Elizabeth Acevedo – Poet X

Xiomara hat ihre Worte immer für sich behalten, so wie ihre strenggläubige Mutter es verlangt. In ihrem Viertel in New York übernehmen stattdessen Fäuste das Reden. Doch X hat Geheinisse: ihre Gefühle für Aman aus ihrer Klasse; ihr Notizbuch voller Gedichte, das sie unter dem Bett versteckt – und ein Slam-Poetry-Club, der all diese Geheimnisse ans Licht bringen wird. Denn auf der Bühne bricht Xiomara schließlich ihr Schweigen und verlangt, von allen gehört zu werden. (Klappentext)

Dieses Buch war ein absoluter Spontankauf im letzten Jahr. Es reizte mich schon so lange, also zog ich es jetzt spontan vom SuB, obwohl eigentlich andere Bücher dringender gelesen werden müssen.

Xiomara ist ihrer Meinung nach zu groß und zu kurvig für ihr Alter. Doch den obszönen Sprüchen der Jungs begegnet sie mit ihren Fäusten. Ihrer strenggläubigen Mutter hat sie jedoch deutlich weniger entgegenzusetzen. Sie soll sich um den Haushalt kümmern. Sie soll zum Kommunionsunterricht gehen. Sie soll still sein und sich zügeln. Xiomara sucht einen Ort, an dem sie ihre Gedanken lassen kann und findet ihn im Schreiben von Gedichten.

Die Wichtigkeit des Themas der Poesie erkennt man schon in der Form des Buches. Es gibt keine Prosa, sondern jedes Gespräch, jede Situation ist in Versform verfasst. Dabei gibt es keine Beschreibungen von Personen oder Räumlichkeiten, kein großes Abschweifen – X bleibt im Geschehen. Die Sätze sind kurz, abgehackt, passen sich der Form an.
Doch gerade diese Versform, die einen schon anspringt, wenn man das Buch das erste Mal aufklappt, hat eine falsche Erwartung in mir ausgelöst. Ich hoffte, relativ schnell Gedichte von Xiomara, von Poet X, zu lesen. Doch auch wenn die Form und die klaren, kurzen Sätze dafür sprechen: Gedichte bekommt man nicht ernsthaft zu lesen. Es reimt sich nichts, es gibt keine wiederkehrenden Muster, die man von hiesigen Poetry Slammern gewohnt ist.
Es ist einfach Xiomaras Leben. Verknappt.

Leider ist dieses Leben der Hauptbestandteil des Buches. Auch wenn Xio schreibt, um vor ihren Erlebnissen in der Schule und der Familie fliehen zu können – diese Erlebnisse nehmen fast die vollständige Geschichte ein.
Vor allem die Religiosität ihrer Mutter, die schon an Fanatismus grenzt, ist Dreh- und Angelpunkt des Buches. Alles muss sich an der Mutter messen lassen. Die aufkeimenden Gefühle für einen Mitschüler, der Wunsch dem Poetry-Slam-Club beizutreten und die Hoffnung, nicht an der Kommunion teilnehmen zu müssen. Immer wieder kommt es zurück auf die Mutter. Immer wieder stellt X ihre Wünsche und Begierden hintenan.
Ehrlicherweise wurde mir das schnell zu viel. Selbst wenn Xio eher meine Meinung zum Thema Religion vertritt, fühlte ich mich beim Lesen häufig in auswegloser Verzweiflung. Eingeengt von der Mutter. Demnach gut gemacht von Elizabeth Acevedo. Aber es nervte mich auch und brachte mich zum Kopfschütteln.

Letztlich ist es das: Ein Buch, das im Namen und in der Form „Poesie“ schreit und das dann keine Gedichte zeigt. Man erfährt von all den Gedichten, die Xiomara schreibt und vorträgt, bekommt aber selber keins zu Gesicht. Dafür erfährt man viel über die Einschränkungen, die ein junges, dominikanisches Mädchen mit einer strenggläubigen Mutter erlebt.
An vielen Stellen hat mich das Buch deswegen frustriert.

Aber trotz allem, trotz zu viel Religion und zu wenig Poetry Slam mochte ich das Buch irgendwie. Ich mochte Xiomara, denn obwohl sie auch gern ihre Fäuste sprechen ließ, konnte ich ihre Beweggründe verstehen. Ich mochte, wie schnell sich das Buch lesen lies und dass die Versform etwas Besonderes mit der Sprache machte. Das Negative, mein Kopfschütteln und Genervtsein kann ich aber nicht außer Acht lassen. Daher gibt es .

Elizabeth Acevedo – Poet X
Originaltitel: The Poet X (März 2018)
Rowohlt Taschenbuch, 20. August 2019
ISBN 3499001861
351 Seiten
Broschiert; 15,00 Euro

R. L. Stine – Schattenwelt – Das Gruselmuseum

Kampf mit dem Zauberschwert
Endlich ist sie da, die alte Ritterrüstung aus England! Sie soll die Attraktion des Gruselmuseums in der Fear Street werden. Aber Mikes Begeisterung ist nicht von langer Dauer: Bildet er es sich nur ein, oder schimmert da tatsächlich ein geheimnisvolles Licht durch das Visier? Und wieso wird er das unbehagliche Gefühl nicht los, beobachtet zu werden? Ehe er sich versieht, steckt Mike mittendrin in einem Kampf gegen magische Kräfte. (Klappentext)

Als Kind habe ich super gern die Fear-Street-Bücher von R. L. Stine gelesen und deswegen lieh ich sie regelmäßig aus der Bibliothek. Vor ein paar Jahren hatte ich eine Phase, in der ich mir einige Bücher der Reihe kaufte. Als ich in einem Ein-Euro-Laden dieses Buch hier fand, nahm ich es direkt mit.
Was ich vorher nicht wusste, beim Lesen aber direkt feststellte: „Schattenwelt“ ist für ein (noch) jüngeres Publikum als „Fear Street“.

Mike ist zwölf Jahre alt und verbringt seine freie Zeit im Gruselmuseum seines Vaters, das praktischerweise das komplette untere Stockwerk ihres Hauses einnimmt. Bald soll die neue Ritterrüstung ankommen, die Onkel Basil aufgetrieben hat. Spuken soll sie und das würde das neue Museum in der Fear Street finanziell sicher gut dastehen lassen. Doch dass sie lebensgefährlich wird, damit hatte Mike nicht gerechnet.

