Marc-Uwe Kling – QualityLand

Willkommen in QualityLand

In der Zukunft läuft alles rund: Arbeit, Freizeit und Beziehungen sind von Algorithmen optimiert. QualityPartner weiß, wer am besten zu dir passt. Das selbstfahrende Auto weiß, wo du hinwillst. Und wer bei TheShop angemeldet ist, bekommt alle Produkte, die er haben will, zugeschickt, ganz ohne sie bestellen zu müssen. Superpraktisch! Kein Mensch ist mehr gezwungen, schwierige Entscheidungen zu treffen – denn in QualityLand lautet die Antwort auf alle Fragen: OK.

Trotzdem beschleicht den Maschinenverschrotter Peter immer mehr das Gefühl, dass mit seinem Leben etwas nicht stimmt. Wenn das System wirklich so perfekt ist, warum gibt es dann Drohnen, die an Flugangst leiden, oder Kampfroboter mit posttraumatischer Belastungsstörung? Warum werden die Maschinen immer menschlicher, aber die Menschen immer maschineller? (Klappentext)

Seitdem ich den ersten Teil der Känguru-Trilogie gelesen habe, bin ich großer Fan von Marc-Uwe Klings Geschichten. Es war also keine Frage, ob ich „QualityLand“ lesen möchte, sondern wann ich mir das Buch kaufe. Denn was ist, wenn dieses Buch nicht an das Känguru herankommt? Was, wenn ich enttäuscht werde? Mein Freund nahm mir die Entscheidung ab und schenkte mir das Buch zum Geburtstag. Und dann habe ich es relativ schnell danach gelesen.

Peter Arbeitsloser ist ein bisschen abgeschlagen. Sein Level ist nicht sehr hoch, weswegen er nicht viele Privilegien besitzt. Sein Job macht ihn nicht glücklich. Und nachdem QualityPartner ausgerechnet hat, dass Sandra Admin nicht die perfekte Partnerin für ihn ist, ist er auch wieder Single. Dabei ist das Leben in QualityLand doch rosig. Es ist ein Land voller Superlative. Das System kennt jeden, hilft jedem, weiß, was jeder will. Alles gerät plötzlich ins Wanken, als Peter etwas vom System bekommt, das er gar nicht haben will. Aber wie kann das sein? Die Maschinen machen doch keine Fehler?!
Anders könnte es doch auch gar nicht möglich sein, dass mit John of Us ein Android zur Wahl des neuen Präsidenten steht…

„QualityLand“ soll eine Zukunftssatire sein und das ist es auch. Es ist jedoch erschreckend, wie nah wir an manchen gruseligen Entwicklungen, die in Peters Leben schon Alltag sind, bereits dran sind.
Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich manche Entwicklungen sogar ziemlich gut fände. Bequem irgendwie.
Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich die helle Variante des Buches habe. Sie ist für die Optimisten.

Die Geschichte besteht aus drei Erzählsträngen, die unterschiedlich stark miteinander verknüpft sind. In diese wurden kurze Abschnitte zu QualityLand eingeschoben. Manche Einschübe, die immer ein bis drei Seiten lang sind, erklären, wie das System in QualityLand funktioniert, was es alles (bezogen auf unsere heutige Realität) Neues gibt. Andere stellen kleine Nachrichten, gespickt mit User-Kommentaren, dar.
In meiner hellen Variante zeugen die Nachrichten von den positiven Seiten der Digitalisierung und technischen Errungenschaften.
Die dunkle Variante des Buches ist für die Apokalyptiker unter den Lesern. Die Nachrichten dort greifen eher die Gefahren auf.
Doch egal, welche Variante man hat, dank eines QR-Codes und Links am Ende des Buches kann man auch die „fehlenden“ Nachrichten nachlesen.

Es ist bei der Lektüre von Vorteil, ein wenig Verständnis für digitale Produkt zu haben. Ich glaube, dass sich erst dann der volle Witz entfaltet. Aber auch wenn man sich nicht damit auskennt und eigentlich kaum Spaß an den aktuellen digitalen Entwicklungen hat, könnte das Buch etwas für einen sein, denn:
Marc-Uwe Kling hat es wieder geschafft, dass ich vollkommen aus dem Häuschen bin. Ich konnte kaum aufhören zu lesen. Ich war noch nicht einmal bei der Hälfte des Buches angekommen, da empfahl ich es schon voller Inbrunst meinen Freunden.

Die Geschichte wieder unfassbar intelligent geschrieben. Kling kritisiert Entwicklungen – sowohl in der Gesellschaft als auch in der Technik – ohne dabei von oben herab zu schreiben. Zusätzlich scheinen viele Verbesserungsvorschläge im Buch so praktisch, dass man sie am liebsten realisiert wissen würde. Ich finde Wirtschafts- und Gesellschaftskritik oft anstrengend zu lesen, aber nicht hier. Sie ist intelligent in das große Ganze eingeflochten und muss genau so, wie sie ist, da sein.
Viele Ideen der Zukunft in QualityLand sind nicht neu, aber so zugespitzt, dass es unglaublich spannend und interessant war, den Gedankengängen der Geschichte zu folgen. Aber genau das war auch das Spannende. Sich vollkommen neue Dinge ausdenken und in Science-Fiction-Romane verpacken, ist nicht schwer. Da braucht man nur genug Fantasie und eventuell technisches Wissen.
Aber die aktuellen Dinge sinnvoll, realistisch, übertrieben und gleichzeitig passend weiterzudenken muss man schaffen.

