Magdalena Nirva – Magdalena 24h

»Ich war wie geschaffen dafür, das Objekt ihrer Begierde zu sein. Oft war es aber auch anders herum. Ich war der Jäger…«

Magdalena ist 24, Literaturstudentin und liebt Sex. Als sie nach ihrer gescheiterten Ehe mit ihrem Kind mittellos dasteht, wirft sie alle Bedenken beiseite und sagt sich: »Warum soll ich damit nicht auch Geld verdienen?« Um ihr Kind zu versorgen. Um die Universität abzuschließen. Um sich ein schöneres Leben leisten zu können. Auf der Suche nach neuer Liebe begegnet sie dem anziehenden Bad Boy Eagle. Die beiden beschliessen, ihrer Heimat Bulgarien den Rücken zu kehren und nach Wien zu gehen, wo sie als Callgirl viel Geld verdienen kann. Doch bald wird Eagle von seiner Vergangenheit eingeholt, und sie müssen Wien eilig verlassen. Und Magdalena gerät immer tiefer in Abhängigkeit zu Eagle, der sein ›goldenes Huhn‹ zunehmend rücksichtslos antreibt und eifersüchtig bewacht… (Klappentext)

Als mich Magdalena anschrieb, ob ich ihren biografischen Debütroman lesen möchte, war ich sofort begeistert. In das Milieu rund um Prostituierte und Escort-Damen werde ich persönlich nie hineinkommen. Auch wenn ich in Hamburg wohne, hat das Rotlicht-Viertel mit meinem Alltag nichts zu tun. Und gerade deswegen war ich gespannt auf ein paar Geschichten. Nachdem mir Magdalena in unserem E-Mail-Verkehr schnell sympathisch wurde, freute ich mich sehr auf das Buch und begann es direkt nach dem Erhalt zu lesen.
Das war im August.
Ich muss es sagen, wie es ist: Dieses Buch stürzte mich in eine tiefe Leseflaute.

Vielleicht ging ich mit den falschen Erwartungen an das Buch. Der Klappentext verspricht unter der Erklärung zum Inhalt „skurrile Begebenheiten und emotionale Verwirrungen“. Es wird gesagt, das Buch wäre „amüsant, berührend und unmoralisch“. Deswegen hoffte ich, dass es hauptsächlich aus kurzen Anekdoten bestehen wird. So, wie man es von vielen Büchern kennt. Viele verschiedene Männer, aufregende Geschichten und alles ein bisschen verbunden durch einen roten Faden.

Bekommen habe ich das Gegenteil. Magdalena rollt ihr Leben von der Kindheit an auf. All ihre Ex-Freunde werden ausgewalzt, ebenso wie ihre Probleme mit der Mutter und dem Ex-Mann. Natürlich verstehe ich, dass der Teil ihres Lebens wichtig ist, um zu verstehen, dass es kam, wie es kam. Aber selbst zum Ende hin, als sie im Milieu fest verankert war, wurden über Seiten ihre Kolleginnen und deren privaten Probleme beschrieben.
Ein paar Geschichten mit Freiern kamen natürlich drin vor. Für meine Erwartungen waren es jedoch zu wenig und Geschichten mit manchen Stammkunden zogen sich lang.
Vor allem fehlten einfach Einblicke in ihr Gefühlsleben. Sie ließ ihren Sohn in Bulgarien zurück, aber es fehlte der Schmerz einer Mutter. Sie war in einem fremden Land, aber die vollkommene Hilfslosigkeit wurde nur beschrieben und nicht gefühlt. Sie wird geschlagen und misshandelt, aber wie es ihrer Seele dabei geht, wird nicht gesagt.

Ich fand das Buch – anders als angepriesen – weder amüsant, noch berührend.
Alles war relativ plump niedergeschrieben. Für ein persönliches Gespräch wäre es so ok gewesen, aber für ein Buch war es zu wenig. Es fehlte ein klassisches „Buch-Feeling“. So gibt es beispielsweise rhetorische Fragen mitten im Text, die ungelenk wirken, wie ein eingestreutes: „Doch was ist das?“ (S. 256)

Durch die Mischung aus wenig leichtfüßiger Sprache und einer zu breitgetretenen Lebensgeschichte fehlte auch komplett die Spannung. Und auch mit dem Interesse war es bei mir nicht weit her. Tagelang, zwischendurch sogar wochenlang, zog es mich nicht zum Buch. Wäre der Weg von Bulgarien über Österreich nach Berlin knackig erzählt gewesen, wäre ich mehr dabei geblieben. Mich hätten mehr die Zustände beziehungsweise Termine in den Bordellen und Escort-Agenturen interessiert. Es muss einfach mehr Spannendes zu berichten geben, als hier aufgeschrieben wurde.

Die Freier sind unterschiedlicher Natur. Manche liebevoll, andere schüchtern und wieder andere eklig. Aber ich hatte mehr Skurrilität erhofft. Vor allem hätten die Geschichten pointierter erzählt werden können.

Ich war also inhaltlich wirklich nicht begeistert und dann kam auch noch dazu, dass ich die Buch-Magdalena, anders als die E-Mail-Magdalena, wirklich unsympathisch fand. Sie wirkte kalt, berechnend und arrogant auf der einen Seite und völlig irrational liebend auf der anderen. Immer wieder vielen Sätze, die vielleicht stimmten, aber einfach unsympathisch klangen: „Erst, seitdem ich dort die Drinks servierte, war es immer voll. […] Jedenfalls steigerte ich ganz schön den Umsatz.“ (S. 57); „Sie ist nicht die Frau, die ein Mann sofort haben will, wenn er sie sieht, so wie bei mir.“ (S. 245) oder „Ich bin vierundzwanzig, ich bin so jung, so hübsch […]“ (S. 310)

Insgesamt gab es ein paar nette Geschichten auf den 379 Seiten, aber ich wurde weder gefesselt, noch berührt oder zum Lachen gebracht. Es ist wirklich schade, ich hätte das Buch so gern gemocht.

