Jay Asher – Tote Mädchen lügen nicht

Man kann die Zukunft nicht st■ppen,
man kann die Zeit nicht ◄◄ zurückspulen –
doch wer auf Pl►y drückt. erfährt die Wahrheit.

Als Clay aus der Schule nach Hause kommt, findet er ein Päckchen mit Kassetten vor. Er legt die erste in einen alten Kassettenrekorder, drückt auf »Play« – und hört die Stimme von Hannah Baker. Hannah, seine ehemalige Mitschülerin. Hannah, für die er heimlich schwärmte. Hannah, die sich vor zwei Wochen umgebracht hat. Mit ihrer Stimme im Ohr wandert Clay durch die Nacht, und was er hört, lässt ihm den Atem stocken. 13 Gründe haben zu ihrem Selbstmord geführt, 13 Personen hatten ihren Anteil daran. Clay ist einer davon… (Klappentext)

Ich bin dem Hype erlegen. Nachdem alle mittlerweile die zweite Staffel von „Tote Mädchen lügen nicht“ auf Netflix schauen, musste ich endlich mal das Buch lesen. Erst dann kann auch ich die Serie beginnen.

Das Buch hatte noch nicht begonnen, da war ich schon gespannt. Ich wollte die 13 Gründe wissen, die ein junges Mädchen in den Selbstmord trieben. Und als ich dann zu lesen begann, kam eine zweite spannende Frage hinzu: Wie ist Clay darin verwickelt? Der liebe Clay… Er konnte einfach kein Teil der Kette sein. Er durfte kein Teil der Kette von Ereignissen sein, die Hannah ihren Lebensmut nahmen.

Doch umso weiter das Buch voranschritt, umso mehr nahm meine Spannung ab.
Clay fand ich immer noch als Charakter toll. Ich mochte ihn wirklich gern. Je mehr ich aber von Hannahs Geschichten hörte, desto mehr dachte ich, dass sie Clay sicher irgendwas anheften kann. Egal, wie sinnvoll es ist.

Dieses Gefühl zog sich irgendwie durch das ganze Buch. Neben Clay ist Hannah die zweite wichtige Erzählerin. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Hannah kann auf nichts mehr reagieren, es gibt keinen Dialog. Es gibt nur ihre Stimme auf den Kassetten. Und diese Stimme war mir unfassbar unsympathisch. Ich mochte Hannah nicht. Am meisten hatte das mit ihren Entscheidungen zu tun. Nicht mit der großen, endgültigen. Sondern mit den vielen kleinen davor.
Ganz ehrlich? Es fiel mir schwer, bei ihr kein Victim blaming zu betreiben. Wahrscheinlich ist es mir letztlich auch nicht gelungen. Denn ich fand vieles, was sie tat einfach unlogisch. Klar ist man als junges Mädchen, das sie war, nicht immer so stark, wie man glaubt zu sein.
Aber mal so als Beispiel aus dem Buch: Wenn ihr ein Junge seine Hand aufs Bein legt, während sie ihre Stirn auf seiner Schulter abgelegt hat und wenn sie ihm dann ins Ohr flüstert: „Was tust du da?“, klingt das für mich eher spielerisch. Es hätte nur noch ein „Uhhh“ vor ihrer Frage gefehlt. Vielleicht wäre da ein „Lass das!“ angemessener gewesen.
So ging es letztlich immer weiter.
Nein, ich fand all ihre Gründe ganz und gar nicht ausreichend, um sich umzubringen. Sie wirkte genervt von ihrem Leben und von ihren Mitschülern. Aber nicht so, als wäre sie am Boden zerstört, als wäre ihre Seele kaputt oder als wäre sie depressiv.

Ich las die Geschichten dann also keinesfalls so gespannt, wie ich es gehofft hatte.
Problematisch wurde das Lesen dann aber noch aus einem anderen Grund. Hannahs Geschichte ist kursiv gedruckt, Clays Gedanken dazu Standard.
Beim schnellen Lesen verpasste ich dann manchmal den Typowechsel und wunderte mich, von was Hannah jetzt redet. Denn Clays Teile hingen immer irgendwie mit Hannah zusammen, mussten sich aber nicht zwangsläufig gerade auf das beziehen, was sie sagt.

Ich weiß es nicht, aber vielleicht war Jay Asher nicht der richtige, um diese Geschichte zu erzählen. Auch wenn ich ihm sein Einfühlungsvermögen nicht absprechen will, habe ich im eigenen Umfeld erlebt, dass viele Männer damit Probleme haben, sich in Frauen und ihre täglichen Erfahrungen und Erlebnisse hineinversetzen zu können. Vielleicht hat er ja Schwestern, Töchter oder Freundinnen, die ihre Teenie-Erfahrungen mit ihm geteilt haben, aber er hat sie nicht erlebt. Und genau das scheint mir für seine Art von Erzählung wichtig zu sein.
Vielleicht hätte er das Buch nach der großen MeToo-Debatte heute aber auch anders geschrieben. Mittlerweile ist das Buch ja auch über zehn Jahre alt.

So hat der Autor aber ein Buch geschaffen, das mit einer spannenden Grundidee auftrumpfen kann. Mit Clay hat es eine liebenswürdige Hauptperson, die von Hannah in eine unfassbar grausame Situation gebracht wird.
Der Umsetzung fehlt es vorn und hinten aber an so einigem. Vorrangig an ernsthaften Gründen und nachvollziehbaren Handlungen von Hannah.

Jay Asher – Tote Mädchen lügen nicht
Originaltitel: 13 Reasons Why (Oktober 2007)
cbt, 08. Oktober 2012
ISBN 357030843X
283 Seiten
Taschenbuch; 8,99 Euro

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Anne Freytag – Nicht weg und nicht da

Den Anfang kannst du nicht ändern – das Ende schon
Nach dem Tod ihres Bruders macht Luise einen radikalen Schnitt: Sie trennt sich von ihrem mausgrauen ich und ihren Haaren. Übrig bleiben drei Millimeter und eine Mauer, hinter die niemand zu blicken vermag. Als Jacob und sie sich begegnen, ist er sofort fasziniert von ihr. Doch Luise hält Abstand. Bis sie an ihrem sechzehnten Geburtstag eine E-Mail von ihrem toten Bruder bekommt – die erste von vielen. Mit diesen Nachrichten aus der Zwischenwelt und Jacob an ihrer Seite gelingt es Luise, inmitten dieser aufwühlenden wie traurigen Zeit das Glitzern des Lebens wiederzufinden. (Klappentext)

„Ich danke euch für diese Geschichte. Und dafür, dass ich sie erzählen durfte.“, richtet Anne Freytag sich in ihrer Danksagung an die drei Hauptfiguren Luise, Jacob und Kristopher. Und genau das ist das Buch. Es geht nicht um aufregende Roadtrips, abgefahrene Dramen oder wilde Erfahrungen. Es geht um die Seelen dreier junger Menschen und wie sie mit ihrem inneren Kaputtsein umgehen. Es ist quasi ein Seelenbuch. Thematisch und für den Leser.

Denn es dauerte nicht lange und ich war das erste Mal in Tränen aufgelöst. Und ab da kam es immer mal wieder über mich. Ich wurde so oft berührt. Ich war so traurig. Ich war so glücklich.
Die Geschichte bewegt sich räumlich nicht weit vom Fleck. Die meiste Zeit ist man an einem von drei Orten. Aber innerlich bewegen sich Luise und Jacob so sehr: heraus aus ihrer Komfortzone, hinein in ihre Abgründe, hin zu einem neuem Ich. Diese Entwicklungen und Gedankengänge zu verfolgen, war mitreißend. Ich war sofort im Bann der Geschichte und der Figuren. Und deswegen ist passiert, was mir mittlerweile selten passiert. Ich las sogar draußen beim Gehen weiter. Ich konnte und wollte das Buch nicht weglegen.

