan des Mannes. Er war nicht unsympathisch, weder als Erwachsener noch als Kind, doch eben auch nicht so richtig sympathisch. Für mich lebte das Buch von Lettie, ihrer Mutter, Großmutter und der Magie, die diese drei Frauen umgibt. Am liebsten hätte ich noch so viel mehr über sie erfahren, aus ihrer Vergangenheit, von ihrer Zukunft.
Doch auch die Vorkommnisse, von denen man liest, sind ungewöhnlich, unvorstellbar, bringen ein unwohles Gefühl und lassen nicht los.

Ich wollte immer weiter lesen – und gucken. Denn nachdem das Buch 2014 erstmals auf Deutsch erschienen ist, kam 2021 eine illustrierte Ausgabe heraus. Elise Hurst hat mit über 100 Tuschezeichnungen der Geschichte ein Gesicht gegeben.

Es ist wahnsinnig schwer, über das Buch zu reden, ohne zu spoilern. Es lebt neben der Geschichte, die interessant und besonders ist, auch sehr von der düsteren, nebligen Atmosphäre und den Figuren. Vor allem von den Frauen der Familie Hempstock, die mich alle berührt und amüsiert haben und die ich deswegen sehr in mein Herz geschlossen habe.

Es war wirklich schön, dieses Buch zu lesen. Diese andere Welt zu kennenzulernen. Diese übernatürlichen Phänomene zu entdecken. Diese speziellen Ideen zu erfahren.
Mir fehlte jedoch etwas Spannung und ich bin kein großer Fan des Endes. Und auch emotional wurde ich nur bedingt abgeholt.
Ich bin trotzdem sehr froh, das Buch in meinem Regal zu haben, denn es ist ein kleiner Schatz.

Neil Gaiman – Der Ozean am Ende der Straße
Originaltitel: The Ocean at the End of the Lane (Juni 2013)
Eichborn, 30. April 2021 (erschien erstmals 2014 auf Deutsch)
ISBN 3847900714
336 Seiten
Gebunden; 24,00 Euro

Walter Moers – Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär

[Werbung]

Die halben Lebenserinnerungen eines Seebärem – ein niversum für sich! Käpt’n Blaubär entführt die Leser in eine Welt der Phantasie: auf den Kontinent Zamonien, wo Intelligenz eine übertragbare Krankheit ist und all jene Wesen hausen, die aus unserem täglichen Leben verbannt sind. Eine aufregende Reise durch ein märchenhaftes Reich, in dem alles möglich ist – nur nicht die Langeweile! (Klappentext)

2008 oder 2009 habe ich als erstes Buch von Walter Moers „Die Stadt der Träumenden Bücher“ gelesen und sofort geliebt. So etwas hatte ich noch nie gelesen. Da überlegte ich nicht lange und kaufte den Start seiner Zamonienbücher gleich hinterher. Immerhin handelt er auch von dem blauen Bären, dessen kurze Geschichten am Ende von der Sendung mit der Maus zu meiner Kindheit gehören wie zu anderen das Sandmännchen. Doch es mussten erst 12 Jahre vergehen, bis ich „Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär“ las.

Der alte Seebär beginnt ganz klein. In einer Nussschale trieb er auf dem offenen Meer, als ihn die Zwergpiraten fanden und aufnahmen. Doch dieses kleine Bärchen wurde bald ein stattlicher Bär. Und da er die Zwergpiraten dann deutlich überragte, musste er ans Land und so begann sein zweites Leben. Das bei den Klabautergeistern. Von hier sollten noch allerhand Leben, Abenteuer und Gefahren auf ihn warten. Er trifft Freunde und Feinde, hat Erfolg und Misserfolg, erlebt Niederlagen und Siege.

Blaubär ist, wie gesagt, aus meiner Kindheit nicht wegzudenken. Umso dankbarer bin ich, dass auch die literarische Vorlage freundlich, liebenswürdig und sympathisch ist. Ich war gern an seiner Seite, als er von einem Leben in das andere tapst und dabei Zamonien kennenlernt.
Der fantastische Kontinent Zamonien findet in diesem Buch seinen Anfang und sollte danach in so vielen weiteren Moers-Büchern eine Rolle spielen. Ich selber habe ja mit dem vierten Zamonien-Buch begonnen, doch mit diesem hier zu beginnen wäre deutlich schlauer gewesen. Dank eines Lexikons in Blaubärs Kopf erfährt auch der Leser immer mehr über den Kontinent, seine Bewohner und Wunder. Es ist unglaublich, wie viel Fantasie in diesem Buch steckt. Wie viele Details sich Walter Moers erdacht hat. Wie viel Liebe in diesem Kontinent steckt.

Doch genau diese Fantasie ermüdete mich manchmal.
Es gibt recht häufig auch Aufzählungen über der verschiedensten Gegenstände, Jobs, Wesen oder andere Dinge. Diese Aufzählungen sind lang, mit jedem neuen Wort scheint sich Moers noch einmal selber übertrumpfen zu wollen. Das macht die ersten Male Spaß, doch irgendwann überflog ich diese Stellen. Durch so etwas wird das Buch künstlich aufgebläht. Manchmal gab es nicht nur bloße Begriffe, sondern längere Erklärungen zu den einzelnen Dingen: Doch die waren eigentlich vollkommen irrelevant für die Story.

Apropos Story: Ich finde die Idee total toll und es ist, als würde man 13 (einhalb) abgeschlossene Kurzgeschichten lesen. Sie bedingen sich gegenseitig und eine führt zur anderen, Figuren kehren wieder, aber an sich ist so ein Leben doch auserzählt. Vor allem anfangs musste ich häufig lachen.
Problematisch: So richtig spannend fand ich das meistens nicht. Innerhalb eines Lebens passierte manchmal recht wenig, manchmal ziemlich viel. Gerade die ersten paar Leben waren einfach lustig, niedlich, fantasievoll – aber auch ein bisschen flach. Erst so ab der Hälfte zog die Spannung deutlich an.