Magdalena Nirva – Magdalena 24h
Independently published, 28. Juli 2017
ISBN 1521865701
379 Seiten
Taschenbuch; 15,90 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

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Florian Schiel – B.A.f.H. – Bastard Assistent from Hell

Schiel_BAfH

Der deutsche Akademiker gilt als der humorloseste und trockenste der ganzen Welt. Zumindest für ein kleines technisches Institut scheint diese allgemeine Auffassung nicht zu stimmen, denn dort treibt der Bastard Assistant from Hell, kurz BAfH, sein Unwesen.
Mit viel Sarkasmus und bösartigem Witz macht er seinem Chef, seinen Kollegen und nicht zuletzt seinen Studenten das sonst so beschauliche akademische Alltagsleben zu einer privaten kleinen Hölle, in der nie etwas so funktioniert, wie es sollte, nie etwas einfach erledigt wird, wenn es auch kompliziert geht, und kein Tag vergeht, ohne dass eine mittlere Katastrophe über den LEERstuhl hereinbricht. Dazu kommt noch, dass er das ganze Institut unerbittlich im Griff hält, weil nur er allein das Superuser-Passwort aller Institutsrechner kennt… (Klappentext)

Dieses Buch habe ich von einer lieben Freundin zu meinem Studienanfang geliehen bekommen.
Nun, nach dem ersten Semester, habe ich es mir zu Gemüte geführt. Ich hatte auf eine kleine, feine, lustige Lektüre gehofft. Die Geschichten entstanden ursprünglich vor fast 20 Jahren als Internet-Kolumne.

Es dauerte nur eine Geschichte, da fand ich den Bastard-Assistenten Leisch schon so unsympathisch, dass ich mich zusammenreißen musste, überhaupt weiterzulesen. Hätte mir meine Freundin das Buch nicht so angepriesen (und hätte ich nicht ein Verpflichtungsgefühl ihr gegenüber empfunden, weil es ihr so gut gefällt), hätte ich es entweder gar nicht beendet oder definitiv länger gebraucht.
Außerdem starb die Hoffnung, dass es doch noch besser wird, bis zur letzten Geschichte nicht. Leider vergeblich.

Dabei ist das Buch inhaltlich gar nicht mal uninteressant. Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer Münchner Uni hat weder Lust auf Arbeit, noch auf die Studenten oder seine Kollegen. Darum versucht er alles, um sich das Leben erleichtern und den anderen im gleichen Atemzug zu erschweren. Und das funktioniert reibungslos.

Dabei fehlte mir der Humor. Ich empfand es nicht mal als schwarzen Humor, sondern einfach nur als niveaulose Bösartigkeiten. Leisch war einfach nur gemein, ohne die Ambition, sich selber Spaß zu bereiten. Er wollte einfach nur seine Ruhe und machte dazu allen anderen das Leben zur Hölle. Dazu nutzt er vorrangig das Telefon- und Computernetz. Ein bisschen technische Ahnung ist deswegen nicht verkehrt, um dem Geschehen folgen zu können.

Insgesamt gibt es aber keinen roten Faden. Jede Geschichte ist in sich abgeschlossen. Es gibt jedoch wiederkehrende Figuren – allen voran die Kollegen.
Sympathisch war mir davon leider auch keine einzige. Die Sekretärin war ähnlich bösartig wie Leisch und die anderen Kollegen – selbst der Chef – waren durchweg naiv oder dumm.

So gut meiner Freundin das Buch gefallen hat, sie wenig Spaß hatte ich damit.
Ich musste mich leider durchquälen. Ich musste nicht lachen, war von den Gemeinheiten abgestoßen und konnte für mich auch nichts daraus mitnehmen.
Ich bin froh, dass sich die 265 aufgrund der großen Schrift und einfachen Sprache immerhin schnell lesen ließen. Nur deswegen gibt es: 1,5 Sterne.

Florian Schiel – B.A.f.H. – Bastard Assistent from Hell
Schwarten Verlag, 1998
ISBN 3929303094
265 Seiten
Taschenbuch; nicht mehr neu erhältlich

Nina Blazon – Faunblut

Blazon_FaunblutFast zwei Monate habe ich für dieses Buch jetzt gebraucht. Und das leider nicht, weil ich extra langsam gelesen habe, um es vollends zu genießen. Im Gegenteil. Ganz im kompletten Gegenteil.
Dabei klang der Klappentext eigentlich nach etwas, das mir gut gefallen könnte:

Eine Metropole am Rande der Zeit, eine Herrschaft im Zeichen der Gewalt und eine Liebe wider jede Vernunft.
Als Jade, das Mädchen mit den flussgrünen Augen, den schönen und fremdartigen Faun kennenlernt, steht ihre Welt bereits kurz vor dem Untergang.
Aufständische erheben sich gegen die Herrscherin der Stadt, und die sagenumwobenen Echos kehren zurück, um ihr Recht einzufordern. Jade weiß, auch sie wird für ihre Freiheit kämpfen, doch Faun steht auf der Seite der Gegner… (Text der Umschlagklappe)

(Kurze Warnung: Wer unmotiviertes Gejammere nicht lesen will, der springe besser zum letzten Absatz.)

