Marieke Nijkamp – 54 Minuten

54 Minuten, die alles zerstören
Es passiert nicht viel im verschlafenen Opportunity, Alabama. Wie immer zum neuen Halbjahr hält die Direktorin in der Aula der Highschool ihre Begrüßungsrede. Es ist dieselbe Ansprache wie in jedem Halbjahr, und wie immer ist sie um exakt zehn Uhr zu Ende. Aber heute ist alles anders.
Als Schüler und Lehrer die Aula verlassen wollen, kann man die Türen nicht mehr öffnen. Einer beginnt zu schießen. Tyler greift seine Schule an und macht alle fertig, die ihm Unrecht getan habe. (Klappentext)

Als ich dieses Buch Anfang Juni auf Arbeit ergattern konnte, wusste ich, dass ich es unbedingt bald – also weit vor dem Erscheinungstermin – lesen muss. Und das habe ich getan. Endlich darf ich meine Meinung dazu veröffentlichen.

Fast alle Schüler der Opportunity High sind in der Aula, als die Türen sich nicht mehr öffnen lassen und Tyler durch die einzige noch unverschlossene Tür tritt. Tyler, der als erstes die Direktorin erschießt, damit die Schüler, die Lehrer, ja die ganze Schule ihm endlich mal ganz genau zuhört…
Niemand ist sicher. Nicht mal seine Schwester Autumn, die friedlich ihre letzte Zeit vor dem Abschluss genießen wollte.

Erzählt wird die Geschichte minutenweise.
Die einzelnen Kapitel, drehen sich jeweils um zwei bis drei Minuten. Erzählt werden sie aus den Perspektiven von vier Schülern: Autumn, ihre Freundin Sylv, deren Bruder Tomás und Claire. Die letzten beiden haben Glück, sie sind zwar in der Schule, aber nicht in der Aula.
Jede Person hat im Durchschnitt zwei bis drei Seiten, um seine Situation in den aktuellen Minuten zu schildern. Doch dabei entfaltet sich nach und nach auch das Bild von Tyler, der sich mit den vier Personen jeweils in einem besonderen Verhältnis befindet. Der Leser versteht immer mehr, wie es dazu kommen konnte, dass er nun da steht. Vor seinen Mitschülern. Mit einer Waffe.

Der Markt der Bücher ist nicht überschwemmt mit Büchern über (Schul)Amokläufe. So wurde „54 Minuten“ mein erstes. Und dabei ist dieses Thema so wahnsinnig wichtig. Zu oft gab es schon welche. Grundsätzlich ist ja schon ein Mal eins zu viel. Und selbst, wenn es nicht bis zum Äußersten kommt, zeigt das Buch doch, wie die Grundsteine gelegt werden. Wie Gewalt, Ausgrenzung und Mobbing Menschen zu Dingen treiben können. Deswegen schlägt dieses Buch hoffentlich im Jugendbuchbereich eine hohe Welle.

Doch weder sollten das Buch nur Jugendliche lesen, noch ausschließlich aufgrund der Thematik. „54 Minuten“ bietet noch viel mehr.

Tyler, der eine Person nach der anderen in der Aula erschießt, erzeugt schon viel Spannung. Wie vielen Menschen wird er das Leben nehmen? Wer wir alles überleben? Wer wird aus der Aula rauskommen?
Doch auch die beiden Erzähler, die nicht in der Aula gefangen sitzen, machen es spannend. Denn: Wer wird in die Aula hineinkommen?

Die vier Erzähler machen es einem dabei sehr leicht, sie gern zu haben. Und das nicht, weil man mit den Opfern automatisch eher sympathisiert. Sie bieten alle eine Tiefe an Emotionen und sind mit einer glaubhaften und interessanten Hintergrundgeschichte ausgestattet, die geschickt neben dem aktuellen Geschehen, auf das alle fokussiert sind, einfließt.
Die drei Mädchen Autumn, Sylv und Claire sind sich charakterlich ziemlich nah und unterscheiden sich auf den ersten Blick am besten durch ihre Interessen und Hobbys. Doch nichtsdestotrotz verwischen die Grenzen nie. Man kann sie immer auseinanderhalten.
Und auch der große Rest der Schule verkommt nicht zu einer Masse. Einzelne Schüler, Lehrer oder Geschwister treten heraus und werden zu wichtigen Nebenrollen.
Wichtig ist natürlich auch Tyler, der aktiv sehr wenig zu Wort kommt. Marieke Nijkamp schafft es, das Bild eines Jungen zu zeichnen, der einerseits wahnsinnig zerbrechlich und andererseits unglaublich erbarmungslos ist. Letztendlich wird er jedoch nie als ausschließlich irre dargestellt. Auch Tyler hatte seine Gründe, sich mit Gewalt ein Gehör zu verschaffen. Und diese Gründe werden in der Geschichte aufgedeckt. Es gibt kein klares Schwarz und Weiß bei ihm. Die Autorin verurteilt ihn nicht einfach.

Dieses Zusammenspiel der einzelnen Teile schafft viele Emotionen beim Leser. Ein spannender Plot, der durch die unterschiedlichen Gegebenheiten nicht langweilig wird. Personen, die man schnell ins Herz schließt und für die man hofft, dass Tyler sie verschonen wird. Eine Erzählweise, die viele verschiedene Blickwinkel schafft und das Puzzle „Tyler“ ein Ganzes werden lässt. Und zusätzlich punktet die Geschichte noch mit einer unauffälligen Schreibweise, die den Leser Seite um Seite verschlingen lässt, ohne dass er es merkt. Dabei stellt sie sich nicht in den Vordergrund, sondern lässt ganz allein die Story wirken.

Das Buch ließ mich nicht los. Es hielt mich in seinem Bann. Ich war mit meinen Gefühlen und meinem Herzen bei ihm.
Es wäre falsch zu sagen, dass ich Spaß mit „54 Minuten“ hatte. Aber ich habe geliebt, es zu lesen.
Aber so insgesamt, wäre ich gern noch ein wenig mehr überrascht oder geschockt worden. So seltsam es klingt, das Buch hätte mir mehr das Herz brechen sollen. Nur deswegen ziehe ich ein ganz kleines bisschen bei der Bewertung ab.

Marieke Nijkamp – 54 Minuten – Jeder hat Angst vor dem Jungen mit der Waffe
Originaltitel: This is Where it Ends (Januar 2016)
FISCHER FJB, 21. September 2017
ISBN: 3841440169
331 Seiten
Broschiert, 14,99 Euro

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Jenny-Mai Nuyen – Heartware

Erst verdunkelt sie dein Herz, dann die ganze Welt?

Adam Eli hat seine Chance genutzt. Er ist erfolgreicher Ghostwriter, tut alles, um seine kriminelle Jugend vergessen zu machen. Eines verbindet ihn noch mit seinem alten Leben: seine große Liebe Willenya. Die letzte Begegnung liegt lange zurück, bis heute weiß er nicht, ob sie es war, die ihn damals verriet.
Antwort darauf verspricht der Internettycoon Balthus – wenn Adam sich an der Suche nach Willenya beteiligt. Denn die junge Frau hat den Prototyp einer künstlichen Intelligenz gestohlen. Um Geld zu erpressen? Oder vielleicht sogar einen Terroranschlag zu verüben?
Eine atemlose Jagd von den Urwäldern Boliviens über Dubai bis Tokio beginnt… (Klappentext)

Jenny-Mai Nuyen ist mir schon seit Jahren ein Begriff. Doch bisher habe ich weder ein Buch von ihr gelesen, noch befindet sich eines auf meinem SuB. Darum freute ich mich total, als mir ein Rezensionsexemplar zu ihrem neuen Buch – ihrem ersten Thriller – angeboten wurde.
Ich begann sofort begeistert zu lesen, denn das Buch klang laut Klappentext wirklich spannend.