Vor allem war das Buch aber auch wieder wahnsinnig witzig. Dieser trockene Humor, der schon in den Känguru-Chroniken eine Triebfeder war, glänzt auch hier auf jeder Seite. Es ist eine Satire mit Sprachwitz, Situationskomik und fantastischen Ideen. Sie alle bringen den Leser – mal in Kombination, mal einzeln – ständig zum Lachen.

Manche Ideen und Dialoge wurden ein wenig aus den Känguru-Chroniken recycelt. Überhaupt kein Drama, da sie immer stimmig eingesetzt wurden. Das Wiedererkennen war für mich sogar immer ein kleines Highlight. So ganz ohne Anspielungen hätte ich das schade gefunden.

Aber als wäre das Gesamtkonzept nicht schon stimmig, intelligent, spannend, witzig und toll genug, hat Kling auch wieder Figuren geschaffen, die Spaß machen. Auch wenn Peter eher zur Fraktion „sympathischer Loser“ gehört, ist er nicht ins Klischee abgedriftet. Er kann mehr und ist mehr. Und so ist jede weitere Person – und Maschine – im Buch angelegt. Immer ein wenig skurril, immer etwas anders, aber nie so, dass es ins Absurde abrutscht. Perfekte Mischung. Wie das ganze Buch.

Als wäre ich also nicht schon insgesamt genug begeistert gewesen, sprachen mich die Themen auf einer ganz persönlichen Ebene an. Mit seinen Rückgriffen auf die Frage nach der Moral beim autonomen Fahren, Asimov, den Turing-Test, Künstliche Intelligenz, Adorno, rassistische Algorithmen, Kybernetik oder Filterblasen spricht Kling so viel an, was mich tagtäglich in meinem Studienfach Digitale Medien begleitet. Als würden wir gemeinsam die Seminare belegen…

Ich wollte euch noch nie so gern wie bei diesem Buch am liebsten in die Augen gucken bei meiner Rezension. Dann würdet ihr sehen, wie viel Liebe ich wirklich für das Buch empfinde. Ich kann nicht darüber reden, ohne hektisch aufzuzählen, was an dem Buch alles so genial ist. Meine Wangen werden automatisch rot und meine Augen glänzen. Jeder meiner Freunde, der mich in den vier Tagen, in denen ich jetzt das Buch gelesen habe, gesehen hat, musste sich anhören, warum er „QualityLand“ unbedingt lesen muss.
Wirklich. Es ist mein Highlight 2017!

Marc-Uwe Kling – QualityLand
Ullstein Hardcover, 22. September 2017
ISBN 3550050232
384 Seiten
Gebunden; 18,00 Euro

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Magdalena Nirva – Magdalena 24h

»Ich war wie geschaffen dafür, das Objekt ihrer Begierde zu sein. Oft war es aber auch anders herum. Ich war der Jäger…«

Magdalena ist 24, Literaturstudentin und liebt Sex. Als sie nach ihrer gescheiterten Ehe mit ihrem Kind mittellos dasteht, wirft sie alle Bedenken beiseite und sagt sich: »Warum soll ich damit nicht auch Geld verdienen?« Um ihr Kind zu versorgen. Um die Universität abzuschließen. Um sich ein schöneres Leben leisten zu können. Auf der Suche nach neuer Liebe begegnet sie dem anziehenden Bad Boy Eagle. Die beiden beschliessen, ihrer Heimat Bulgarien den Rücken zu kehren und nach Wien zu gehen, wo sie als Callgirl viel Geld verdienen kann. Doch bald wird Eagle von seiner Vergangenheit eingeholt, und sie müssen Wien eilig verlassen. Und Magdalena gerät immer tiefer in Abhängigkeit zu Eagle, der sein ›goldenes Huhn‹ zunehmend rücksichtslos antreibt und eifersüchtig bewacht… (Klappentext)

Als mich Magdalena anschrieb, ob ich ihren biografischen Debütroman lesen möchte, war ich sofort begeistert. In das Milieu rund um Prostituierte und Escort-Damen werde ich persönlich nie hineinkommen. Auch wenn ich in Hamburg wohne, hat das Rotlicht-Viertel mit meinem Alltag nichts zu tun. Und gerade deswegen war ich gespannt auf ein paar Geschichten. Nachdem mir Magdalena in unserem E-Mail-Verkehr schnell sympathisch wurde, freute ich mich sehr auf das Buch und begann es direkt nach dem Erhalt zu lesen.
Das war im August.
Ich muss es sagen, wie es ist: Dieses Buch stürzte mich in eine tiefe Leseflaute.