Aaaach, es fängt ja schon beim Inhalt an. Als ich mir Gedanken gemacht habe, worum es denn nun genau ginge, fiel mir keine Antwort ein. Es geht um die Echos irgendwie. Und Liebe. Und die Regierung einer Stadt, von der man bis zum Ende nicht wusste, wie sie heißt und in was für einer Welt sie liegt. Vielleicht ging es aber auch um Selbstverwirklichung oder mittelalterliche Riten. Vielleicht auch um alles davon oder nichts. Wer weiß das schon so genau.

Und dieses ganze Übernatürliche. Die ganzen Wesen, die darin vorkommen. Die Echos allein oder Faun, der auch nicht so ganz menschlich zu sein scheint und der ein und andere noch zusätzlich. Mir war das zu wenig Erklärung. Klar, ich könnte das nun einfach so hinnehmen, dass die Welt da nun einmal so ist und fertig. Ist ja Fantasy. Trotzdem fehlte mir da Wissen.

Das ist überhaupt ein gutes Stichwort.
Man war sofort in der Geschichte drin, in der plötzlich Jade und Lilinn, die Köchin im Hotel Larimar, das von Jades Vater geführt wird, von Echos gejagt werden.
Es hat definitiv Vorteile, wenn es nicht noch eine riesige Einleitung gibt, aber es nervt mich auch, wenn einfach Personen erwähnt werden, aber mit keinem Sterbenswörtchen, wer das nun genau ist. Die Erklärungen, wer die Leute waren, kamen erst viele, viele Seiten später. Auch auf Ereignisse lässt sich das übertragen. Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich gedacht, ich lese einen zweiten Teil. Ständig hatte ich das Gefühl, mir würde Vorwissen fehlen.

Ich hätte darüber vielleicht noch hinwegsehen können, wenn ich die Figuren gemocht hätte, aber nicht eine konnte ich gut leiden. Allen voran Jade, die ja ach so leidenschaftlich und störrisch und selbstständig und stark und… ja ja… nervig, das isse! Ich hatte das Gefühl, sie musste jeden irgendwie anpampen und ständig wurde sie wütend. Manche nennen es Impulsivität, ich nenne ich Aggressionsproblem.
Und auch die anderen Figuren… Ihr Vater Jakub war sogar noch unsympathischer. Er las sich immer grimmig, stur, kalt, jähzornig und verschlossen.
Jades bester Freund Martyn war vielleicht noch ganz nett, aber eine männliche Zicke.
Und Faun? Über den kann ich gar nicht erst reden. Ja, diese Figuren, bei denen man nicht genau weiß, woran man ist, sind ja interessant, aber er litt anscheinend auch unter argen Stimmungsschwankungen. Und dann erzählte er immer nur Halbwahrheiten, deren zweite Hälfte nur sehr langsam richtiggestellt wurde.

Vielleicht wäre ich sogar darüber noch hinweg gekommen, wenn die Liebesgeschichte mich wenigstens zum Schmelzen gebracht hätte. Hat sie aber nicht!
Erst konnten sich beide auf den Tod nicht leiden und ganz plötzlich kribbelte es und … BÄMM… plötzlich liebten sie sich heiß und innig. Das kann man mir nun so nicht erzählen. Liebe auf den ersten Blick gut und schön, aber dann soll man sich doch bitte am Anfang nicht so offenkundig blöd finden.

So und auch darüber wäre ich eventuell – im Fall aller Fälle – hinweg gekommen, wenn mich die Sprache mitgerissen hätte, mich inspiriert und mit schönen Bildern im Kopf zurückgelassen hätte. Und auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Hat sie aber nicht!
Die Sprache war so dicht, so voll, als würde Frau Blazon versucht haben, in möglich wenig Zeilen möglich viel Inhalt zu bekommen. All die Adjektive und Vergleiche (beide gern neu erfunden und seltsam verschwurbelt) machten es manchmal unmöglich fließend zu folgen. Ich fühlte mich durch die Seiten gehetzt und hielt es nicht selten nur drei Seiten aus, bis ich das Buch zur Seite legen musste, weil das Lesen mich erschöpfte.

Vielen Beschreibungen (zum Beispiel von Wegen, Fluchten oder Handlungen, die viele Bewegungsläufe beinhalteten) konnte ich auch nicht folgen, weil ich die Beschreibung so umständlich empfand. Ich verstand nicht, wo Jade sich jetzt wie langhangelt oder was sie mit ihrem Bein oder Arm macht oder um welche Ecke sie gerade biegt. Ständig las ich solche Abschnitte doppelt und dreifach.

Ich kann im Nachhinein kaum etwas Gutes über das Buch sagen.
Ja, die Idee mit den Echos war neu. Ein paar innovative Ansätze gab es sicher, die das Buch von anderen Fantasybüchern unterscheidet. Alles in allem fand ich das Buch aber nicht rund. Ständig schien mir Wissen zu fehlen, ich mochte die Figuren nicht, ich kam mit der Art zu schreiben nicht zu recht und alles in dem Buch kam mir zu unvermittelt: die Liebe zwischen Jade und Faun, das Chaos in der Stadt, alles war plötzlich mit riesigem Knall da.
Nein, ich mochte das Buch nicht. Es gibt 1,5 Sterne Sterne und der halbe Stern ist auch nur deswegen da, weil mich das Buch nicht zum Abbruch zwang.