Natürlich bewegten sich Luise und Jacob aber nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich – nämlich aufeinander zu. Diese langsame Annäherung war so schön zu beobachten. Zum einen, weil es aufgrund der Lebensumstände der beiden anders nicht recht gepasst hätte und zum anderen, weil es so eine Wohltat ist, mal keine sich Hals über Kopf verliebende und sofort das schönste Pärchen der Welt seiende Jugendliche zu haben.

Da es hauptsächlich um das Innenleben von den beiden – mit ein bisschen Leben drum herum – geht, muss den Leser ja nicht nur die Story an sich anziehen, sondern auch die Figuren. Und bei mir taten sie das ganz klar. Mit Luise hat Anne Freytag ein ungewöhnliches Mädchen erschaffen und das im besten Sinne. Sie ist stark und stolz und klug und leidet dabei doch so sehr. Und diese Mischung wurde wirklich authentisch dargestellt. Man hätte Luise so zerschreiben können, dass die Figur zu einer Karikatur wird, aber das hat Anne Freytag nicht getan. Jacob ist dafür der Inbegriff des stillen, tiefgründigen, etwas dunklen Typen. Und damit ist er auch für den Leser immer interessant. Ich wollte sehen, was unter seiner Schale liegt.

Das Einzige, was ich in dem Zusammenhang schade fand, war dieser schon häufiger beschriebene Umgang mit dem Tod. Die Nachrichten und Aufgaben aus dem Jenseits gab es auch schon in „P. S. Ich liebe dich“ von Cecelia Ahern oder „Für immer, Dein Dad“ von Lola Jaye. Gewissermaßen auch in „Morgen kommt ein neuer Himmel“ von Lori Nelson Spielman und bestimmt auch in anderen Büchern, die ich nicht kenne. Ich will das Anne Freytag nicht anlasten. Niemand der anderen Autoren hat diese Idee für sich gepachtet. Aber so ein ganz, ganz kleines bisschen ist da etwas Wehmut, dass Kristopher es nicht anders gemacht hat.

Wie schon in den anderen Büchern ist auch die Aufmachung des Buches hervorzuheben. Den Kapiteln sind nicht nur kleine passende Bildchen vorangestellt, hinten im Buch ist auch wieder die Playlist aller Lieder, die im Buch eine Rolle spielen. Viele habe ich parallel zum Lesen, wenn sie erwähnt wurden, gestartet. Die meisten kannte ich – wie schon in den letzten Romanen – nicht, aber es waren wieder Perlen dabei.
Vorne in der Klappe findet man handgeschriebene Wörter, deren Bedeutung man erst im Laufe des Buches wirklich versteht. Ich liebe es, wenn Bücher ein bisschen mehr als nur Buchstaben enthalten.

Diese besonderen, schönen und ungewöhnlichen Wörter vorne im Buch stehen für mich aber auch stellvertretend für Anne Freytags Art zu erzählen. Sie schreibt so zart und auf eine unprätentiöse Art poetisch, dass es mir warm ums Herz wird. Auch das spielt mit hinein, dass ich nicht aufhören wollte zu lesen. Es ist einfach unglaublich unanstrengend, ihren Wörtern zu folgen, man fliegt so durch die Seiten und hat dabei schöne Bilder in den Kopf gesetzt bekommen.

Es ist unfassbar schade. Ich habe das Buch an zwei Abenden beendet, dabei musste ich doch so lange auf etwas Neues von Anne Freytag warten. Ich war so gern bei Jacob und Luise, hab sie begleitet und ihnen beim Wachsen zugesehen. Ich habe Tränen vergossen, mitgefiebert, mitgetrauert und mich mitgefreut. Es war alles, was ich von einem Buch erwarte und noch viel mehr. .

Anne Freytag – Nicht weg und nicht da
Heyne Verlag, 19. März 2018
ISBN 3453271599
480 Seiten
Gebunden; 16,00 Euro

Andere Bücher der Autorin (klicke für die Rezension):

Enid Blyton – Fünf Freunde 5 – Das Buch zum Film

Endlich Sommerferien! Doch statt in den Urlaub müssen die Fünf Freunde mit ihrer Tante Fanny zu einer Hochzeit fahren. Ein ungeplanter Zwischenstopp bietet ihnen aber immerhin die Gelegenheit, einen seltenen Dinosaurierknochen zu besichtigen. Im Museum lernen sieden kauzigen Marty Bach kennen, der behauptet zu wissen, wo ein vollständig erhaltenes Dinosaurierskelett liegt. Natürlich werden die Freunde da hellhörig – und als Marty die Koordinaten zum »Tal der Dinosaurier« gestohlen werden, übernehmen die Fünf den Fall. Schnell wird ihnen klar, sollte der Dieb das Tal vor ihnen finden, ist das Skelett für immer verloren. (Klappentext)

Im Zuge des Gewinnspiels, das ich letztens für euch veranstalten durfte, bekam ich selber das neue Buch zum Film „Fünf Freunde und das Tal der Dinosaurier“ als Rezensionsexemplar.
Es wurde von Sarah Bosse nach dem Drehbuch von Mike Marzuk geschrieben, das wiederum auf der Buchreihe von Enid Blyton basiert.

Als kleines Mädchen war ich riesiger Dino-Fan. Ich kannte die Namen, Fressformen und Lebzeiten auswendig. Ich hatte Ordner voll Informationen und liebte die Filme von „In einem Land vor unserer Zeit“. Es stand sogar ein fluoreszierendes Dinosaurierskelett auf meinem Schrank.
Ich war also prädestiniert für die neueste Geschichte der Fünf Freunde.

Ich habe bisher weder ein Buch noch einen Film dieser Enid-Blyton-Reihe gelesen oder gehört. Für mich bestand im ersten Moment also die Aufgabe, dahinterzukommen, wie die Fünf – beziehungsweise Vier mit Hund – zueinanderstehen, wer wer ist und welche Charaktereigenschaft welchen Freund ausmacht.
Hier schafft das Buch einen wundervollen Spagat und führt alles so knapp, aber natürlich ein, dass es die alten Hasen nicht stören wird und die neuen Leser einen guten Überblick bekommen.

Da das Buch nur 152 Seiten hat, muss es bald in Fahrt kommen und das tut es. Schnell ist man mitten im Geschehen. Und das ist tatsächlich recht spannend. Begonnen wird in einem gruseligen Hotel, von dem ich sogar gern noch etwas mehr gelesen hätte. Doch bald erfahren Anne, Dick, George, Julian und Hund Timmy von den Dinosaurierknochen und treffen auf Marty, der in seiner überaus schüchternen Art von niemandem im Dorf ernst genommen wird. Doch die Fünf glauben ihm und versuchen nun, mit ihm zusammen das Tal der Dinosaurier zu finden. Weil Marty aber die Koordinaten gestohlen wurden, muss auch zusätzlich der Dieb enttarnt werden.
Der relevante Personenkreis des Buches ist überschaubar, aber doch so groß, dass man als Leser miträtseln kann, wer es wohl auf das Dinoskelett abgesehen hat. Trotz der Kürze der Story wird die Auflösung des Falles nicht ganz linear erzählt, sondern bietet auch ein paar Wendungen und Überraschungen.
Man möchte auf jeden Fall wissen, wer es war und wo die Motive liegen.
Bei den Beschreibungen ist der Autorin eine gute Mischung gelungen: einerseits kurz und prägnant, andererseits atmosphärisch.