Vielleicht ging ich mit den falschen Erwartungen an das Buch. Der Klappentext verspricht unter der Erklärung zum Inhalt „skurrile Begebenheiten und emotionale Verwirrungen“. Es wird gesagt, das Buch wäre „amüsant, berührend und unmoralisch“. Deswegen hoffte ich, dass es hauptsächlich aus kurzen Anekdoten bestehen wird. So, wie man es von vielen Büchern kennt. Viele verschiedene Männer, aufregende Geschichten und alles ein bisschen verbunden durch einen roten Faden.

Bekommen habe ich das Gegenteil. Magdalena rollt ihr Leben von der Kindheit an auf. All ihre Ex-Freunde werden ausgewalzt, ebenso wie ihre Probleme mit der Mutter und dem Ex-Mann. Natürlich verstehe ich, dass der Teil ihres Lebens wichtig ist, um zu verstehen, dass es kam, wie es kam. Aber selbst zum Ende hin, als sie im Milieu fest verankert war, wurden über Seiten ihre Kolleginnen und deren privaten Probleme beschrieben.
Ein paar Geschichten mit Freiern kamen natürlich drin vor. Für meine Erwartungen waren es jedoch zu wenig und Geschichten mit manchen Stammkunden zogen sich lang.
Vor allem fehlten einfach Einblicke in ihr Gefühlsleben. Sie ließ ihren Sohn in Bulgarien zurück, aber es fehlte der Schmerz einer Mutter. Sie war in einem fremden Land, aber die vollkommene Hilfslosigkeit wurde nur beschrieben und nicht gefühlt. Sie wird geschlagen und misshandelt, aber wie es ihrer Seele dabei geht, wird nicht gesagt.

Ich fand das Buch – anders als angepriesen – weder amüsant, noch berührend.
Alles war relativ plump niedergeschrieben. Für ein persönliches Gespräch wäre es so ok gewesen, aber für ein Buch war es zu wenig. Es fehlte ein klassisches „Buch-Feeling“. So gibt es beispielsweise rhetorische Fragen mitten im Text, die ungelenk wirken, wie ein eingestreutes: „Doch was ist das?“ (S. 256)

Durch die Mischung aus wenig leichtfüßiger Sprache und einer zu breitgetretenen Lebensgeschichte fehlte auch komplett die Spannung. Und auch mit dem Interesse war es bei mir nicht weit her. Tagelang, zwischendurch sogar wochenlang, zog es mich nicht zum Buch. Wäre der Weg von Bulgarien über Österreich nach Berlin knackig erzählt gewesen, wäre ich mehr dabei geblieben. Mich hätten mehr die Zustände beziehungsweise Termine in den Bordellen und Escort-Agenturen interessiert. Es muss einfach mehr Spannendes zu berichten geben, als hier aufgeschrieben wurde.

Die Freier sind unterschiedlicher Natur. Manche liebevoll, andere schüchtern und wieder andere eklig. Aber ich hatte mehr Skurrilität erhofft. Vor allem hätten die Geschichten pointierter erzählt werden können.

Ich war also inhaltlich wirklich nicht begeistert und dann kam auch noch dazu, dass ich die Buch-Magdalena, anders als die E-Mail-Magdalena, wirklich unsympathisch fand. Sie wirkte kalt, berechnend und arrogant auf der einen Seite und völlig irrational liebend auf der anderen. Immer wieder fielen Sätze, die vielleicht stimmten, aber einfach unsympathisch klangen: „Erst, seitdem ich dort die Drinks servierte, war es immer voll. […] Jedenfalls steigerte ich ganz schön den Umsatz.“ (S. 57); „Sie ist nicht die Frau, die ein Mann sofort haben will, wenn er sie sieht, so wie bei mir.“ (S. 245) oder „Ich bin vierundzwanzig, ich bin so jung, so hübsch […]“ (S. 310)

Insgesamt gab es ein paar nette Geschichten auf den 379 Seiten, aber ich wurde weder gefesselt, noch berührt oder zum Lachen gebracht. Es ist wirklich schade, ich hätte das Buch so gern gemocht.

Magdalena Nirva – Magdalena 24h
Independently published, 28. Juli 2017
ISBN 1521865701
379 Seiten
Taschenbuch; 15,90 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

Marieke Nijkamp – 54 Minuten

54 Minuten, die alles zerstören
Es passiert nicht viel im verschlafenen Opportunity, Alabama. Wie immer zum neuen Halbjahr hält die Direktorin in der Aula der Highschool ihre Begrüßungsrede. Es ist dieselbe Ansprache wie in jedem Halbjahr, und wie immer ist sie um exakt zehn Uhr zu Ende. Aber heute ist alles anders.
Als Schüler und Lehrer die Aula verlassen wollen, kann man die Türen nicht mehr öffnen. Einer beginnt zu schießen. Tyler greift seine Schule an und macht alle fertig, die ihm Unrecht getan habe. (Klappentext)

Als ich dieses Buch Anfang Juni auf Arbeit ergattern konnte, wusste ich, dass ich es unbedingt bald – also weit vor dem Erscheinungstermin – lesen muss. Und das habe ich getan. Endlich darf ich meine Meinung dazu veröffentlichen.