Das Buch ist mit 125 Seiten sehr kurz. Ohne viel Schnickschnack dreht sich alles um den einzigen Erzählstrang rund um die Rüstung.
Es wird kurz beschrieben, welche Ausstellungsstücke das Museum für seine Besucher bereithält, aber ansonsten spielen Äußerlichkeiten keine Rollen – weder die der Personen noch des Hauses.

Die Story ist demnach sehr einfach und klar gehalten. Und trotz dieser Einfachheit schaffte R. L. Stine es kurzzeitig, dass es mich ganz leicht gruselt. Aber eben genau so leicht, dass es für Kinder wohlig kribbeln wird. Spannend bleibt es für sie allemal.

Für ein erwachsenes Publikum hielt sich die Spannung in Grenzen. Auch der Kampf gegen die magischen Kräfte war nun keine epische Schlacht. Trotzdem war beides eine nette Kombination, um das Buch mal kurz in einem Rutsch durchzulesen, so wie ich es getan habe.

Das war mein erstes Buch der Schattenwelt-Reihe – und wird wahrscheinlich auch mein letztes bleiben. Auch wenn ich es in einem Rutsch gelesen habe, hat es mir zu wenig gegeben. Ich bin der Zielgruppe einfach mehr als deutlich entwachsen. Es war eine nette Geschichte um einen netten Jungen, der einen nicht so netten, magischen Ritter bekämpfen muss.
Für Kinder ist das ein tolles Buch, da bin ich sicher. Da gibt es dann Abenteuer, Spannung und Magie zu entdecken. Für mich war das eine vollkommen okaye Lektüre für mal ganz fix zwischendurch.

R. L. Stine – Schattenwelt – Das Gruselmuseum

Originaltitel: Fright Knight
Loewe, 2002
ISBN 3785541821
125 Seiten
Gebunden
(Neu nicht mehr erhältlich)

Andere Bücher des Autoren:
Fear Street – Das Skalpell – Originaltitel: The Knife
Fear Street – Die Falle – Originaltitel: Wrong Number 2
Fear Street – Die Mutprobe – Originaltitel: The Thrill Club
Fear Street – Eingeschlossen – Originaltitel: Ski Weekend
Fear Street – Falsch verbunden – Originaltitel: Wrong Number

Jason Segel & Kirsten Miller – Nightmares! Die Stadt der Schlafwandler

Kaum hat sich Charlie seinem Traum gestellt, wartet das Böse in der wachen Welt…
Albträume können einem wirklich den Schlaf rauben, das weiß Charlie nur zu gut. Verständlich, dass auch die Bewohner des Nachbarstädtchens Orville Falls begeistert sind, als der neue Kräuterladen im Ort ein Elixier gegen ihre allgegenwärtigen Albträume anbietet. Doch kann es sein, dass das Elixier schaurige Nebenwirkungen hat? Plötzlich geistern die Bewohner wie Schlafwandler durch die Stadt.
Charlie weiß: Wenn er und seine Freunde nicht schnell etwas unternehmen, schwebt nicht nur das Traumreich, sondern auch die wache Welt in schrecklicher Gefahr. (Klappentext)

Im Januar 2016 schenkte mein Freund mir die ersten beiden Teile der Nightmares!-Reihe. Teil eins las ich direkt und war ziemlich begeistert. Doch Teil zwei fristete dann ein langes Dasein auf meinem SuB. Im Dezember 2018 befreite ich es endlich – und brauchte tatsächlich ein halbes Jahr, um die paar Seiten zu lesen.

Charlie weiß nun alles über das Traumreich und das Albtraumreich. Zusätzlich ist er der Hüter des Portals in der lila Villa, die er mit seinem kleinen Bruder, seinem Vater und seiner Stiefmutter bewohnt. Doch die Schlafwelten sind in Gefahr, denn die Bewohner von Orville Falls haben aufgehört zu träumen. Warum ist schnell herausgefunden – sie alle trinken das neue Elixier gegen Albträume, das in die Stadt kam. Charlie muss aber herausfinden, wer das Elixier verkauft und warum er das tut. Vor allem aber: Wie werden die Bewohner wieder normal?

Im Gegensatz zum ersten Teil, der mich immer ein wenig an Reckless von Cornelia Funke erinnert hat, bekommen wir hier eine ziemlich lineare Story geliefert. In „Nightmares! Die Schrecken der Nacht“ gab es noch Dinge zu entdecken. Man konnte mit Charlie durch die Traumwelten streifen und die verschiedensten (Horror)Wesen finden. Nun gab es kaum etwas zu entdecken. Das Buch fühlte sich an wie eine 0815-Kinderbuch-Gruselgeschichte.

Allein dieses Gefühl hinderte mich schon daran, das Buch wirklich gut zu finden. Es war so ein unfassbarer Bruch zum ersten Teil. Blöd dabei: Es interessierte mich irgendwie nicht wirklich, wer das Elixier hergestellt hat und warum. Auf dem Weg zur Lösung durchlief das Buch auch allerhand Schleifen, die im Nachhinein vollkommen unnötig waren. Es wirkt, als sollte diese kleine Hauptgeschichte auf Biegen und Brechen aufgebläht werden.

Noch mehr als im ersten Teil merkte ich, dass man es mit einem Kinderbuch zu tun hat. Die Sprache wirkte zum Teil konstruiert einfach, Witze zündeten bei mir nicht. Die Geschichte an sich war dann auch kein Garant für Hochspannung.

Durch das Alter der Helden konnten auch kaum spannende Nebenschauplätze aufgemacht werden. Einen gab es, der betraf die Eltern von Charlie. Aber zum einen war auch das wenig interessant und zum anderen kann man den Ausgang von Anfang an ahnen.

Ja, ich war gelangweilt. So sehr, dass ich nur alle paar Wochen ein paar Seiten las. Doch dann kam etwas, was ich nicht erwartete: Zum Ende hin, als man der Lösung immer näher kam, wurde es tatsächlich ein wenig aufregend. Das letzte Drittel las ich fast in einem Rutsch. Und der Cliffhanger am Ende lässt mich tatsächlich überlegen, ob ich mir nicht doch noch den letzten Teil der Trilogie zulege.

Mal sehen, ich weiß es noch nicht. Ich muss mich erst einmal erholen von der langweiligen Story gepaart mit der Kindersprache und Figuren, die mich kaltließen.

