Colleen Hoover – Summer of Hearts & Souls

»Ich hätte nicht gedacht, dass es viele Leute auf der Welt gibt, die so sind wie ich«, sagte Samson.
»Du denkst, dass wir uns ähnlich sind?«
Ich bin versucht zu lachen, aber seine Miene ist todernst.
»Ich glaube, wir sind uns viel ähnlicher, als du denkst, Beyah.«

Nie hätte Beyah gedacht, dass ausgerechnet Samson, der superreiche, attraktive Nachbar ihrer neuen Stieffamilie, ähnliche Abgründe in sich trägt wie sie selbst… (Klappentext)

Beyah findet ihre Mutter leblos auf der Couch, gestorben an einer Überdosis. Überstürzt zieht sie aus dem kleinen Wohnwagen aus, Besitztümer hat sie keine, die sie zurücklassen könnte. Sie zieht zu ihrem Vater, den sie seit Jahren nicht gesehen hat und mit dem sie auch kein besonders inniges Verhältnis hat. Auf der Bolivar-Halbinsel in Texas lebt sie plötzlich in Reichtum, mit Lagerfeuern am Strand, Essen im Kühlschrank und einer neuen Stiefschwester. Vor allem aber auch mit Samson nebenan, der Beyah nicht wirklich an sich heranlassen will, sie aber auch nicht gehen lassen möchte.

Ich habe mich sehr auf das Buch gefreut und das ohne zu wissen, worum es geht. Klappentexte lese ich mir bei Colleen Hoover ja nie durch. Plötzlich fand ich mich erst in einem versifften Trailerpark wider und dann in einem wunderschönen Strandhaus. Der Kontrast war stark – und vor allem für Beyah kaum zu begreifen. Allein diese Strandatmosphäre war wirklich schön mit all den Sonnenaufgängen, dem Baden im Meer und der scheinbar allumfassenden Leichtigkeit des Lebens. Das Buch passt so gut in den Sommer und macht allein deswegen im Prinzip schon Spaß.

Doch mir fehlte ein wenig. Man ist von Hoover Drama gewöhnt, schlimme Schicksale, düstere Vergangenheiten, Traumata… all das findet man auch hier, aber es fühlt sich nicht so an. Ich las es wie eine „normale“ Kennenlerngeschichte von zwei Leuten, die zwar so ihre Probleme und Geheimnisse haben, aber trotzdem nicht diesen Tiefgang.

Die Figuren mochte ich wirklich gern. Beyah weiß sehr zu schätzen, was die Leute und das Leben ihr gerade bieten, die Stiefschwester Sara ist einfach klasse und auch die Geheimnisse von Samson, die Schicht um Schicht aufgedeckt werden, sind interessant.

Ja, das Buch ist – vor allem auch aufgrund der Atmosphäre – ganz cool und natürlich hat es mich am Ende bewegt. Hoover kriegt mich einfach immer. Aber grundsätzlich hat sie schon deutlich Besseres geschrieben, meiner Meinung nach. Es ist nicht allzu viel passiert, es war nicht so richtig spannend. Gut, aber im Verhältnis zu ihren anderen Büchern deutlich abgefallen.

Colleen Hoover – Summer of Hearts & Souls
Originaltitel: Heart Bones (August 2020)
dtv Verlagsgesellschaft, 13. April 2022
ISBN 3423740787
315 Seiten
Broschiert; 15,95 Euro

Weitere Bücher der Autorin (klicke für die Rezension):

Sebastian Fitzek & Micky Beisenherz – Schreib oder Stirb

Ein Psychiatriepatient mit einem diabolischen Angebot.
Ein Literaturagent mit einem außergewöhnlichen Sinn für Humor.
Und ein Leben, das von einem Buch abhängt, das erst noch geschrieben werden muss. (Klappentext)

David Dolla ist ein erfolgreicher Literaturagent, der solange ein recht entspanntes Leben führt, bis er in einer psychiatrische Klinik gelockt wird. Der Entführer der kleinen Pia stellt David vor die Wahl: Entweder verschafft David dem Patienten eine Million Euro Vorschuss für ein True Crime Buch und rettet die kleine Pia, oder – sollte David das Angebot ablehnen – Pia wird sterben und Davids Leben wird die Hölle auf Erden. Und David tut das, was man eben tut, wenn ein Irrer einem ein unsinniges Angebot macht: Er lehnt ab. Und die Hölle tut sich auf…

Monatelang hatte ich das Buch schon vorbestellt. Ich habe mich sehr auf das neue Buch meines Lieblingsautoren gefreut. Die Prise Beisenherz brauchte ich dabei zwar nicht, finde den immerhin auch gar nicht mal so lustig, aber gut, kann ja was werden.
Und direkt am Anfang merkte ich dann schon, dass es trotzdem leider nichts geworden ist. Zumindest nicht der Humor.

Liest man sich durch verschiedene Rezensionen zu dem Buch, liest man immer wieder von erzwungener Komik und unlustigen Vergleichen. Dinge wurden nicht einfach beschrieben, sondern mussten sich mit vollkommen absurden Sachen gleichstellen lassen.
Ich kann das alles so nur unterschreiben. Ich habe ein einziges Mal gelacht und das nur, weil mich ein Beleidigung, die ich selber gern nutze, kalt erwischte. Ansonsten habe fand ich diese vollkommen unlustige Komik eher als störend und das Buch künstlich aufblähend. Ich habe mich dann recht schnell entschieden, darüber einfach hinwegzulesen. Dann wurde es besser.

Die Story an sich fand ich nämlich eigentlich ziemlich cool. Storys über entführte Kinder können mich zwar nicht hinterm Ofen hervorlocken, aber hab ich mal so hingenommen. Ich mochte eher die Idee mit dem Buch, das David schreiben soll über seine aktuelle, horrorhafte Lebensrealität und die Frage, warum der Entführer das alles so macht.