Aber nun, wo ich das Buch beendet habe, beginnt mit dem Klappentext schon das erste große Ärgernis. Die Autorin kann für ihn nichts, glaube ich. Der wird meistens von anderen Leuten verfasst, aber so wie er geschrieben ist, grenzt er fast an Beleidigung für das Buch.
Eli ist kein „erfolgreicher Ghostwriter“. Er schreibt für Studenten Hausarbeiten und bekommt ein wenig Geld dafür. Nichts, was ihn reich oder rasend erfolgreich machen würde.
Zusätzlich verrät der Klappentext ein paar Geheimnisse, die die Geschichte lange für sich behält. Eines davon wird erst auf Seite 310 von 410 gelüftet. Ein großes Rätsel, das die Story am Laufen hält. Vielleicht sogar DAS große Rätsel. Und der Klappentext poltert es einfach so heraus als würde es nichts bedeuten. Das ist wirklich schade. Aber wie gesagt, das kreide ich der Autorin nicht an. Ob ich ihr dafür anderes ankreide?

Starten wir mit der Geschichte.
Das Buch beginnt mit dem großen Zusammenbruch, als für einige Stunden Strom und jegliche Technik versagte. Handys und Computer wurden schlagartig lahmgelegt. Alles sollte sich von nun an ändern.
Danach springt man zurück und steigt sieben Tage vor dem Zusammenbruch in die Geschichte ein.
Adam Eli wird von einem unbekannten kontaktiert. Adam soll seine alte Liebe Willenya Ćuruvija finden, denn sie hat etwas gestohlen, das der Unbekannte unbedingt zurückhaben will. Und ganz nebenbei könnte Eli auch endlich herausfinden, was damals in Bolivien wirklich passiert ist und warum Willenya spurlos verschwand. Und vor allem kann er endlich herausfinden, ob sie ihn wirklich geliebt hat oder ob er umsonst zehn Jahre an der Vergangenheit festgehalten hat.
Zur Seite wird ihm dabei Mariel Marigny gestellt, die nicht nur für den Unbekannten arbeitet, sondern sich auch wahnsinnig gut mit Technik auskennt. Zu zweit sollte es kein Problem sein, Willenya zu finden.

Und wenn die Geschichte nur aus diesem Teil bestehen würde, dann hätte ich das Buch richtig, richtig gut gefunden. Ich lechzte förmlich nach den Teilen, die abwechselnd aus Marignys und Elis Sicht geschrieben waren.
Leider waren diese Teile immer wieder unterbrochen durch Teile, die mit Y überschrieben waren.
Hier spielten sich Dinge ab, die ich genauso langweilig und nervig fand, wie ich die Dinge bei Eli und Marigny mochte. Immer wieder wurden neue Figuren eingefügt, manche sah man nie wieder, manche tauchten regelmäßig auf wie die Interpol-Mitarbeiter Beckblum, Dussardier und Nakamoto. Trotz unterschiedlicher Hautfarben blieben die drei farblos, eigenschaftslos, austauschbar. Klar scheint nur, dass auch sie nach Willenya suchen. Sie scheint gefährlich zu sein und damit jahrelange, ja sogar jahrzehntelange Suchen zu erfordern.
Regelmäßig dachte ich bei den Y-Kapiteln: „Bei einem Film hätte man die Szene jetzt mit dem Kommentar ‚Das bringt die Geschichte nicht weiter‘ rausgeschnitten.“
Die Verwicklungen in diesem Kapitel waren weitläufig und vor allem anfangs unübersichtlich. Auch da die drei Agenten selber keine Informationen preisgeben – oder besaßen – brachten sie keine Aufklärung für den Leser. In diesem Kapiteln wurde einfach nur die Jagd nach Willenya und später nach Eli und Mariel, die auch latent unlogisch wirkte, vorangetrieben.
Das Problem dabei ist auch, dass ich persönlich Agenten-Thriller einfach nicht mag. Mir ist diese Jagd über den Globus von Leuten, deren Motive man lange nicht versteht – die häufig ja auch einfach nur rechte Hand sind und Aufträge von oben ausfüllen – einfach zu viel. Das ist nun an dieser Stelle mein Problem und Jenny-Mai Nuyen kann dafür nichts. Mir hat das aber großflächig den Spaß am Buch vermiest.

Wofür die Autorin aber etwas kann, ist der Fakt, dass in ihrem Thriller ziemlich wenig Thrill steckte. Natürlich gab es Schusswaffen, Leichen, Angst, Verzweiflung, Jagd und Gefahr, aber es fehlte der echte Spannungsbogen. Es gab eher kurzfristige Überraschungsmomente, die die Geschichte vorantrieben und kleine Wendungen brachte.

Obwohl ich also die Storys um Eli und Mariel mochte, mochte ich die beiden nicht so richtig. Ich war einfach nur gespannt, ob sie Willenya finden. Auch Elis Vergangenheit, vor allem die Teile, die sich im Bootcamp und Gefängnis in Bolivien abspielten, waren interessant. Nur sympathisch machte das den zurückgezogenen Mittzwanziger nun so gar nicht. Er war starrsinnig, verkrampft, emotionslos und zurückhaltend. Bei Mariel war es wie bei allen anderen Figuren des Buches: Man wusste nie genau, ob sie nun Freund oder Feind ist. Nie war man sicher, ob sie nicht Teil der nächsten Wendung sein wird.

Zusätzlich machte auch die Sprache es sehr schwer, dem Buch entspannt folgen zu können. Schon auf Seite 16 stockte ich das erste Mal bei: „[…] in jenen Tagen des glückseligen Elends wusste er über Will nur, dass sie das Mysterium war, in dem er den Sinn seines Daseins fühlte und über tausend süße Augenblicke zersplittert wieder vergaß.“ Solche ausschweifenden Bilder nutzt Nuyen regelmäßig. Sätze, die man öfter lesen muss, um sie zu begreifen und die einen damit aus dem Lesefluss reißen. Doch nicht nur die ungelenk philosophischen Sätze ließen mich entnervt zurück, auch Beschreibungen, die verwirrend waren, ließen mich häufiger fragend unterbrechen. Entweder konnte ich die Handlungen einer Figur damit nicht ganz nachvollziehen oder mein innerer Film wurde aus dem Projektor geschmissen, wenn es Beschreibungen gab, die ich mir einfach nicht vorstellen konnte. So weiß ich immer noch nicht, wie ein Zimmer aussieht, in dem man geschichteten Beton sieht. Ich machte mir wirklich Gedanken, wie es da nun aussieht und sowas zerstört einfach Dinge beim Lesen.

Was bleibt also von „Heartware“ bei mir hängen? Es ist ein Thriller, der nicht spannend ist, mit Figuren, die nicht sympathisch sind. Doch zumindest eine Hälfte der Story, die über Eli und Mariel und ihre Suche nach Willenya, machte mir Spaß. Die zweite Hälfte, die sich auch mit der Suche beschäftigte, aber mit ganz anderen Mitteln, interessierte mich einfach nicht, störte mich sogar. Aber wer Spaß an großen Verschwörungen, Agenten und Technik hat, könnte auch hier Gefallen finden.
Am Ende bleibt bei mir leider nur eine mittelmäßige Bewertung von übrig.

Jenny-Mai Nuyen – Heartware
Rowohlt Taschenbuch, 21. Juli 2017
ISBN 3499267071
412 Seiten
Broschiert; 14,99 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

Rainbow Rowell – Fangirl

Lesen und schreiben, das ist Caths Welt. Und Fanfiction ist ihr Zuhause. Hier kann sie ihre Fantasie ausleben und sein, wer sie will. Doch das wirkliche Leben fordert Taten von Cath. Ist sie bereit dafür? (Klappentext)

Selten bekomme ich mit, welche Bücher in den englischsprachigen Bestsellerlisten Aufsehen erregen. Doch von „Fangirl“ hatte sogar ich gehört und so war ich wahnsinnig froh, dass ich es bei Vorablesen gewonnen habe.

Für die Zwillingsschwestern Cath und Wren beginnt eine neue, spannende Zeit: Sie kommen auf das College. Doch plötzlich ändert sich alles. Die beiden wohnen nicht mehr zusammen, sie haben verschiedene Kurse und langsam auch verschiedene Leben. Das passt vor allem Cath nicht, der neue Situationen und Menschen Angst machen. Und dann ist da ja auch noch ihre neue Mitbewohnerin Reagan, die Cath ganz deutlich zeigt, dass sie niemanden mag außer ihren Freund Levi, der so häufig im Zimmer der Mädchen ist, dass er fast schon dort wohnt.