Jason Segel & Kirsten Miller – Nightmares! – Die Stadt der Schlafwandler
Originaltitel: Nightmares! The Sleepwalker Tonic (November 2015)
Dressler, 19. November 2015
ISBN 3791519484
379 Seiten
Gebunden; 17,99 Euro
auch als Taschenbuch erhältlich

Reihenfolge:
1. Nightmares! – Die Schrecken der Nacht – Originaltitel: Nightmares!
2. Nightmares! – Die Stadt der Schlafwandler – Originaltitel: Nightmares! The Sleepwalker Tonic
3. Nightmares! – Die Jagd des Traumdiebs / Die Stunde der Ungeheuerr – Originaltitel: Nightmares! The Lost Lullaby

Trish Cook – Midnight Sun

Eine Liebe, so unendlich wie ein Sommernachtshimmel

Auf den ersten Blick ist die 17-jährige Katie ein Mädchen wie jedes andere: Sie schreibt ihre eigenen Songs, hängt mit ihrer besten Freundin ab oder beobachtet ihren Schwarm Charlie aus der Ferne. Als der eines Abends Katies Auftritt als Straßenmusikerin sieht, verliebt er sich Hals über Kopf in sie. Katie schwebt im siebten Himmel – doch sie verschweigt Charlie etwas Lebenswichtiges: Katie leidet an einer seltenen Krankheit, die jegliches Sonnenlicht zur tödlichen Gefahr macht. Wie berauscht treibt sie mit Charlie durch die lauen Sommernächte und setzt alles auf eine Karte… (Klappentext)

Nachdem eine Bloggerin auf Instagram vollkommen aufgelöst in ihre Instastorys schluchzte, weil sie eben „Midnight Sun“ beendet hat, wusste ich, dass ich dieses Buch auch lesen muss. Ich werde doch so gern von Büchern bewegt.

Das Buch hat wirklich große Buchstaben und wenige Seiten und doch brauchte ich einige Wochen, um es zu beenden.
Direkt am Anfang hatte mich das Buch schon ein wenig verloren. Katie spricht zum Zuschauer in sehr lockerer Weise. Das Lockere wirkt nicht unangenehm oder unpassend, aber doch so, dass ich gleich ahnte, in welche Richtung das Ganze gehen wird. Außerdem mag ich das Durchbrechen der vierten Wand einfach nicht.
Das nächste Mal hat mich das Buch ein paar Seiten weiter verloren. Gut, vielleicht kennt man das britische Boxenluder Katie Price nicht in Amerika und die Autorin ahnte nichts von der Dopplung, aber dass das kranke, kluge, musikalische siebzehnjährige Mädchen so hieß, konnte ich nicht ernst nehmen.

Die Geschichte an sich entwickelte sich dann schnell und vorhersehbar, selbst wenn man den Klappentext nicht kennt. Katie beobachtet ihren Schwarm Charlie seit Grundschulzeiten von ihrem Fenster aus und er ahnt nichts von ihrer Existenz.
Als er sie zufällig nachts beim Spielen ihrer Songs sieht, ist er sofort fasziniert. Da ist sie also: Die Chance für Katie, ihre große Liebe zu erobern.
Doch wie erklärt man jemandem, dass man sich keinem Sonnenlicht aussetzen darf und dass man sterben kann, wenn man es doch tut?

Ehrlicherweise steckt hier doch ein riesengroßer Logikfehler. Katie war anfänglich noch in der Schule, bevor sie zuhause unterrichtet wurde. Charlie ist in ihrem Alter und kommt jeden Tag an ihrem Haus vorbei. Beide wohnen in einer kleinen Stadt. Wie sollte er nie von dem Mädchen mit der seltenen Krankheit gehört haben? Vor allem, da andere ganz genau wissen, wer Katie ist.

Darüber hätte ich aber hinwegsehen können, wenn mich Katie berührt hätte. Sie blieb jedoch die ganze Zeit flach. Natürlich ist sie klug, tapfer, nett, liebevoll – all diese guten Dinge, aber ich kam nie an sie heran. Hatte auch keinen Grund dazu. Sie war nicht unsympathisch, aber eben auch nicht wirklich das Gegenteil. Sie interessierte mich einfach nicht.

Ich quälte mich also zu drei Vierteln durch eine vorhersehbare, unspannende Story mit mittelmäßig interessante Figuren. Die Sprache gab mir zusätzlich überhaupt nichts.
Dann schaffte das Buch es aber tatsächlich noch, mich zu berühren. Auch ich musste etwas heulen – aber bei Weitem nicht so wie die andere Bloggerin. Diesen Spagat des Buches konnte ich schwer begreifen: Ziemlich lahmes Buch, das mich letztlich doch berühren konnte.
So richtig hebt das meine Bewertung aber nicht. Es bleibt seltsam mittelmäßig.

Trish Cook – Midnight Sun
Originaltitel: Midnight Sun (September 2017)
cbt, 12. Februar 2018
ISBN: 9783570312124
296 Seiten
Taschenbuch, 10,99 Euro

Jay Asher – Tote Mädchen lügen nicht

Man kann die Zukunft nicht st■ppen,
man kann die Zeit nicht ◄◄ zurückspulen –
doch wer auf Pl►y drückt. erfährt die Wahrheit.

Als Clay aus der Schule nach Hause kommt, findet er ein Päckchen mit Kassetten vor. Er legt die erste in einen alten Kassettenrekorder, drückt auf »Play« – und hört die Stimme von Hannah Baker. Hannah, seine ehemalige Mitschülerin. Hannah, für die er heimlich schwärmte. Hannah, die sich vor zwei Wochen umgebracht hat. Mit ihrer Stimme im Ohr wandert Clay durch die Nacht, und was er hört, lässt ihm den Atem stocken. 13 Gründe haben zu ihrem Selbstmord geführt, 13 Personen hatten ihren Anteil daran. Clay ist einer davon… (Klappentext)

Ich bin dem Hype erlegen. Nachdem alle mittlerweile die zweite Staffel von „Tote Mädchen lügen nicht“ auf Netflix schauen, musste ich endlich mal das Buch lesen. Erst dann kann auch ich die Serie beginnen.

Das Buch hatte noch nicht begonnen, da war ich schon gespannt. Ich wollte die 13 Gründe wissen, die ein junges Mädchen in den Selbstmord trieben. Und als ich dann zu lesen begann, kam eine zweite spannende Frage hinzu: Wie ist Clay darin verwickelt? Der liebe Clay… Er konnte einfach kein Teil der Kette sein. Er durfte kein Teil der Kette von Ereignissen sein, die Hannah ihren Lebensmut nahmen.

Doch umso weiter das Buch voranschritt, umso mehr nahm meine Spannung ab.
Clay fand ich immer noch als Charakter toll. Ich mochte ihn wirklich gern. Je mehr ich aber von Hannahs Geschichten hörte, desto mehr dachte ich, dass sie Clay sicher irgendwas anheften kann. Egal, wie sinnvoll es ist.