Fast alle Schüler der Opportunity High sind in der Aula, als die Türen sich nicht mehr öffnen lassen und Tyler durch die einzige noch unverschlossene Tür tritt. Tyler, der als erstes die Direktorin erschießt, damit die Schüler, die Lehrer, ja die ganze Schule ihm endlich mal ganz genau zuhört…
Niemand ist sicher. Nicht mal seine Schwester Autumn, die friedlich ihre letzte Zeit vor dem Abschluss genießen wollte.

Erzählt wird die Geschichte minutenweise.
Die einzelnen Kapitel, drehen sich jeweils um zwei bis drei Minuten. Erzählt werden sie aus den Perspektiven von vier Schülern: Autumn, ihre Freundin Sylv, deren Bruder Tomás und Claire. Die letzten beiden haben Glück, sie sind zwar in der Schule, aber nicht in der Aula.
Jede Person hat im Durchschnitt zwei bis drei Seiten, um seine Situation in den aktuellen Minuten zu schildern. Doch dabei entfaltet sich nach und nach auch das Bild von Tyler, der sich mit den vier Personen jeweils in einem besonderen Verhältnis befindet. Der Leser versteht immer mehr, wie es dazu kommen konnte, dass er nun da steht. Vor seinen Mitschülern. Mit einer Waffe.

Der Markt der Bücher ist nicht überschwemmt mit Büchern über (Schul)Amokläufe. So wurde „54 Minuten“ mein erstes. Und dabei ist dieses Thema so wahnsinnig wichtig. Zu oft gab es schon welche. Grundsätzlich ist ja schon ein Mal eins zu viel. Und selbst, wenn es nicht bis zum Äußersten kommt, zeigt das Buch doch, wie die Grundsteine gelegt werden. Wie Gewalt, Ausgrenzung und Mobbing Menschen zu Dingen treiben können. Deswegen schlägt dieses Buch hoffentlich im Jugendbuchbereich eine hohe Welle.

Doch weder sollten das Buch nur Jugendliche lesen, noch ausschließlich aufgrund der Thematik. „54 Minuten“ bietet noch viel mehr.

Tyler, der eine Person nach der anderen in der Aula erschießt, erzeugt schon viel Spannung. Wie vielen Menschen wird er das Leben nehmen? Wer wir alles überleben? Wer wird aus der Aula rauskommen?
Doch auch die beiden Erzähler, die nicht in der Aula gefangen sitzen, machen es spannend. Denn: Wer wird in die Aula hineinkommen?

Die vier Erzähler machen es einem dabei sehr leicht, sie gern zu haben. Und das nicht, weil man mit den Opfern automatisch eher sympathisiert. Sie bieten alle eine Tiefe an Emotionen und sind mit einer glaubhaften und interessanten Hintergrundgeschichte ausgestattet, die geschickt neben dem aktuellen Geschehen, auf das alle fokussiert sind, einfließt.
Die drei Mädchen Autumn, Sylv und Claire sind sich charakterlich ziemlich nah und unterscheiden sich auf den ersten Blick am besten durch ihre Interessen und Hobbys. Doch nichtsdestotrotz verwischen die Grenzen nie. Man kann sie immer auseinanderhalten.
Und auch der große Rest der Schule verkommt nicht zu einer Masse. Einzelne Schüler, Lehrer oder Geschwister treten heraus und werden zu wichtigen Nebenrollen.
Wichtig ist natürlich auch Tyler, der aktiv sehr wenig zu Wort kommt. Marieke Nijkamp schafft es, das Bild eines Jungen zu zeichnen, der einerseits wahnsinnig zerbrechlich und andererseits unglaublich erbarmungslos ist. Letztendlich wird er jedoch nie als ausschließlich irre dargestellt. Auch Tyler hatte seine Gründe, sich mit Gewalt ein Gehör zu verschaffen. Und diese Gründe werden in der Geschichte aufgedeckt. Es gibt kein klares Schwarz und Weiß bei ihm. Die Autorin verurteilt ihn nicht einfach.

Dieses Zusammenspiel der einzelnen Teile schafft viele Emotionen beim Leser. Ein spannender Plot, der durch die unterschiedlichen Gegebenheiten nicht langweilig wird. Personen, die man schnell ins Herz schließt und für die man hofft, dass Tyler sie verschonen wird. Eine Erzählweise, die viele verschiedene Blickwinkel schafft und das Puzzle „Tyler“ ein Ganzes werden lässt. Und zusätzlich punktet die Geschichte noch mit einer unauffälligen Schreibweise, die den Leser Seite um Seite verschlingen lässt, ohne dass er es merkt. Dabei stellt sie sich nicht in den Vordergrund, sondern lässt ganz allein die Story wirken.