Im Prinzip findet sich in „Fangirl“ eine gängige Coming-of-Age-Story. Ein neuer Lebensabschnitt, neue Freunde, neue Erfahrungen. Doch Rainbow Rowell garniert das mit zwei besonderen Zutaten: Zwillingsschwestern und Fanfiction.
Vor allem zweites nimmt nicht nur einen großen Teil von Caths Leben ein, sondern auch des Buches. Caths Gespräche drehen sich viel um den Zauberer Simon Snow, der ein riesiger Teil der Popkultur ist.
Jedem der 38 Kapitel ist ein Auszug aus Caths Fanfintion oder ein Teil aus den regulären Büchern um den Magier vorangestellt
Und in diesen Teilen liegt für mich die größte Schwäche des ganzen Buches.
Fanfiction an sich ist ja ein tolles Thema und gerade für Menschen, die gern lesen und sich in fremden Welten verlieren, interessant. Doch Simon Snow konnte mich nicht packen.
Die Auszüge waren unvermittelt herausgerissene Teile. Nach und nach erschlossen sich zwar die Figuren und Beziehungen zueinander, aber Spaß machten sie mir nie.
Mein größtes Problem mit Simon und seinem Erzfeind Baz bestand jedoch an der gnadenlosen Nähe zu Harry Potter. Es gibt sieben Bücher mit jeweiligen Verfilmungen. Simon ist ein Waise, dessen Zauberschule eine Festung ist. Er ist schon als Junge ein bekannter Zauberer. Er hat eine lernbegierige Freundin. Er hat einen Erzfeind an der Schule. Der größte Feind der Zauberei hat Interesse an ihm. Ein Schmelzkessel lost die Zimmergenossen zu.
Vielleicht sollte da ja eine deutliche Parallele zur Realität mit dem Harry-Potter-Universum geschaffen werden, aber mich persönlich störte es. Mir wäre es lieber gewesen, wenn Rainbow Rowell sich eine neue Welt hätte einfallen lassen. Das hat sie ja auch zu Teilen. Für mich aber zu wenig.

Zeitgleich mit „Fangirl“ erschien auch „Aufstieg und Fall des außerordentlichen Simon Snow“. Ein Buch über ebenjenen Zauberer. Da mich die Teile in „Fangirl“ nicht begeistern konnten, habe ich aber kein Interesse, es zu lesen.

An der Stelle ist es aber auch schon vorbei mit den Schwächen diesen Buches.
Der Rest begeisterte mich durchweg.

Mit Cath wurde eine Figur mit vielen Schwächen, Ecken und Kanten geschaffen und deswegen war sie umso besonderer und echter. Viele ihrer Ängste und Sorgen konnte ich vollkommen mitfühlen. Nicht selten erkannte ich mich – oder mein früheres Ich – in ihr.
Und auch wenn viele Personen um sie herum schwer als Sympathieträger durchgehen können, habe ich sie alle gern gemocht. Und in den immer lächelnden und herzlichen Levi habe ich mich vielleicht sogar ein kleines bisschen verliebt.
Ich freute mich auf jedes neue Kapitel und jede Begegnung mit Reagan, Wren, ihrem Vater, Levi, Lehrern oder Kommilitonen, denn Cath hatte zu jedem eine einzigartige Beziehung.

Dementsprechend spannend war es für mich, die Entwicklungen zwischen den Figuren zu beobachten. Und es wird sich viel entwickelt in diesem Buch. An allen Ecken. Familie, Freundschaft, Liebe – alles spielt mit rein und durchläuft logische, nachvollziehbare und vor allem interessante Änderungen.
Durch diesen Umstand habe ich zum ersten Mal etwas beim Lesen erlebt. Ich hatte Angst vor der Zukunft des Buches. Ich habe mir wirklich Sorgen um die Figuren gemacht. Ich wollte keinen auf dem Weg zur letzten Seite verlieren. Ich hatte wirklich Furcht, dass jemand stirbt, jemand sich von Cath abwendet oder sonst etwas passiert, was mir noch nicht in den Kopf kam. So etwas kenne ich nicht. Ich habe ständig gehofft, dass „Fangirl“ ein gutes Ende nimmt.

Sprachlich ist das Buch klar ein Jugendbuch: schnell und einfach zu lesen. Und doch gab es einige Sätze, die wundervolle Weisheiten waren. Wäre ich jemand, der sich Zitate aus Büchern herausschreibt, hier hätte ich einiges gefunden. Einige kleine Perlen.

Und das ist wohl das, wie ich das Buch in Erinnerung behalten werde: Eine Geschichte über die Anfänge des Erwachsenwerdens, ohne die Leidenschaft für Dinge, die einem am Herzen liegen, zu verlieren. Ein Buch über Figuren, die den Leser berühren und dabei in besonderen Beziehungen zueinander stehen ohne still zu stehen. Eine Story, die es sich zu lesen lohnt. „Fangirl“ hat mich emotional an sich und die Personen gefesselt, wie ich es selten beim Lesen erlebe.
Vor allem die starke Nähe zu Fanfiction macht das Buch zusätzlich besonders. Nur ausgerechnet DIESE Fanfiction hat mir nicht zugesagt. Deswegen ziehe ich ein wenig von der Höchstbewertung ab. .

Rainbow Rowell – Fangirl
Originaltitel: Fangirl (September 2013)
Carl Hanser Verlag, 24. Juli 2017
ISBN: 3446257004
461 Seiten
Gebunden, 18,00 Euro

Lea-Lina Oppermann – Was wir dachten, was wir taten

»Kann sein, dass es dich verändert. Kann sein, es lässt dich kalt. Kann sein, dass du schon davon gehört hast, im Fernsehen oder in den Schlagzeilen. So viele Reporter, die darüber berichtet haben, Fotos geknipst und mit dem Rektor gesprochen… Wenn ja, vergiss es, nichts davon ist wahr.
Wir werden dir erzählen, was wirklich passiert ist. Wir waren dabei.« (Klappentext)

Bücher über Amokläufe sind selten. Umso glücklicher war ich, dass ich noch während meiner Lektüre eines anderen Amoklauf-Buches über „Was wir dachten, was wir taten“ stolperte und direkt bei BELTZ anfragte, ob sie so freundlich wären und mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung stellen würden. Als ich zwei Tage später das Buch aus meinem Briefkasten angeln konnte, habe ich mich wahnsinnig gefreut. Ohne Umschweife war es direkt meine nächste Lektüre.

Es ist ein ganz normaler Schultag. Zumindest so normal, wie es sein kann, wenn gleich morgens eine Matheklausur geschrieben werden muss. Die vierzehn Schüler werden in ihrer Konzentration jäh unterbrochen, als eine Warnung durch den Lautsprecher schallt. Ein schwerwiegendes Sicherheitsproblem sei aufgetreten und die Türen seien geschlossen zu halten. Es dauert nicht lang, da machen erste Gerüchte über einen Amoklauf die Runde. Und kurz danach schafft es eine maskierte Person, in den Klassenraum einzudringen und alle mit einer Waffe zu bedrohen. Zehn Briefe werden dem Lehrer Herrn Filler gegeben. In den Briefen stecken zehn Aufgaben. Aufgaben, die erbarmungslos die Geheimnisse aller ans Tageslicht bringen.
Und allen ist klar: Egal wie es ausgeht, nichts wird mehr sein, wie es war.

Die Geschichte spielt sich in einem kurzen Zeitraum auf kleinem Raum ab. Es gibt kein Vorher und kein Nachher. Es dreht sich alles um den einen Klassenraum und das Geschehen darin. Ein wenig wirkt die Welt wie eingefroren und als Leser ist man ebenso wie die vierzehn Schüler und der Lehrer auf die Person mit der Maske, den Pistolenmann, fokussiert.
Erzählt wird die Geschichte dabei abwechselnd aus drei Perspektiven. Die kluge und strebsame Fiona, der aufmüpfige Einzelgänger Mark und Herr Filler kommen zu Wort.
Das Buch ist mit 179 Seiten relativ kurz, doch dadurch rollt die Geschichte auch schnell an. Man beginnt mitten in der Klausur und schon bald steht der Pistolenmann mit im Raum.
An Spannung fehlt es also allein von der Grundthematik her schon nicht. Man möchte wissen, wer hinter der Maske steckt und warum er so etwas tut. Vor allem: Wird es Tote geben?
Die Aufgaben bringen dann den zusätzlichen, besonderen Kick. Als Leser konnte ich es kaum erwarten, dass die eine Aufgabe beendet wurde und Herr Filler den nächsten Umschlag öffnete.
So wird auch alle paar Seiten eine echte Überraschung geboten. Einige Wendungen ergeben sich und dabei war keine unrealistisch oder überzogen. Ein überaus kluger Kniff der Autorin!