Leider hatte ich quasi ab Sekunde eins den richtigen Riecher für den großen Knall des Buches. Und damit haben sich ganz viele Fragezeichen des Buches für mich nie gestellt. Denn mit der Lösung, die mir von Anfang an absolut klar war, waren alle Unmöglichkeiten des Buches absolut möglich. Ich sollte Recht behalten. Damit wurde ich leider nicht so überrascht, wie ich es gern gewollt hätte.
Immerhin gab es noch ein paar mehr Schichten bei der Auflösung, was mir letztlich zu komplex war. Zu viele doppelte Böden und Auflösungen, die dann doch nochmal umgestoßen wurden. Weniger ist manchmal mehr.
Meiner Meinung nach gab es auch einige Logikfehler und Geheimhaltungen, die keinen Sinn ergaben. Hat alles etwas geknirscht.

Was ich außerdem nicht mochte, war, dass David den Leser regelmäßig anspricht. Ist eine persönliche Einstellung, ob man das cool findet oder nicht.
Cool ist insgesamt ein gutes Stichwort: Fand ich es cool, dass Fitzek sich mit Beisenherz zusammengeschlossen hat für das Buch? Eigentlich ja. Fand ich es gut gemacht? Nein.
Aber die Idee des Buches fand ich schon cool. Und trotz meiner sicheren Lösung auch einigermaßen spannend. Aber mehr halt auch nicht.

Sebastian Fitzek & Micky Beisenherz – Schreib oder Stirb
Droemer, 30. März 2022
ISBN 3426282739
333 Seiten
Gebunden; 19,99 Euro

Tobias Goldfarb – Niemandsstadt

In der Niemandsstadt gibt es alles, was man sich in der Wirklichkeit erträumt. Drachen ziehen durch die Wolken, Statuen zwinkern einem freundlich zu. Gleich drei Sonnen wärmen Gesicht und Rücken. Räume entstehen immer dann, wenn man sie braucht. Hier fühlt sich Josefine wohl. Doch diese Stadt, ihre Geschöpfe und ihr Zauber sind in Gefahr. Bedroht von spionierenden Crowbots, von Magie raubenden Maschinen, von einer weiten, weißen Leere.
Ausgerechnet Josefine soll eingreifen – aber wie bekämpft man einen Gegner, der nicht existiert? (Klappentext)

Das Buch besteht aus wahnsinnig vielen Kapiteln, denn die meisten sind nur zwischen zwei und drei Seiten lang. Wenn sie lang sind, haben sie sechs Seiten. So konnte ich mich also richtig reinstürzen in die Geschichte und Josefine und die Niemandsstadt kennenlernen. Die Stadt, die sie meistens in ihren Träumen betritt, sie aber auch sehen kann, wenn sie es am Tage schafft, ganz gedankenleer zu sein. Und wie aufregend diese Stadt ist! Es gibt Feen, Trolle, Drachen und kleine Dämonen. Es ist ein Abbild ihrer Heimatstadt Berlin, aber kein exaktes. Häuser verschwinden und tauchen woanders wieder auf. Innenräume sind anders als in der Realität. Statuen leben.
Doch die Stadt wird angegriffen und danach bleiben weiße Flecken zurück.

Als Josefine nach einem Unfall im Koma liegt, kann sie versuchen, der Niemandsstadt so richtig zu helfen. Doch wer hilft ihr im Hier? Da kommt ihre beste Freundin Eli ins Spiel, der sofort klar ist, dass Josefine nicht einfach nur im Koma liegt, sondern irgendwo anders ist. Jetzt muss sie nur herausfinden, wo das ist und wie sie dahinkommt.

Ich fand den Anfang so schön und so vielversprechend, doch an diesem Moment kippte langsam die Stimmung. Ich habe nicht verstanden, warum Eli sich in ihrer Sache so sicher war, wo Josefine doch nie wirklich mit ihr über die Niemandsstadt gesprochen hat. Es gab nur einen kleinen Vorfall, der darauf hindeuten konnte, dass Josefine mehr weiß als andere Menschen, aber Elis Schlussfolgerungen waren recht unauthentisch.

Umso länger das Buch voranschritt, umso anstrengender wurde es für mich zu lesen. Nicht, weil das Buch schlecht geschrieben wäre oder ich nicht vorankam. Aber gefühlt passierte so wenig und dann wurde eine riesige Technikkomponente reingebracht, die dem Buch die Lockerheit und Fantasie für mich nahm.
Vor allem fehlte mir die Spannung, weil sehr schnell klar war, was in der Stadt passierte. Auch wenn die Frage nach einer Lösung noch im Raum stand, hatte die für mich nicht genug Zugkraft.

Die Idee des Buches fand ich eigentlich wirklich ganz cool. Aber so richtig neu war sie nicht. Zwischendrin fühlte ich mich an einige Filme erinnert: „I, Robot“, „The 13th Floor“, „Inception“ sind nur ein paar davon.
Ich hatte also grundsätzlich meinen Spaß, blieb aber bei weitem nicht so begeistert zurück, wie ich anfing.

Tobias Goldfarb – Niemandsstadt
‎Thienemann Verlag, 14. Februar 2020
ISBN 3522202678
366 Seiten
Gebunden; 15,00 Euro

Hanna Bervoets – Flauschig

»Mach dir keine Sorgen, alles bessert sich im Laufe der Zeit. Doch natürlich wird alles auch wieder mal schlechter. Aber in den Momenten bin ich für dich da, verstehst du?«

Solchen Trost spendet der kleine flauschige Ball, die neueste Errungenschaft im Kreis um die Designerin Florence. Jeder hat einen, keiner gibt ihn mehr her. Denn sie lieben ihr weißes, blaues oder rosarotes flauschiges Bällchen, und sie wissen, es versteht sie wie keiner sonst… (Klappentext)

Als ich den Klappentext gelesen habe, war ich direkt fasziniert, denn ich ahnte nicht, in welche Richtung die Geschichte weitergehen wird. Ist es etwas Nettes zum Wohlfühlen? Will das Bällchen nur das Beste der Menschen? Oder geht es in Richtung Überwachung und Abhängigkeit?
Mit dem ersten Kapitel hat mich das Buch dann auch sofort bekommen. Das Bällchen spricht zum Leser und – ganz im Stile eines Horoskops – scheint es den Leser auch wirklich zu kennen. Das hat mir richtig gut gefallen.