Nina Blazon – Faunblut
cbt/cbj Verlag, 1. Dezember 2008
ISBN 978-3-570-16009-1
479 Seiten
Gebunden; 18,95 Euro
(als Taschenbuch erhältlich)

Wolfgang Brenner – Aber Mutter weinet sehr


Als der kleine Johann spurlos verschwindet, ändert sich das Leben seiner Eltern
radikal. Robert, der Vater, verlässt sich auf die Polizei, Marie, die Mutter,
hat Angst, dass es den Kriminalbeamten mehr um die Ergreifung des Entführers
als um das Leben ihres Kindes geht. Und dann hängt eines Tages eine Tüte an
ihrem Fahrrad. Darin das Handy ihres Sohnes. Marie beginnt sich heimlich mit
dem Entführer zu treffen. Sie fleht ihn an. Er lässt sie zappeln. Dann bricht
der Kontakt ab. Bis Marie durch Zufall die Identität des Täters herausfindet.
Das Spiel beginnt von vorne. (Klappentext)

Fangen wir mit den positiven Seiten des Buches an: Es liest sich flüssig.

So, nun zu den negativen Aspekten:

Es fängt schon einmal damit an, dass das Buch für mich kein Psychothriller ist, so wie es das Cover ankündigt.
Dazu ist es zu langweilig, ohne Spannungsbogen. Natürlich leidet Marie stark
unter dem Verlust ihres Sohnes, aber ich empfand es eher als Krimi.

Die Figuren waren ohne Ausnahme unsympathisch, distanziert und schlecht beschrieben. Gerade bei den beiden Hauptfiguren Robert und Marie fehlten
Beschreibungen des Äußeren. Da der Erzähler die ganze Zeit alles aus Maries
Sicht darstellte, kannte man immerhin ihr Innenleben, aber das half nicht dabei,
sie sympathischer zu machen.
Sowohl sie als auch alle anderen Figuren trafen NICHT EINE logische
Entscheidung. Sie tat quasi alles um gegen die Polizei zu arbeiten (ja, ich
kann vielleicht nachvollziehen, dass Mütter in dieser Situation nicht mehr
rational handeln, aber SO abwegig ja dann nun auch wieder nicht), Robert und
sie waren eh keine Einheit und die Polizei maulte, meckerte und war genervt von
den beiden, anstatt sie mehr zu unterstützen und ihnen Halt zu geben.
Auch weitere Nebenfiguren waren kein bisschen besser. Ganz im Gegenteil, alles
wirkte kühl und zu wenig emotional.
Die Figuren lügen und betrügen sich gegenseitig in einer Tour. Wenn sie
miteinander interagiert haben, hätte ich das Buch am liebsten weggelegt, so
schwer konnte ich es ertragen.
Der Einzige, der mir sympathisch war, war Johann. Und von dem hat man ja nichts mitbekommen außer, dass er weg war.

Maries Suche nach Johann war durchzogen von viel zu vielen Zufällen. Davon
abgesehen, dass das Ganze nicht spannend dargestellt war, konnte ich mich
eigentlich nur darüber lustig machen, wie konstruiert es war. Somit war es mir
auch (leider) recht bald egal, ob Johann überhaupt noch gefunden wird und ob er
dann lebt oder tot ist.
Was mich in diesem Zusammenhang auch stört, ist, dass die Anfangssequenz nicht
in den Rest der Geschichte eingebaut war. Dort wurde eine Kinderleiche gefunden
und Marie sollte sagen, ob es ihr Kind ist. War es nicht, aber diese Stelle war
mitten aus all der Zeit irgendwo rausgerissen und als alles chronologisch
erzählt wurde, kam sie nicht mehr drin vor. Ich habe keine Ahnung, wann das
passiert sein soll.

Bei den Vorteilen habe ich ja gesagt, dass sich das Buch gut lesen lässt. Das
stimmt. Es liest sich schnell, da die Sprache sehr einfach ist. Das heißt aber
noch lange nicht, dass sie gut ist.
Es fängt schon damit an, dass es Wörter und Wendungen gibt, die kaum jemand
benutzt.
So wurde zum Beispiel jemand mit dem Wort „Stoffel“ beleidigt, Figuren
untereinander waren sich „nicht gram“ und alles „ließ sich an“ als wäre es so
und so. Anstatt sich jemand richtig bemüht oder angestrengt hat, hat er sich
für seine Familie „aufgerieben“. Ein ehrgeiziger, unerfahrener Mann ist hier
übrigens ein „Heißsporn“.

Das hätte ich noch akzeptieren können, hätte der Autor nicht ganz
deutlich gezeigt, dass in seinem Kopf heute die Berliner Mauer noch steht. Ich
hatte irgendwann versucht mir einzureden, dass das Buch vielleicht aktuell
veröffentlicht wurde, aber eigentlich früher spielt, aber spätestens, als
Schüler-VZ eine Rolle spielte, ging das nicht mehr.
Es folgt eine kleine Auflistung meiner „liebsten“ Ost-West-Sprüche in diesem
Buch:

  1. „Ich dachte erst, das ist jetzt einer dieser Westmänner, die sich
    Frischfleisch im Osten besorgen wollen.“ (S. 150)
  2. „Bei uns im Osten…“ (S 161)
  3. „… Lores Leben im Osten.“ (S. 198)
  4. „Irgendwann hatte sie einen Mann aus dem Westen kennen gelernt…“ (S. 198 )
  5. „…Lores Umzug in den Westen…“ (S. 198)
  6. „Allerdings hatte der zuständige Beamte im Osten nicht unbedingt den
    Eindruck, dass die Eltern der betreffenden Person sehr kooperativ wären. Sie
    gehörten wohl zu den Bürgern, die alle Institutionen des Staates, in dem sie
    nun leben mussten, als westliche Zwangsinstrumente ansahen.“ (S. 199)
  7. „Während sie denen im Osten gezeigt haben, wie rücksichtsvoll die
    westdeutschen Ermittlungsbehören vorgehen,…“ (S. 204)
  8. „Um es deutlich zu sagen: Menschen, die vom Osten in den Westen ziehen,
    verändern ihr Aussehen sehr schnell.“ (S. 206)
  9. „Sie müssen von Tom, der Frau aus dem Osten und von ihrem Sohn sein.“ (An
    dieser Stelle wurde Lore übrigens schon hunderte Male „Lore“ genannt. Sie wurde wohl plötzlich degradiert.) (S. 207)
  10. „Und diese Frau aus dem Osten?“ (S. 233)
  11. „Chemnitz sah aus wie eine westdeutsche Kleinstadt.“ (S. 270)
  12. „Die Kennzeichen der unter den tief hängenden Kiefern geparkten Autos
    zeigten ihr, woher die Anwohner und Camper kamen: ausschließlich aus dem Osten.“
    (S. 279/280)

Dass Lore aus Chemnitz kommen musste, war ja fast klar. Die neuen Bundesländer
bestehen ja eigentlich auch nur aus Sachsen… und der Sohn musste natürlich
Kevin heißen. Der Name steht doch so schön für dumme Ostdeutsche.
Ich habe beim Lesen dieser Stellen wirklich Hass bekommen und verstehe nicht,
was der Autor sich dabei gedacht hat. Vor allem, da diese Unterteilung in „Ost “ und „West“ ansonsten komplett unwichtig für die Geschichte war.

In meinem Blog ist die niedrigste Bewertung „1 Stern“. Nur, weil es sich
schnell weglesen ließ, bekommt dieses Buch einen halben Stern mehr: .

Wolfgang Brenner – Aber Mutter weinet sehr
Albrecht Knaus Verlag, 3. September 2012
ISBN 3813505030
288 Seiten
Broschiert; 16,99 Euro

Janet Evanovich – Gib Gummi, Baby!

Als ich mit „Heilig auf High Heels“ (Alix Girod) fertig war, habe ich ja gesagt, dass ich den Flop des Jahres gefunden habe.
In „Gib Gummi, Baby!“ hat das Buch aber einen würdigen Gegner gefunden. Ich kann kaum sagen, welches Buch schlechter war.

Laut Klappentext hätte es klischeehaft, aber gut werden können:

Als die junge Daisy Adams, die im Radio eine Tiersendung moderiert, ins Verkehrsressort wechselt, ist sie überglücklich: Denn erstens mag sie keine Rezepte für Hundefutter mehr präsentieren, und zweitens hat sie nun engeren Kontakt zu Steve Crow, ihrem äußerst gut aussehenden Chef. Aber Daisys Leben ist, gelinde gesagt, chaotisch, versucht sie doch gleich mehrere Jobs unter einen Hut zu bringen. Und eigentlich hat Daisy gar keine Zeit für so unproduktive Beschäftigungen wie eine neue Liebe…

Ich hasse Bücher, in denen im Klappentext schon Fehler sind.
So überglücklich ist Daisy gar nicht wegen des neuen Ressorts. Sie hat den Job zwar freiwillig übernommen, aber nur weil sie Geld braucht. Und die Rezeptsendung macht sie immer noch liebend gern, weil es ihr am Herzen liegt. Immerhin musste sie beim Chef auch einen Monat betteln, dass sie das machen darf. Und vor dem Chef hat sie anfangs etwas Angst. Große Freude war da nicht.

Dann hat der Titel auch überhaupt nichts mit dem Buch zu tun.
Da passt der englische („The Rocky Road to Romance“) noch ein wenig besser, weil sie ja nun immerhin die Verkehrsnachrichten übernimmt.
Aber „rocky“ war da trotzdem nichts. Ganz im Gegenteil (aber dazu gleich mehr)!

Außerdem passt das Cover so gar nicht! Daisy ist keine Schickimicki-Tussi, sondern trägt meist Jeans und T-Shirt. Und ein kleines Hündchen hat sie auch nicht. Steve legt sich im Laufe des Buches einen zu, aber einen jungen, riesigen, wuschligen, wilden Hund.

Eigentlich hätte ich aber schon eine schlimme Vorahnung haben sollen bei dem sprachlichen Schnitzer in der Überschrift des Klappentextes. „Die junge chaotische Daisy und ihr attraktiver Chef: Sie können zusammen nicht kommen – oder doch?“ „Zusammen kommen“ hat nicht immer etwas mit „Zusammenkommen“ zu tun. Das sollte mal jemand der Übersetzerin sagen.

Diese ist aber anscheinend eh keine Heldin.
Manches hat sie wohl einfach 1:1 übersetzt ohne groß zu überlegen, ob es für Deutsche Sinn macht: „Sie sind beide sehr nett, und ich weiß eigentlich nicht, warum sie sich dazu entschlossen haben, hier wie auf Tara zu leben.“ (Ist das irgendeine Redewendung, die ich nicht kenne?) oder „menschliche Ausgabe von Thomas, der kleinen Dampflok“ (muss der heimliche Bruder von Thomas, der kleinen Lokomotive sein).