Trotz der dramatischen Situation fehlte es dem Buch auch nicht an – wohl dosiertem und äußerst passendem – Humor. Vor allem die sarkastischen Schüleräußerungen entlockten mir einige Lacher. Dabei lockerte es die Situation nicht zwingend auf, aber machte sie realer. Ganz sicher wird der eine oder andere Jugendliche sich auch in so einer Situation bestimmte Sprüche nicht verkneifen können.

Und das machte für mich einen großen Teil des Charmes des Buches aus: Die Figuren wirken echt. Es
werden zwar einige Klischees, wie das unsichere Pummelchen, die dumme Sportskanone, die schöne Zicke oder der angepasste Lehrerliebling, bedient, nur kommen diese Klischees ja auch nicht von ungefähr. Diese Schülercharaktere lassen sich sicher in den meisten Schulklassen tatsächlich finden. Von daher war es ok und machte die vierzehn Leute auch einfach unterscheidbar.
Damit bietet sich viel Identifizierungspotenzial und jeder Leser, egal ob männlich oder weiblich, kann jemanden finden, mit dem er sich verbunden fühlt.
Da es nicht wirklich um die einzelnen Schüler an sich geht, liegt auf ihnen auch kein Fokus. Neben der aktiven Handlung wird wenig nach links und rechts geschaut, sprich auf die persönlichen Geschichten eingegangen. Durch die Gedanken lernt man natürlich die drei Erzähler am besten kennen, doch auch die anderen Charaktere werden in kleinen Stücken offenbart. Es bleibt niemand wirklich blass oder platt, aber man lernt auch niemanden in der vollkommenen Breite kennen. Das ist aber vollkommen ok und angemessen bei dieser Story.

Die Sprache war für mich besonders und ließ das Buch ebenso wie die Figuren lebensnah wirken. Wenn Dinge, die runterfallen auftitschen und Regentropfen pladdern, fühle ich mich glatt etwas heimisch. Das mag auch daran liegen, dass die 18-jährige Autorin aus Berlin stammt.
Die Schreibweise ist jung und frisch und an den richtigen Stellen umgangssprachlich. Mir machte es Spaß, das zu lesen.

Überhaupt habe ich das Buch sehr gern gelesen, auch wenn es durch die Kürze und eher große Schrift relativ schnell vorbei war. Lea-Lina Oppermann beweist Fingerspitzengefühl bei so einem sensiblen Thema, schafft Figuren, die trotz weniger Informationen nicht platt wirken und packt alles in eine spannende und interessante Geschichte, die zum Weiterlesen animiert. Das Thema Schulamoklauf ist wichtig, vor allem aber seine Hintergründe.
Und genau an der Stelle komme ich zu dem einzigen größeren Kritikpunkt: Der Hintergrund des Amoklaufs, sprich die Motive des Amokläufers. Sie kamen letztendlich durch, aber für mich hätten sie noch deutlicher benannt werden können. Es blieb alles ein wenig wischiwaschi, manches wurde eher angedeutet. So blieb bei mir am Ende die Frage: Waren DAS wirklich Gründe für so eine Tat?

Daneben gibt es nur noch zwei kleinere negative Punkte: Die Kürze des Buches und die fehlende emotionale Bindung. Dadurch dass man direkt mitten in der Geschichte ist und keinen Schüler näher kennenlernt, konnten mich Geschehnisse weniger schockieren. Ich wurde an vielen Stellen nicht so richtig mitgerissen. Das tat der Spannung zwar keinen Abbruch, aber obwohl in der Geschichte an sich Herzbruch-Potenzial liegt, wurde es nicht genutzt.

Aber ganz am Ende, da war bei „Was wir dachten, was wir taten“ auch ein wenig der Weg das Ziel. So gespannt ich war, wer nun hinter der Maske steckt und warum er die Klasse bedroht, so gespannt war ich auch auf jede einzelne Aufgabe.
Das Buch konnte mich nicht bis ins kleinste Detail überzeugen, aber insgesamt hat es sehr, sehr viel richtig gemacht. Ich kann verstehen, dass die Autorin für dieses Debüt gleich mit dem Hans-im-Glück-Preis für Jugendliteratur ausgezeichnet wurde. Von mir gibt es .

Lea-Lina Oppermann – Was wir dachten, was wir taten
Beltz & Gelberg, 17. Juli 2017
ISBN 3407822987
179 Seiten
Broschiert; 12,95 Euro

S. L. Grey – Under Ground

Die Angst sitzt tief
Ein tödliches Grippevirus versetzt die Welt in Panik.
Um zu überleben, begibt sich eine Gruppe Flüchtender unter die Erde.
In der abgeschotteten Welt eines Luxusbunkers glauben sie sich in Sicherheit.
Doch der schlimmste Feind lauert bereits unter ihnen.
Sie selbst…
(Klappentext)

Als ich von diesem Buch hörte, war klar, dass ich es lesen möchte. Darum freute es mich, dass ich es als Rezensionsexemplar bekommen habe. Leider dauerte es dann noch ein wenig, bis ich seinen Status von „ungelesen“ zu „am lesen“ änderte.

In den letzten Jahren haben Geschichten über große Katastrophen – man möchte fast sagen „Vom Ende der Welt“ – Hochkonjunktur. Vor allem, seit „Dystopie“ so ein beliebtes Genre geworden sind. „Under Ground“ ist ähnlich und doch ganz anders.
Die Welt ist noch nicht untergegangen, aber mit viel Pech steht es kurz davor. In Asien ist ein Grippevirus ausgebrochen, das sich rasend schnell verbreitet und dabei überaus tödlich ist. Nun ist es in Amerika angekommen.
Greg Fuller wollte einerseits vorbereitet sein und andererseits Profit machen, als er einen verlassenen Bunker kaufte und zu einem unterirdischen, sicheren Luxusquartier, dem „Sanctum“, ausbaute. Ein paar Familien nahmen viel – sehr viel – Geld in die Hand, um sich eine Wohnung in dem Bunker kaufen zu können. Sie alle ahnten nicht, dass sie so überstürzt würden einziehen müssen.
Als plötzlich einer von ihnen tot ist, steht plötzlich jeder in Verdacht, ein Mörder zu sein. Doch selbst das wird schnell nur ihr kleinstes Problem bleiben…

Das Buch spielt sich fast ausschließlich in dem Bunker ab. Dies macht zu großen Teilen den Reiz der Atmosphäre aus. Es ist eng, es gibt kein Tageslicht und es sitzen eine ganze Menge fremder Menschen aufeinander.
Die „ganze Menge“ sind genauer gesagt 17 Menschen und ein Hund. Und diese 17 Menschen lernt man ziemlich gut kennen. Anfänglich hatte ich Angst, dass es zu viele Menschen und zu viele Geschichten sind, die man durcheinanderbringen wird. Schnell stellte sich heraus, dass es kein Problem ist. Die Personen unterscheiden sich so sehr voneinander, dass man sie deutlich auseinander halten kann. Dadurch rutschten einige natürlich in Klischees, was schade, aber irgendwie auch fast unvermeidbar war. Es gibt unter anderem die religiösen, waffenfanatischen Hinterwäldler, die reichen, versnobten Anwälte und die schüchternen, computerspielenden Asiaten.
Neben dem Besitzer Greg gibt es sechs weitere Wohnparteien im Sanctum. Aus jeder gibt es einen Erzähler. Diese sechs Blickwinkel sind spannend und bieten einen umfassenden Blick über die Geschehnisse im Bunker. Durch sie lernt man die restlichen Personen auch gut kennen.
Am Ende schaffen es Sarah Lotz und Louis Greenberg, die hinter dem Pseudonym S. L. Grey stehen, jeder Figur ausreichend Platz zu geben. Und selbst die „Nicht-Erzähler“ bleiben dabei nicht blass oder flach. Jeder bekommt eine eigene Geschichte mit einer eigenen Tiefe. Dabei war dem Leser natürlich nicht jede Figur sympathisch, aber das war auch durchaus so gedacht. Nichtsdestotrotz sind ein paar Sympathieträger und somit Identifikationsfiguren dabei.