Danach liest man aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, auch wenn der Kosmos des Buches nicht allzu viele Personen umfasst.
Eine richtige Geschichte entspannt sich weniger, viele Themen kreisen um sich selber und kommen nicht wirklich weiter. Trotzdem blieb ich gespannt am Ball, denn ich hoffte immer noch auf bestimmte Entwicklungen und wartete gespannt.

Immer wieder werden die Geschichten der Personen – Florence, Maisie, Diek und Stephan – unterbrochen und das Bällchen spricht zum Leser. Seine Ergüsse sind immer recht philosophisch und haben mir gut gefallen, denn sie haben mich zum Teil wirklich zum Nachdenken gebracht. Sie beschäftigen sich mehrheitlich mit Liebe, Sehnsüchten und Glück.
Was ich problematisch fand: Damit es passt, musste sich die Autorin eine Zielgruppe für das Buch überlegen, damit sich der Leser auch wirklich angesprochen fühlt. Und diese Zielgruppe wurde festgelegt als kinderlose, leicht melancholische Single-Frau. Damit redete das Bällchen häufig an meiner Lebensrealität vorbei. Und wäre ich ein Mann, fände ich das vielleicht auch doof, immer als „Liebes“ angesprochen zu werden.

Die vier Personen sind alle totale Normalos, was mal ziemlich erfrischend war. Aber sie alle haben auch mehr oder weniger große Probleme und sind recht unglücklich mit ihrem Leben. Das machte es schwer, sich mit ihnen zu identifizieren. Am ehesten mochte ich und interessierte mich hier noch Maisie, die die Ex-Freundin von Florence, die Erfinderin des Bällchens, ist.

Sprachlich machte das Buch es mir anfangs nicht leicht. Die ersten 40, 50 Seiten fand ich sehr holprig und musste den ein oder anderen Schachtelsatz auch mehrfach lesen. Doch dann wurde es immer besser und ich wurde nicht mehr so aus dem Lesefluss gerissen.

Trotz fehlender Spannung und um sich kreisende Gedanken las ich das Buch wirklich ganz gern, vor allem auch, weil die Idee mit dem Bällchen neu war. Ich rätselte permanent, warum und wie Florence es gemacht hat. Welchen Zweck sie verfolgt und ich wollte auch wissen, ob die Figuren doch noch glücklich werden. Ob endlich mal ein Date von Diek ein gutes Ende nimmt, Stephan sich von seiner scheinbar zerrütteten Ehe lösen kann und Florence und Maisie noch einmal aufeinandertreffen.

Doch mit dem Ende hat mich das Buch dann verloren. Es fehlten an allen Ecken und Enden Erklärungen und Klärungen. Manche Geschichten hörten einfach abrupt auf. Ich verstehe wirklich nicht, was sich die Autorin dabei gedacht hat. Als hätte sie selber nicht gewusst, wie das alles funktionieren soll und hätte dann aufgegeben, eine Lösung zu suchen.
Ich hatte auf tolle Wendungen und feuerwerksartige Auflösungen gehofft und blieb total enttäuscht zurück.
Nur weil ich den Weg bis dahin ganz gut fand, gibt es .

Hanna Bervoets – Flauschig

Originaltitel: Fuzzie (April 2017)
‎btb Verlag, 12. Juli 2021
ISBN 3442770483
318 Seiten
Broschiert; 12,00 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

Walter Moers – Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär

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Die halben Lebenserinnerungen eines Seebärem – ein niversum für sich! Käpt’n Blaubär entführt die Leser in eine Welt der Phantasie: auf den Kontinent Zamonien, wo Intelligenz eine übertragbare Krankheit ist und all jene Wesen hausen, die aus unserem täglichen Leben verbannt sind. Eine aufregende Reise durch ein märchenhaftes Reich, in dem alles möglich ist – nur nicht die Langeweile! (Klappentext)

2008 oder 2009 habe ich als erstes Buch von Walter Moers „Die Stadt der Träumenden Bücher“ gelesen und sofort geliebt. So etwas hatte ich noch nie gelesen. Da überlegte ich nicht lange und kaufte den Start seiner Zamonienbücher gleich hinterher. Immerhin handelt er auch von dem blauen Bären, dessen kurze Geschichten am Ende von der Sendung mit der Maus zu meiner Kindheit gehören wie zu anderen das Sandmännchen. Doch es mussten erst 12 Jahre vergehen, bis ich „Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär“ las.

Der alte Seebär beginnt ganz klein. In einer Nussschale trieb er auf dem offenen Meer, als ihn die Zwergpiraten fanden und aufnahmen. Doch dieses kleine Bärchen wurde bald ein stattlicher Bär. Und da er die Zwergpiraten dann deutlich überragte, musste er ans Land und so begann sein zweites Leben. Das bei den Klabautergeistern. Von hier sollten noch allerhand Leben, Abenteuer und Gefahren auf ihn warten. Er trifft Freunde und Feinde, hat Erfolg und Misserfolg, erlebt Niederlagen und Siege.

Blaubär ist, wie gesagt, aus meiner Kindheit nicht wegzudenken. Umso dankbarer bin ich, dass auch die literarische Vorlage freundlich, liebenswürdig und sympathisch ist. Ich war gern an seiner Seite, als er von einem Leben in das andere tapst und dabei Zamonien kennenlernt.
Der fantastische Kontinent Zamonien findet in diesem Buch seinen Anfang und sollte danach in so vielen weiteren Moers-Büchern eine Rolle spielen. Ich selber habe ja mit dem vierten Zamonien-Buch begonnen, doch mit diesem hier zu beginnen wäre deutlich schlauer gewesen. Dank eines Lexikons in Blaubärs Kopf erfährt auch der Leser immer mehr über den Kontinent, seine Bewohner und Wunder. Es ist unglaublich, wie viel Fantasie in diesem Buch steckt. Wie viele Details sich Walter Moers erdacht hat. Wie viel Liebe in diesem Kontinent steckt.