Aber nicht nur die Übersetzerin hatte so ihre Probleme, sondern meiner Meinung nach auch die Autorin.
Aus der Liebesgeschichte wurde nichts rausgeholt.
Kaum musste Daisy ihren Chef fragen, ob sie den Posten des verletzten Verkehrsreporters übernehmen darf, werden seine Beschützerinstinkte geweckt und beide fliegen auf sich, wie die Motten auf das Licht.
Schon nach 19 Seiten fällt zum ersten Mal ein Satz, bei dem ich nur den Kopf schütteln konnte „Genau so fühlte er sich – wie ein kampferprobter Kater, der endlich die Liebe seines Lebens gefunden hatte.“. Ein paar Seiten weiter wurde es nicht besser: „Es war schon viel zu lange her, dass sie einem Mann gegenüber solche Gefühle empfunden hatte. Eigentlich hatte sie das noch nie erlebt.“ (Das war übrigens am ersten Abend mit ihrem neuen Posten.)
Später wissen die beiden auch gleich, dass sie Seelenverwandte sind (Jaja, das weiß man halt manchmal schon nach einer Woche.)
Ich fand das mehr als übertrieben. Die beiden haben immerhin schon ein Jahr miteinander gearbeitet und da hatte sich keiner für den anderen interessiert. Aber kaum reden sie fünf Worte miteinander, lieben sie sich über alles. Es ging zu reibungslos und da baute sich nichts langsam auf. Ich hab darüber permanent mit den Augen gerollt.
Hach, ich möchte so ungern spoilern, aber da das Buch so schlecht ist, kann ich eh keinem empfehlen das zu lesen. Wer es doch will, überliest bitte die nächsten Zeilen und macht bei „Die Personenbeschreibungen…“ weiter ;).
Ich habe mich nämlich schrecklich darüber aufgeregt, dass die beiden sich dann nach zwei Wochen verloben (was mehr oder weniger nur eine List von Steve war) und nach zweieinhalb Monaten stelle Daisy dann fest, dass sie schwanger ist (seit der Verlobung hatten die beiden sich aber nicht mehr gesehen, da sie Zeit für ihre Doktorarbeit brauchte). Darüber sind beide dann aber doch so glücklich, dass sie erstmal mit Cidre (auch Apfelschaumwein genannt… hat also Alkoholgehalt) anstoßen. Prima, an der Stelle hab ich mich mitgefreut 🙄 .

Die Personenbeschreibungen an sich blieben relativ platt und farblos. Es hatte keiner Ecken und Kanten. Selbst Steve, der ja eigentlich immer als so strenger und ernster Chef empfunden wird, steht gleich abends mit Essen vor Daisys Tür und kümmert sich liebevoll um sie, wo er nur kann.
Daisy selbst ist mehr mit Jammern und Zweifeln beschäftigt als alles andere. Ich kenne auch Amerikas Preislage nicht, aber ist es denn wirklich nötig, Zeitungen auszutragen, Schülerlotsin zu sein, im Altenheim zu arbeiten, ein Buch zu schreiben, im Radio eine Show zu moderieren und nebenbei noch Taxi zu fahren, nur weil man an seiner Doktorarbeit schreibt und ein kleines Häuschen hat (die in Amerika ja alle haben, so teuer kann es ja nun also nicht sein).
Es wohnt auch noch Daisys Bruder momentan bei ihr, da die Eltern im Urlaub sind. Er ist andauernd nur ungehobelt, vorlaut und isst ständig. Den Sinn seiner Figur habe ich nicht verstanden.
Und Bob, der Hund macht nie Probleme, obwohl er ein nicht mal ein Jahr alter Tierheimhund ist. Nicht das kleinste Problem macht er und nichts stellt er an.
Sowieso hatte ich das Gefühl, dass Bob alles versteht, was Menschen sagen und sehr menschlich handelt. Er trinkt beispielsweise auch Kaffee und sitzt brav am Tisch beim Essen.
Vielleicht habe ich bei Bob aber tatsächlich was verpasst. Es gibt nämlich eine Reihe über Elsie Hawkins und das hier ist der vierte Teil.

„Elsie wer?“ Denkt ihr jetzt sicherlich… Jaha, es gibt auch noch eine alte Frau in dem Buch, die Personenschützerin ist. Daisy fährt nämlich auf ihrer ersten Verkehrstour einen Drogendealer an und der kann deswegen dingfest gemacht werden. Ab da wird Daisy am Telefon bedroht und auch richtig angegriffen.

Ich finde schon, dass sich Frau Evanovich für so ein dünnes Buch hätte entscheiden müssen: Liebes- oder Gangster-Story? So wurden beide Handlungsstränge sehr schnell und platt abgehandelt. Beides lief reibungslos und die Auflösung, warum Daisy nun so bedroht wird und von wem eigentlich, wird in einem Nebensatz eingeworfen.

Auch wenn das Buch nun offiziell als vierter Teil der Elsie-Hawins-Reihe geführt wird, hatte ich nie das Gefühl. Elsie war nur eine Randfigur. Mit ihrer taffen und robusten eigenen Art war sie aber das Beste an dem Buch.

Es gibt aber noch zwei weitere kleine Pluspunkte. Zum einen ist das Buch mit 224 Seiten wirklich dünn.
Zum anderen wurde das mit dem Erzählen immerhin gut gemacht. Es gibt einen allwissenden Erzähler, der mal aus der Perspektive von Daisy, mal von Steve beschreibt. Das kann dann aber auch in einem Absatz wechseln, ohne verworren zu wirken. Man kommt gut mit und ist so immer auf dem Laufenden, was beide denken und wollen.