Dieses Gefühl zog sich irgendwie durch das ganze Buch. Neben Clay ist Hannah die zweite wichtige Erzählerin. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Hannah kann auf nichts mehr reagieren, es gibt keinen Dialog. Es gibt nur ihre Stimme auf den Kassetten. Und diese Stimme war mir unfassbar unsympathisch. Ich mochte Hannah nicht. Am meisten hatte das mit ihren Entscheidungen zu tun. Nicht mit der großen, endgültigen. Sondern mit den vielen kleinen davor.
Ganz ehrlich? Es fiel mir schwer, bei ihr kein Victim blaming zu betreiben. Wahrscheinlich ist es mir letztlich auch nicht gelungen. Denn ich fand vieles, was sie tat einfach unlogisch. Klar ist man als junges Mädchen, das sie war, nicht immer so stark, wie man glaubt zu sein.
Aber mal so als Beispiel aus dem Buch: Wenn ihr ein Junge seine Hand aufs Bein legt, während sie ihre Stirn auf seiner Schulter abgelegt hat und wenn sie ihm dann ins Ohr flüstert: „Was tust du da?“, klingt das für mich eher spielerisch. Es hätte nur noch ein „Uhhh“ vor ihrer Frage gefehlt. Vielleicht wäre da ein „Lass das!“ angemessener gewesen.
So ging es letztlich immer weiter.
Nein, ich fand all ihre Gründe ganz und gar nicht ausreichend, um sich umzubringen. Sie wirkte genervt von ihrem Leben und von ihren Mitschülern. Aber nicht so, als wäre sie am Boden zerstört, als wäre ihre Seele kaputt oder als wäre sie depressiv.

Ich las die Geschichten dann also keinesfalls so gespannt, wie ich es gehofft hatte.
Problematisch wurde das Lesen dann aber noch aus einem anderen Grund. Hannahs Geschichte ist kursiv gedruckt, Clays Gedanken dazu Standard.
Beim schnellen Lesen verpasste ich dann manchmal den Typowechsel und wunderte mich, von was Hannah jetzt redet. Denn Clays Teile hingen immer irgendwie mit Hannah zusammen, mussten sich aber nicht zwangsläufig gerade auf das beziehen, was sie sagt.

Ich weiß es nicht, aber vielleicht war Jay Asher nicht der richtige, um diese Geschichte zu erzählen. Auch wenn ich ihm sein Einfühlungsvermögen nicht absprechen will, habe ich im eigenen Umfeld erlebt, dass viele Männer damit Probleme haben, sich in Frauen und ihre täglichen Erfahrungen und Erlebnisse hineinversetzen zu können. Vielleicht hat er ja Schwestern, Töchter oder Freundinnen, die ihre Teenie-Erfahrungen mit ihm geteilt haben, aber er hat sie nicht erlebt. Und genau das scheint mir für seine Art von Erzählung wichtig zu sein.
Vielleicht hätte er das Buch nach der großen MeToo-Debatte heute aber auch anders geschrieben. Mittlerweile ist das Buch ja auch über zehn Jahre alt.

So hat der Autor aber ein Buch geschaffen, das mit einer spannenden Grundidee auftrumpfen kann. Mit Clay hat es eine liebenswürdige Hauptperson, die von Hannah in eine unfassbar grausame Situation gebracht wird.
Der Umsetzung fehlt es vorn und hinten aber an so einigem. Vorrangig an ernsthaften Gründen und nachvollziehbaren Handlungen von Hannah.

Jay Asher – Tote Mädchen lügen nicht
Originaltitel: 13 Reasons Why (Oktober 2007)
cbt, 08. Oktober 2012
ISBN 357030843X
283 Seiten
Taschenbuch; 8,99 Euro

Anne Freytag – Nicht weg und nicht da

Den Anfang kannst du nicht ändern – das Ende schon
Nach dem Tod ihres Bruders macht Luise einen radikalen Schnitt: Sie trennt sich von ihrem mausgrauen ich und ihren Haaren. Übrig bleiben drei Millimeter und eine Mauer, hinter die niemand zu blicken vermag. Als Jacob und sie sich begegnen, ist er sofort fasziniert von ihr. Doch Luise hält Abstand. Bis sie an ihrem sechzehnten Geburtstag eine E-Mail von ihrem toten Bruder bekommt – die erste von vielen. Mit diesen Nachrichten aus der Zwischenwelt und Jacob an ihrer Seite gelingt es Luise, inmitten dieser aufwühlenden wie traurigen Zeit das Glitzern des Lebens wiederzufinden. (Klappentext)

„Ich danke euch für diese Geschichte. Und dafür, dass ich sie erzählen durfte.“, richtet Anne Freytag sich in ihrer Danksagung an die drei Hauptfiguren Luise, Jacob und Kristopher. Und genau das ist das Buch. Es geht nicht um aufregende Roadtrips, abgefahrene Dramen oder wilde Erfahrungen. Es geht um die Seelen dreier junger Menschen und wie sie mit ihrem inneren Kaputtsein umgehen. Es ist quasi ein Seelenbuch. Thematisch und für den Leser.

Denn es dauerte nicht lange und ich war das erste Mal in Tränen aufgelöst. Und ab da kam es immer mal wieder über mich. Ich wurde so oft berührt. Ich war so traurig. Ich war so glücklich.
Die Geschichte bewegt sich räumlich nicht weit vom Fleck. Die meiste Zeit ist man an einem von drei Orten. Aber innerlich bewegen sich Luise und Jacob so sehr: heraus aus ihrer Komfortzone, hinein in ihre Abgründe, hin zu einem neuem Ich. Diese Entwicklungen und Gedankengänge zu verfolgen, war mitreißend. Ich war sofort im Bann der Geschichte und der Figuren. Und deswegen ist passiert, was mir mittlerweile selten passiert. Ich las sogar draußen beim Gehen weiter. Ich konnte und wollte das Buch nicht weglegen.

Natürlich bewegten sich Luise und Jacob aber nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich – nämlich aufeinander zu. Diese langsame Annäherung war so schön zu beobachten. Zum einen, weil es aufgrund der Lebensumstände der beiden anders nicht recht gepasst hätte und zum anderen, weil es so eine Wohltat ist, mal keine sich Hals über Kopf verliebende und sofort das schönste Pärchen der Welt seiende Jugendliche zu haben.