Doch genau diese Fantasie ermüdete mich manchmal.
Es gibt recht häufig auch Aufzählungen über der verschiedensten Gegenstände, Jobs, Wesen oder andere Dinge. Diese Aufzählungen sind lang, mit jedem neuen Wort scheint sich Moers noch einmal selber übertrumpfen zu wollen. Das macht die ersten Male Spaß, doch irgendwann überflog ich diese Stellen. Durch so etwas wird das Buch künstlich aufgebläht. Manchmal gab es nicht nur bloße Begriffe, sondern längere Erklärungen zu den einzelnen Dingen: Doch die waren eigentlich vollkommen irrelevant für die Story.

Apropos Story: Ich finde die Idee total toll und es ist, als würde man 13 (einhalb) abgeschlossene Kurzgeschichten lesen. Sie bedingen sich gegenseitig und eine führt zur anderen, Figuren kehren wieder, aber an sich ist so ein Leben doch auserzählt. Vor allem anfangs musste ich häufig lachen.
Problematisch: So richtig spannend fand ich das meistens nicht. Innerhalb eines Lebens passierte manchmal recht wenig, manchmal ziemlich viel. Gerade die ersten paar Leben waren einfach lustig, niedlich, fantasievoll – aber auch ein bisschen flach. Erst so ab der Hälfte zog die Spannung deutlich an.

Alles in allem bin ich zwiegespalten:
Es gibt so viel, was ich genial fand. Ich liebe den Bären und Walter Moers hat so besondere (Neben-)Charaktere geschaffen. Das Buch strotzt nur so vor Fantasie und legt einen tollen Grundstein für alle weiteren Zamonien-Bücher. Wie auch in anderen Büchern hat Moers eigenständig wahnsinnig viel illustriert und seiner Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes ein Gesicht gegeben. Dieses Buch ist und bleibt etwas ganz Besonderes.
Im Gegensatz dazu ermüdete mich die schiere Übermacht der fantastischen Elemente manchmal. Moers zog die Schraube immer noch eine Drehung weiter an, setzte noch einen drauf. Dazu fand ich manche Leben manchmal zu ausschweifend erzählt, dafür dass doch recht wenig passierte.

Ich wollte das Buch so gern lieben. So richtig doll, wie „Die Stadt der Träumenden Bücher“. Doch am Ende habe ich fast einen Monat für die 700 Seiten gebraucht. Das bloße „Aneinanderreihen“ all dieser fantastischen Elemente hat mir dann doch nicht gereicht.

Walter Moers – Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär
Goldmann, 01. Dezember 2002
ISBN 344245381X
703 Seiten
Taschenbuch; 10,00 Euro

Reihenfolge der Bücher:
1. Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär
2. Ensel & Krete
3. Rumo & die Wunder im Dunkeln
4. Die Stadt der Träumenden Bücher
5. Der Schrecksenmeister
6. Das Labyrinth der Träumenden Bücher
7. Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr
8. Der Bücherdrache
9. Das Schloss der träumenden Bücher

Viel mehr Infos zu Walter Moers, seinen weiteren Büchern und vor allem zu der richtigen Reihenfolge findet ihr auf Webseite Reihenfolge.org. Mittlerweile sind dort Bücherserien von mehr als 1.500 Autoren zu finden..

Christina Hiemer – The Second Princess

Hiemer_The Second PrincessAuf der Vulkaninsel St. Lucien herrscht die mächtige Dynastie der Bell-Frauen. Seit Jahrhunderten wird die Krone an die älteste Prinzessin weitergegeben. Doch hinter der glamourösen Fassade der Königsfamilie lauern düstere Geheimnisse, die nur die zweitälteste Prinzessin zu hüten weiß. Saphina war immer die jüngste und damit unbedeutsamste von drei Schwestern. Nun rückt sie durch unerwartete  Ereignisse in der königlichen Thronfolge auf und tritt vollkommen unvorbereitet ein dunkles Erbe an. Und ausgerechnet Dante, der undurchschaubare Adelssohn, soll ihr dabei helfen… (Inhaltsangabe im Buch)

Als ich das Cover sah, war ich sofort fasziniert. Es war so edel und düster und ich habe mir etwas Großes bei dem Buch versprochen. Die Leseprobe der ersten 40 Seiten bestätigte dann auch mein Gefühl und ich war sehr dankbar, dass ich das Buch als Rezensionsexemplar erhalten habe.

Anders als andere Bücher über Monarchien spielt es im Hier und Jetzt. Ich mochte die Schlossatmosphäre sehr gern, aber es gibt auch Autos, Fernseher, Handys. Es ist überraschend keine Art Mittelalter zu bekommen, obwohl hier und da ein Gefühl dafür durchblitzt. Ich mochte den Bruch aber sehr gern. Es war mal etwas anderes.
Ebenso wie die Geschichte an sich. Ich mochte die Idee um die kleine Inselmonarchie mit all seinen Geheimnissen sehr. Um vieles wird sowohl von der Autorin als auch von den Figuren erst einmal ein Geheimnis gemacht, das der Leser erst nach und nach aufdeckt. Dabei spielen vor allem immer mehr Fantasyelemente eine Rolle.

Da ich eine Leserunde zu dem Buch hatte, steckte ich mir täglich 45 Seiten ab und die lasen sich immer super schnell. Ich mochte den bildlichen Schreibstil sehr gern.

Doch leider waren diese Punkte auch schon so ziemlich alles Positive, was ich sagen kann.

Schon mit den Figuren wurde ich nicht warm. Die Königin und die älteste Schwester Livia, die kurz vor ihrer Krönung zur Königin steht, fand ich unmöglich. Sie sind beide unangebracht gemein und kaltherzig. Es kann mir keiner sagen, dass ein Volk das von seinen Monarchen erwartet oder wünscht.
Saphina, die die Ich-Erzählerin ist, war anfangs noch ganz lustig und süß, doch umso weiter die Geschichte voranschritt, umso nervtötender und zickiger wurde sie. Natürlich hat sie einiges an Leid erfahren und die Wendung, die ihr Leben nimmt, nachdem sie in der Thronfolge aufrückt und zur Geheimniswahrerin der Bell-Familie wird, ist allumfassend und schwer. Aber ihr Verhalten ist damit trotzdem nicht in Einklang zu bringen. Ich dachte erst, dass ich sicher ins Herz schließen werde, aber dann wurde es immer distanzierter.
Und von Dante, der immer eng an der Seite der Familie, vor allem dann an der Seite von Saphina, ist, möchte ich fast gar nicht erst anfangen. Er ist total ambivalent und wankelmütig und man weiß nie, in welcher Stimmung man ihn als nächstes antrifft. Dabei lässt die Autorin dann aber trotzdem keine Klischees in Bezug auf sein Verhältnis zu Saphina aus.