Das Buch ließ mich nicht los. Es hielt mich in seinem Bann. Ich war mit meinen Gefühlen und meinem Herzen bei ihm.
Es wäre falsch zu sagen, dass ich Spaß mit „54 Minuten“ hatte. Aber ich habe geliebt, es zu lesen.
Aber so insgesamt, wäre ich gern noch ein wenig mehr überrascht oder geschockt worden. So seltsam es klingt, das Buch hätte mir mehr das Herz brechen sollen. Nur deswegen ziehe ich ein ganz kleines bisschen bei der Bewertung ab.

Marieke Nijkamp – 54 Minuten – Jeder hat Angst vor dem Jungen mit der Waffe
Originaltitel: This is Where it Ends (Januar 2016)
FISCHER FJB, 21. September 2017
ISBN: 3841440169
331 Seiten
Broschiert, 14,99 Euro

Jenny-Mai Nuyen – Heartware

Erst verdunkelt sie dein Herz, dann die ganze Welt?

Adam Eli hat seine Chance genutzt. Er ist erfolgreicher Ghostwriter, tut alles, um seine kriminelle Jugend vergessen zu machen. Eines verbindet ihn noch mit seinem alten Leben: seine große Liebe Willenya. Die letzte Begegnung liegt lange zurück, bis heute weiß er nicht, ob sie es war, die ihn damals verriet.
Antwort darauf verspricht der Internettycoon Balthus – wenn Adam sich an der Suche nach Willenya beteiligt. Denn die junge Frau hat den Prototyp einer künstlichen Intelligenz gestohlen. Um Geld zu erpressen? Oder vielleicht sogar einen Terroranschlag zu verüben?
Eine atemlose Jagd von den Urwäldern Boliviens über Dubai bis Tokio beginnt… (Klappentext)

Jenny-Mai Nuyen ist mir schon seit Jahren ein Begriff. Doch bisher habe ich weder ein Buch von ihr gelesen, noch befindet sich eines auf meinem SuB. Darum freute ich mich total, als mir ein Rezensionsexemplar zu ihrem neuen Buch – ihrem ersten Thriller – angeboten wurde.
Ich begann sofort begeistert zu lesen, denn das Buch klang laut Klappentext wirklich spannend.

Aber nun, wo ich das Buch beendet habe, beginnt mit dem Klappentext schon das erste große Ärgernis. Die Autorin kann für ihn nichts, glaube ich. Der wird meistens von anderen Leuten verfasst, aber so wie er geschrieben ist, grenzt er fast an Beleidigung für das Buch.
Eli ist kein „erfolgreicher Ghostwriter“. Er schreibt für Studenten Hausarbeiten und bekommt ein wenig Geld dafür. Nichts, was ihn reich oder rasend erfolgreich machen würde.
Zusätzlich verrät der Klappentext ein paar Geheimnisse, die die Geschichte lange für sich behält. Eines davon wird erst auf Seite 310 von 410 gelüftet. Ein großes Rätsel, das die Story am Laufen hält. Vielleicht sogar DAS große Rätsel. Und der Klappentext poltert es einfach so heraus als würde es nichts bedeuten. Das ist wirklich schade. Aber wie gesagt, das kreide ich der Autorin nicht an. Ob ich ihr dafür anderes ankreide?

Starten wir mit der Geschichte.
Das Buch beginnt mit dem großen Zusammenbruch, als für einige Stunden Strom und jegliche Technik versagte. Handys und Computer wurden schlagartig lahmgelegt. Alles sollte sich von nun an ändern.
Danach springt man zurück und steigt sieben Tage vor dem Zusammenbruch in die Geschichte ein.
Adam Eli wird von einem unbekannten kontaktiert. Adam soll seine alte Liebe Willenya Ćuruvija finden, denn sie hat etwas gestohlen, das der Unbekannte unbedingt zurückhaben will. Und ganz nebenbei könnte Eli auch endlich herausfinden, was damals in Bolivien wirklich passiert ist und warum Willenya spurlos verschwand. Und vor allem kann er endlich herausfinden, ob sie ihn wirklich geliebt hat oder ob er umsonst zehn Jahre an der Vergangenheit festgehalten hat.
Zur Seite wird ihm dabei Mariel Marigny gestellt, die nicht nur für den Unbekannten arbeitet, sondern sich auch wahnsinnig gut mit Technik auskennt. Zu zweit sollte es kein Problem sein, Willenya zu finden.