Da es ein Buch zum Film ist, sind auch Bilder enthalten. Die Bildunterschriften fassen den Film knapp zusammen. Die Geschichte unterscheidet sich aber naturgegeben nicht von dem Buch. Vor allem für jemanden, der sich noch nie weiter mit den Fünf Freunden beschäftigt hat – so wie ich – ist es aber auch ganz schön, direkt Bilder der Personen vor Augen zu haben. Es gab nämlich soweit keine optischen Beschreibungen, außer dass Dick immer eine Mütze trägt.

Sprachlich ist das Ganze sehr modern gehalten, was wohl an der filmischen Vorlage liegt. Auch wenn ich keine originale Geschichte von Enid Blyton gelesen habe, gehe ich davon aus, dass sie deutlich älter klingt als das vorliegende Buch.

Insgesamt ist die Geschichte natürlich für Kinder gemacht. Erfahrene Krimi-Leser wird die Geschichte um das Tal der Dinosaurier nicht hinterm Ofen hervorlocken, aber das soll sie ja auch nicht.
Trotzdem hatte ich den einen Abend, an dem ich das Buch in einem Rutsch durchgelesen habe, Spaß mit den Fünf Freunden. Es gab Wendungen, die Geschichte war interessant und mit den Fünf Freunden bekommt man intelligente und hartnäckige Protagonisten, denen man gern folgt.
Ich glaube, dass Kinder und vielleicht noch sehr junge Jugendliche Spaß an dem Buch haben werden. Und in diesem Maßstab vergebe ich auch die Sterne.

Enid Blyton – Fünf Freunde 5 – Das Buch zum Film
cbj, 05. März 2018
ISBN 3570172678
152 Seiten
Gebunden; 9,99 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

Cara Delevingne – Mirror, Mirror

Vielleicht bin ich nicht so ein guter Mensch, wie ich dachte. Vielleicht bin ich wirklich ein Monster.

Red, Leo, Rose und Naomi sind Außenseiter. Red hat eine alkoholabhängige Mutter und einen Vater, der nie da ist. Leos Bruder übt einen schlechten und gefährlichen Einfluss auf ihn aus und neigt zur Gewalt. Rose klammert sich an Jungs und Drinks, um alte Wunden zu betäuben. Naomi läuft von zu Hause weg, um eine Freiheit zu erlangen, die sie nirgendwo sonst finden kann. Sie sind allein gegen den Rest der Welt, bis sie durch ihre Band Mirror, Mirror ihre eigene Familie gründen – den einzigen Ort, an dem sie sie selbst sein können.

Dann verschwindet Naomi und wird halb tot in der Themse gefunden. Sie kämpft um ihr Leben. Und zu allem Übel glaubt die Polizei auch noch, dass sie sich das selbst angetan hat. Ihre Freunde sind am Boden zerstört; sie waren dazu bestimmt, aufeinander achtzugeben, wie konnten sie die Alarmsignale übersehen? Wie gut kennen sie Naomi wirklich – und einander?

Doch als eine Reihe von Hinweisen die Gruppe vermuten lässt, dass alles anders ist, als es scheint, müssen Red, Leo und Rose sich ihren eigenen dunklen Geheimnissen und Ängsten stellen. Es ist ein Weg, der ihre Welt erschüttert. Nichts wird jemals wieder so sein, wie es war, denn wenn ein Spiegel einmal zerbrochen ist, dann er nicht repariert werden. (Text der Titelklappe)

Als ich hörte, Cara Delevingne veröffentlicht ein Buch, stand es direkt auf meiner Wunschliste. Dabei mochte ich sie nicht mal und kannte auch den Inhalt nicht. Zum Geburtstag bekam ich das Buch geschenkt und begann dann etwas später im Urlaub, es zu lesen.

Der Geschichte geht ein Vorwort von Cara voraus. Und die Gedanken und Wünsche an das Buch von ihr sind schön und hehr: Heranzuwachsen wäre so wunderbar und dramatisch zugleich mit Extremen und Hormonen und Veränderungen. Doch was, wenn man nicht dazu passt? Dann wäre die Zeit nicht sorglos, sondern herausfordernd und schwer – dazu kommen heute die sozialen Medien, die eine Art Perfektion verlangen. „Mirror, Mirror“ sollte diese Phase nun realistisch widergeben und dabei Freundschaft in den Mittelpunkt rücken. Doch vor allem wollte sie vermitteln: „Es ist ok, wenn ihr anders und einzigartig seid, weil ihr bereits perfekt seid.“
Ich überlegte daran eine Weile herum. Einerseits passt es zu Cara, die immer ein anderes Model war – rebellisch, unangepasst, kantig. Andererseits: Unterstützt man mit dem Modeln nicht generell ein falsches Vorbild? Aber es soll um das Buch gehen…

Die Band „Mirror, Mirror“ hat etwas Besonderes. Denn aus einem Projekt, bei dem die Schüler zufällig zusammengewürfelt wurden, ist etwas Großes entstanden. Aus Fremden wurden nicht nur Freunde. Red, Leo, Rose und Naomi wurden eine Familie. Sie konnten sich aufeinander verlassen, sie waren eingeschworen, sie teilten alles. Vor allem fanden sie ineinander Halt, der ihnen das Elternhaus nicht immer geben konnte. Doch dann verschwand Nai und hinterließ ihre Freunde vollkommen ratlos. Warum sollte sie weglaufen? Hatte sie Probleme, von denen sie ihren drei besten Freunden nichts erzählte? Und… wäre es vielleicht besser gewesen, sie wäre verschwunden geblieben, als mit eingeschlagenem Kopf und halb tot gefunden worden zu sein?

Ich finde diese Geschichte großartig. Und damit fängt es doch schon an.
Es geht um die Liebe und Freundschaft vierer Menschen zueinander. Und das, ohne dass von vornherein eine große Liebesstory etabliert werden muss. Was für eine Wohltat in dem Wust der Jugendbücher. Doch dann merkt man Risse. Ein Teil der Gruppe fehlt. Und alles scheint sich zu ändern.
Und es geht um Musik. Ganz einfach rutscht der Leser hinein in den Gesang von Rose, die Gitarrenklänge von Leo und das Schlagzeugspiel von Red. Obwohl es immer wieder um die Band und ihre Musik geht, um alles, was die vier Fremden zu einer Familie machte, wurde es nie zu viel. Nie zu vordergründig.
Und es geht um Naomi und was ihr passiert ist. Sie liegt in dem Krankenbett, umgeben von Schläuchen und Kabeln. Der Kopf dick einbandagiert. Übersät mit Wunden und Blutergüssen. Zusammen mit den drei Freunden – und noch weiteren, die dazustoßen – will man herausfinden, was ihr passiert ist. Warum wollte sie weglaufen? Warum versteckte sie sich so viele Wochen? Wo war sie? Das Lösen des Rätsels wurde nie zu akribisch oder detailreich. Es gab keine kriminalistischen Feinheiten. Und doch war das Aufdecken jedes neuen Puzzleteils für mich aufregend.