Alles in allem bin ich zwiegespalten:
Es gibt so viel, was ich genial fand. Ich liebe den Bären und Walter Moers hat so besondere (Neben-)Charaktere geschaffen. Das Buch strotzt nur so vor Fantasie und legt einen tollen Grundstein für alle weiteren Zamonien-Bücher. Wie auch in anderen Büchern hat Moers eigenständig wahnsinnig viel illustriert und seiner Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes ein Gesicht gegeben. Dieses Buch ist und bleibt etwas ganz Besonderes.
Im Gegensatz dazu ermüdete mich die schiere Übermacht der fantastischen Elemente manchmal. Moers zog die Schraube immer noch eine Drehung weiter an, setzte noch einen drauf. Dazu fand ich manche Leben manchmal zu ausschweifend erzählt, dafür dass doch recht wenig passierte.

Ich wollte das Buch so gern lieben. So richtig doll, wie „Die Stadt der Träumenden Bücher“. Doch am Ende habe ich fast einen Monat für die 700 Seiten gebraucht. Das bloße „Aneinanderreihen“ all dieser fantastischen Elemente hat mir dann doch nicht gereicht.

Walter Moers – Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär
Goldmann, 01. Dezember 2002
ISBN 344245381X
703 Seiten
Taschenbuch; 10,00 Euro

Reihenfolge der Bücher:
1. Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär
2. Ensel & Krete
3. Rumo & die Wunder im Dunkeln
4. Die Stadt der Träumenden Bücher
5. Der Schrecksenmeister
6. Das Labyrinth der Träumenden Bücher
7. Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr
8. Der Bücherdrache
9. Das Schloss der träumenden Bücher

Viel mehr Infos zu Walter Moers, seinen weiteren Büchern und vor allem zu der richtigen Reihenfolge findet ihr auf Webseite Reihenfolge.org. Mittlerweile sind dort Bücherserien von mehr als 1.500 Autoren zu finden..

S. A. Hunt – Die Hexenjägerin – Der Zirkel der Nacht

Robin Martine ist ein YouTube-Star – ihrem Kanal »Malus Domestica« folgen Tausende, die Robin für ihre erschreckend realistischen Hexenjagd-Videos feiern. Doch was niemand ahnt: Robins Videos sind nicht inszeniert – sie sind real! Die junge Hexenjäger-Punkerin reist mit ihrem Lieferwagen durchs Land, um den Hexenzirkel auszulöschen, der für den Tod ihrer Mutter verantwortlich ist. Aber als Robin ihrem Ziel so nah wie nie ist, erkennt sie, dass die wahre Bedrohung von jemand anderem ausgeht: dem dämonischen Roten Lord, dessen Ankunft die Hexen preisen und der enger mit Robins Familiengeschichte verbunden scheint, als ihr lieb ist … (Klappentext)

Die Hexen der jüngeren Zeit haben ja kaum noch etwas gemeinsam mit denen von früher. Mit den alten, bösartigen Wesen, die Kinder fressen und in Kessel rühren.
Doch genau solche Hexen hat S. A. Hunt hier wieder geschaffen: Hexen, die mit Blut gefüllte Früchte essen und bis zum Tode kämpfen. Vor allem für Zweites ist Robin Martine verantwortlich. Um Rache für den Tod ihrer Mutter zu üben, reist sie durch Amerika und sucht und tötet Hexen. Ihr Reisen und ihre Kämpfe nimmt sie mit der Kamera auf und konnte sich so auf YouTube schon eine beträchtliche Reichweite und Fangemeinde aufbauen.
Doch als sie zurück in ihre Heimatstadt kommt, um sich einem besonders gefährlichen Hexenzirkel zu stellen, gesellen sich plötzlich alte und neue Bekannte an ihre Seite. Gemeinsam müssen sie allerhand Geheimnisse aufdecken, die in der beschaulichen Kleinstadt verborgen liegen.

Ich mag die Grundidee wirklich richtig gern und fand die Kombi aus diesen alten, magischen Frauen und den Videos spannend. Außerdem ließ sich das Buch gut lesen und auch wenn es nicht wirklich Wendungen oder Überraschungen gab, wurden doch allerhand Baustellen aufgemacht, mit denen ich aufgrund des Klappentextes noch nicht gerechnet hatte.
Doch so bitter es ist. Das sind schon alle positiven Aspekte. Der Rest ist eine Aneinanderreihung von Dingen, die mich gelangweilt, genervt oder richtig gestört haben.

Mit Robin wurde ich leider überhaupt nicht warm. Einerseits war sie immer so tough, problembeladen und distanziert und andererseits hat sie allerhand Unsicherheiten.
Mit all den anderen Figuren, wie Leon und Wayne, das Vater-Sohn-Duo, das in Robins altes Elternhaus gezogen ist, konnte ich mehr anfangen.

Dazu wurden ständig neue Baustellen in der Geschichte aufgemacht, aber irgendwie passierte trotzdem seltsam wenig. Vor allem wurde vieles in diesem Band einfach überhaupt nicht aufgelöst und geklärt. Es schien als hätte S. A. Hunt in dem Auftakt-Band ihrer Trilogie einfach sehr, sehr viel Atem geholt.
Auch das YouTube-Thema war nicht so präsent, wie ich erwartet hatte. Noch schlimmer war aber, dass es nur im ersten Kapitel einen Hexenkampf gab. Bei dem ging es auch wirklich hart zur Sache und ich verstand, warum in dem Begleitschreiben vor physischer und psychischer Gewalt gewarnt wurde. Doch dabei blieb es dann für das restliche Buch.

An vielen Stellen war das Buch dann wirklich langweilig. Beschreibungen von Orten und Wegen waren viel zu ausgedehnt und brachten die Story kein Stück voran. Dabei waren Stellen, die relevant gewesen wären, entweder zu schnell abgehandelt oder die Dinge passierten mit dem Vorschlaghammer. Jemand hatte einen Verdacht und der bestätigte sich sofort. Oder es gab Gedankengänge, die sich viel zu schnell und eigentlich unlogisch ergaben.