Und wenn die Geschichte nur aus diesem Teil bestehen würde, dann hätte ich das Buch richtig, richtig gut gefunden. Ich lechzte förmlich nach den Teilen, die abwechselnd aus Marignys und Elis Sicht geschrieben waren.
Leider waren diese Teile immer wieder unterbrochen durch Teile, die mit Y überschrieben waren.
Hier spielten sich Dinge ab, die ich genauso langweilig und nervig fand, wie ich die Dinge bei Eli und Marigny mochte. Immer wieder wurden neue Figuren eingefügt, manche sah man nie wieder, manche tauchten regelmäßig auf wie die Interpol-Mitarbeiter Beckblum, Dussardier und Nakamoto. Trotz unterschiedlicher Hautfarben blieben die drei farblos, eigenschaftslos, austauschbar. Klar scheint nur, dass auch sie nach Willenya suchen. Sie scheint gefährlich zu sein und damit jahrelange, ja sogar jahrzehntelange Suchen zu erfordern.
Regelmäßig dachte ich bei den Y-Kapiteln: „Bei einem Film hätte man die Szene jetzt mit dem Kommentar ‚Das bringt die Geschichte nicht weiter‘ rausgeschnitten.“
Die Verwicklungen in diesem Kapitel waren weitläufig und vor allem anfangs unübersichtlich. Auch da die drei Agenten selber keine Informationen preisgeben – oder besaßen – brachten sie keine Aufklärung für den Leser. In diesem Kapiteln wurde einfach nur die Jagd nach Willenya und später nach Eli und Mariel, die auch latent unlogisch wirkte, vorangetrieben.
Das Problem dabei ist auch, dass ich persönlich Agenten-Thriller einfach nicht mag. Mir ist diese Jagd über den Globus von Leuten, deren Motive man lange nicht versteht – die häufig ja auch einfach nur rechte Hand sind und Aufträge von oben ausfüllen – einfach zu viel. Das ist nun an dieser Stelle mein Problem und Jenny-Mai Nuyen kann dafür nichts. Mir hat das aber großflächig den Spaß am Buch vermiest.

Wofür die Autorin aber etwas kann, ist der Fakt, dass in ihrem Thriller ziemlich wenig Thrill steckte. Natürlich gab es Schusswaffen, Leichen, Angst, Verzweiflung, Jagd und Gefahr, aber es fehlte der echte Spannungsbogen. Es gab eher kurzfristige Überraschungsmomente, die die Geschichte vorantrieben und kleine Wendungen brachte.

Obwohl ich also die Storys um Eli und Mariel mochte, mochte ich die beiden nicht so richtig. Ich war einfach nur gespannt, ob sie Willenya finden. Auch Elis Vergangenheit, vor allem die Teile, die sich im Bootcamp und Gefängnis in Bolivien abspielten, waren interessant. Nur sympathisch machte das den zurückgezogenen Mittzwanziger nun so gar nicht. Er war starrsinnig, verkrampft, emotionslos und zurückhaltend. Bei Mariel war es wie bei allen anderen Figuren des Buches: Man wusste nie genau, ob sie nun Freund oder Feind ist. Nie war man sicher, ob sie nicht Teil der nächsten Wendung sein wird.

Zusätzlich machte auch die Sprache es sehr schwer, dem Buch entspannt folgen zu können. Schon auf Seite 16 stockte ich das erste Mal bei: „[…] in jenen Tagen des glückseligen Elends wusste er über Will nur, dass sie das Mysterium war, in dem er den Sinn seines Daseins fühlte und über tausend süße Augenblicke zersplittert wieder vergaß.“ Solche ausschweifenden Bilder nutzt Nuyen regelmäßig. Sätze, die man öfter lesen muss, um sie zu begreifen und die einen damit aus dem Lesefluss reißen. Doch nicht nur die ungelenk philosophischen Sätze ließen mich entnervt zurück, auch Beschreibungen, die verwirrend waren, ließen mich häufiger fragend unterbrechen. Entweder konnte ich die Handlungen einer Figur damit nicht ganz nachvollziehen oder mein innerer Film wurde aus dem Projektor geschmissen, wenn es Beschreibungen gab, die ich mir einfach nicht vorstellen konnte. So weiß ich immer noch nicht, wie ein Zimmer aussieht, in dem man geschichteten Beton sieht. Ich machte mir wirklich Gedanken, wie es da nun aussieht und sowas zerstört einfach Dinge beim Lesen.

Was bleibt also von „Heartware“ bei mir hängen? Es ist ein Thriller, der nicht spannend ist, mit Figuren, die nicht sympathisch sind. Doch zumindest eine Hälfte der Story, die über Eli und Mariel und ihre Suche nach Willenya, machte mir Spaß. Die zweite Hälfte, die sich auch mit der Suche beschäftigte, aber mit ganz anderen Mitteln, interessierte mich einfach nicht, störte mich sogar. Aber wer Spaß an großen Verschwörungen, Agenten und Technik hat, könnte auch hier Gefallen finden.
Am Ende bleibt bei mir leider nur eine mittelmäßige Bewertung von übrig.

Jenny-Mai Nuyen – Heartware
Rowohlt Taschenbuch, 21. Juli 2017
ISBN 3499267071
412 Seiten
Broschiert; 14,99 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

Rainbow Rowell – Fangirl

Lesen und schreiben, das ist Caths Welt. Und Fanfiction ist ihr Zuhause. Hier kann sie ihre Fantasie ausleben und sein, wer sie will. Doch das wirkliche Leben fordert Taten von Cath. Ist sie bereit dafür? (Klappentext)

Selten bekomme ich mit, welche Bücher in den englischsprachigen Bestsellerlisten Aufsehen erregen. Doch von „Fangirl“ hatte sogar ich gehört und so war ich wahnsinnig froh, dass ich es bei Vorablesen gewonnen habe.