Diese drei großen Teile machten das Buch für mich wirklich spannend. Die Dynamik in der Gruppe veränderte sich. Der Leser spürte es Stück für Stück und den Jugendlichen dabei zuzugucken, war spannend. Es war ein Verlieren und Finden. Sich selbst und den anderen. Dieses stetige Auf und Ab, das die Teenagerjahre prägt.
Und der Fall um Naomi war für mich natürlich auch spannend. Wirklich sehr. Kaum beginnt das Buch, ist Naomi schon gefunden. Der Leser lernt sie nicht kennen. Für ihn liegt eine Fremde in dem Bett, der man auch durch das Koma persönlich nicht nahe kommt. Und doch war ihr Schicksal mir nicht egal. Durch die drei anderen, die von ihrer Freundin reden und vereinzelte Kapitel, die in der Vergangenheit spielen, lernt man Naomi kennen. Wird ihr eben doch nah. Deswegen fieberte ich so sehr mit, ob sie aufwachen wird und ob herausgefunden werden kann, was genau passiert ist.

Dabei wartet die Geschichte mit Überraschungen und Wendungen auf, die mich zum Teil sprachlos machten. Manches war für mich ab einem bestimmten Zeitpunkt vorhersehbar, manches erwischte mich kalt. Es war klasse!

Zusätzlich überzeugt „Mirror, Mirror“ mit Abwechslung. Alle paar Kapitel wurde mal ein Chat oder ein Songtext abgedruckt. Etwas, was ich immer gern mag.

Sprachlich machte das Buch für mich nicht alles richtig und irgendwie doch. Die Geschichte wird von Red aus der Ich-Perspektive erzählt, womit man immer ganz nah dran ist. Die Sätze sind dabei zum Teil lang. Sehr lang. Gern hätte ich aus dem einen oder anderen Komma einen Punkt gemacht. Es war, als wären verschiedene Hauptsätze einfach aneinandergehangen worden. Es fiel mir auf, riss mich aber nicht aus dem Lesefluss. Es brachte eine gewisse Dynamik ins Buch. Ein Rasen durch die Gedanken und Sätze. Als wäre man mittendrin in einem Teenagerkopf.

Am Ende bleibt fast ein wenig die Frage, was dieses Buch nun war. Ein Jugendbuch? Ein Roman? Ein Krimi? Keine Ahnung. Aber das Buch kann natürlich – wie wir alle – sein, was es möchte und genau so ist es perfekt.

Cara Delevingne – Mirror, Mirror
Originaltitel: Mirror, Mirror (Oktober 2017)
FISCHER Taschenbuch, 5. Oktober 2017
ISBN: 3596702348
368 Seiten
Broschiert, 14,99 Euro

Ursula Poznanski – Layers

Seit Dorian von zu Hause abgehauen ist, schlägt er sich auf der Straße durch – und das eigentlich ganz gut. Als er jedoch eines Morgens neben einem toten Obdachlosen aufwacht, der offensichtlich ermordet wurde, gerät Dorian in Panik, weil er sich an nichts erinnert: Hat er selbst etwas mit der Tat zu tun?
In dieser Situation bietet ihm ein Fremder unverhofft Hilfe an. Der Unbekannte engagiert sich für Jugendliche in Not und bringt Dorian in eine Villa, wo dieser neue Kleidung, Essen und sogar Schulunterricht erhält – das ist Dorians Chance, sich vor der Polizei zu verstecken. Doch umsonst ist nichts im Leben, das erfährt er recht schnell. Die Gegenleistung, die von ihm erwartet wird, besteht im Verteilen geheimnisvoller Werbegeschenke. Als Dorian ein solches Päckchen nach einem unerwarteten Zwischenfall behält, wird er von diesem Zeitpunkt an gnadenlos gejagt. (Text der Titelklappe)

Ich freute mich so sehr, dass ich für meine mündliche Abschlussprüfung im Nebenfach dieses Jugendbuch lesen sollte. Wie viel schöner ist das, als all die wissenschaftliche Literatur?!
Ich begann auch hochmotiviert, aber dann musste ich noch so viel erledigen, dass ich nur circa die ersten 100 Seiten geschafft hatte. Den Rest habe ich dann nach der Prüfung im Urlaub gelesen.

Ich fand das Buch nämlich so gut, dass ich es so oder so lesen wollte. Das hielt genau so weit, wie der Klappentext die Handlung beschreibt. Danach änderte sich alles.

Man wird direkt in Dorians schwieriges Leben geschmissen und bleibt immer nah an ihm und seinen Erlebnissen dran. Man lebt mit ihm auf der Straße und später in der Villa. Man lernt mit ihm zusammen andere Jugendliche dort kennen und steht mit ihm zusammen in der Stadt, um Flugblätter zu verteilen. Es passiert so viel, dass es einfach spannend bleibt. Ich wollte so gern hinter die Beweggründe von allen und allem kommen.
Doch nachdem Dorian einem anderen Posten zugeteilt wird und nun Werbegeschenke verteilen soll, überschlagen sich die Dinge und Dorian kann nicht in die Villa zurückkehren. Ganz im Gegenteil: Plötzlich wird er erbarmungslos gejagt.

Und genau da, wo es eigentlich spannend werden sollte, flacht die ganze Geschichte für mich ab. Die Jagd beziehungsweise Flucht dauert und dauert. Es scheint sich alles zu wiederholen, die Dinge drehen sich im Kreis. Alles scheint unnötig aufgeblasen. Es ist nicht zwingend unrealistisch oder unlogisch, aber das zu lesen brachte mir keinerlei Spaß. Für mich hätte hier stark komprimiert werden müssen.

Dabei ist das Thema, das Auslöser zur Flucht war und an dieser Stelle einen Spoiler darstellen würde, wirklich spannend und modern. Noch habe ich nicht viele Bücher dazu gelesen, obwohl es ein immer größeres Thema in der Gesellschaft wird. Das war immerhin auch wirklich gut und ausführlich dargestellt.

Dorian ist zusätzlich ein toller und sympathischer Junge. Er allein war wohl der Grund, warum ich die langweilige Flucht trotzdem relativ schnell durchgezogen habe. Insgesamt waren alle Figuren einerseits authentisch und andererseits speziell und ungewöhnlich.

Insgesamt fand ich den Plot zunächst wirklich stark mit seinen vielen innovativen Ansätzen. Ich war so gespannt, wie es weitergeht und war gern bei Dorian. Doch dann musste ich mich durch die zweite Hälfte wirklich durchquälen und am Ende, das ich doch nochmal ganz ok fand, blieben einige Fragen offen.
Nein, ich bin nicht begeistert. Ein paar Punkte macht „Layers“ schon gut, aber es verliert doch auch einige.

Ursula Poznanski – Layers
Loewe, 17. August 2015
ISBN 3785582307
445 Seiten
Broschiert; 14,95 Euro

Christine Heppermann – Frag mich, wie es für mich war

Nick musste mir versprechen, es niemandem zu sagen, damit die Leute, wenn sie mich ansehen, mich als Ganzes sehen.

Als Addie schwanger wird, entschließt sie sich zu einer Abtreibung. Alles verläuft unkompliziert und ist schnell vorbei. Dennoch verändert der Eingriff Addie. Sie gewinnt an Selbstbewusstsein, stellt andere sowie sich selbst infrage und bewertet ihr Leben neu. Sie wird als ein anderer Mensch daraus hervorgehen. Als jemand, der seine eigene Entscheidung getroffen hat. (Klappentext)

Für mich persönlich kam nie Abtreibung in Frage. Nicht, weil ich etwas dagegen habe, ganz im Gegenteil. Ich finde diese Selbstbestimmung richtig und wichtig. Mir war aber seit jeher klar, dass ich Kinder haben möchte und hätte es auch in jeglicher Situation bekommen. Irgendwie hätte man das Kind schon geschaukelt – im wahrsten Sinne des Wortes.
Vielleicht gerade weil das Thema von meiner Lebensrealität weit entfernt ist, interessiert es mich. Deswegen habe ich auch sofort bei Beltz & Gelberg nachgefragt, ob sie mir „Frag mich, wie es für mich war“ als Rezensionsexemplar schicken könnten. Sie haben es getan und ich freute mich wirklich sehr darüber. Ich habe es mit nach Kenia genommen und mir damit am Strand die Zeit vertrieben.