Das Buch ließ sich, wie bereits oben gesagt, gut und flüssig lesen, doch die Sprache war häufig derb und vulgär. Das war nicht meins.

Was mich aber an dem Buch wirklich irritierte, war der Hautfarbenaspekt. Es wurde immer wieder auf die Hautfarben der Leute eingegangen. Als der junge Wayne das erste Mal in seine neue Schule kam, erörterte der Erzähler, wie viele Schwarze, Asiaten und Mexikaner es gibt. Doch am Schlimmsten war, dass eine der Hexen Waynes schwarzen Vater mit dem N-Wort bezeichnete und eine Seite später von einem Löffel aus Hitlers Nachlass, in den ein Hakenkreuz graviert ist, isst. Es hatte absolut keine Bewandtnis für das Buch, das die alte Frau offensichtlich einen Nazi-Einschlag hatte. Es kam nur an dieser einen Stelle vor. Vollkommen unnötig und daneben.

Insgesamt hat mich das Buch also enttäuscht. Bis auf eine gute Idee mit ein paar netten Figuren und einer flüssigen Schreibweise war nix zu holen.

S. A. Hunt – Die Hexenjägerin – Der Zirkel der Nacht
Originaltitel: Malus Domestica – Burn the Dark (Januar 2020)
Blanvalet, 19. April 2021
ISBN 3734162904
361 Seiten
Broschiert; 15,00 Euro

Reihenfolge der Bücher:
1. Die Hexenjägerin – Der Zirkel der Nacht – Originaltitel: Malus Domestica – Burn the Dark
2. Die Hexenjägerin – Der Zirkel des Blutes – Originaltitel: Malus Domestica – I Come with knives
3. Die Hexenjägerin – Der Zirkel der Hölle – Originaltitel: Malus Domestica – The Hellion

Matt Haig – Wie man die Zeit anhält

»Die erste Regel lautet: Du darfst dich niemals verlieben. Niemals.«

Tom Hazard sieht aus wie vierzig, doch in Wirklichkeit ist er über 400 Jahre alt. Eines war er über die Jahrhunderte hinweg immer: einsam. Denn zu große Nähe zu anderen Menschen wäre lebensgefährlich gewesen. Niemand durfte von seinem Geheimnis wissen. Jetzt aber tritt Camille in sein Leben. Und damit verändert sich alles. (Klappentext)

Schon länger empfiehlt mir eine Freundin Matt Haig, jetzt habe ich mein erstes Buch von ihm in einer Leserunde mit meiner besten Freundin gelesen. Und ich sage es vorab: Es war ein Kracher.

Tom altert langsam. Es vergehen 10 bis 15 Jahre bis er ein Jahr älter aussieht. Was manchen wie ein Segen erscheint, wird ganz schnell zu einem Fluch. Das musste Tom schon früh erkennen, denn er wurde im 16. Jahrhundert geboren und es war der Höhepunkt der Hexenverfolgung. Zu der Zeit war es nicht von Vorteil, wenn die Leute bemerkten, dass man nicht altert. Doch all die Gefahren dieses speziellen Lebens waren fast gänzlich ausgelöscht als Tom von Hendrich in die Albatros-Gesellschaft aufgenommen wird. Die Mitglieder sind wie Tom und sie alle wechseln im Acht-Jahres-Rhythmus ihren Wohnort, ihre Identität, ihr Leben. Denn nur so kann garantiert werden, dass ihre Veranlagung nicht auffliegt.
Seinen neuesten Lebensabschnitt möchte Tom in London als Lehrer verbringen. Doch die Umgebung schleudert ihn immer wieder gedanklich sehr weit zurück in die Vergangenheit.

Dieses Buch dreht sich einzig und allein um Tom und seine über 400 Lebensjahre. Mit der Sympathie zu ihm steht und fällt das Gefühl zum Buch. Umso besser, dass ich Tom sehr mochte. Dabei ist er gar nicht von Grund auf eine liebenswürdige Person. Er ist vorsichtig und distanziert, denn er hat Dinge erlebt, die kann und will man sich gar nicht vorstellen. Und trotz der Albatros-Gesellschaft an seiner Seite ist er stetig auf der Hut aus Angst, entdeckt zu werden, etwas Verdächtiges zu sagen, aufzufallen.
Tom war trotz seines unwirklichen Lebens aber absolut greifbar und authentisch.

Neben der Hauptstory im heutigen London springt man relativ ungeordnet in der Vergangenheit von Tom hin und her. Man erfährt von seiner Kindheit in Frankreich, seinen Jugendjahren im britischen Suffolk, erlebt ihn beim Lieben und Leiden, beim Altern und Reisen. Das Geschichtswissen, das dabei mit in das Buch fließt, ist ebenso einfach wie interessant dargestellt.
Ich fand es vor allem spannend, wie Haig es gelungen ist, die unterschiedliche Bedeutung von Zeit greifbar zu machen. Tom beschäftigen Dinge, die hunderte Jahre zurückliegen noch sehr aktiv. Vieles ist ihm ständig präsent. Menschen, die er Jahrhunderte nicht gesehen hat, sind ihm noch immer nah. Es ist, als würde das Leben der Albas – also den Albatrossen, im Gegensatz zu den normalen Menschen – anders verlaufen. Langsamer. Auf eine seltsame Art vielfältiger und kontinuierlicher zugleich.

Generell kommen hier tiefgründige und philosophische Themen, vor allem in Bezug auf Zeit und den Sinn eines (langen) Lebens, nicht zu kurz. Ich beschäftigte mich beim Lesen häufig mit den Fragen und fand Hoffnung zwischen den Zeilen. Denn wir alle werden nicht so lange wie Tom leben. Wir werden viel verpassen. Entwicklungen, Entdeckungen, das Leben unserer Nachkommen. Aber vielleicht ist das nicht so tragisch, wie es sich manchmal anfühlt.