Für die Zwillingsschwestern Cath und Wren beginnt eine neue, spannende Zeit: Sie kommen auf das College. Doch plötzlich ändert sich alles. Die beiden wohnen nicht mehr zusammen, sie haben verschiedene Kurse und langsam auch verschiedene Leben. Das passt vor allem Cath nicht, der neue Situationen und Menschen Angst machen. Und dann ist da ja auch noch ihre neue Mitbewohnerin Reagan, die Cath ganz deutlich zeigt, dass sie niemanden mag außer ihren Freund Levi, der so häufig im Zimmer der Mädchen ist, dass er fast schon dort wohnt.

Im Prinzip findet sich in „Fangirl“ eine gängige Coming-of-Age-Story. Ein neuer Lebensabschnitt, neue Freunde, neue Erfahrungen. Doch Rainbow Rowell garniert das mit zwei besonderen Zutaten: Zwillingsschwestern und Fanfiction.
Vor allem zweites nimmt nicht nur einen großen Teil von Caths Leben ein, sondern auch des Buches. Caths Gespräche drehen sich viel um den Zauberer Simon Snow, der ein riesiger Teil der Popkultur ist.
Jedem der 38 Kapitel ist ein Auszug aus Caths Fanfintion oder ein Teil aus den regulären Büchern um den Magier vorangestellt
Und in diesen Teilen liegt für mich die größte Schwäche des ganzen Buches.
Fanfiction an sich ist ja ein tolles Thema und gerade für Menschen, die gern lesen und sich in fremden Welten verlieren, interessant. Doch Simon Snow konnte mich nicht packen.
Die Auszüge waren unvermittelt herausgerissene Teile. Nach und nach erschlossen sich zwar die Figuren und Beziehungen zueinander, aber Spaß machten sie mir nie.
Mein größtes Problem mit Simon und seinem Erzfeind Baz bestand jedoch an der gnadenlosen Nähe zu Harry Potter. Es gibt sieben Bücher mit jeweiligen Verfilmungen. Simon ist ein Waise, dessen Zauberschule eine Festung ist. Er ist schon als Junge ein bekannter Zauberer. Er hat eine lernbegierige Freundin. Er hat einen Erzfeind an der Schule. Der größte Feind der Zauberei hat Interesse an ihm. Ein Schmelzkessel lost die Zimmergenossen zu.
Vielleicht sollte da ja eine deutliche Parallele zur Realität mit dem Harry-Potter-Universum geschaffen werden, aber mich persönlich störte es. Mir wäre es lieber gewesen, wenn Rainbow Rowell sich eine neue Welt hätte einfallen lassen. Das hat sie ja auch zu Teilen. Für mich aber zu wenig.

Zeitgleich mit „Fangirl“ erschien auch „Aufstieg und Fall des außerordentlichen Simon Snow“. Ein Buch über ebenjenen Zauberer. Da mich die Teile in „Fangirl“ nicht begeistern konnten, habe ich aber kein Interesse, es zu lesen.

An der Stelle ist es aber auch schon vorbei mit den Schwächen diesen Buches.
Der Rest begeisterte mich durchweg.

Mit Cath wurde eine Figur mit vielen Schwächen, Ecken und Kanten geschaffen und deswegen war sie umso besonderer und echter. Viele ihrer Ängste und Sorgen konnte ich vollkommen mitfühlen. Nicht selten erkannte ich mich – oder mein früheres Ich – in ihr.
Und auch wenn viele Personen um sie herum schwer als Sympathieträger durchgehen können, habe ich sie alle gern gemocht. Und in den immer lächelnden und herzlichen Levi habe ich mich vielleicht sogar ein kleines bisschen verliebt.
Ich freute mich auf jedes neue Kapitel und jede Begegnung mit Reagan, Wren, ihrem Vater, Levi, Lehrern oder Kommilitonen, denn Cath hatte zu jedem eine einzigartige Beziehung.

Dementsprechend spannend war es für mich, die Entwicklungen zwischen den Figuren zu beobachten. Und es wird sich viel entwickelt in diesem Buch. An allen Ecken. Familie, Freundschaft, Liebe – alles spielt mit rein und durchläuft logische, nachvollziehbare und vor allem interessante Änderungen.
Durch diesen Umstand habe ich zum ersten Mal etwas beim Lesen erlebt. Ich hatte Angst vor der Zukunft des Buches. Ich habe mir wirklich Sorgen um die Figuren gemacht. Ich wollte keinen auf dem Weg zur letzten Seite verlieren. Ich hatte wirklich Furcht, dass jemand stirbt, jemand sich von Cath abwendet oder sonst etwas passiert, was mir noch nicht in den Kopf kam. So etwas kenne ich nicht. Ich habe ständig gehofft, dass „Fangirl“ ein gutes Ende nimmt.