Die fünfzehnjährige Addie ist erst seit kurzem mit Nick zusammen, als sie von ihm schwanger wird. Sie trifft die Entscheidung, die Schwangerschaft abzubrechen und muss nun mit den Konsequenzen leben, die sich auf alle Bereiche erstrecken: Beziehung, Familie, Schule.
Vor allem um diese Veränderungen geht es in dem 230 Seiten langen Buch.

Sobald man das Buch aufschlägt, fällt die gedichtartige Form der Texte auf. Jedes – nennen wir es ruhig Gedicht – erhält eine eigenständige Überschrift, die mal eine echte Überschrift und mal im Prinzip die erste Zeile des Inhalts ist. Die Länge variiert von zwei Zeilen bis zu anderthalb Seiten.
Vor allem da jedes Gedicht eine neue Seite bekommt, egal wie lang es ist, wird das Buch aufgebläht. Durch die Versform zusätzlich eh. Man kann sich daran stören oder sich an dieser Besonderheit erfreuen. Ich finde solche Formatierungen erfrischend und gerade bei diesem Buch hatte es noch einen bestimmten Zweck, der sich im Laufe des Buches klärt.

Der Inhalt unterwirft sich der Form.
Das fällt vor allem an den fehlenden Beschreibungen auf. Vereinzelt werden schon Augen- oder Haarfarben erwähnt, generell spielt Optik aber keiner Rolle in dem Buch. Weder von Personen noch von Räumlichkeiten oder Orten.
Es geht rein um Addies Erlebnisse, von denen sie in der Ich-Form berichtet und ihren Gedanken und Gefühlen. Den Hauptanteil haben dabei aber die Erlebnisse, denn ihre Abtreibung verändert ihr Empfinden und hat somit viel Einfluss auf ihr Leben.
An dieser Stelle konnte das Buch meine Erwartungen nicht erfüllen, denn ich hätte gedacht, Addie setzt sich weitreichender mit ihrer Abtreibung auseinander. Denkt darüber nach, spricht mit dem Leser darüber. Aber das passiert nicht. Ihre Gefühle dazu muss man häufig eher zwischen den Zeilen suchen.
Damit konnte mich das Buch dann auch leider nicht so berühren, wie ich es gehofft hatte.

Es war interessant, Addie dabei zuzusehen, wie sie sich verändert. Wie sie plötzlich Wünsche und Gedanken hat, die sie von sich selber nicht erwartet hätte. Doch von Spannung kann ich dabei nicht reden. Weil sich die Frage, wohin sie sich wohl entwickeln wird, nicht ernsthaft drängend war.

„Frag mich, wie es für mich war“ ist allein schon aufgrund seiner poetischen Form etwas Besonderes. Mit dem Abtreibungsthema greift Christine Heppermann ein wichtiges auf und hat mit Addie eine Figur erschaffen, die man gern begleitet, da sie sehr sympathisch ist.
Dennoch gibt es einige negative Punkte. Zum einen ist das Buch aufgrund seiner Form wahnsinnig kurz. Mit 230 Seiten ist es von vornherein nicht lang, aber die einzelnen Zeilen nehmen nie die volle Breite der Seite ein und manche Gedichte bestehen nur aus zwei Zeilen, die allein auf einer Seite stehen. Zusätzlich fehlen (mir) die Beschreibungen der Optik schon ein wenig. Schade war auch, dass das Thema Abtreibung nur ein Auslöser war, aber nicht ernsthaft im Fokus stand und letztendlich auch die „Spannung“ (m Sinne eines Weiterlese-Drangs) fehlte.
In dieser Kombination ergibt das für mich .

Christine Heppermann – Frag mich, wie es für mich war
Originaltitel: Ask Me How I Got Here (Mai 2016)
Beltz & Gelberg, 7. Februar 2018
ISBN: 3407823606
230 Seiten
Broschiert, 13,95 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

Anja Janotta – Die Trabbel-Drillinge – Heimweh-Blues & Heiße Schokolade

1:200 Millionen – so hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass es jemanden wie Franka gibt. Oder wie Vicky. Oder wie Bella. Als eineiige Drillinge sind die drei Zwölfjährigen richtige Celebritys. Trotzdem könnten sie verschiedener nicht sein. Als sie vor lauter Berühmtheit keinen Schritt mehr vor die Tür machen können, flieht Mama Trablinburg mit ihnen aufs platte Land, wo sie in einer baufälligen Villa ein Bio-Hotel eröffnen will. Franka, Vicky und Bella sind entsetzt: monatelang Baustelle, mieses WLAN, zu dritt im Doppelbett? Das muss ja Trabbel hoch drei geben! Ob Frankas wunderköstlicher Trostkakao den schlimmsten Schwesternstreit aller Zeiten kitten kann? (Klappentext)

Dann und wann bekomme ich Lust auf ein Kinderbuch. Da war ich ganz froh, dass ich im letzten Dezember dieses Buch auf Arbeit bekommen habe. Gut zwei Monate vor dem Erscheinungstermin. Ich habe direkt begonnen, es zu lesen und das dauerte dann nicht lang.

Die drei Berliner Schwestern sind ganz und gar nicht glücklich, als ihre Mutter sie in die alte Familienvilla nach Deininghofen schleppt. Sie müssen ihre Freunde zurücklassen, ihre eigenen Zimmer, ihr Berlin – aber auch ihren Ruf. Die drei sind etwa Besonderes, das wissen sie. Und das haben sie an der falschen Stelle betont. Nun können sie auf dem Dorf ganz neu anfangen, die sein, die sie wirklich sind und dabei auch noch ihrer Mutter bei der Erfüllung ihres Traums vom Hotel behilflich sein. Doch die Dorfbewohner stehen den Neuankömmlingen genauso skeptisch gegenüber wie sie denen.

Die Drillinge und ihre Erlebnisse sind Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Dabei ist man immer an Frankas Seite und lernt ihr Innenleben, ihre Gedanken und Wünsche kennen. Franka, das ist die Nette. Sie wäre gern mehr, doch da ihre Schwester Bella schon schön ist und Vicky schlau, scheint nicht viel mehr für sie übrig zu bleiben. Und das Nettsein kann schnell zum Fluch werden.
Dieser innere Kampf von Franka ist schön beschrieben und dort finden sich sicherlich auch viele wieder. Nett sein, das tun, was andere erwarten, Harmonie herstellen – und sich am Ende ärgern, dass dabei die eigenen Wünsche auf der Strecke bleiben.
Doch auch wenn man die restlichen Personen nur aus der Außenperspektive kennenlernt, ergibt sich ein gutes Bild. Natürlich sind die Mutter Babs und die Dorfbewohner nicht bis in die Tiefe analysiert, aber das brauchte die Geschichte der drei Mädchen auch nicht.

„Die Trabbel-Drillinge“ ist voller Klischees: Die Nette, die Schlaue, die Hübsche, die Öko-Mutter, die nur noch bunte, weite Sachen und einen Turban trägt, oder die fiesen Dorf-Jungs – Aber man darf nicht vergessen, dass das Buch eine Zielgruppe ab 10 Jahren hat. Mit diesem Hintergrund war es für mich nicht tragisch, dass alles etwas vereinfacht wurde.