In unserer Leserunde hatten wir mit 30 Seiten am Tag ein recht geringes Lesepensum, aber die Seiten sind täglich nur so dahingeflogen. Das Buch liest sich wahnsinnig schnell und man kann es sich zwischen den Seiten so richtig gemütlich machen. Es ist absolut nicht gradlinig und trotzdem weder anstrengend noch kompliziert.

Ganz am Ende hätte ich für ein paar Kleinigkeiten gern noch mehr Erklärungen gehabt. Das ein oder andere Verhalten von Figuren überrumpelte mich und war auch nicht glaubwürdig. Einigen Sachen hätte sich Matt Haig gern noch in ein paar Kapiteln widmen können. Ich glaube aber auch, dass das Gefühl aus dem sehr intensiven Lesen und Besprechen aufgrund der Leserunde kommt. Für mich allein hätte ich da noch eher drüber hinweggelesen.
Trotzdem hatte ich sehr viel Spaß mit diesem besonderen Buch.

Matt Haig – Wie man die Zeit anhält
Originaltitel: How To Stop Time (Dezember 2017)
dtv, 25. Oktober 2019
ISBN 342321810X
383 Seiten
Taschenbuch; 10,95 Euro

Veronica Roth – Die Erwählten

Einst retteten sie die Welt und wurden zu Helden. Doch ihre Welt ist nicht die Einzige, die Helden braucht…

Sloane, Matt, Esther, Ines und Albie – sie wurden auserwählt, die Welt vor einer übernatürlichen Macht zu retten. Und tatsächlich gelingt es den Erwählten, nach einem Kampf, der ihnen alles abverlangt, den mächtigen dunklen Feind zu besiegen. Sie werden als Helden gefeiert, doch die seelischen Wunden, die sie während des Kampfes erlitten haben, sind tief.

Am 10. Jahrestag ihres Sieges geschieht das Unfassbare: Einer von ihnen stirbt auf tragische Weise, die anderen werden in eine alternative Welt katapultiert. Diese ist der ihren sehr ähnlich, nur, dass die Magie dort allgegenwärtig ist. Sie finden heraus, dass sie die dunkle Macht keineswegs besiegt haben. Wieder müssen sie kämpfen, doch dieses Mal machen sie eine Entdeckung, die alles, was sie zu wissen glaubten, infrage stellt. (Klappentext)

„Die Erwählten“ beginnt dort, wo andere Bücher enden. Der Dunkle ist besiegt, die Welt ist gerettet. Die fünf ehemals jugendlichen Helden sind erwachsen geworden und haben aus ihrem Ruhm Verschiedenes gemacht. Doch auch zehn Jahre später sind sie alle immer noch verbunden. Immer noch Freunde. Eine Gruppe. Sie haben Grausames zusammen erlebt. Niemand ist körperlich oder seelisch unversehrt aus dem Kampf herausgekommen. Und nun scheint sich die Geschichte zu wiederholen.

Ich habe zwei Monate an dem Buch gelesen. Denn es beginnt wahnsinnig langsam. Selten habe ich so eine gemächliche Einführung in ein Buch gelesen, dass mit 571 Seiten ja auch nicht gerade dünn ist.
Ich hatte bewusst beim Lesestart nicht noch einmal den Klappentext gelesen, sondern wollte mich überraschen lassen. Ich begleitete Sloane, Matt, Esther, Ines und Albie also auf Gala-Veranstaltungen, Einweihungen von Denkmälern, erfuhr etwas von er Vergangenheit und den Kampf mit dem Dunklen. Las von der Magie, der sie sich über verschiedene Objekte zu eigen machen mussten. Kam hierhin und dorthin – und verstand nicht, worauf das Buch hinauswill. Es wurde zäh. Nichts schien so wirklich voranzugehen.

Es fühlte sich an als wäre da ein gewisses Potenzial an Spannung, doch über ihm lag eine dicke Schicht undurchdringlicher Nebel, der alles erdrückte. Ich musste durch viele leere Worte waten, um irgendetwas zu entdecken. Zäh, drückend, mühsam.

Lange steckte ich dann richtig fest. Ich hatte bereits 160 Seiten gelesen und wollte irgendwie nicht weiterlesen. An diesem Punkt las ich den Klappentext, um zu erfahren, worum es noch gehen wird. Die magische Welt interessierte mich dann doch wieder und ich las weiter – lange musste ich auch nicht mehr warten. Doch hier hatte das Buch schon zu viel Boden verloren.

Die Parallelwelt war dann leider auch nicht so spannend und ungewöhnlich, wie ich gehofft hatte. Die neue Gefahr war nicht so alles verschlingend, wie ich gedacht habe.
Es wurde besser, ja. Ich las die restlichen 400 Seiten dann in wenigen Tagen. Aber auch, weil ich es mir fest vorgenommen hatten. Aus sich heraus hätte es das Buch wohl immer noch nicht wirklich geschafft.

Das, was zentral für das Buch war, waren die Figuren und ihre tragische Vergangenheit. Leider ist die Hauptperson, an der man dran ist, Sloane. Sie ist distanziert, zickig, bissig und kühl. Ich habe nicht verstanden, warum die anderen mit ihr befreundet waren – das hat ja nicht mal Sloane selber verstanden.
Die anderen vier Freunde wurden so deutlich zu Nebenfiguren degradiert, dass ich zu ihnen ebenfalls keine Verbindung aufbauen konnte. Sie blieben blass und nur oberflächlich greifbar.