„Under Ground“ soll ein Thriller sein und die Grundzutaten sind durch den abgeschotteten Handlungsraum, den Toten und die langsam anschwellenden Panik durchaus gegeben.
Leider stellte sich bei mir nie ein Nervenkitzel ein. Und das liegt gar nicht mal daran, dass man den Erzähler oft an einer spannenden Stelle verließ. Cliffhanger sind ja nichts Schlechtes. Es lag eher daran, dass vieles logische und damit vorhersehbare Wege ging und schockierende Dinge ganz plötzlich passierten, ohne dass sich vorher ein Spannungsbogen aufbauen konnte.
Ohne zu viel von der Geschichte verraten zu wollen, kann ich trotzdem sagen, dass ich sehr interessiert weiterlas, um das Ende zu erfahren, da ich auf einige Auflösungen wartete. Auf dem Weg dahin wurde ich mit der einen oder anderen Überraschung beglückt.

Geschrieben war es in einer wahnsinnig angenehmen Art. Es gibt drei männliche und drei weibliche Erzähler, die sich 50:50 in Jugendliche (ungefähr 17 bis 19 Jahre) und Erwachsene (um die 40 Jahre) unterteilen. Jedes Kapitel war dabei sprachlich an die Person angepasst ohne dass allzu starke Unterschiede bemerkbar waren. Das war wirklich gut gemacht.

Insgesamt hatte ich erst Angst, dass es zu viele gleichwertige und -wichtige Personen in dem Buch geben wird, aber da wurde ich schnell eines Besseren belehrt. Es machte mir keine Schwierigkeit, alle auseinanderzuhalten. Die Geschichte mit der Idee war gut gewählt und hatte durchaus ihre spannenden Momente. Letztendlich war es für einen Thriller aber zu wenig. Bessere Spannungsbögen hätten dem Lesevergnügen noch den letzten Kick verliehen. Ansonsten war ich die ganze Zeit interessiert beim Buch und ließ deswegen auch keine langen Lesepausen.

S. L. Grey – Under Ground
Originaltitel: Under Ground (Juli 2015)
Heyne Verlag, 14. November 2016
ISBN: 3453438108
383 Seiten
Broschiert, 12,99 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

Sebastian Fitzek – AchtNacht

Stellen Sie sich vor, es gäbe eine Todeslotterie. Sie könnten den Namen eines verhassten Menschen in einen Lostopf werfen. In der »Achtnacht«, am 8.8. jeden Jahres, würde aus allen Vorschlägen ein Name gezogen. Der Auerwählte wäre eine AchtNacht lang vogelfrei, geächtet. Jeder in Deutschland dürfte ihn straffrei töten – und würde mit einem Kopfgeld von zehn Millionen Euro belohnt.

Das ist kein Gedankenspiel.
Sondern bitterer Ernst.
Es ist ein massenpsychologisches Experiment, das aus dem Ruder lief.

Und Ihr Name wurde gezogen!
(Text der Titelklappe)

Sebastian Fitzek ist und bleibt einfach mein Lieblingsautor. Umso besser, dass meine Freunde das auch wissen und mir die Bücher zu den entsprechenden Gelegenheiten schenken. So bekam ich „AchtNacht“ als Vorbestellung zu Weihnachten von einer meiner Liebsten.
Die Enttäuschung darüber, dass die Thematik ziemlich vom Film „The Purge“ abgekupfert ist, war auch bald verflogen, als Sebastian Fitzek ebenjenes bestätigte. Er hatte den Film gesehen und überlegte, wie es wohl wäre, wenn es kein „Jeder gegen Jeden“ in der Zukunft, sondern ein „Alle gegen Einen“ in der Gegenwart geben würde. So war ich auch damit versöhnt.

Und dieser Eine ist Ben Rühmann. Eine gescheiterte Existenz. Seine Familie ist von ihm enttäuscht, er ist dem Alkohol zu sehr zugetan, seine Musikkarriere ging jäh zu Ende, als er einen Unfall verursachte, bei dem seine Tochter beide Beine verlor. So ist er auch nur mäßig überrascht, dass ihn jemand so sehr hasst und ihn tot sehen will. Mehr überrascht ist er darüber, dass er eben doch nicht der Einzige ist. Auch die junge Psychologiestudentin Arezu Herzsprung wurde ausgelost. Da die AchtNacht-Jäger auf der AchtNacht-Homepage alles posten, was sie über die beiden wissen – inklusive Adressen, Familienangehörige, Telefonnummern und aktuellem Aufenthaltsort – dauert es nicht lange, bis die beiden sich finden und versuchen, zusammen die Nacht zu überstehen. Immer mit einem wütenden Mob im Nacken.

Ich mag die Idee des Buches. Ich mochte sie nämlich schon bei „The Purge“. Auf den ersten Blick wirkt sie irritierend und abwegig, aber umso länger man darüber nachdenkt, umso weniger unwahrscheinlich wird sie. Einmal im Jahr alle Aggressionen rauslassen – und das auch noch straffrei. Und zusätzlich gibt es 10 Millionen Euro. Da würden sicher einige Menschen dafür sein.
Ben und Arezu haben Glück. Nicht alle glauben, dass die Regierung die AchtNacht unterstützt, so wie es kommuniziert wird. Aber es tun doch genügend. Und auch wenn sie vielleicht nicht daran glauben, für Mord Geld zu bekommen, so erfreuen sich doch viele daran, den beiden AchtNächtern Angst zu machen.
Eigentlich liegt hier ein hohes Spannungspotenzial, doch seltsamerweise konnte es mich nicht packen. Die Jagd entwickelt sich nicht nur zu einem Katz-und-Maus-Spiel, sondern es werden auch noch viele Unbeteiligte mit hineingezogen, um deren Sicherheit Ben und Arezu zusätzlich bangen müssen. Das macht sie zum idealen Spielball für allerlei Irre. Trotzdem kam kein Nervenkitzel auf. Nur gesteigertes Interesse.

Dieses Interesse hielt sich bis kurz vor der Hälfte des Buches. Bis dahin las ich in einem Rutsch. Doch dann passierten Dinge, die mich nervten. Dinge, die ich unlogisch fand. Ich hätte an vielen Stellen andere Entscheidungen getroffen als Ben und Arezu und das ernüchterte mich zusehends. So kam es, dass ich das Buch meines Lieblingsautors tagelang ungelesen liegen ließ. Ab der Hälfte wurde es also schleppend.
Die letzten 70 Seiten las ich dann wieder am Stück, da der Showdown doch noch einige Überraschungen bereithielt. Es wurden auch Dinge aufgelöst, nach denen ich gar nicht gefahndet hatte. Überraschende Überraschungen waren das also für mich.
Doch dann kam der große Knall und ich war fast empört. Die Auflösung war für mich ein riesengroßer Logikfehler. Das Thema, um das es letztendlich geht, interessiert mich nämlich schon lange und ich habe viel darüber gelesen und wahre Geschichten darüber verfolgt. Und darum steht für mich fest, dass Sebastian Fitzek es vollkommen falsch darstellt. So, wie es bei AchtNacht ist, ist das in der Realität nicht. So geht das nicht. In der Danksagung spricht er davon, dass ihm Spezialisten seine Fragen beantworteten. Aber alles, was man sonst dazu liest, ist komplett anders. Und ich tippe darauf, dass da eben ALLE ANDEREN Recht haben und Sebastian Fitzek nun leider nicht.
Dazu kommen weitere Ungereimtheiten und Logikfehler, die mich nur mit dem Kopf schütteln ließen.
Ich habe auch mit anderen Lesern gesprochen – die Fragen waren dort dieselben.