So gern ich den Grundgedanken der Geschichte mag – sowohl die Ausgangssituation als auch die Entwicklung – so viel Unverständnis ruft sie auch in mir hervor. Von Saphina werden nach dem Aufrücken in der Thronfolge Sachen verlangt in ihrer neuen Rolle und dabei wird extrem viel Druck gemacht. Das ist aber total unnötig und unverständlich – es ergibt nur Sinn, wenn man den weiteren Verlauf der Story schon kennt. Da hat die Autorin mit brachialer Gewalt etwas aufgebaut, nur weil es für die Geschichte von Vorteil war, aber logisch reingepasst hat es nicht.
Ebenso wie der Fakt, dass Maylin, die ursprüngliche Nummer zwei, ihr Leben lang verbergen konnte, welche Geheimnisse der Familie sie bewahren muss.

Im Fortschreiten der Geschichte werden allerhand Gefahren angekündigt und künstlich aufgebauscht. Nichts davon konnte wirklich gehalten werden. Das meiste war viel zu kurz – und einfach – abgehandelt.

Man sieht, ich habe viele Kleinigkeiten, die mich wirklich gestört haben.
Ganz grob lässt sich mein Gefühl für „The Second Princess“ in zwei gegensätzlichen Stimmungen zusammenfassen:
1. Ich fand die Geschichte und die Idee cool und anders. Es gab ein paar neue Ansätze und interessante Wendungen. Die Spannung blieb manchmal etwas auf der Strecke, aber ich wollte immer weiterlesen und hatte so meinen Spaß.
2. Viele Dinge fand ich unrealistisch, unangenehm oder klischeehaft. Das Buch war auch trotz seiner 400 Seiten stellenweise zu dünn. Es hätten ein paar unwichtige Nebenhandlungen weggelassen werden können, damit die Hauptstory mehr Raum bekommt.

Die Kombination dieser beiden Punkte ergibt für mich 3,5 Sterne.

Christina Hiemer – The Second Princess
Carlsen, 18. März 2021
ISBN 3551584427
409 Seiten
Broschiert; 15,00 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar  

Sebastian Fitzek – Das Geschenk

»Ich bin Analphabet«, flüsterte Milan. Er hätte es auch laut gesagt, geschrien, wenn er eine Chance gesehen hätte, dass sie ihn verstehen würde.
Denn offensichtlich brauchte sie seine Hilfe, und die konnte er ihr nicht geben. Er verstand ihre Not. Nicht aber, was sie ihm mitteilen wollte. (Klappentext)

Als ich das Buch begann, wusste ich zwei Dinge: Den Titel und dass viele Leute das Buch nicht gut bewerteten. Ich war also gespannt, was sich entwickeln wird.

Ich stürzte mich in das Abenteuer um Milan, der mit aller Kraft versucht, seinen Analphabetismus vor seiner Außenwelt zu verstecken. Bisher ist er so ganz gut durchs Leben gekommen, doch plötzlich hält neben ihm ein Auto, auf dessen Rückbank ein völlig aufgelöstes junges Mädchen sitzt. Das wäre noch gar nicht so ungewöhnlich. Doch sie sieht Milan flehend an und hält einen Zettel an die Autoscheibe. Einen Zettel, den Milan nicht entziffern kann. Also folgt er dem Auto und auch wenn sich die Szene in Normalität aufzulösen scheint, bleibt sie Milan im Kopf. Also macht er sich mit seiner Freundin Andra auf, das Rätsel zu lösen. Dabei schlittert er in etwas, was sein komplettes Leben auf den Kopf stellen wird.

Wie immer hat Fitzek seiner Hauptfigur ein schweres Schicksal mit auf den Weg gegeben. Dieses Mal nicht in Form von toten Frauen oder Kindern, sondern in Form von Analphabetismus – und einer verstorbenen Mutter. Verhältnismäßig heil ist Milans Welt, bis sie vollkommen aus den Angeln gehoben wird und sich mit jeder Schicht, die er zusammen mit Andra freilegt, ein immer neues, grausames Detail ans Tageslicht kommt.

Ein wenig ist „Das Geschenk“ wie ein Road-Trip. Eine Fahrt von Berlin nach Rügen, getrieben von einem Mann mit einem Plan. Ein Plan, bei dem Milan nicht versteht, wie er dort hineinpasst. Warum ausgerechnet er?

Man lernt Milan mit einem Knall kennen, denn da er nicht Lesen und Schreiben kann, arbeitet er nicht. Er verdient sein Geld mit Überfällen. Die Kälte, mit denen er das plant und durchführt, hat geschafft, dass ich mich nie ganz auf Milan eingelassen habe, auch wenn er im Laufe des Buches immer nahbarer und verletzlicher wurde. Aber nicht unbedingt freundlicher.
Hier und da stießen ein paar Personen zum Ensemble dazu und jedem Einzelnen stand ich skeptisch gegenüber.

Die größte Kritik an dem Buch, die ich vor allem auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis hörte, bezog sich darauf, wie konstruiert das Buch ist. Eigentlich kann ich darüber immer ganz gut hinwegsehen, doch bei diesem Buch fällt es mir zum ersten Mal schwer. Die unlogischen Zufälle häufen sich und manchmal will sich das auch das ganze Buch über nicht so recht zurechtruckeln. Wie immer passen am Ende alle losen Enden zusammen, aber so richtig viele gab es davon dieses Mal gar nicht. Im Prinzip war die Story recht limitiert und geradlinig mit wenigen Überraschungen.