Das Alter war überhaupt der einzige Punkt, der mich ab und zu verwirrt hat. Die Trabbel-Drillinge sind zwölf Jahre alt und gehen in die fünfte Klasse. Agiert man da so erwachsen, wie sie es die meiste Zeit getan haben? Dieses Alter ist bei mir schon eine Weile her, aber ich bezweifele, dass wir „Das steht hier ja wohl gar nicht zur Debatte!“ (S. 98) oder „[…] dann hat er sich schon eine hieb- und stichfeste Ausrede zurechtgelegt.“(S. 150) sagten. Immerhin kamen solche Aussagen jedoch immer von der schlauen Vicky. Von daher passt es wohl doch wieder.
Insgesamt gab es aber auch in irhen Handlungen und in ihrem professionellen Auftreten manchmal einen kleinen Bruch in der Alterslogik für mich. Vielleicht ist mir aber auch einfach nicht bewusst, wie erwachsen manche Zwölfjährige heute schon wirken.

Das war aber tatsächlich der einzige größere Punkt, der mich ab und zu stocken ließ. Ansonsten war das Buch wirklich rund.
Die Story wirkt zwar einfach, hat aber trotzdem die eine oder andere Überraschung parat.
Die tollen heißen Schokoladen von Franka machten mir richtig Lust auf das Heißgetränk. Die Rezepte am Ende des Buches habe ich deswegen dankbar zur Kenntnis genommen.
Der Zusammenhalt der Schwestern hat mich darüber hinaus ab und zu wirklich berührt und ich bemitleidete mich ein wenig, dass ich nur Einzelkind bin und nicht auch so etwas erleben konnte.

Alles in allem ist Anja Janotta mit „Die Trabbel-Drillinge – Heimweh-Blues & Heiße Schokolade“ ein wirklich süßes Buch gelungen: berührend, wohlig und unterhaltsam.
Und man kann es definitiv auch lesen, wenn man der Zielgruppe entwachsen ist… .

Anja Janotta – Die Trabbel-Drillinge – Heimweh-Blues & Heiße Schokolade
cbj, 26. Februar 2018
ISBN 3570175367
219 Seiten
Gebunden; 13,00 Euro

Marieke Nijkamp – 54 Minuten

54 Minuten, die alles zerstören
Es passiert nicht viel im verschlafenen Opportunity, Alabama. Wie immer zum neuen Halbjahr hält die Direktorin in der Aula der Highschool ihre Begrüßungsrede. Es ist dieselbe Ansprache wie in jedem Halbjahr, und wie immer ist sie um exakt zehn Uhr zu Ende. Aber heute ist alles anders.
Als Schüler und Lehrer die Aula verlassen wollen, kann man die Türen nicht mehr öffnen. Einer beginnt zu schießen. Tyler greift seine Schule an und macht alle fertig, die ihm Unrecht getan habe. (Klappentext)

Als ich dieses Buch Anfang Juni auf Arbeit ergattern konnte, wusste ich, dass ich es unbedingt bald – also weit vor dem Erscheinungstermin – lesen muss. Und das habe ich getan. Endlich darf ich meine Meinung dazu veröffentlichen.

Fast alle Schüler der Opportunity High sind in der Aula, als die Türen sich nicht mehr öffnen lassen und Tyler durch die einzige noch unverschlossene Tür tritt. Tyler, der als erstes die Direktorin erschießt, damit die Schüler, die Lehrer, ja die ganze Schule ihm endlich mal ganz genau zuhört…
Niemand ist sicher. Nicht mal seine Schwester Autumn, die friedlich ihre letzte Zeit vor dem Abschluss genießen wollte.

Erzählt wird die Geschichte minutenweise.
Die einzelnen Kapitel, drehen sich jeweils um zwei bis drei Minuten. Erzählt werden sie aus den Perspektiven von vier Schülern: Autumn, ihre Freundin Sylv, deren Bruder Tomás und Claire. Die letzten beiden haben Glück, sie sind zwar in der Schule, aber nicht in der Aula.
Jede Person hat im Durchschnitt zwei bis drei Seiten, um seine Situation in den aktuellen Minuten zu schildern. Doch dabei entfaltet sich nach und nach auch das Bild von Tyler, der sich mit den vier Personen jeweils in einem besonderen Verhältnis befindet. Der Leser versteht immer mehr, wie es dazu kommen konnte, dass er nun da steht. Vor seinen Mitschülern. Mit einer Waffe.

Der Markt der Bücher ist nicht überschwemmt mit Büchern über (Schul)Amokläufe. So wurde „54 Minuten“ mein erstes. Und dabei ist dieses Thema so wahnsinnig wichtig. Zu oft gab es schon welche. Grundsätzlich ist ja schon ein Mal eins zu viel. Und selbst, wenn es nicht bis zum Äußersten kommt, zeigt das Buch doch, wie die Grundsteine gelegt werden. Wie Gewalt, Ausgrenzung und Mobbing Menschen zu Dingen treiben können. Deswegen schlägt dieses Buch hoffentlich im Jugendbuchbereich eine hohe Welle.

Doch weder sollten das Buch nur Jugendliche lesen, noch ausschließlich aufgrund der Thematik. „54 Minuten“ bietet noch viel mehr.

Tyler, der eine Person nach der anderen in der Aula erschießt, erzeugt schon viel Spannung. Wie vielen Menschen wird er das Leben nehmen? Wer wird alles überleben? Wer wird aus der Aula rauskommen?
Doch auch die beiden Erzähler, die nicht in der Aula gefangen sitzen, machen es spannend. Denn: Wer wird in die Aula hineinkommen?

Die vier Erzähler machen es einem dabei sehr leicht, sie gern zu haben. Und das nicht, weil man mit den Opfern automatisch eher sympathisiert. Sie bieten alle eine Tiefe an Emotionen und sind mit einer glaubhaften und interessanten Hintergrundgeschichte ausgestattet, die geschickt neben dem aktuellen Geschehen, auf das alle fokussiert sind, einfließt.
Die drei Mädchen Autumn, Sylv und Claire sind sich charakterlich ziemlich nah und unterscheiden sich auf den ersten Blick am besten durch ihre Interessen und Hobbys. Doch nichtsdestotrotz verwischen die Grenzen nie. Man kann sie immer auseinanderhalten.
Und auch der große Rest der Schule verkommt nicht zu einer Masse. Einzelne Schüler, Lehrer oder Geschwister treten heraus und werden zu wichtigen Nebenrollen.
Wichtig ist natürlich auch Tyler, der aktiv sehr wenig zu Wort kommt. Marieke Nijkamp schafft es, das Bild eines Jungen zu zeichnen, der einerseits wahnsinnig zerbrechlich und andererseits unglaublich erbarmungslos ist. Letztendlich wird er jedoch nie als ausschließlich irre dargestellt. Auch Tyler hatte seine Gründe, sich mit Gewalt ein Gehör zu verschaffen. Und diese Gründe werden in der Geschichte aufgedeckt. Es gibt kein klares Schwarz und Weiß bei ihm. Die Autorin verurteilt ihn nicht einfach.

Dieses Zusammenspiel der einzelnen Teile schafft viele Emotionen beim Leser. Ein spannender Plot, der durch die unterschiedlichen Gegebenheiten nicht langweilig wird. Personen, die man schnell ins Herz schließt und für die man hofft, dass Tyler sie verschonen wird. Eine Erzählweise, die viele verschiedene Blickwinkel schafft und das Puzzle „Tyler“ ein Ganzes werden lässt. Und zusätzlich punktet die Geschichte noch mit einer unauffälligen Schreibweise, die den Leser Seite um Seite verschlingen lässt, ohne dass er es merkt. Dabei stellt sie sich nicht in den Vordergrund, sondern lässt ganz allein die Story wirken.