Apropos „dieselben“: Ben war wieder ein typischer Fitzek-Charakter, der so schon in vielen seiner Bücher vorkam. Sie haben immer große familiären Problemen, unglückliche Beziehungen, Schwierigkeiten mit Geld und dem Alkohol – Gescheiterte. Gerade die männlichen Hauptcharaktere der Bücher scheinen alle miteinander austauschbar – aber trotzdem nicht flach. Tiefgründig sind sie immer sehr. Auch dieses Mal. Auch die kleineren Rollen kommen nicht zu kurz, sondern bieten etwas Greifbares.

Was aber wieder wirklich einmalig war, war der Schreibstil. Er ist so flüssig, so weich und wohlig. Ich merke kaum, wie ich lese. Nie muss ich stolpern, nie irritieren mich Formulierungen oder Aussprachen. Er schafft es trotz Schwächen in der Story und der Personenwahl, dass sich Fitzek-Bücher schnell und problemlos lesen lassen.

Und das ist, was mir als Zusammenfassung zu „AchtNacht“ bleibt. Die Idee ist spannend und lässt einen auch sich selber Fragen: „Was würdest du tun? Wären 10 Millionen Euro es dir wert, einen Menschen umzubringen, den du nicht kennst?“. Doch leider fesselte mich der Verlauf der Geschichte nicht so sehr, wie er es hätte tun können.
Die Figuren waren nicht blass, aber charakterlich altbekannt.
Aber ganz am Ende, da ließ sich das Buch trotzdem wunderbar lesen. Trotzdem waren die Schwächen für mich so gravierend, dass ich einiges von der Höchstbewertung abziehe.

Sebastian Fitzek – AchtNacht
Knaur TB, 14. März 2017
ISBN 3426521083
408 Seiten
Taschenbuch; 12,99 Euro

Dan Vyleta – Smoke

Stell dir vor, deine dunklen Gedanken könnten sichtbar werden…

England, Ende des 19. Jahrhunderts. Eine Welt, die von einem besonderen Phänomen geprägt ist: Jede Bosheit, Unaufrichtigkeit oder Lüge manifestiert sich als Rauch, der unkontrollierbar dem Körper entweicht. Nur Thomas und Charlie, Schüler eines Elite-Internats, wagen es, die Gesetze des Rauchs zu hinterfragen. Sie stoßen auf ein düsteres Komplott aus Willkür, Macht und Unterdrückung und müssen schon bald um ihr Leben fürchten… (Klappentext)

Eigentlich habe ich mir vorgenommen, keine Rezensionsexemplare mehr anzufordern, weil ich noch einige zuhause habe. Aber dann kam die Information zu „Smoke“ und ich konnte nicht widerstehen. Das Buch klang zu gut.

Die Idee ist einfach klasse. Böse Gedanken, Lügen, Neid, alles entströmt den Menschen als Rauch. Mal ist er dicker, mal dünner, mal heller, mal dunkler. Doch immer können die Mitmenschen ihn lesen wie Gedanken, die sich von einem Menschen in den anderen übertragen. Schlechte Dinge können nicht mehr verheimlicht werden. Doch der Rauch schafft auch eine Zweiteilung in der Gesellschaft. Die armen Menschen, die Arbeiter, rauchen. Die Reichen und Mächtigen zeichnen sich durch fast vollständige Rauchlosigkeit aus. Thomas und Charlie, Kinder aus reichem Hause, wohnen in einem Internat unter Ihresgleichen. Doch die Weihnachtsferien, die sie bei Thomas Familie verbringen, werden alles verändern. Wie sie den Rauch sehen, wie sie die obere Gesellschaft sehen, wie sie ihr Leben sehen.

Schnell ist man inmitten der Geschichte, schnell passieren große Dinge, schnell ist es langweilig.
„Smoke“ hat 618 Seiten und peitscht einen in der Zeit durch viele Gegebenheiten. Erst passiert einiges im Internat, dann im Weihnachtsurlaub und ab da wird es eigentlich erst richtig hektisch. Doch leider kommt dabei zu keiner Zeit Spannung auf. Und das ist wohl das Dramatischste an der ganzen Lektüre. Es gibt so viel zu sehen, so viel passiert und ich langweilte mich da so durch.
Klar, das Buch ist offiziell kein Thriller oder Krimi, wo das Thema Spannung ganz oben stehen würde, aber nicht mal der düstere Komplott, den der Klappentext verspricht, versprüht irgendeine Art von Gefahr oder Nervenkitzel.
Natürlich passieren schreckliche Dinge, gefährliche Sachen. Aber diese kommen so unvermittelt, dass sich vorher keine Spannung aufbaut und dann werden sie so sehr ausgewalzt, dass es das alles auch nicht besser macht.

Als das Beste empfand ich weiterhin die Grundidee an sich. Es animierte mich sogar in der Anfangszeit des Buches, ab und zu zu denken: „Wäre dieser Gedanke, dieses Wort, diese Tat nicht auch Rauch wert gewesen?“. „Smoke“ brachte mich also anfänglich wirklich zum Nachdenken.
Doch umso länger das Buch wurde, umso weniger reizvoll wurde die Thematik, denn sie entwickelte sich nicht. Es gab einige neue Erkenntnisse zum Rauch, aber es brachte weder die Figuren noch den Leser wirklich voran.
Und letztendlich bleiben die großen, essentiellen Fragen zum Rauch ungeklärt. Das enttäuschte mich.

Oft schafft ein Buch es ja, mich trotz wenig Spannung von sich zu überzeugen, wenn die Figuren und die Sprache mitreißend sind. Doch leider schneidet in diesem Bereichen „Smoke“ auch sehr schlecht ab.
Die Figuren waren alle schwer zu fassen. Besonders nah war man an den beiden Hauptfiguren, den Jugendlichen Thomas und Charlie, dran. Thomas ist hart und distanziert, doch Charlie ist offen, ehrlich, herzlich und gütig. Er ist also der Kandidat, den die Leser spontan am meisten mögen können. Doch Dan Vyleta schaffte es zielsicher, die einzige – für mich – sympathische Person im Laufe des Buches auch verkommen zu lassen. Die Nebenfiguren sind durch die Bank nicht der Rede wert. Gemein, verlogen, gefährlich, arrogant – Sympathie kam bei mir nie auf.
Zusätzlich schwierig war, dass das Buch zum größten Teil in der dritten Person geschrieben ist. Wenige Kapitel sind aus der Sicht einer Figur geschrieben – dann in der Ich-Form. Aber weder sind das ausschließlich die Hauptfiguren noch macht es die jeweilige Person sympathischer.

Sprachlich hat es mir das Buch noch schwerer gemacht. Unnötig verkomplizierte Satzkonstruktionen stören oft den Lesefluss. Beschreibungen der Umgebung sind überladen mit Aufzählungen.
Da viel passiert im Laufe der Geschichte, kommen unsere Hauptfiguren an viele verschiedene Orte, zum Beispiel ein Bergwerk. Vyleta scheint sich damit, aber auch mit anderen Dingen, sehr ausgiebig beschäftigt zu haben und nutzt vollumfänglich das jeweils passende Vokabular. Dass der Leser dabei nicht immer mit allem vertraut sein wird, scheint für den Autoren Nebensache zu sein. Klarer Fall von: Er hat sich sehr bemüht, alles perfekt zu beschreiben. Leider schlägt sich das negativ auf das Lesevergnügen nieder.

Ich habe fast zwei Monate für „Smoke“ gebraucht. Ich hatte es extra direkt nach dem Erhalt angefangen, um ein Rezensionsexemplar nicht lange liegen zu lassen. Doch dann wurde mir das Lesen so wahnsinnig schwer gemacht.
Gute Idee, aber langweilige Geschichte, unsympathische Figuren und kein flüssiger Schreibstil. Als würde das nicht schon reichen, wurden die drängendsten Fragen der Geschichte nicht beantwortet. Praktisch: Das Ende reihte sich perfekt in das enttäuschende Buch ein.
Allein wegen der guten Idee, gibt es .