Ich hatte mich vorab so sehr auf das Buch gefreut. Endlich mal eine Fantasy-Geschichte, bei der die Figuren erwachsen sind. Aber Veronica Roth hat für meinen Geschmack leider kaum etwas richtig gemacht. Schon damit angefangen, dass die Figuren zwar Ende zwanzig, Anfang dreißig waren, man es aber nie merkte. Vom Verhalten her hätten sie alle locker zehn Jahre jünger sein können. Und schon war es doch wieder Jugendfantasy.
Die Spannung blieb auf der Strecke, die Bindung zu den Figuren auch. Die Wendungen waren teilweise vorhersehbar und manchmal hatte ich das Gefühl, irgendetwas verpasst zu haben. Als hätte es Rückbezüge auf Dinge gegeben, die gar nicht passiert sind.
Ich hatte leider so gut wie keinen Spaß mit dem Buch.

Veronica Roth -Die Erwählten – Tödliche Bestimmung
Originaltitel: Chosen Ones (April 2020)
Penhaligon Verlag, 28. September 2020
ISBN 3764532440
571 Seiten
Gebunden; 18,00 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

Edward Berry – Der verrückte Ritter – Die schönste Geschichte aller Zeiten

In seinem Feldzug gegen die Literatur nimmt sich der Medienmogul Mr. Zargo Don Quijote vor: Er lässt in den spanischen Klassiker einen monströsen feuerspeienden Drachen hineinschmuggeln, der die Menschen von La Mancha in Angst und Schrecken versetzt.

Ausgerechnet der verrückte Ritter Don Quijote zähmt den Drachen. Von da an hat er zwar Macht über das Ungetüm, verstößt aber aus Überheblichkeit sein Pferd Rosinante und hat kaum mehr Augen für seine Geliebte Dulcinea. Die Geschichte gerät aus den Fugen.

Erneut vollzieht die Buchhändlerin Beatriz Castells mit ihrer Nichte Alba und ihrem Neffen Diego das geheime Ritual. Wird es ihnen gelingen, Don Quijote wieder zur Vernunft zu bringen und den gefürchtetem Drachen durch das geheime Finis-Tor aus der Geschichte zu befördern? Die Zeit drängt… (Klappentext)

Bevor die Pause zwischen den Teilen zu groß wird, habe ich wenige Tage nach dem Beenden von Teil zwei – „Das geheime Tor“ – direkt den dritten Teil begonnen. Leider wird es im Deutschen der finale Teil sein. Im spanischen Original gibt es noch einen vierten Teil, in den es Alba und Diego in die Geschichte von Alice und ihrem Wunderland verschlägt. Ich hätte den Teil gern gelesen, das verspricht Spaß. Eine deutsche Übersetzung gibt es aber nicht.

Dieser Teil bringt die mutigen Geschwister also zu Don Quijote und wieder hatte ich im Vorhinein das Problem, dass ich das Buch nicht kenne. Natürlich sagt mir der verrückte Ritter, der gegen Windmühlen kämpft, etwas, aber gelesen oder gesehen habe ich nie von ihm.
Doch das Autorenduo Pierdomenico Baccalario und Eduardo Jáuregui, das unter dem Pseudonym Edward Berry schreibt, hat es wieder geschafft, die Original-Geschichte elegant einfließen zu lassen, sodass der Leser grob im Bilde über alles Wichtige ist. Auch die großen Veränderungen, die durch den Komplott von Mr. Zargo entstanden sind, werden dadurch deutlich.

Der Komplott, der die schönste Geschichte aller Zeiten aus den Köpfen der wenigen Vorableser löscht, Elemente der Geschichte aber in Klassiker schmuggelt und sie damit durcheinanderbringt, steht leider nicht so sehr im Fokus, wie ich gehofft hatte. Nach drei Teilen der Reihe weiß man nur, dass eine Laserpistole, die plötzlich bei Peter Pan war, Zwerg Gumpo, der Teil der Musketiere wurde und nun ein Drachen eine Rolle spielen. Der Rest bleibt weiterhin im Dunkeln.

Doch das aktuelle Abenteuer war verhältnismäßig spannend. Die Kinder sind auch nicht so einfach durch alles durchgekommen wie im Vorgänger. Es gab Rückschläge, Wendungen und Überraschungen und ich fand es spannend, den beiden zur Seite zu stehen.

Insgesamt bot das Buch nicht viel mehr als das Eintauchen in die Geschichte um Don Quijote. Die Charaktere bleiben recht blass und die Hintergründe zu den Hütern der unsterblichen Geschichten, zu denen auch Tante Bea zählt, bleiben verborgen.
Als Kinderbuch ist das aber vollkommen ok, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Ich finde die Reihe wirklich toll. Die drei Teile, die es auf Deutsch gibt, habe ich jeweils schnell und mit Interesse gelesen. Ich hätte immer noch große Lust, auf diese Art von Geschichte im erwachsenen Stil. Ähnlich viel Lust hätte ich, zu wissen, wie es bei Alba und Diego weitergeht. Die Chancen stehen aber leider äußerst schlecht.

Ich hatte Spaß, lernte Don Quijote kennen und genoss die coole Idee um veränderte Buchklassiker. Dafür bekommt der dritte Teil der Reihe um die schönste Geschichte aller Zeiten .

Edward Berry – Der verrückte Ritter – Die schönste Geschichte aller Zeiten
Originaltitel: El Cuento màs maravilloso jamás escrito – Don Quijote y el dragón (Mai 2016)
Sanssouci, 19. März 2018
ISBN 9783990560624
200 Seiten
Gebunden; 15,00 Euro

Reihenfolge der Bücher:
1. Das verschwundene Buch – Originaltitel: El Libro perdido
2. Das geheime Tor – Originaltitel: Los cuatro mosqueteros y medio
2. Der verrückte Ritter – Originaltitel: Don Quijote y el dragón
4. ??? – Originaltitel: Alicia en el País del Aburrimiento

Edward Berry – Das geheime Tor – Die schönste Geschichte aller Zeiten

Der Medienmogul Mr. Zargo gibt nicht auf: Er hat sein zerstörerisches Werk gegen die Literatur fortgesetzt und in den Klassiker Die drei Musketiere einen Zwerg hineinschmuggeln lassen, der nun dort sein Unwesen treibt.