Das Buch ließ mich nicht los. Es hielt mich in seinem Bann. Ich war mit meinen Gefühlen und meinem Herzen bei ihm.
Es wäre falsch zu sagen, dass ich Spaß mit „54 Minuten“ hatte. Aber ich habe geliebt, es zu lesen.
Aber so insgesamt, wäre ich gern noch ein wenig mehr überrascht oder geschockt worden. So seltsam es klingt, das Buch hätte mir mehr das Herz brechen sollen. Nur deswegen ziehe ich ein ganz kleines bisschen bei der Bewertung ab.

Marieke Nijkamp – 54 Minuten – Jeder hat Angst vor dem Jungen mit der Waffe
Originaltitel: This is Where it Ends (Januar 2016)
FISCHER FJB, 21. September 2017
ISBN: 3841440169
331 Seiten
Broschiert, 14,99 Euro

Rainbow Rowell – Fangirl

Lesen und schreiben, das ist Caths Welt. Und Fanfiction ist ihr Zuhause. Hier kann sie ihre Fantasie ausleben und sein, wer sie will. Doch das wirkliche Leben fordert Taten von Cath. Ist sie bereit dafür? (Klappentext)

Selten bekomme ich mit, welche Bücher in den englischsprachigen Bestsellerlisten Aufsehen erregen. Doch von „Fangirl“ hatte sogar ich gehört und so war ich wahnsinnig froh, dass ich es bei Vorablesen gewonnen habe.

Für die Zwillingsschwestern Cath und Wren beginnt eine neue, spannende Zeit: Sie kommen auf das College. Doch plötzlich ändert sich alles. Die beiden wohnen nicht mehr zusammen, sie haben verschiedene Kurse und langsam auch verschiedene Leben. Das passt vor allem Cath nicht, der neue Situationen und Menschen Angst machen. Und dann ist da ja auch noch ihre neue Mitbewohnerin Reagan, die Cath ganz deutlich zeigt, dass sie niemanden mag außer ihren Freund Levi, der so häufig im Zimmer der Mädchen ist, dass er fast schon dort wohnt.

Im Prinzip findet sich in „Fangirl“ eine gängige Coming-of-Age-Story. Ein neuer Lebensabschnitt, neue Freunde, neue Erfahrungen. Doch Rainbow Rowell garniert das mit zwei besonderen Zutaten: Zwillingsschwestern und Fanfiction.
Vor allem zweites nimmt nicht nur einen großen Teil von Caths Leben ein, sondern auch des Buches. Caths Gespräche drehen sich viel um den Zauberer Simon Snow, der ein riesiger Teil der Popkultur ist.
Jedem der 38 Kapitel ist ein Auszug aus Caths Fanfintion oder ein Teil aus den regulären Büchern um den Magier vorangestellt
Und in diesen Teilen liegt für mich die größte Schwäche des ganzen Buches.
Fanfiction an sich ist ja ein tolles Thema und gerade für Menschen, die gern lesen und sich in fremden Welten verlieren, interessant. Doch Simon Snow konnte mich nicht packen.
Die Auszüge waren unvermittelt herausgerissene Teile. Nach und nach erschlossen sich zwar die Figuren und Beziehungen zueinander, aber Spaß machten sie mir nie.
Mein größtes Problem mit Simon und seinem Erzfeind Baz bestand jedoch an der gnadenlosen Nähe zu Harry Potter. Es gibt sieben Bücher mit jeweiligen Verfilmungen. Simon ist ein Waise, dessen Zauberschule eine Festung ist. Er ist schon als Junge ein bekannter Zauberer. Er hat eine lernbegierige Freundin. Er hat einen Erzfeind an der Schule. Der größte Feind der Zauberei hat Interesse an ihm. Ein Schmelzkessel lost die Zimmergenossen zu.
Vielleicht sollte da ja eine deutliche Parallele zur Realität mit dem Harry-Potter-Universum geschaffen werden, aber mich persönlich störte es. Mir wäre es lieber gewesen, wenn Rainbow Rowell sich eine neue Welt hätte einfallen lassen. Das hat sie ja auch zu Teilen. Für mich aber zu wenig.

Zeitgleich mit „Fangirl“ erschien auch „Aufstieg und Fall des außerordentlichen Simon Snow“. Ein Buch über ebenjenen Zauberer. Da mich die Teile in „Fangirl“ nicht begeistern konnten, habe ich aber kein Interesse, es zu lesen.

An der Stelle ist es aber auch schon vorbei mit den Schwächen diesen Buches.
Der Rest begeisterte mich durchweg.

Mit Cath wurde eine Figur mit vielen Schwächen, Ecken und Kanten geschaffen und deswegen war sie umso besonderer und echter. Viele ihrer Ängste und Sorgen konnte ich vollkommen mitfühlen. Nicht selten erkannte ich mich – oder mein früheres Ich – in ihr.
Und auch wenn viele Personen um sie herum schwer als Sympathieträger durchgehen können, habe ich sie alle gern gemocht. Und in den immer lächelnden und herzlichen Levi habe ich mich vielleicht sogar ein kleines bisschen verliebt.
Ich freute mich auf jedes neue Kapitel und jede Begegnung mit Reagan, Wren, ihrem Vater, Levi, Lehrern oder Kommilitonen, denn Cath hatte zu jedem eine einzigartige Beziehung.

Dementsprechend spannend war es für mich, die Entwicklungen zwischen den Figuren zu beobachten. Und es wird sich viel entwickelt in diesem Buch. An allen Ecken. Familie, Freundschaft, Liebe – alles spielt mit rein und durchläuft logische, nachvollziehbare und vor allem interessante Änderungen.
Durch diesen Umstand habe ich zum ersten Mal etwas beim Lesen erlebt. Ich hatte Angst vor der Zukunft des Buches. Ich habe mir wirklich Sorgen um die Figuren gemacht. Ich wollte keinen auf dem Weg zur letzten Seite verlieren. Ich hatte wirklich Furcht, dass jemand stirbt, jemand sich von Cath abwendet oder sonst etwas passiert, was mir noch nicht in den Kopf kam. So etwas kenne ich nicht. Ich habe ständig gehofft, dass „Fangirl“ ein gutes Ende nimmt.

Sprachlich ist das Buch klar ein Jugendbuch: schnell und einfach zu lesen. Und doch gab es einige Sätze, die wundervolle Weisheiten waren. Wäre ich jemand, der sich Zitate aus Büchern herausschreibt, hier hätte ich einiges gefunden. Einige kleine Perlen.

Und das ist wohl das, wie ich das Buch in Erinnerung behalten werde: Eine Geschichte über die Anfänge des Erwachsenwerdens, ohne die Leidenschaft für Dinge, die einem am Herzen liegen, zu verlieren. Ein Buch über Figuren, die den Leser berühren und dabei in besonderen Beziehungen zueinander stehen ohne still zu stehen. Eine Story, die es sich zu lesen lohnt. „Fangirl“ hat mich emotional an sich und die Personen gefesselt, wie ich es selten beim Lesen erlebe.
Vor allem die starke Nähe zu Fanfiction macht das Buch zusätzlich besonders. Nur ausgerechnet DIESE Fanfiction hat mir nicht zugesagt. Deswegen ziehe ich ein wenig von der Höchstbewertung ab. .