Gut geschrieben war „Das Geschenk“ wie immer. Es ließ sich schnell und locker weglesen und ich blieb die ganze Zeit am Ball. Auch in den Lesepausen war ich mit den Gedanken beim Buch. Spannung kam auf, blieb aber permanent auf einem flachen Niveau. Fitzek löste dieses Mal nicht alles mit einem großen Knall am Ende auf, sondern im Laufe der Geschichte wurden immer mal Hinweise oder kleine Auflösungen gegeben.

Ganz besonders ist die Verpackung. Denn passend zum Namen gibt es einen Umkarton, den man wie ein Geschenk öffnen kann. Ich liebe dieses Detail.

Alles in allem wurde ich gut unterhalten. Eine interessante Geschichte mit einem ungewöhnlichen Protagonisten und einigen Fragen, bei denen man gut miträtseln konnte. Die Spannung war jedoch nicht auf einem überzeugenden Niveau und manche Ereignisketten waren dann doch zu unauthentisch.

Sebastian Fitzek – Das Geschenk
Droemer, 23. Oktober 2019
ISBN 3426281546
367 Seiten
Gebunden; 22,99 Euro

Weitere Bücher des Autoren (klicke für die Rezension):

Jens Lubbadeh – Unsterblich

Diese Zukunft ist nur einen Klick entfernt

Der Traum der Menschheit vom ewigen Leben ist Wirklichkeit geworden: Dank Virtual-Reality-Implantaten können die Menschen als perfekte Kopien für immer weiterleben. Auch Marlene Dietrich ist als Star wiederauferstanden und wird weltweit gefeiert – bis sie eines Tages spurlos verschwindet. Eigentlich unmöglich! Für den Versicherungsagenten Benjamin Kari wird aus der Suche nach ihrem digitalen Klon ein mörderisches Katz-und-Maus-Spiel. (Klappentext)

Gib mir ein Buch mit Klonen, künstlicher Intelligenz und ganz viel Digitalem und schon bin ich dabei. Ich liebe es, wenn mir die Vision einer technisierten Zukunft dargelegt wird. Also war ich für „Unsterblich“ auch direkt Feuer und Flamme.

Im Jahr 2044 stirbt man nicht mehr. Zumindest nicht mehr so ganz. Dank des Unternehmens Immortal kann man sich erkaufen, dass man nach dem physischen Ableben als Ewiger weiterhin leben kann – mit seiner Familie, seinem Charakter und all seinen Erinnerungen. Dafür muss man nur den Lebenstracker, in Form eines kleinen Diamanten im Handgelenk, tragen.
Benjamin Kari arbeitet bei der Versicherungsagentur Fidelity und ist dafür zuständig, die Ewigen auf Authentizität zu prüfen. Dabei kommen ihm auch viele Promis unter – unter anderem Marlene Dietrich. Und gerade weil er ihren Ewigen so gut kennt, muss er nun herausfinden, was mit ihm passiert ist.

Lange hat mich kein Buch mehr so sehr auch abseits des Lesens beschäftigt. Jens Lubbadeh schafft es spielerisch und ganz nebenbei Details aus den Leben der Prominenten, die hier eine Rolle spielen, einfließen zu lassen. Er erzählte mir so viel Neues über Marlene Dietrich, dass ich meine Mutter fragen musste, ob sie sich an ihren Tod im Jahr 1992 erinnert. Auch wenn „Unsterblich“ der erste Roman von Jens Lubbadeh ist, merkt man ihm allein dabei schon an, dass er als Journalist Erfahrung im Schreiben hat.

Doch nicht nur von den Details über die Personen war ich fasziniert, sondern auch von der Welt, die der Autor erschafft. Es gab so viel zu bedenken, so viele Kniffe, die er sich überlegt hat: Wie können Ewige (und auch Avatare, denn Menschen können auch zu Lebzeiten als Avatar überall hingleiten) Licht anmachen, wie können Ewige auf Fotos und Film gebannt werden, wenn sie ja nur digital sind, wie funktioniert die Blended Reality, diese Mischform aus digitaler und realer Welt? In der Zukunft gibt es auch neue Höflichkeitsformen, denn die Hand wird nicht mehr geschüttelt. Man will Ewige oder Avatare nicht bloßstellen, wenn sie diese Geste nicht erwidern können.
Ich habe es geliebt, die Welt, in der Ben lebt, kennenzulernen. Alles funktionierte, es gab keine Logiklücken.

Mit dieser passenden Grundvoraussetzung stürzte ich mich ins Buch und begab mich mit Ben auf die Reise, Marlene zu suchen. Dabei stellt sich natürlich schnell die Frage, wer hier der Gute und wer der Böse ist. Wer hat alles Interesse daran, einen Klon – und dann auch noch so einen bekannten – aus dem Weg zu schaffen? Als der Hacker Reuben Mars auf den Plan tritt, nimmt alles Fahrt auf und Ben weiß erst recht nicht mehr, wem er hier wirklich trauen kann.

Ich fand es interessant, mit Ben an die verschiedenen Orte der Welt – und darüber hinaus – zu reisen. Er musste unterschiedliche Leute treffen und hier, wie in einer Schnitzeljagd verschiedene Details über die letztem Wochen der Dietrich herausfinden, um zu klären, wo ihr Ewiger nun ist. Doch bald eröffnete sich eine ganz neue Dimension, die die Welt, wie sie im Jahr 2044 ist, erschüttern kann.
So gut der Plot eigentlich ist, so schnell fiel mir auf, dass so richtige Spannung nicht aufkommen wollte. Auch als die ersten ungewöhnlichen Begebenheiten und Toten auftauchten, stellte sich keine Hektik bei mir ein. Obwohl das Buch stetig voranging und Bens Erkenntnisse wuchsen, wies das Buch Längen auf. Ich erwischte mich dabei, dass ich das Buch immer öfter nach ein paar Seiten weglegte. Auch der generelle Fokus auf Marlene hatte sich verloren. Einerseits wurden die Themen demnach breiter, andererseits ging mir der Fokus verloren.