Leider habe ich noch einige Bücher von Frau Evanovich auf dem SuB liegen. Da bleiben die auch definitiv noch eine Weile. Von dem Schreck muss ich mich erstmal lange erholen.
In dem Zusammenhang kann ich auch nicht verstehen, dass unter dem Klappentext ein Zitat von The Bookseller Folgendes sagt: „Wenn man ein Buch von Janet Evanovich gelesen hat, will man sie alle!“
Also dieser Satz kann auf keinen Fall stimmen, wenn dieses Buch hier das erste ist.

Abschließend kann ich nur sagen, dass ich selten so ein irrelevantes Buch gelesen habe.
Nur weil es sich wirklich flüssig lesen lässt, gibt es nicht die niedrigste Sternbewertung, sondern ein halbes Sternchen mehr: .

Janet Evanovich – Gib Gummi, Baby!
Originaltitel: The Rocky Road to Romance (1991)
Goldmann, Oktober 2007
ISBN 3442461677
224 Seiten
Taschenbuch; 7,95 Euro

(Hmm, das deutsche Wikipedia gibt „Gib Gummi, Baby!“ als Einzelband an. Mein Bücherforum und auch die englische Wikipedia-Seite über Frau Evanovich sagen, dass es zu der Elsie-Hawkins-Reihe gehört. Der Ordnung halber, nehme ich die mal mit auf. Ach, und nicht wundern. Der vierte Teil hat zwei Titel, da er erstmal 1991 erschien und dann 2004 neu aufgelegt wurde in leicht veränderter Form.)

Reihenfolge der Bücher:
1. Eine ganz normale Bettgeschichte
2. Wer eine schöne Frau verführt
3. Eine Frau für einen Sommer
4. Wenn eine Frau aufs Ganze geht/ Gib Gummi, Baby!

Alix Girod – Heilig auf High Heels

Ich bin so glücklich: Nächsten Januar muss ich nicht lange überlegen, ich glaube, ich habe jetzt schon den Flop des Jahres gefunden.
Und ich Dummi hatte mich auf ein heiteres Frauenbuch gefreut nach der schweren Kost davor. Aber Pustekuchen. Das war noch um einiges schwerer. Und dazu nervtötend!

Aber das konnte ich doch wirklich nicht ahnen nach diesem Klappentext:

„Pauline Orman-Perrin , genannt POP, ist bekannt für ihre witzigen Kolumnen im Modemagazin ‚Modelle‘. Als ihr in der Water Bar (Spezialität: Salat ohne alles) eine Pyramide Mineralwasserflaschen auf den Kopf fällt, begegnet sie im Koma Gott – in Gestalt von Karl Lagerfeld. Karl/Gott stellt sie vor die Wahl: Entweder sie betreut in Zukunft als Engel die Jenseits-Zeitschrift ‚HimmElle‘ oder sie ändert ihr Leben. Pauline bekommt genau vierzig Tage Zeit, um sich selbst, ihre Familie und ihr Glamour-Magazin zu mehr Glaube, Liebe und Sinn umzukrempeln…“

Ich weiß nicht, welchen Kreuzzug Frau Girod mit diesem Buch führen wollte. Denn ab dem Moment als POP wieder aus dem Koma erwacht, ist sie die fanatischste Christin, die ich mir vorstellen konnte.
In diesem Zusammenhang hört sie dann auch gleich mal komplett auf, sich gut zu kleiden. Sie schmeißt konsequent ALLES weg, was ihr in ihrem „alten Leben“ etwas bedeutet hat.
Somit finde ich den Titel auch komplett falsch. Sie mag ja versucht haben eine Heilige zu sein. Die High Heels waren zu diesem Zeitpunkt aber schon weggeschmissen.

Den Pfad des Guten muss POP aber nicht allein beschreiten. Gott stellt ihr noch die Wegbegleiterin Germaine Criquet an die Seite: eine alte, hässliche, giftige, kinderhassende (und ebenso fanatische) Sterbebegleiterin.
Den Sinn dieser Frau habe ich aber nie verstanden. Ich hatte das Gefühl, dass sie einfach bösartig ist. Wie Pauline zu dem Urteil „gut und sanft“ kam, war mir bis zum Ende schleierhaft.

Aber ich fand nicht nur Germaine unausstehlich, ich fand auch keinen Draht zu allen anderen Personen.
Das kommt auch daher, dass keine einzige Person beschrieben wurde. Weder vom Aussehen her, noch charakterlich. Natürlich kam an manchen Stellen ein wenig vom Charakter durch, aber auch nie wirklich. Eine Meisterleistung der Autorin, finde ich. Auf 271 sowohl Optik als auch Charakter konsequent zu ignorieren muss auch gekonnt sein.
Aber Frau Girod ist im wahren Leben Autorin bei der Frauenzeitschrift Elle. Die hat sich sicher ein dickes Fell zugelegt.