Beatriz Castells, Buchhändlerin in Barcelona und Tante der beiden Leseratten Alba und Diego, bietet ihrer Kollegin Sylvia von der bekannten Buchhandlung Shakespeare and Company in Paris an, die Kinder zu ihr zu schicken: Sie sollen auch dieser Hüterin der unsterblichen Geschichten helfen, einen der berühmtesten Romane der Weltliteratur zu retten.

Ein neues spannendes Abenteuer beginnt. Wird es Alba und Diego nach gefährlichen Intrigen und Fechtkämpfen gelingen, die Musketiere aus dem Bastille-Gefängnis zu befreien und den Zweig durch das geheime Finis-Tor zu schleusen? (Klappentext)

Nachdem mir der erste Teil um Alba und Diego – „Das verschwundene Buch“ – so gut gefallen hat, musste der zweite Teil nicht lange auf sich warten.

Im ersten Buch konnte mich allein die Idee schon so begeistern. Die schönste Geschichte aller Zeiten erscheint, doch plötzlich ist das Buch leer. Niemand erinnert sich mehr, was dort zu lesen war. Dafür sind die Klassiker vollkommen verändert. In „Peter Pan“ gibt es plötzlich Laserpistolen und in „Die drei Musketiere“ gibt es jetzt den Zwerg Gumpo, der sein Unwesen treibt.
Der Überraschungseffekt der Idee ist im zweiten Buch natürlich nicht mehr so vorhanden, doch ich freute mich darauf, dass Alba und Diego eine zweite Geschichte unsicher machen.
Leider war diese Geschichte „Die drei Musketiere“. Ich habe absolut keine Ahnung von ihr. Ich habe weder das Buch gelesen noch einen Film dazu gesehen. Das ist zwar grundsätzlich nicht wichtig, aber so kann man besser verstehen, welche Änderungen durch Gumpo ausgelöst wurden.
In diesem Zusammenhand fand ich persönlich auch schade, dass es sehr wenig außerhalb des Abenteuers bei den Musketieren gab. Ich hatte gehofft, dass es doch ein paar mehr Details zu der verschwundenen Geschichte gibt.

Die Kinder Alba und Diego sind niedlich und sympathisch und ich war gern an ihrer Seite. Vor allem, da sie dieses Mal nicht als verlorene Jungs, sondern als erwachsene Leibwächter unterwegs waren.
Doch natürlich waren weder sie noch ihr Hintergrund noch eine andere Person wirklich zentral oder gar vielschichtig.

Insgesamt war das Buch also wieder interessant und schnell zu lesen. Die Idee finde ich immer noch total klasse und ich wünschte mir diese Art von Geschichte in einer älteren Variante. Für mich persönlich war es aber nicht so spannend, dass man dieses Mal in „Die drei Musketiere“ ist.

Edward Berry – Das geheime Tor – Die schönste Geschichte aller Zeiten
Originaltitel: El Cuento màs maravilloso jamás escrito – Los cuatro mosqueteros y medio (Oktober 2015)
Sanssouci, 12. September 2017
ISBN 3990560433
256 Seiten
Gebunden; 15,00 Euro

Reihenfolge der Bücher:
1. Das verschwundene Buch – Originaltitel: El Libro perdido
2. Das geheime Tor – Originaltitel: Los cuatro mosqueteros y medio
2. Der verrückte Ritter – Originaltitel: Don Quijote y el dragón
4. ??? – Originaltitel: Alicia en el País del Aburrimiento

Cornelia Funke – Spiegelwelt

Die Welt hinter dem Spiegel erwacht zum Leben

Vom Handbuch der Menschenfresser über einen Pflanzenführer der Spiegelwelt bis hin zu zahlreichen Geschichten von Cornelia Funke, die die Reckless-Reihe rund um Jacob und Will Reckless ergänzen und bereichern. Ein Kompendium des Staunens und des Grauens zugleich. (Klappentext)

Mit der Spiegelwelt hat Cornelia Funke etwas Besonderes geschaffen. Hier sind Märchenfiguren lebendig, aber nicht immer so, wie wir sie kennen. Doch auch allerhand Unbekanntes gibt es in der Flora und Fauna zu bestaunen. Dem bringt uns dieses Buch näher.

Enthalten sind wenige Geschichten, die die Hintergründe vom Jacob Reckless, seinem Vater John, seinem Mentor Albert Chanute und seiner besten Freundin Fuchs beleuchten. Will fehlt an dieser Stelle vollkommen, auch wenn das Cover dazu auffordert, Jacob und Will in die Spiegelwelt zu folgen. Interessant waren die kurzen Abrisse aber allemal. Es wurde kein neues Licht auf die bestehende Geschichte geworfen, aber es gab ein paar mehr Einblicke.
Dazu gibt es weitere Geschichten über die Bewohner dieser Märchenwelt, die ihre Gefahren dem Leser noch einmal näherbringen.

Ich fand darüber hinaus die Einträge über die Pflanzen und verschiedenen Arten von Menschenfressern fast noch interessanter. Da kommt die Fantasie von Frau Funke richtig zum Tragen. Sich allein Gedanken zu machen über verschiedene Bäume und Blumen, die so ja keine große Bedeutung in den Büchern haben, finde ich total speziell.

So interessant die Geschichten also sind und so cool es ist, mehr Hintergründe zu erfahren: Das wirkliche Highlight sind die Zeichnungen der Kreativwerkstatt von Mirada. Jede Geschichte ist gespickt mit verschiedenen Illustrationen. Farbe, Schwarz-Weiß, Skizzen-Stil, Realitätsnähe, Detailreichtum – man findet so viel Verschiedenes. Alles, was zusammenhängt, ist gleich gestaltet, doch untereinander ist alles unterschiedlich. Selbst die Schriften unterscheiden sich von Handschrift über verspielte Schrift bis hin zur klassischen Serifen-Schrift.
Nur manchmal, da war die Schrift so klein, dass ich die Seite mit meinem Handy fotografierte, um das Bild zu vergrößern. Es war nur auf wenigen Seiten so, aber genug, um aufzufallen.