Dan Vyleta – Smoke
Originaltitel: Smoke (Juli 2016)
carl’s books, 13. März 2017
ISBN: 3570585689
618 Seiten
Broschiert, 16,99 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

Arthur Schnitzler – Traumnovelle

Die Ehe von Fridolin und Albertine steckt in der Krise, weil sich beide nach der Erfüllung ihrer erotischen Begierden sehnen, diese aber nicht ausleben können. Erst als sich Fridolin einer schönen Unbekannten hingibt und Albertine im Traum Erfüllung findet, kommen sie wieder zueinander. Jeder ist dabei für den anderen einen symbolischen Opfertod gestorben, der die Befreiung von den unterbewussten Trieben bedeutet. (Klappentext)

Fridolin ist ein angesehener Arzt, seine Frau Albertine kümmert sich um die gemeinsame Tochter.
Als er eines nachts an das Totenbett vom Hofrat gerufen wird, ahnt er nicht, dass diese Nacht unvergesslich sein wird. Mehr als eine Frau versucht ihn zu verführen und der geheimnisvolle Maskenball scheint sich als Gefahr zu entpuppen. Und das alles passiert ausgerechnet kurz nachdem er und seine Frau sich ihre geheimen Fantasien und Beinaheseitensprünge gebeichtet haben und sich dann versprachen, ab nun immer gleich alles zu erzählen…

Ich fand, die Geschichte klang unglaublich vielversprechend. Und das jetzt nicht, weil ich mich auf viele erotische Szenen freute, sondern weil ich auf die psychologischen Fragen gespannt war. Wird Fridolin seine Chancen nutzen? Wird er fremdgehen? Wird er es seiner Frau erzählen? Wird ihn ein schlechtes Gewissen plagen? Aber am allermeisten war ich gespannt auf den Maskenball, der mir als Einzelbilder aus der Verfilmung „Eyes Wide Shut“ (Review von zacksmovie) bekannt war.
Und tatsächlich war die Umsetzung anfänglich ziemlich gut und spannend. Immer tiefer gerät der Leser mit Fridolin in den Strudel aus Möglichkeiten und Abenteuern. Doch dann kippte das Buch für mich, die Spannung brach ohne Höhepunkt einfach ab.
Und dann hat es das Ende geschafft, dass das Buch mich doch vollkommen unbefriedigt zurückließ.

Der Leser ist die ganze Zeit bei Fridolin und begegnet mit ihm zusammen in der einen Nacht allerhand Personen. Doch leider ist er keine sympathische Figur. Er ist nicht nett oder liebevoll. Er ist eher ein Macho, fühlt sich als etwas Besonderes, kann total verstehen, warum ausnahmslos alle Frauen auf ihn stehen und nimmt sich Dinge heraus, die er anderen nicht zugestehst.
Vor allem zum Ende hin schüttelte ich beim Lesen ständig den Kopf über Fridolins Ansichten und Aussagen. Ich konnte mich nicht in ihn hineinversetzen und seine Entscheidungen auch nicht nachvollziehen.

Die Ansichten können jedoch aus dem gleichen Grund heraus anstrengend für heutige Leser sein wie die Sprache: Das Buch wurde vor gut 90 Jahren geschrieben.
Die Sprache ist dementsprechend unmodern und gewöhnungsbedürftig. Ich hatte in den ersten paar Seiten ziemliche Schwierigkeiten hineinzukommen. Dies besserte sich jedoch schnell.
Ich persönlich mag aber genau aus diesem Grund keine Klassiker. Selbst „Romeo und Julia“ oder „Kabale und Liebe“ (die beide ja noch einige hundert Jahre älter sind) nervten mich allein aufgrund der Sprache. Da bin ich wohl ein Kulturbanause.

Und das ist dann wohl auch der Grund, warum mich „Traumnovelle“ nicht begeistern konnte. Nicht einmal überzeugen.
Die Geschichte fand ich bis zur Hälfte wirklich gut und ich saß ziemlich gespannt da.
Doch die zweite Hälfte der Geschichte, die Person Fridolin und die Sprache verleideten mir den Spaß am Buch.
Ich mag wohl einfach keine Klassiker.
Dieser bekommt aber aufgrund der anfänglich starken Geschichte von mir.

Arthur Schnitzler – Traumnovelle
Anaconda, 31. August 2005 (Erstveröffentlichung: 1925)
ISBN 393848456X
95 Seiten
Gebunden; 3,95 Euro

Katie Cotugno – So geht Liebe

Wenn dein Herz stärker ist als jede Vernunft
Reena liebt Sawyer und Sawyer liebt Reena – eigentlich ganz einfach, oder? Nein, denn Sawyer bekommt Angst vor seinen eigenen Gefühlen und haut ab. Und Reena ist schwanger!
Zwei Jahre später stehen sie sich wieder gegenüber. Und Reena weiß nicht, ob sie ihn hassen soll oder tief in ihrem Inneren noch immer liebt… (Klappentext)

Ein Jugendbuch, in dem es um die Liebe geht, ist ja nicht wirklich selten. Aber bisher habe ich mit ihnen immer gute Erfahrungen gemacht. Darum freute ich mich sehr, als ich das Rezensionsexemplar von Heyne fliegt bekam.

Die Geschichte ist im Grunde gespickt mit altbekannten Themen: Jugendliebe, ungeplante Schwangerschaft, Trennung. Doch „So geht Liebe“ brachte etwas Neues mit hinein. Sawyer verschwand vom einen auf den anderen Tag und meldete sich zwei Jahre bei niemandem. Nicht einmal seine Eltern wussten, wo er war. Reena schwärmte schon ihr ganzes Leben für ihn und als sie endlich zusammenwaren, konnte sie das Glück nicht lange genießen, bevor er abhaute. Nun muss sie sich mit 16 Jahren nicht nur um ein Baby kümmern, sondern hat durch ihr streng religiöses Umfeld auch allerhand andere Probleme.

Ich mochte die Geschichte gern. Und man hätte aus ihr sicher etwas ganz Großes machen können. Doch Katie Cotugno hat mit den Einzelteilen manches falsch gemacht.

Die Geschichte ist aufgeteilt in „Vorher“ und „Nachher“. Die beiden Teile wechseln sich in jedem Kapitel ab und zeigen wie es war, bevor Sawyer verschwand und nun, als er wieder da ist. Die Erzählerin ist dabei immer Reena. Die Story ist stark auf ihr Liebesleben konzentriert und spätestens als es sowohl im Vorher als auch im Nachher viel hin und her ging, sich mal der eine zurückzog, mal der andere, wurde es wirr. Ich musste mich manches Mal gut darauf konzentrieren, in welcher Zeit jenes Gespräch geführt, jene Information geteilt wurde.

Der größte Unterschied in beiden Zeiten war jedoch Reena. Vorher war sie das verschüchterte Mädchen, das so viel dachte, aber so wenig sagte. Wie oft hätte ich sie förmlich anbrüllen wollen: „Sprich genau diesen Gedanken doch jetzt einfach aus! Das macht alles sicher besser!“. Doch sie blieb immer stumm, verzog sich lieber in dunkle Ecken auf Partys und ärgerte sich, dass Sawyer nicht das große Interesse an ihr zeigte, das sie sich wünschte. Im Nachher wurde sie dafür launisch und zickig. Und auch wenn sie natürlich in den letzten zwei Jahren viel durchmachen musste, hätte auch hier ein ordentliches Gespräch das ein oder andere bewirkt.
Sawyer fand ich dafür als Schwarm ziemlich glaubhaft. Er ist cool, unabhängig, hübsch und ganz sicher anziehend.
Die anderen Figuren wanderten dafür fast alle auf einem Grat zwischen herzlich und überheblich und waren deshalb schwer zu mögen.

Die Geschichte konnte mit wenigen Überraschungen auftrumpfen. Manches davon war dann auch ziemlich vorhersehbar.
Was mich aber noch mehr störte, waren Dinge, die als Geheimnisse aufgebauscht wurden. Das ganze Buch über gab es Andeutungen und man wollte wirklich wissen, was dahinter steckt. Und die Auflösungen waren dann alle irritierend unbedeutend.

Vor allem durch diese beiden Dinge litt die Spannung. Vieles war vorhersehbar oder unwichtig. Und das ganze Hin und Her zwischen den beiden Liebenden konnte einen auch schnell nerven.