Da es hauptsächlich um das Innenleben von den beiden – mit ein bisschen Leben drum herum – geht, muss den Leser ja nicht nur die Story an sich anziehen, sondern auch die Figuren. Und bei mir taten sie das ganz klar. Mit Luise hat Anne Freytag ein ungewöhnliches Mädchen erschaffen und das im besten Sinne. Sie ist stark und stolz und klug und leidet dabei doch so sehr. Und diese Mischung wurde wirklich authentisch dargestellt. Man hätte Luise so zerschreiben können, dass die Figur zu einer Karikatur wird, aber das hat Anne Freytag nicht getan. Jacob ist dafür der Inbegriff des stillen, tiefgründigen, etwas dunklen Typen. Und damit ist er auch für den Leser immer interessant. Ich wollte sehen, was unter seiner Schale liegt.

Das Einzige, was ich in dem Zusammenhang schade fand, war dieser schon häufiger beschriebene Umgang mit dem Tod. Die Nachrichten und Aufgaben aus dem Jenseits gab es auch schon in „P. S. Ich liebe dich“ von Cecelia Ahern oder „Für immer, Dein Dad“ von Lola Jaye. Gewissermaßen auch in „Morgen kommt ein neuer Himmel“ von Lori Nelson Spielman und bestimmt auch in anderen Büchern, die ich nicht kenne. Ich will das Anne Freytag nicht anlasten. Niemand der anderen Autoren hat diese Idee für sich gepachtet. Aber so ein ganz, ganz kleines bisschen ist da etwas Wehmut, dass Kristopher es nicht anders gemacht hat.

Wie schon in den anderen Büchern ist auch die Aufmachung des Buches hervorzuheben. Den Kapiteln sind nicht nur kleine passende Bildchen vorangestellt, hinten im Buch ist auch wieder die Playlist aller Lieder, die im Buch eine Rolle spielen. Viele habe ich parallel zum Lesen, wenn sie erwähnt wurden, gestartet. Die meisten kannte ich – wie schon in den letzten Romanen – nicht, aber es waren wieder Perlen dabei.
Vorne in der Klappe findet man handgeschriebene Wörter, deren Bedeutung man erst im Laufe des Buches wirklich versteht. Ich liebe es, wenn Bücher ein bisschen mehr als nur Buchstaben enthalten.

Diese besonderen, schönen und ungewöhnlichen Wörter vorne im Buch stehen für mich aber auch stellvertretend für Anne Freytags Art zu erzählen. Sie schreibt so zart und auf eine unprätentiöse Art poetisch, dass es mir warm ums Herz wird. Auch das spielt mit hinein, dass ich nicht aufhören wollte zu lesen. Es ist einfach unglaublich unanstrengend, ihren Wörtern zu folgen, man fliegt so durch die Seiten und hat dabei schöne Bilder in den Kopf gesetzt bekommen.

Es ist unfassbar schade. Ich habe das Buch an zwei Abenden beendet, dabei musste ich doch so lange auf etwas Neues von Anne Freytag warten. Ich war so gern bei Jacob und Luise, hab sie begleitet und ihnen beim Wachsen zugesehen. Ich habe Tränen vergossen, mitgefiebert, mitgetrauert und mich mitgefreut. Es war alles, was ich von einem Buch erwarte und noch viel mehr. .

Anne Freytag – Nicht weg und nicht da
Heyne Verlag, 19. März 2018
ISBN 3453271599
480 Seiten
Gebunden; 16,00 Euro

Andere Bücher der Autorin (klicke für die Rezension):

Enid Blyton – Fünf Freunde 5 – Das Buch zum Film

Endlich Sommerferien! Doch statt in den Urlaub müssen die Fünf Freunde mit ihrer Tante Fanny zu einer Hochzeit fahren. Ein ungeplanter Zwischenstopp bietet ihnen aber immerhin die Gelegenheit, einen seltenen Dinosaurierknochen zu besichtigen. Im Museum lernen sieden kauzigen Marty Bach kennen, der behauptet zu wissen, wo ein vollständig erhaltenes Dinosaurierskelett liegt. Natürlich werden die Freunde da hellhörig – und als Marty die Koordinaten zum »Tal der Dinosaurier« gestohlen werden, übernehmen die Fünf den Fall. Schnell wird ihnen klar, sollte der Dieb das Tal vor ihnen finden, ist das Skelett für immer verloren. (Klappentext)

Im Zuge des Gewinnspiels, das ich letztens für euch veranstalten durfte, bekam ich selber das neue Buch zum Film „Fünf Freunde und das Tal der Dinosaurier“ als Rezensionsexemplar.
Es wurde von Sarah Bosse nach dem Drehbuch von Mike Marzuk geschrieben, das wiederum auf der Buchreihe von Enid Blyton basiert.

Als kleines Mädchen war ich riesiger Dino-Fan. Ich kannte die Namen, Fressformen und Lebzeiten auswendig. Ich hatte Ordner voll Informationen und liebte die Filme von „In einem Land vor unserer Zeit“. Es stand sogar ein fluoreszierendes Dinosaurierskelett auf meinem Schrank.
Ich war also prädestiniert für die neueste Geschichte der Fünf Freunde.

Ich habe bisher weder ein Buch noch einen Film dieser Enid-Blyton-Reihe gelesen oder gehört. Für mich bestand im ersten Moment also die Aufgabe, dahinterzukommen, wie die Fünf – beziehungsweise Vier mit Hund – zueinanderstehen, wer wer ist und welche Charaktereigenschaft welchen Freund ausmacht.
Hier schafft das Buch einen wundervollen Spagat und führt alles so knapp, aber natürlich ein, dass es die alten Hasen nicht stören wird und die neuen Leser einen guten Überblick bekommen.

Da das Buch nur 152 Seiten hat, muss es bald in Fahrt kommen und das tut es. Schnell ist man mitten im Geschehen. Und das ist tatsächlich recht spannend. Begonnen wird in einem gruseligen Hotel, von dem ich sogar gern noch etwas mehr gelesen hätte. Doch bald erfahren Anne, Dick, George, Julian und Hund Timmy von den Dinosaurierknochen und treffen auf Marty, der in seiner überaus schüchternen Art von niemandem im Dorf ernst genommen wird. Doch die Fünf glauben ihm und versuchen nun, mit ihm zusammen das Tal der Dinosaurier zu finden. Weil Marty aber die Koordinaten gestohlen wurden, muss auch zusätzlich der Dieb enttarnt werden.
Der relevante Personenkreis des Buches ist überschaubar, aber doch so groß, dass man als Leser miträtseln kann, wer es wohl auf das Dinoskelett abgesehen hat. Trotz der Kürze der Story wird die Auflösung des Falles nicht ganz linear erzählt, sondern bietet auch ein paar Wendungen und Überraschungen.
Man möchte auf jeden Fall wissen, wer es war und wo die Motive liegen.
Bei den Beschreibungen ist der Autorin eine gute Mischung gelungen: einerseits kurz und prägnant, andererseits atmosphärisch.