Dazu kam, dass Ben als Identifikationsfigur schlecht funktionierte. Nach dem Tod seiner Frau vor fünf Jahren hat er nicht nur sie, sondern im Prinzip auch sich verloren. Er war freud- und antriebslos. Durch die Suche nach dem Dietrich-Ewigen hatte er endlich wieder eine Aufgabe, die über seine normale Arbeit des Zertifizierens der Klone hinausging. Doch so richtig Lust hatte er auf das Abenteuer nicht. Die Personen, die seinen Weg kreuzen sind alle direkt und selbstbewusst und haben generell einen sehr starken Charakter. Mit Höflichkeiten hält sich keiner viel auf.

Für die Auflösungen der großen Rätsel des Buches hat sich Lubbadeh meiner Meinung nach häufig für die langweiligsten Varianten entschieden.

Was bleibt ist eine Thematik, die ich wirklich geliebt habe. Ich wollte am liebsten noch viel mehr von dem Alltag mit den Ewigen lesen. Ein bisschen mehr heile Welt, bevor ich mit dem all das Schreckliche und Gefährliche aufdecken muss. Doch genau in dem Teil fehlte mir einfach die Spannung und die Überraschung. Als Kombination ergibt das bei mir trotzdem .

Jens Lubbadeh – Unsterblich
Heyne, 11. Juli 2016
ISBN 978-3453317314
447 Seiten
Broschiert; 14,99 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

Vincent Raffaitin – Pocket Escape Book – Rätsel um Leonardo

Ihr Leben als Kunstjournalist nimmt eine unerwartete Wendung, als ein anonymes Schreiben Sie zu einer “Schatzsuche” anlässlich des 500. Todestages von Leonardo da Vinci einlädt. Obwohl Ihnen das Szenario wenig glaubwürdig erscheint, beschließen Sie, an der Suche teilzunehmen, die Sie zu historischen Schauplätzen wie dem Louvre oder dem Château du Clos-Lucé führt. Entdecken Sie geheime Verstecke, lösen Sie Rätsel, die der große Erfinder vor Jahrhunderten anlegte, kommen Sie einem Schatz von unermesslichem kulturellen Wert auf die Spur. Ob es Ihnen gelingt, mit dem Erfindungsgeist des Meisters Schritt zu halten? (Klappentext)

Vor kurzem habe ich drei Rezensionsexemplare aus der Reihe „Pocket Escape Book“ erhalten, die ich hier nun in den nächsten Tagen nacheinander vorstellen werde.
Ich habe mich wieder riesig auf diese Bücher gefreut. 2020 habe ich bisher allerhand Escape-Bücher gelesen beziehungsweise gespielt und ich liebe es! Darum habe ich mich auf die drei neuen Storys sehr gefreut.

Story:
Bei Escape-Büchern ist es immer eine Abwägung: Einerseits geht es ja hauptsächlich um die Rätsel, andererseits müssen die in eine gute Story eingebaut sein.
Und für dieses kurze Buch von 128 Seiten war die Story wirklich spannend und gut gemacht. Es gab sogar Überraschungen, mit denen ich absolut nicht gerechnet habe.
Ein bisschen fühlte ich mich beim Lesen, als würde ich nicht mit dem Kunstjournalisten Alex Mirzoyan unterwegs sein, sondern mit Robert Langdon, der wieder großen Rätseln auf der Spur ist und dafür durch die Welt reist.
Zusätzlich ist Leonardo da Vinci an sich natürlich auch schon eine spannende Person, über die man gern mehr erfährt. Er ist ein super Zugpferd für dieses Rätselbuch.

Spielweise:
Rätsel um Leonardo hat zwei Haupträtselarten: Entweder man muss einen Buchstaben in einem Bild finden, durch den eine weitere Handlung ausgelöst wird, oder man muss einen Code herausfinden.
Anders als bei bisherigen Büchern, die ich kenne, kann man den Code nicht vorab überprüfen – zum Beispiel in einer Tabelle am Ende des Buches. Wenn man der Meinung ist, man hätte die Lösung, muss man umblättern. Dort wird dann die richtige Lösung und der Lösungsweg erklärt.
War der Code falsch, muss man ein Kreuz bei den erlaubten Fehlern machen. Nach drei Fehlern ist die Reise im Prinzip vorbei und man hat das Buch nicht geschafft.
Theoretisch ist es das auch, wenn man länger als 60 Minuten benötigt.

Spaßfaktor:
Ich finde diese Art der Rätsel-Auflösung eigentlich sehr schön und es wird umgangen, dass man ewig viel im Buch hin und her blättern muss.
Bei mir ergab sich jedoch tatsächlich recht schnell eine Zeit-Rätsel-Schere. Ich hing am Anfang bei einem Buchstaben-Rätsel etwas länger und damit war es für mich eigentlich schon nicht mehr machbar, in der Zeit zu bleiben. Immer häufiger erwischte ich mich dabei, dass ich mir dann nicht mehr viel Zeit für die Rätsel nahm, sondern kurz raufschaute, es durchdachte und dann schon zu den Hinweisen blätterte. falls sich mir die Lösung nicht gleich erschloss.
Das Buch besteht aus fünf Kapiteln, die jeweils immer ein paar Rätsel enthalten. Da bleibt kaum Zeit zum Reinfuchsen oder Um-die-Ecke-Denken. Manches Mal waren die Lösungen auch nur herauszufinden, wenn man sich an Details aus der Geschichte erinnerte.
Manche Rätsel benötigten mehrere Denkschritte, was mir aber dann nicht klar war. Ich blätterte dann bei der ersten Lösung um, um dann zu lesen, dass es von da noch weiter geht, um den tatsächlichen Code herauszufinden.
Ich gebe es zu: Ich habe letztlich Zeit, erlaubte Fehleranzahl und erlaubte Hinweisanzahl überschritte und habe das Buch damit eigentlich nicht geschafft.

Fazit:
Ich fand die Story wirklich klasse! Mit der hatte ich viel Spaß.
Dass man immer auf verschiedene Arten Codes herausfinden muss, erscheint zwar erst einmal eintönig, aber da dies auf verschiedenste Weisen geschieht, fand ich es total ok.
Die Rätsel an sich waren mal mehr, mal weniger knifflig, manche konnte ich aber wirklich nur mithilfe der Hinweise lösen. Dazu war die Zeit für echtes Rätseln und nicht „raufschauen und wissen“ deutlich zu knapp.