Das Buch musste also mit Gefühlen auftrumpfen. Das klappte so halb. Das Schwärmen und das Verlieben von Reena war total nachvollziehbar. Selbst die Gefühle, die trotz Sawyers Verschwinden nie ganz verschwunden waren, kann man verstehen. Auch die Gefühle von Sawyer waren glaubhaft. Wie eigentlich die gesamte Story. Doch durch Reena als Ich-Erzählerin, die anstrengend und nervig war – erst zu schüchtern, dann zu zickig – übertrugen sich die Emotionen leider nicht auf mich.

Für mich hatte „So geht Liebe“ also mit der Geschichte und Sawyer als Person Pluspunkte, aber durch Reena und die Zeitsprünge, die mir an manchen Stellen zu wirr waren, auch Minuspunkte. Im Gesamten ergibt das bei mir .

Katie Cotugno – So geht Liebe
Originaltitel: How to Love (Oktober 2013)
Heyne Verlag, 19. September 2016 (Gebundene Ausgabe: April 2014)
ISBN: 3453596471
320 Seiten
Taschenbuch, 9,99 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

Anne Freytag – Den Mund voll ungesagter Dinge

(Falls ihr es wie ich machen und euch von der Handlung überraschen lassen wollt, überspringt den Klappentext. Meine Rezension wird nicht spoilern.)

Wenn Sophie es sich aussuchen könnte, wäre ihr Leben simpel. Aber das ist es nicht. Und das war es auch nie. Das fängt damit an, dass ihre Mutter sie direkt nach der Geburt im Stich gelassen hat, und endet damit, dass Sophies Vater plötzlich beschließt, mit seiner Tochter zu seiner Freundin nach München zu ziehen. Alle sind glücklich. Bis auf Sophie.
Was hat es bloß mit dieser verdammten Liebe auf sich? Sophie selbst war noch nie verliebt. Klar gab es Jungs, einsam ist sie trotzdem. Bis sie in der neuen Stadt auf Alex trifft. Das Nachbarsmädchen mit der kleinen Lücke zwischen den Zähnen, den grünen Augen und dem ansteckenden Lachen. Zum ersten Mal lässt sich Sophie voll und ganz auf einen anderen Menschen ein. Und plötzlich ist das Leben neu und aufregend. Bis ein Kuss alles verändert… (Klappentext)

Nachdem Anne Freytags letztes Jugendbuch „Mein bester letzter Sommer“ mein Jahreshighlight 2016 war, freute ich mich wahnsinnig, als mich das Überraschungspaket von Heyne fliegt erreichte. Es enthielt „Den Mund voll ungesagter Dinge“ und einen tollen Lippenstift.

Da ich das Buch eh sofort lesen und mich zusätzlich überraschen lassen wollte, las ich den Klappentext nicht. So konnte ich mich ganz und gar von der Geschichte treiben lassen und ließ mich überraschen, wo es hingeht.
Und wo es hinging, war eine Überraschung für mich und war deswegen umso besser und bedeutsamer.

Die Geschichte ist im Grunde eine gewöhnliche. Die 17jährige Sophie hat ihre Mutter nie kennengelernt und war ihr Leben lang mit ihrem Vater allein. Und nun gefällt es ihr gar nicht, dass sie ihn zum ersten Mal teilen muss. Mit seiner neuen Freundin Lena wurde es so schnell ernst, dass Sophie und ihr Vater nun von Hamburg nach München ziehen müssen. Sie muss nicht nur ihre Heimatstadt und all ihre Möbel zurücklassen, sondern wechselt auch wenige Wochen vor dem Abi noch die Schule. Viele Freunde lässt sie immerhin nicht zurück. Ihr bester Freund Lukas ist vor kurzem zu seiner Freundin nach Paris gezogen.
Die Geschichte um einen frustrierten Teenager ist nicht also nicht neu, aber die Richtungen, die die Geschichte einschlägt, ist trotzdem ungewöhnlich. Und dabei geht es nicht nur um die große, sondern auch um die vielen kleinen.

Grundsätzlich gibt es wenig Punkte, die wirklich die Spannung nach oben treiben. Also diese echte Spannung, die Nervenkitzel erzeugt. Und trotzdem ist „Den Mund voll ungesagter Dinge“ ein Buch, bei dem man denkt: „Nur noch schnell das nächste Kapitel.“
Ich las beim Kochen, beim Essen, beim gehen. Selbst für eine kurze Fahrt im Fahrtsuhl zog ich das Buch aus der Tasche. Ich konnte es nicht weglegen und wollte es auch nicht. Die Geschichte hatte mich in ihren Bann gezogen.

Sophie ist kein gewöhnlicher Buchcharakter. Sie ist schön und weiß das. Sie betrinkt sich, um zu vergessen und hat Sex mit namenlosen Jungs, um die Leere in ihrem Leben auszufüllen. Sie ist verschlossen und nachdenklich und nicht selten zickig.
Doch genau das macht sie so wahnsinnig echt. Sie ist nicht glatt. Sie hat Ecken und Kanten. Sie ist unberechenbar und macht Fehler. Dabei ist sie trotzdem nett und liebevoll. Und darum macht es umso mehr Spaß, ihr Leben zu verfolgen. Obwohl Sophie so viel nachdenkt und alles zerdenkt, lässt Anne Freytag alles nicht zu einem riesigen Monolog verkommen, sondern schafft eine wunderbar ausgewogene Mischung aus Innenleben und Handlungen und Dialogen.
Doch auch alle anderen Charaktere hat Anne Freytag so lebendig beschrieben, als würden sie wirklich irgendwo in einer reichen Münchener Gegend wohnen. Sie waren vielschichtig und in ihren Handlungen immer glaubwürdig. Jeder einzelne. Den besten Freund erlebt man hauptsächlich über Skype-Gespräche und kann ihn trotzdem ganz tief in sein Herz schließen. Und selbst der Hund war keine flache Nebenfigur. Das muss man erst einmal schaffen.
Trotz all der tiefgründigen Personen wirkte es jedoch nie so, als müsste jedem einzelnen krampfhaft eine Bedeutung gegeben werden. Alles wirkte unfassbar natürlich.

Ebenso natürlich war die Sprache. Ich bin immer dankbar, wenn Autoren Jugendlichen keine pseudocoole Sprache in den Mund legt. Auch hier war alles authentisch und echt. Wie aus dem Leben gegriffen.

Mit „Mein bester letzter Sommer“ hatte Anne Freytag mich Tränen über Tränen weinen lassen. Und auch dieses Mal musste ich wieder heulen. Es war einfach manchmal schön, manchmal traurig und manchmal so echt, dass es schockierte. Dabei wurde nie etwas „zu“. Nicht „zu traurig“, nicht „zu schön“. Keine Übertreibungen, nichts, was einen aus dieser realwirkenden Geschichte treiben würde.
Ich konnte so gut mitfühlen. Bei jeder einzelnen Person und Handlung.

Wenn man nicht immer Glück in der Liebe hatte, dann wird man sich in der Geschichte wiedererkennen. Wenn man ein nachdenklicher Charakter ist, dann in Sophie.
Sie tat mir so oft leid. Und manchmal tat ich mir selber leid. Weil so vieles wahr war und es weh tut, wenn einem der Spiegel vorgehalten wird.

Wenn ich „Den Mund voll ungesagter Dinge“ mit „Mein bester letzter Sommer“ vergleiche, schneidet es ein wenig schlechter ab. Aber wenn ich es mit anderen Bücher vergleiche, gibt es keinen Grund, Punkte abzuziehen. Und wahrscheinlich war „Mein bester letzter Sommer“ für mich eh nicht nur 5 Sterne wert, sondern viel mehr. Und deswegen bekommt das neue Jugendbuch nun ebenfalls die volle Sternenzahl von mir. Es geht ans Herz, verletzt den Leser, verletzt die Figuren, zeigt Wahrheiten, Liebe und Freundschaften und ist einfach unfassbar wichtig.

Anne Freytag – Den Mund voll ungesagter Dinge
Heyne Verlag, 06. März 2017
ISBN 3453271033
399 Seiten
Broschiert; 14,99 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

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