Da es ein Buch zum Film ist, sind auch Bilder enthalten. Die Bildunterschriften fassen den Film knapp zusammen. Die Geschichte unterscheidet sich aber naturgegeben nicht von dem Buch. Vor allem für jemanden, der sich noch nie weiter mit den Fünf Freunden beschäftigt hat – so wie ich – ist es aber auch ganz schön, direkt Bilder der Personen vor Augen zu haben. Es gab nämlich soweit keine optischen Beschreibungen, außer dass Dick immer eine Mütze trägt.

Sprachlich ist das Ganze sehr modern gehalten, was wohl an der filmischen Vorlage liegt. Auch wenn ich keine originale Geschichte von Enid Blyton gelesen habe, gehe ich davon aus, dass sie deutlich älter klingt als das vorliegende Buch.

Insgesamt ist die Geschichte natürlich für Kinder gemacht. Erfahrene Krimi-Leser wird die Geschichte um das Tal der Dinosaurier nicht hinterm Ofen hervorlocken, aber das soll sie ja auch nicht.
Trotzdem hatte ich den einen Abend, an dem ich das Buch in einem Rutsch durchgelesen habe, Spaß mit den Fünf Freunden. Es gab Wendungen, die Geschichte war interessant und mit den Fünf Freunden bekommt man intelligente und hartnäckige Protagonisten, denen man gern folgt.
Ich glaube, dass Kinder und vielleicht noch sehr junge Jugendliche Spaß an dem Buch haben werden. Und in diesem Maßstab vergebe ich auch die Sterne.

Enid Blyton – Fünf Freunde 5 – Das Buch zum Film
cbj, 05. März 2018
ISBN 3570172678
152 Seiten
Gebunden; 9,99 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

Cara Delevingne – Mirror, Mirror

Vielleicht bin ich nicht so ein guter Mensch, wie ich dachte. Vielleicht bin ich wirklich ein Monster.

Red, Leo, Rose und Naomi sind Außenseiter. Red hat eine alkoholabhängige Mutter und einen Vater, der nie da ist. Leos Bruder übt einen schlechten und gefährlichen Einfluss auf ihn aus und neigt zur Gewalt. Rose klammert sich an Jungs und Drinks, um alte Wunden zu betäuben. Naomi läuft von zu Hause weg, um eine Freiheit zu erlangen, die sie nirgendwo sonst finden kann. Sie sind allein gegen den Rest der Welt, bis sie durch ihre Band Mirror, Mirror ihre eigene Familie gründen – den einzigen Ort, an dem sie sie selbst sein können.

Dann verschwindet Naomi und wird halb tot in der Themse gefunden. Sie kämpft um ihr Leben. Und zu allem Übel glaubt die Polizei auch noch, dass sie sich das selbst angetan hat. Ihre Freunde sind am Boden zerstört; sie waren dazu bestimmt, aufeinander achtzugeben, wie konnten sie die Alarmsignale übersehen? Wie gut kennen sie Naomi wirklich – und einander?

Doch als eine Reihe von Hinweisen die Gruppe vermuten lässt, dass alles anders ist, als es scheint, müssen Red, Leo und Rose sich ihren eigenen dunklen Geheimnissen und Ängsten stellen. Es ist ein Weg, der ihre Welt erschüttert. Nichts wird jemals wieder so sein, wie es war, denn wenn ein Spiegel einmal zerbrochen ist, dann er nicht repariert werden. (Text der Titelklappe)

Als ich hörte, Cara Delevingne veröffentlicht ein Buch, stand es direkt auf meiner Wunschliste. Dabei mochte ich sie nicht mal und kannte auch den Inhalt nicht. Zum Geburtstag bekam ich das Buch geschenkt und begann dann etwas später im Urlaub, es zu lesen.

Der Geschichte geht ein Vorwort von Cara voraus. Und die Gedanken und Wünsche an das Buch von ihr sind schön und hehr: Heranzuwachsen wäre so wunderbar und dramatisch zugleich mit Extremen und Hormonen und Veränderungen. Doch was, wenn man nicht dazu passt? Dann wäre die Zeit nicht sorglos, sondern herausfordernd und schwer – dazu kommen heute die sozialen Medien, die eine Art Perfektion verlangen. „Mirror, Mirror“ sollte diese Phase nun realistisch widergeben und dabei Freundschaft in den Mittelpunkt rücken. Doch vor allem wollte sie vermitteln: „Es ist ok, wenn ihr anders und einzigartig seid, weil ihr bereits perfekt seid.“
Ich überlegte daran eine Weile herum. Einerseits passt es zu Cara, die immer ein anderes Model war – rebellisch, unangepasst, kantig. Andererseits: Unterstützt man mit dem Modeln nicht generell ein falsches Vorbild? Aber es soll um das Buch gehen…

Die Band „Mirror, Mirror“ hat etwas Besonderes. Denn aus einem Projekt, bei dem die Schüler zufällig zusammengewürfelt wurden, ist etwas Großes entstanden. Aus Fremden wurden nicht nur Freunde. Red, Leo, Rose und Naomi wurden eine Familie. Sie konnten sich aufeinander verlassen, sie waren eingeschworen, sie teilten alles. Vor allem fanden sie ineinander Halt, der ihnen das Elternhaus nicht immer geben konnte. Doch dann verschwand Nai und hinterließ ihre Freunde vollkommen ratlos. Warum sollte sie weglaufen? Hatte sie Probleme, von denen sie ihren drei besten Freunden nichts erzählte? Und… wäre es vielleicht besser gewesen, sie wäre verschwunden geblieben, als mit eingeschlagenem Kopf und halb tot gefunden worden zu sein?