Rainbow Rowell – Fangirl
Originaltitel: Fangirl (September 2013)
Carl Hanser Verlag, 24. Juli 2017
ISBN: 3446257004
461 Seiten
Gebunden, 18,00 Euro

Lea-Lina Oppermann – Was wir dachten, was wir taten

»Kann sein, dass es dich verändert. Kann sein, es lässt dich kalt. Kann sein, dass du schon davon gehört hast, im Fernsehen oder in den Schlagzeilen. So viele Reporter, die darüber berichtet haben, Fotos geknipst und mit dem Rektor gesprochen… Wenn ja, vergiss es, nichts davon ist wahr.
Wir werden dir erzählen, was wirklich passiert ist. Wir waren dabei.« (Klappentext)

Bücher über Amokläufe sind selten. Umso glücklicher war ich, dass ich noch während meiner Lektüre eines anderen Amoklauf-Buches über „Was wir dachten, was wir taten“ stolperte und direkt bei BELTZ anfragte, ob sie so freundlich wären und mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung stellen würden. Als ich zwei Tage später das Buch aus meinem Briefkasten angeln konnte, habe ich mich wahnsinnig gefreut. Ohne Umschweife war es direkt meine nächste Lektüre.

Es ist ein ganz normaler Schultag. Zumindest so normal, wie es sein kann, wenn gleich morgens eine Matheklausur geschrieben werden muss. Die vierzehn Schüler werden in ihrer Konzentration jäh unterbrochen, als eine Warnung durch den Lautsprecher schallt. Ein schwerwiegendes Sicherheitsproblem sei aufgetreten und die Türen seien geschlossen zu halten. Es dauert nicht lang, da machen erste Gerüchte über einen Amoklauf die Runde. Und kurz danach schafft es eine maskierte Person, in den Klassenraum einzudringen und alle mit einer Waffe zu bedrohen. Zehn Briefe werden dem Lehrer Herrn Filler gegeben. In den Briefen stecken zehn Aufgaben. Aufgaben, die erbarmungslos die Geheimnisse aller ans Tageslicht bringen.
Und allen ist klar: Egal wie es ausgeht, nichts wird mehr sein, wie es war.

Die Geschichte spielt sich in einem kurzen Zeitraum auf kleinem Raum ab. Es gibt kein Vorher und kein Nachher. Es dreht sich alles um den einen Klassenraum und das Geschehen darin. Ein wenig wirkt die Welt wie eingefroren und als Leser ist man ebenso wie die vierzehn Schüler und der Lehrer auf die Person mit der Maske, den Pistolenmann, fokussiert.
Erzählt wird die Geschichte dabei abwechselnd aus drei Perspektiven. Die kluge und strebsame Fiona, der aufmüpfige Einzelgänger Mark und Herr Filler kommen zu Wort.
Das Buch ist mit 179 Seiten relativ kurz, doch dadurch rollt die Geschichte auch schnell an. Man beginnt mitten in der Klausur und schon bald steht der Pistolenmann mit im Raum.
An Spannung fehlt es also allein von der Grundthematik her schon nicht. Man möchte wissen, wer hinter der Maske steckt und warum er so etwas tut. Vor allem: Wird es Tote geben?
Die Aufgaben bringen dann den zusätzlichen, besonderen Kick. Als Leser konnte ich es kaum erwarten, dass die eine Aufgabe beendet wurde und Herr Filler den nächsten Umschlag öffnete.
So wird auch alle paar Seiten eine echte Überraschung geboten. Einige Wendungen ergeben sich und dabei war keine unrealistisch oder überzogen. Ein überaus kluger Kniff der Autorin!

Trotz der dramatischen Situation fehlte es dem Buch auch nicht an – wohl dosiertem und äußerst passendem – Humor. Vor allem die sarkastischen Schüleräußerungen entlockten mir einige Lacher. Dabei lockerte es die Situation nicht zwingend auf, aber machte sie realer. Ganz sicher wird der eine oder andere Jugendliche sich auch in so einer Situation bestimmte Sprüche nicht verkneifen können.

Und das machte für mich einen großen Teil des Charmes des Buches aus: Die Figuren wirken echt. Es werden zwar einige Klischees, wie das unsichere Pummelchen, die dumme Sportskanone, die schöne Zicke oder der angepasste Lehrerliebling, bedient, nur kommen diese Klischees ja auch nicht von ungefähr. Diese Schülercharaktere lassen sich sicher in den meisten Schulklassen tatsächlich finden. Von daher war es ok und machte die vierzehn Leute auch einfach unterscheidbar.
Damit bietet sich viel Identifizierungspotenzial und jeder Leser, egal ob männlich oder weiblich, kann jemanden finden, mit dem er sich verbunden fühlt.
Da es nicht wirklich um die einzelnen Schüler an sich geht, liegt auf ihnen auch kein Fokus. Neben der aktiven Handlung wird wenig nach links und rechts geschaut, sprich auf die persönlichen Geschichten eingegangen. Durch die Gedanken lernt man natürlich die drei Erzähler am besten kennen, doch auch die anderen Charaktere werden in kleinen Stücken offenbart. Es bleibt niemand wirklich blass oder platt, aber man lernt auch niemanden in der vollkommenen Breite kennen. Das ist aber vollkommen ok und angemessen bei dieser Story.

Die Sprache war für mich besonders und ließ das Buch ebenso wie die Figuren lebensnah wirken. Wenn Dinge, die runterfallen auftitschen und Regentropfen pladdern, fühle ich mich glatt etwas heimisch. Das mag auch daran liegen, dass die 18-jährige Autorin aus Berlin stammt.
Die Schreibweise ist jung und frisch und an den richtigen Stellen umgangssprachlich. Mir machte es Spaß, das zu lesen.

Überhaupt habe ich das Buch sehr gern gelesen, auch wenn es durch die Kürze und eher große Schrift relativ schnell vorbei war. Lea-Lina Oppermann beweist Fingerspitzengefühl bei so einem sensiblen Thema, schafft Figuren, die trotz weniger Informationen nicht platt wirken und packt alles in eine spannende und interessante Geschichte, die zum Weiterlesen animiert. Das Thema Schulamoklauf ist wichtig, vor allem aber seine Hintergründe.
Und genau an der Stelle komme ich zu dem einzigen größeren Kritikpunkt: Der Hintergrund des Amoklaufs, sprich die Motive des Amokläufers. Sie kamen letztendlich durch, aber für mich hätten sie noch deutlicher benannt werden können. Es blieb alles ein wenig wischiwaschi, manches wurde eher angedeutet. So blieb bei mir am Ende die Frage: Waren DAS wirklich Gründe für so eine Tat?

Daneben gibt es nur noch zwei kleinere negative Punkte: Die Kürze des Buches und die fehlende emotionale Bindung. Dadurch dass man direkt mitten in der Geschichte ist und keinen Schüler näher kennenlernt, konnten mich Geschehnisse weniger schockieren. Ich wurde an vielen Stellen nicht so richtig mitgerissen. Das tat der Spannung zwar keinen Abbruch, aber obwohl in der Geschichte an sich Herzbruch-Potenzial liegt, wurde es nicht genutzt.

Aber ganz am Ende, da war bei „Was wir dachten, was wir taten“ auch ein wenig der Weg das Ziel. So gespannt ich war, wer nun hinter der Maske steckt und warum er die Klasse bedroht, so gespannt war ich auch auf jede einzelne Aufgabe.
Das Buch konnte mich nicht bis ins kleinste Detail überzeugen, aber insgesamt hat es sehr, sehr viel richtig gemacht. Ich kann verstehen, dass die Autorin für dieses Debüt gleich mit dem Hans-im-Glück-Preis für Jugendliteratur ausgezeichnet wurde. Von mir gibt es .

Lea-Lina Oppermann – Was wir dachten, was wir taten
Beltz & Gelberg, 17. Juli 2017
ISBN 3407822987
179 Seiten
Broschiert; 12,95 Euro

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