Um das hier mal festzuhalten, auch wenn ich selber atheistisch erzogen wurde, kann ich mich sehr für die Menschen freuen, die aus ihrem Glauben Kraft ziehen.
Es störte mich also nicht, dass hier eine Begegnung mit Gott stattfand (da gibt es ja auch genug Filme, die ich liebe), aber POP scheint schon ein sehr schlichtes Gemüt zu haben. Sie hat nämlich komplett alles falsch gedeutet, was Gott ihr gesagt hat.
Nur weil man mehr Sinn in sein Leben bringen soll, muss man doch nicht seinen kompletten Kleiderschrank wegwerfen und aufhören sich zu schminken.
Und man muss sich erst recht keiner kolumbianischen Familie annehmen, die man über Mein-Freund-der-Flüchtling.com gefunden hat. Oder sich auch nicht verpflichten 20 Jahre einen Häftling jede Woche zu besuchen.
Außerdem sabotiert sie nun auch ihre Zeitschrift und schmuggelt heimlich irgendwelche christlichen Kampfschriften in das Heft.
Auch ihre Familie hat zu leiden. Denn nicht nur, dass sie recht unansehnlich wurde, sie verweigerte sich auch jedes härteren Wortes gegenüber der Kinder (dass der Sohn dann auch recht fix davor stand von der Schule zu fliegen, war ja Nebensache).
Pauline verbrachte ihre Zeit lieber damit ständig rührselig zu sein und vor Dankbarkeit zu heulen, wenn ihre Kinder sich stritten. Denn eigentlich zeigte das ja, wie sehr sie sich lieben.

Das alles steigert die Autorin noch mit Zitaten über jedem Kapitel. Normalerweise liebe ich das, da diese Sprüche immer lustig sind.
Frau Girod schien da aber einen neuen Pfad beschreiten zu wollen.
Meine kleine Auswahl der Schauer-Zitate:

„Seid euer eigenes Licht. Seid eure eigene Zuflucht.“ Buddha

„Das Herz und nicht die Vernunft nimmt Gott wahr.“ Blaise Pascal

„Die Trauer um einen Toten währt sieben Tage, die um einen Toren und Gottlosen alle Tage seines Lebens“ Ecclesiasticus

Ansonsten wird auch noch die Bibel zitiert.

Ich möchte es nochmal wiederholen, ich habe nichts, aber auch GAR NICHTS gegen Gläubige. Jeder, wie er es für richtig hält.
Aber was sollte das hier alles?
Eigentlich sagte mir das Buch: jeder der sich gern um sich kümmert und keiner wohltätigen Arbeit nachgeht ist abgrundtief böse und kommt nicht in den Himmel (das wäre POP nämlich nicht, wenn sie die Himmels-Zeitung nicht übernommen hätte).

Zu diesem Zweck manipuliert POP auch die Pille und die Kondome ihrer besten Freundin. Die soll nämlich bitte noch ein Kind bekommen mit ihrem neuen Freund, den sie seit zwei Wochen kennt.

Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl ich soll zum Katholizismus bekehrt werden. Oder einer anderen Relegion. Das schien erstmal nebensächlich. Hauptsache gläubig.

Vielleicht hätte ich auch das nicht so unglaublich furchtbar gefunden, wenn das Buch wenigstens gut geschrieben gewesen wäre. War es aber nicht!
An keiner Stelle lustig. Nicht mal meine Mundwinkel verzogen sich nach oben. Auch wenn das Buch laut Klappentext ein „hinreißend komisches Duell zwischen Seelenheil und Frühjahrskollektion“ sein soll.
Sehr schade! Denn dass die Autorin es kann, blitzte ab und zu mal durch, wenn POP ihre Chefinnen betrügen wollte und einen Artikel im alten Stil geschrieben hat (aber an diesem Stellen war ich meist so runtergezogen von dem Buch, dass ich auch nicht lächeln konnte).

Erschwerend hinzu kamen Wörter, die niemand kennt (behaupte ich mal so einfach).
Also mir sagte zumindest weder „sektiererisch“ noch „Fatwa“ etwas.
Immer wieder gab es auch französisches Essen oder wichtige regionale Persönlichkeiten, die ich nicht kannte. Die habe ich dann teilweise gegooglet. Aber das ist auch anstrengend, weil man immer aus dem Lesefluss rauskommt.
Aber zumindest an der Stelle, an der die Gefangene, die POP immer besucht „Die kleine Dutroux“ genannt wird, musste ich wissen, was das ist. Ich hatte ja erst ein Schimpfwort vermutet, das nicht übersetzt wurde. Aber dann kam heraus, dass das ein belgischer Mörder und Sexualstraftäter war.

Nachdem ich mich nun durch ca. 250 Seiten gequält hatte (die Hoffnung, dass das alles doch irgendwie nur Spaß sein sollte, blieb) wurde es tatsächlich nochmal minimal besser.
Aber die Lehre, die mich dieses Buch lehren wollte, war so dermaßen lachhaft, dass auch der etwas weniger missionarshafte Charakter nichts ausreißen konnte.

Also ich fasse nochmal zusammen:
• Figuren waren blass und hielten den Leser auf Distanz
• recht flüssig geschrieben, aber immer wieder mit Wörter durchzogen, die man im Normalfall nicht kennt
• viele französische Begriffe (die mich nicht gestört haben, aber wer kein Französisch in der Schule hatte, könnte so seine Probleme bekommen)
• kein bisschen witzig
• Schwarz-Weiß-Malerei (da Ungläubige immer die schlechteren Menschen waren)
• versucht zum Glauben zu bekehren (aber wirklich unendlich penetrant!!!)

Kurz gesagt: Das Buch war alles andere als himmlisch!
Nur weil sich das Buch die meiste Zeit gut lesen ließ und ein paar Personen wenigstens noch normal blieben (und POP auch regelmäßig erklären wollten, dass sie es übertreibt), gibt es ein halbes Gnadensternchen mehr (man muss sich den Weg der Tugend ja noch warm halten):

Alix Girod – Heilig auf High Heels
Originaltitel: Sainte futile (April 2006)
Fischer Taschenbuch Verlag, April 2008
ISBN 3596175666
271 Seiten
Taschenbuch; 8,95 Euro