Ich finde diese Geschichte großartig. Und damit fängt es doch schon an.
Es geht um die Liebe und Freundschaft vierer Menschen zueinander. Und das, ohne dass von vornherein eine große Liebesstory etabliert werden muss. Was für eine Wohltat in dem Wust der Jugendbücher. Doch dann merkt man Risse. Ein Teil der Gruppe fehlt. Und alles scheint sich zu ändern.
Und es geht um Musik. Ganz einfach rutscht der Leser hinein in den Gesang von Rose, die Gitarrenklänge von Leo und das Schlagzeugspiel von Red. Obwohl es immer wieder um die Band und ihre Musik geht, um alles, was die vier Fremden zu einer Familie machte, wurde es nie zu viel. Nie zu vordergründig.
Und es geht um Naomi und was ihr passiert ist. Sie liegt in dem Krankenbett, umgeben von Schläuchen und Kabeln. Der Kopf dick einbandagiert. Übersät mit Wunden und Blutergüssen. Zusammen mit den drei Freunden – und noch weiteren, die dazustoßen – will man herausfinden, was ihr passiert ist. Warum wollte sie weglaufen? Warum versteckte sie sich so viele Wochen? Wo war sie? Das Lösen des Rätsels wurde nie zu akribisch oder detailreich. Es gab keine kriminalistischen Feinheiten. Und doch war das Aufdecken jedes neuen Puzzleteils für mich aufregend.

Diese drei großen Teile machten das Buch für mich wirklich spannend. Die Dynamik in der Gruppe veränderte sich. Der Leser spürte es Stück für Stück und den Jugendlichen dabei zuzugucken, war spannend. Es war ein Verlieren und Finden. Sich selbst und den anderen. Dieses stetige Auf und Ab, das die Teenagerjahre prägt.
Und der Fall um Naomi war für mich natürlich auch spannend. Wirklich sehr. Kaum beginnt das Buch, ist Naomi schon gefunden. Der Leser lernt sie nicht kennen. Für ihn liegt eine Fremde in dem Bett, der man auch durch das Koma persönlich nicht nahe kommt. Und doch war ihr Schicksal mir nicht egal. Durch die drei anderen, die von ihrer Freundin reden und vereinzelte Kapitel, die in der Vergangenheit spielen, lernt man Naomi kennen. Wird ihr eben doch nah. Deswegen fieberte ich so sehr mit, ob sie aufwachen wird und ob herausgefunden werden kann, was genau passiert ist.

Dabei wartet die Geschichte mit Überraschungen und Wendungen auf, die mich zum Teil sprachlos machten. Manches war für mich ab einem bestimmten Zeitpunkt vorhersehbar, manches erwischte mich kalt. Es war klasse!

Zusätzlich überzeugt „Mirror, Mirror“ mit Abwechslung. Alle paar Kapitel wurde mal ein Chat oder ein Songtext abgedruckt. Etwas, was ich immer gern mag.

Sprachlich machte das Buch für mich nicht alles richtig und irgendwie doch. Die Geschichte wird von Red aus der Ich-Perspektive erzählt, womit man immer ganz nah dran ist. Die Sätze sind dabei zum Teil lang. Sehr lang. Gern hätte ich aus dem einen oder anderen Komma einen Punkt gemacht. Es war, als wären verschiedene Hauptsätze einfach aneinandergehangen worden. Es fiel mir auf, riss mich aber nicht aus dem Lesefluss. Es brachte eine gewisse Dynamik ins Buch. Ein Rasen durch die Gedanken und Sätze. Als wäre man mittendrin in einem Teenagerkopf.

Am Ende bleibt fast ein wenig die Frage, was dieses Buch nun war. Ein Jugendbuch? Ein Roman? Ein Krimi? Keine Ahnung. Aber das Buch kann natürlich – wie wir alle – sein, was es möchte und genau so ist es perfekt.

Cara Delevingne – Mirror, Mirror
Originaltitel: Mirror, Mirror (Oktober 2017)
FISCHER Taschenbuch, 5. Oktober 2017
ISBN: 3596702348
368 Seiten
Broschiert, 14,99 Euro

Ursula Poznanski – Layers

Seit Dorian von zu Hause abgehauen ist, schlägt er sich auf der Straße durch – und das eigentlich ganz gut. Als er jedoch eines Morgens neben einem toten Obdachlosen aufwacht, der offensichtlich ermordet wurde, gerät Dorian in Panik, weil er sich an nichts erinnert: Hat er selbst etwas mit der Tat zu tun?
In dieser Situation bietet ihm ein Fremder unverhofft Hilfe an. Der Unbekannte engagiert sich für Jugendliche in Not und bringt Dorian in eine Villa, wo dieser neue Kleidung, Essen und sogar Schulunterricht erhält – das ist Dorians Chance, sich vor der Polizei zu verstecken. Doch umsonst ist nichts im Leben, das erfährt er recht schnell. Die Gegenleistung, die von ihm erwartet wird, besteht im Verteilen geheimnisvoller Werbegeschenke. Als Dorian ein solches Päckchen nach einem unerwarteten Zwischenfall behält, wird er von diesem Zeitpunkt an gnadenlos gejagt. (Text der Titelklappe)

Ich freute mich so sehr, dass ich für meine mündliche Abschlussprüfung im Nebenfach dieses Jugendbuch lesen sollte. Wie viel schöner ist das, als all die wissenschaftliche Literatur?!
Ich begann auch hochmotiviert, aber dann musste ich noch so viel erledigen, dass ich nur circa die ersten 100 Seiten geschafft hatte. Den Rest habe ich dann nach der Prüfung im Urlaub gelesen.

Ich fand das Buch nämlich so gut, dass ich es so oder so lesen wollte. Das hielt genau so weit, wie der Klappentext die Handlung beschreibt. Danach änderte sich alles.

Man wird direkt in Dorians schwieriges Leben geschmissen und bleibt immer nah an ihm und seinen Erlebnissen dran. Man lebt mit ihm auf der Straße und später in der Villa. Man lernt mit ihm zusammen andere Jugendliche dort kennen und steht mit ihm zusammen in der Stadt, um Flugblätter zu verteilen. Es passiert so viel, dass es einfach spannend bleibt. Ich wollte so gern hinter die Beweggründe von allen und allem kommen.
Doch nachdem Dorian einem anderen Posten zugeteilt wird und nun Werbegeschenke verteilen soll, überschlagen sich die Dinge und Dorian kann nicht in die Villa zurückkehren. Ganz im Gegenteil: Plötzlich wird er erbarmungslos gejagt.

Und genau da, wo es eigentlich spannend werden sollte, flacht die ganze Geschichte für mich ab. Die Jagd beziehungsweise Flucht dauert und dauert. Es scheint sich alles zu wiederholen, die Dinge drehen sich im Kreis. Alles scheint unnötig aufgeblasen. Es ist nicht zwingend unrealistisch oder unlogisch, aber das zu lesen brachte mir keinerlei Spaß. Für mich hätte hier stark komprimiert werden müssen.