Vor allem die Gestaltung ist es , warum ich so verliebt in dieses Buch bin. Klar, es hätten vielleicht mehr Geschichten sein können, Will hätte noch dabei sein dürfen und die einzelnen Begebenheiten waren nicht das Spannendste, was ich je gelesen habe. Aber das alles fehlt mir nicht ernsthaft, wenn ich das Buch aufschlage und sehe, wie schön es ist.
Man braucht das Buch nicht. Ganz sicher nicht. Aber es ist toll, es zu haben.

Cornelia Funke – Spiegelwelt
Dressler, 02. November 2020
ISBN 3791501720
240 Seiten
Gebunden; 20,00 Euro

Serena Valentino – Das verzauberte Haar

Wie wurde aus Mutter Gothel eine eifersüchtige Hexe, die mit Argusaugen über ihre Gefangene wacht?

Verdammt die alte Zauberin das Mädchen Rapunzel aus Liebe dazu, in einem hohen düsteren Turm zu leben? Möchte sie die junge Prinzessin und ihr magisches Haar wirklich vor der grausamen und gemeinen Welt außerhalb ihres Gefängnisses schützen? Oder steckt etwas ganz anderes dahinter? (Klappentext)

Ich bin mit Disney-Filmen aufgewachsen und habe sie immer geliebt. Die Meisterwerke-Reihe befindet sich mittlerweile auch zu einem großen Teil in meinem DVD-Schrank. Doch der Film, den ich davon in den letzten Jahren am häufigsten gesehen habe, ist mit Abstand „Rapunzel – Neu verföhnt“. Das liegt zum einen daran, dass der Film recht häufig im Free-TV läuft und ich dann immer an ihm hängenbleibe und zum anderen daran, dass Disney hier einen wirklich witzigen Film geschaffen hat. Umso mehr habe ich mich gefreut, als mein Freund mir zum Geburtstag den Teil über Mutter Gothel zum Geburtstag schenkte.

Was sowohl ihm als auch mir überhaupt nicht klar war: Die Villains-Reihe besteht keinesfalls aus losgelösten, einzelnen Büchern über die jeweiligen Bösewichte. Tatsächlich gibt es im Hintergrund eine Verbindung, die sich über die einzelnen Bücher immer weiterentwickelt und den roten Faden bildet. Leider ist dieses Buch hier schon der fünfte Teil der Reihe, weswegen ich nicht alles dieser übergeordneten Verbindung verstanden habe und mich sogar zu vorhergehenden Büchern gespoilert habe. Aber nichtsdestotrotz stehen alle Bücher nun noch ein Stück weiter oben auf meiner Wunschliste.

In diesem Teil geht es nun also um Mutter Gothel. Doch man lernt sie keineswegs als Mutter kennen, sondern als junges Mädchen. Genauer als Drillingsschwester. Sie wächst mit ihren beiden Schwestern und der Mutter, die Königin der Toten, im Wald der Toten auf. Ihre Schwester Hazel ist sanft und Primrose ist abenteuerlustig. Doch Gothel ist machthungrig. Sie möchte werden wie ihre Mutter Manea: Eine kluge, mächtige und angsteinflößende Hexe. Doch Gothel kommt schnell an einen Scheideweg: Würde sie für die Macht auf ihre Schwestern verzichten?

Das Buch hat kaum begonnen, da war ich gefangen in der Atmosphäre des Waldes. Die Hexenkunst, die karge Landschaft, die lebenden Skelette. Alles war ein tolles Zusammenspiel, was mich in das Buch hineinzog. Doch das Wichtigste sind natürlich die vier Frauen, die alle einen starken, eigenen Charakter haben und generell eine explosive Mischung darstellen. Ich war gern bei ihnen, auch wenn permanent eine gewisse Gefahr und Spannung in der Luft lag.
Allein, weil man weiß, wie und wer Gothel in Rapunzel ist, ahnt man den Hergang des Buches, doch trotzdem kam jede Entwicklung für mich überraschend und zu jeder Zeit schien alles möglich.

Schade fand ich nur, dass Gothel von Anfang an das dunkle Mädchen mit dem Hunger Nacht Macht war. Trotz ihrer wahren Liebe zu ihren Schwestern konnte ich sie nicht ernsthaft ins Herz schließen, obwohl ich ihr im Laufe der Geschichte immer mal näher und entfernter war.
Es kamen einige weitere Figuren im Buch vor, die zum Teil – für die komplette Villains-Reihe – wichtige Rollen einnahmen und so nicht nur eine Vorgeschichte zu Rapunzel erschufen, sondern eine ganz eigenständige Geschichte, die einfach zu den bekannten Geschehnissen um das Mädchen im Turm führte.

„Rapunzel – Neu verföhnt“ wird dann auch noch ziemlich ausführlich und humorvoll im Buch behandelt. Ich hatte direkt die Bilder und Songs im Kopf und fand das klasse.

Ich bin jetzt schon Fan der Reihe und das, obwohl ich an einer vollkommen falschen Stelle eingestiegen bin. Für mich war das Buch um Mutter Gothel aber trotzdem ziemlich stark: Tolle Atmosphäre, eine spannende Geschichte und interessante Figuren. Ich habe trotzdem das Gefühl, dass da noch Luft nach oben ist, die gefüllt werden kann mit mehr Emotionen, Spannung und Besonderheiten.