Vincent Raffaitin – Rätsel um Leonardo
Originaltitel: Escape Game Poche – Alex et le secret de Léonard de Vinci (Juli 2019)
Ullmann Medien GmbH, 24. August 2020
ISBN 3741524921
128 Seiten
Broschiert; 5,99 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

Reihenfolge der Bücher:
1. Rätsel um Leonardo – Originaltitel: Alex et le secret de Léonard de Vinci
2. Tutanchamuns Geheimnis – Originaltitel: Alex et le secret de Toutankhamon
3. ??? – Alex et le secret de Michel Ange

Weitere Bücher der Pocket Escape Books: (Klicke für die Rezension)

Anne Freytag – Aus schwarzem Wasser

Das Meer ist der Ursprung allen Lebens – und verbirgt eine tödliche Bedrohung

Ungebremst rast Dr. Patricia mit ihrem Dienstwagen in die Spree. Mit dabei: ihre Tochter Maja. »Du kannst niemandem trauen, sie stecken alle mit drin«, ist das Letzte, was die Innenministerin sagt, kurz bevor sie ertrinkt. Auch Maja stirbt – wacht jedoch wenige Stunden später unversehrt in einem Leichensack im Krankenhaus wieder auf… (Klappentext)

Was für ein Plot!
Das Buch wirft einen mittenrein in den Moment, als Patricia stirbt. Keine lange Vorrede, kein unnötiger Schnick-Schnack. Anne Freytag will es wissen bei ihrem Thriller-Debüt.
Die Spannung wurde an der Stelle so hoch getrieben, ich konnte kaum aufhören, zu lesen.
Ich las das Buch in einer Leserunde mit meiner besten Freundin und das Tagespensum von 30 Seiten pro Tag wurde von uns beiden schnell überschritten.
Man konnte an so vielen Stellen miträtseln: Was ist bei dem Unfall passiert? War es wirklich ein Unfall? Was bedeuten Patricias letzten Worte? Und warum hat Maja überlebt, obwohl bei ihr doch zweifelsfrei der Tod festgestellt wurde?
Ich war gespannt darauf, Maja bei ihrem Versuch, die Fragen zu beantworten, zu begleiten. Gemeinsam mit ihrer Affäre Daniel und dem ehemalige Kollegen ihrer Mutter – und Vater ihrer besten Freundin -, Robert Stein, stößt sie auf Geheimnisse, die bis fast 20 Jahre in die Vergangenheit reichen. Geheimnisse, die gefährlich für die ganze Welt werden können und doch so untrennbar mit Majas Leben verknüpft sind.

Vor allem auch durch das gemeinsame Lesen war die Leseerfahrung unglaublich intensiv. Selten denke ich so sehr über das nach, was noch kommen kann und stelle so viele Spekulationen an.

Anfangs war ich wirklich überzeugt, dass ich hier ein potenzielles 5-Sterne-Buch in den Händen halte. Ich war so begeistert.

Auch die Sprache gefiel mir unfassbar gut. Anne Freytag malte Bilder mit den Wörtern, die wunderschön und besonders waren. Sie beschrieb vergleiche, die einerseits poetisch waren und mich andererseits mit starker Wucht trafen.
Das ganze Buch ist so kraftvoll geschrieben. Ich war begeistert.
In Kombination mit den kurzen Kapiteln, Perspektivwechseln und Zeitenwechseln merkte ich kaum, wie ich durch die Seiten flog.

Doch circa ab der Hälfte des Buches machte Anne Freytag immer mehr Baustellen auf. Sie verhedderte sich nie und schaffte es auch, alles so darzustellen, dass man folgen kann, aber es war mir zu viel. Soziale Missstände, politische Fragwürdigkeiten, Umweltverschmutzung, gesellschaftliche Ungerechtigkeiten – Freytag hielt mit ihrer Gesellschaftskritik nicht hinterm Berg.
Politik nahm in dem Buch generell eine große Rolle ein – nicht nur, weil Patricia die Innenministerin war.
Generell hat sich der Fokus sehr verschoben. Die Fragen des Anfangs rückten sehr in den Hintergrund. Und damit ging die Spannung bei mir vollkommen flöten. Es wurde immer politischer, es gab Verwicklungen, man wusste nicht, wem man trauen kann, Geheimdienste, illegale Forschungen… es war einfach irgendwann viel.
Allerhand Wendungen, Irrungen und Wirrungen taten dann ihr Übriges.

Umso weiter ich im Buch voranschritt, umso mehr merkte ich auch, dass ich keinen Bezug zu den Figuren habe. Niemand war mir sympathisch, alle blieben distanziert und ich schien immer nur an der Oberfläche der Menschen zu kratzen.
Es gab ein paar Liebesgeschichten im Buch – und keine war für mich glaubwürdig. Ich habe absolut nicht verstanden, was die Paare aneinander finden.

Letztlich ist das Buch für mich ein Agententhriller, dem der Thrill fehlte.
Vor allem auch durch das intensive gemeinsame Besprechen des Buches fielen an der einen oder anderen Stelle Logiklöcher und unbeantwortete Fragen auf.

„Aus schwarzem Wasser“ ist ein absoluter Pageturner, den ich auch in der zweiten – für mich deutlich uninteressanteren – Hälfte gern zur Hand nahm. Allein für die Sprache hätte es sich schon gelohnt. Aber auch die Grundidee war klasse. Anne Freytag verknüpfte hier Elemente, die es nicht oft zu lesen gibt – wenn es sie denn überhaupt schon mal gab.
Trotzdem ging dem Buch zum Ende hin deutlich die Luft aus. Oder wie meine beste Freundin sieben Seiten vor Schluss sagte: „Puh, ich bin raus!“

Anne Freytag – Aus schwarzem Wasser
dtv bold, 21. August 2020
ISBN 3423230193
598 Seiten
Broschiert; 16,90 Euro

Andere Bücher der Autorin (klicke für die Rezension):

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