Dabei ist das Thema, das Auslöser zur Flucht war und an dieser Stelle einen Spoiler darstellen würde, wirklich spannend und modern. Noch habe ich nicht viele Bücher dazu gelesen, obwohl es ein immer größeres Thema in der Gesellschaft wird. Das war immerhin auch wirklich gut und ausführlich dargestellt.

Dorian ist zusätzlich ein toller und sympathischer Junge. Er allein war wohl der Grund, warum ich die langweilige Flucht trotzdem relativ schnell durchgezogen habe. Insgesamt waren alle Figuren einerseits authentisch und andererseits speziell und ungewöhnlich.

Insgesamt fand ich den Plot zunächst wirklich stark mit seinen vielen innovativen Ansätzen. Ich war so gespannt, wie es weitergeht und war gern bei Dorian. Doch dann musste ich mich durch die zweite Hälfte wirklich durchquälen und am Ende, das ich doch nochmal ganz ok fand, blieben einige Fragen offen.
Nein, ich bin nicht begeistert. Ein paar Punkte macht „Layers“ schon gut, aber es verliert doch auch einige.

Ursula Poznanski – Layers
Loewe, 17. August 2015
ISBN 3785582307
445 Seiten
Broschiert; 14,95 Euro

Christine Heppermann – Frag mich, wie es für mich war

Nick musste mir versprechen, es niemandem zu sagen, damit die Leute, wenn sie mich ansehen, mich als Ganzes sehen.

Als Addie schwanger wird, entschließt sie sich zu einer Abtreibung. Alles verläuft unkompliziert und ist schnell vorbei. Dennoch verändert der Eingriff Addie. Sie gewinnt an Selbstbewusstsein, stellt andere sowie sich selbst infrage und bewertet ihr Leben neu. Sie wird als ein anderer Mensch daraus hervorgehen. Als jemand, der seine eigene Entscheidung getroffen hat. (Klappentext)

Für mich persönlich kam nie Abtreibung in Frage. Nicht, weil ich etwas dagegen habe, ganz im Gegenteil. Ich finde diese Selbstbestimmung richtig und wichtig. Mir war aber seit jeher klar, dass ich Kinder haben möchte und hätte es auch in jeglicher Situation bekommen. Irgendwie hätte man das Kind schon geschaukelt – im wahrsten Sinne des Wortes.
Vielleicht gerade weil das Thema von meiner Lebensrealität weit entfernt ist, interessiert es mich. Deswegen habe ich auch sofort bei Beltz & Gelberg nachgefragt, ob sie mir „Frag mich, wie es für mich war“ als Rezensionsexemplar schicken könnten. Sie haben es getan und ich freute mich wirklich sehr darüber. Ich habe es mit nach Kenia genommen und mir damit am Strand die Zeit vertrieben.

Die fünfzehnjährige Addie ist erst seit kurzem mit Nick zusammen, als sie von ihm schwanger wird. Sie trifft die Entscheidung, die Schwangerschaft abzubrechen und muss nun mit den Konsequenzen leben, die sich auf alle Bereiche erstrecken: Beziehung, Familie, Schule.
Vor allem um diese Veränderungen geht es in dem 230 Seiten langen Buch.

Sobald man das Buch aufschlägt, fällt die gedichtartige Form der Texte auf. Jedes – nennen wir es ruhig Gedicht – erhält eine eigenständige Überschrift, die mal eine echte Überschrift und mal im Prinzip die erste Zeile des Inhalts ist. Die Länge variiert von zwei Zeilen bis zu anderthalb Seiten.
Vor allem da jedes Gedicht eine neue Seite bekommt, egal wie lang es ist, wird das Buch aufgebläht. Durch die Versform zusätzlich eh. Man kann sich daran stören oder sich an dieser Besonderheit erfreuen. Ich finde solche Formatierungen erfrischend und gerade bei diesem Buch hatte es noch einen bestimmten Zweck, der sich im Laufe des Buches klärt.

Der Inhalt unterwirft sich der Form.
Das fällt vor allem an den fehlenden Beschreibungen auf. Vereinzelt werden schon Augen- oder Haarfarben erwähnt, generell spielt Optik aber keiner Rolle in dem Buch. Weder von Personen noch von Räumlichkeiten oder Orten.
Es geht rein um Addies Erlebnisse, von denen sie in der Ich-Form berichtet und ihren Gedanken und Gefühlen. Den Hauptanteil haben dabei aber die Erlebnisse, denn ihre Abtreibung verändert ihr Empfinden und hat somit viel Einfluss auf ihr Leben.
An dieser Stelle konnte das Buch meine Erwartungen nicht erfüllen, denn ich hätte gedacht, Addie setzt sich weitreichender mit ihrer Abtreibung auseinander. Denkt darüber nach, spricht mit dem Leser darüber. Aber das passiert nicht. Ihre Gefühle dazu muss man häufig eher zwischen den Zeilen suchen.
Damit konnte mich das Buch dann auch leider nicht so berühren, wie ich es gehofft hatte.

Es war interessant, Addie dabei zuzusehen, wie sie sich verändert. Wie sie plötzlich Wünsche und Gedanken hat, die sie von sich selber nicht erwartet hätte. Doch von Spannung kann ich dabei nicht reden. Weil sich die Frage, wohin sie sich wohl entwickeln wird, nicht ernsthaft drängend war.

„Frag mich, wie es für mich war“ ist allein schon aufgrund seiner poetischen Form etwas Besonderes. Mit dem Abtreibungsthema greift Christine Heppermann ein wichtiges auf und hat mit Addie eine Figur erschaffen, die man gern begleitet, da sie sehr sympathisch ist.
Dennoch gibt es einige negative Punkte. Zum einen ist das Buch aufgrund seiner Form wahnsinnig kurz. Mit 230 Seiten ist es von vornherein nicht lang, aber die einzelnen Zeilen nehmen nie die volle Breite der Seite ein und manche Gedichte bestehen nur aus zwei Zeilen, die allein auf einer Seite stehen. Zusätzlich fehlen (mir) die Beschreibungen der Optik schon ein wenig. Schade war auch, dass das Thema Abtreibung nur ein Auslöser war, aber nicht ernsthaft im Fokus stand und letztendlich auch die „Spannung“ (m Sinne eines Weiterlese-Drangs) fehlte.
In dieser Kombination ergibt das für mich .

Christine Heppermann – Frag mich, wie es für mich war
Originaltitel: Ask Me How I Got Here (Mai 2016)
Beltz & Gelberg, 7. Februar 2018
ISBN: 3407823606
230 Seiten
Broschiert, 13,95 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

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