Serena Valentino – Das verzauberte Haar
Originaltitel: Mother Knows Best (August 2018)
Carlsen, 30. Juli 2020
ISBN 3551280428
379 Seiten
Gebunden; 12,00 Euro

Reihenfolge der Bücher:
1. Die Schönste im ganzen Land – Originaltitel: Fairest of All
2. Das Biest in ihm – Originaltitel: The Beast Within
3. Die Einsame im Meer – Originaltitel: Poor Unfortunate Soul
4. Das Geheimnis der Dunklen Fee – Originaltitel: Mistress of All Evil
5. Das verzauberte Haar – Originaltitel: Mother Knows Best
6. Das Geheimnis der Schwestern – Originaltitel: The Odd Sisters
7. Cruella, die Teufelin – Originaltitel: Evil Thing
8. Das Herz so kalt – Originaltitel: Cold Hearted
9. Niemals Nimmerland – Originaltitel: Never Never

Antonia Neumayer – Zwischen dir und der Dunkelheit

Ihre Youtube-Videos über die Sagen und Mythen Bayerns sind so beliebt, dass Sera die Genehmigung erhält, nachts in der Münchner Frauenkirche zu drehen. Als sie sich dem berühmten Teufelstritt im Steinboden nähert, geschieht das Unfassbare: Der Fußabdruck beginnt zu leuchten, und ein unheimlicher Wind fegt durch die Kathedrale. Hat hier wirklich der Teufel seine Hände im Spiel? Schnell stellt Sera fest, dass sie nicht die Einzige ist, die das Rätsel um den Teufelstritt will. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt… (Klappentext)

Ich liebe Mythen und Sagen. Geheimnisse und Verwicklungen in religiösen Kontexten finde ich unfassbar spannend. Dass „Zwischen dir und der Dunkelheit“ da ganz gut passen wird, verriet der Klappentext, doch wie gut es wirklich passt, habe ich nicht geahnt.

Sera, Mark und Jo sind mäßig erfolgreich mit ihrem Youtube-Kanal über Spukgeschichten in Bayern. Die drei haben schon verschiedene Orte besucht, an denen Geister umherirren sollen oder andere Geheimnisse auf sie warteten. Doch nach ihrem Video aus der Münchner Frauenkirche kamen die Follower plötzlich in Scharen. Immerhin gab es zum ersten Mal wirklich etwas Übernatürliches. Leider glauben alle, das Video wäre ein Fake. Nicht einmal Mark und Jo sind sich sicher, was sie erlebt haben. Aber Sera weiß ganz genau, dass sie eine Gestalt gesehen hat, die sich aus dem Teufelstritt erhob.

Sera ist eine Hauptfigur, die ich direkt mochte. Sanft, interessiert, sensibel, klug. Ich schloss sie nicht nur prompt in mein Herz, sondern war auch an ihr und ihrem Leben interessiert. Sie konnte die Story gut auf ihren Schultern tragen, aber das musste sie gar nicht. Denn ihr wurden ein paar andere – nicht weniger – interessante Menschen zur Seite gestellt.
Doch Sera ist nicht nur eine Kombination all ihrer positiven Charaktereigenschaften, sie scheint auch übernatürlich begabt. Seit jeher hat sie kurze Visionen, wenn sie Menschen berührt, doch seit der Begegnung in der Frauenkirche führen ihre Träume sie Nacht für Nacht ins Mittelalter und damit direkt ins Leben von Margarete, die ihre große Liebe auf dem Scheiterhaufen wiederfindet.

All das kratzt jedoch nur an der Oberfläche der Geschichte. Denn sie ist so viel mehr als Spukgeschichten und Mittelalter-Visionen. Das alles ist so viel größer, als Sera und der Leser gedacht haben.
Antonia Neumayer hat es geschafft, so viele Details und Verquickungen einzubauen, die sich nach und nach aufdecken und verbinden, dass die Story nie langweilig wurde. Immer wieder entdeckte ich neues Altes und erlebte Aha-Momente.
Das Buch war ein richtiger Page-Turner ohne Spannung mit dem Holzhammer zu kreieren. Die Gefahr war schleichend und unterschwellig.

Die Geschichte konnte mich wirklich überraschen und ließ mich begeistert zurück. Ich konnte es kaum erwarten, in jeder freien Sekunde das Buch aufzuklappen und mich einfangen zu lassen von all den Entwicklungen und Wahrheiten, die hinter allem steckten, mit denen ich nicht gerechnet hatte.
Die Autorin ließ vor allem all das Übernatürliche, die Visionen, Erscheinungen und Sichtungen so natürlich und authentisch wirken, dass das ganze Buch seltsam real wirkte.

Was mir sonst selten passiert, kam hier direkt häufiger vor. Immer wieder dachte ich: „Wow, wie cool hat sie das gerade beschrieben?“ Die Sprache malte wundervolle Bilder und ich konnte das Buch wie einen guten Film sehen.

Kritik habe ich wenig. Ich hatte nur immer ein bisschen das Gefühl, als blieben die Figuren distanziert und auf Aspekte beschränkt, die für die Geschichte eine Rolle spielen. Zwischendurch verloren ich die Wechsel in die Vergangenheit auch kurz den Reiz für mich und „störten“ fast den Lesefluss, da ich die Gegenwart so spannend fand und dort bleiben wollte. Aber das sind Kleinigkeiten.

Ich hatte so viel Spaß mit diesem Werk. Alles an dem Buch hat mich fasziniert. Die spannenden Figuren, das große Ganze und auch, dass Antonia Neumayer mir Lust auf die ganzen religiösen Themen machte, die mich sonst in Büchern stören.
Es fiel mir wirklich schwer, Sera und all die anderen gehen zu lassen.
Zum Glück habe ich aber noch „Selkie“ von der Autorin auf dem SuB. Bis dahin gibt es für dieses Buch aber erst einmal .

Antonia Neumayer – Zwischen dir und der Dunkelheit
Heyne Verlag, 12. Oktober 2020
ISBN 978-3453321021
381 Seiten
Broschiert; 14,99 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

Vorherige ältere Einträge