Sprachlich ist das Buch klar ein Jugendbuch: schnell und einfach zu lesen. Und doch gab es einige Sätze, die wundervolle Weisheiten waren. Wäre ich jemand, der sich Zitate aus Büchern herausschreibt, hier hätte ich einiges gefunden. Einige kleine Perlen.

Und das ist wohl das, wie ich das Buch in Erinnerung behalten werde: Eine Geschichte über die Anfänge des Erwachsenwerdens, ohne die Leidenschaft für Dinge, die einem am Herzen liegen, zu verlieren. Ein Buch über Figuren, die den Leser berühren und dabei in besonderen Beziehungen zueinander stehen ohne still zu stehen. Eine Story, die es sich zu lesen lohnt. „Fangirl“ hat mich emotional an sich und die Personen gefesselt, wie ich es selten beim Lesen erlebe.
Vor allem die starke Nähe zu Fanfiction macht das Buch zusätzlich besonders. Nur ausgerechnet DIESE Fanfiction hat mir nicht zugesagt. Deswegen ziehe ich ein wenig von der Höchstbewertung ab. .

Rainbow Rowell – Fangirl
Originaltitel: Fangirl (September 2013)
Carl Hanser Verlag, 24. Juli 2017
ISBN: 3446257004
461 Seiten
Gebunden, 18,00 Euro

Lea-Lina Oppermann – Was wir dachten, was wir taten

»Kann sein, dass es dich verändert. Kann sein, es lässt dich kalt. Kann sein, dass du schon davon gehört hast, im Fernsehen oder in den Schlagzeilen. So viele Reporter, die darüber berichtet haben, Fotos geknipst und mit dem Rektor gesprochen… Wenn ja, vergiss es, nichts davon ist wahr.
Wir werden dir erzählen, was wirklich passiert ist. Wir waren dabei.« (Klappentext)

Bücher über Amokläufe sind selten. Umso glücklicher war ich, dass ich noch während meiner Lektüre eines anderen Amoklauf-Buches über „Was wir dachten, was wir taten“ stolperte und direkt bei BELTZ anfragte, ob sie so freundlich wären und mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung stellen würden. Als ich zwei Tage später das Buch aus meinem Briefkasten angeln konnte, habe ich mich wahnsinnig gefreut. Ohne Umschweife war es direkt meine nächste Lektüre.

Es ist ein ganz normaler Schultag. Zumindest so normal, wie es sein kann, wenn gleich morgens eine Matheklausur geschrieben werden muss. Die vierzehn Schüler werden in ihrer Konzentration jäh unterbrochen, als eine Warnung durch den Lautsprecher schallt. Ein schwerwiegendes Sicherheitsproblem sei aufgetreten und die Türen seien geschlossen zu halten. Es dauert nicht lang, da machen erste Gerüchte über einen Amoklauf die Runde. Und kurz danach schafft es eine maskierte Person, in den Klassenraum einzudringen und alle mit einer Waffe zu bedrohen. Zehn Briefe werden dem Lehrer Herrn Filler gegeben. In den Briefen stecken zehn Aufgaben. Aufgaben, die erbarmungslos die Geheimnisse aller ans Tageslicht bringen.
Und allen ist klar: Egal wie es ausgeht, nichts wird mehr sein, wie es war.

Die Geschichte spielt sich in einem kurzen Zeitraum auf kleinem Raum ab. Es gibt kein Vorher und kein Nachher. Es dreht sich alles um den einen Klassenraum und das Geschehen darin. Ein wenig wirkt die Welt wie eingefroren und als Leser ist man ebenso wie die vierzehn Schüler und der Lehrer auf die Person mit der Maske, den Pistolenmann, fokussiert.
Erzählt wird die Geschichte dabei abwechselnd aus drei Perspektiven. Die kluge und strebsame Fiona, der aufmüpfige Einzelgänger Mark und Herr Filler kommen zu Wort.
Das Buch ist mit 179 Seiten relativ kurz, doch dadurch rollt die Geschichte auch schnell an. Man beginnt mitten in der Klausur und schon bald steht der Pistolenmann mit im Raum.
An Spannung fehlt es also allein von der Grundthematik her schon nicht. Man möchte wissen, wer hinter der Maske steckt und warum er so etwas tut. Vor allem: Wird es Tote geben?
Die Aufgaben bringen dann den zusätzlichen, besonderen Kick. Als Leser konnte ich es kaum erwarten, dass die eine Aufgabe beendet wurde und Herr Filler den nächsten Umschlag öffnete.
So wird auch alle paar Seiten eine echte Überraschung geboten. Einige Wendungen ergeben sich und dabei war keine unrealistisch oder überzogen. Ein überaus kluger Kniff der Autorin!

Trotz der dramatischen Situation fehlte es dem Buch auch nicht an – wohl dosiertem und äußerst passendem – Humor. Vor allem die sarkastischen Schüleräußerungen entlockten mir einige Lacher. Dabei lockerte es die Situation nicht zwingend auf, aber machte sie realer. Ganz sicher wird der eine oder andere Jugendliche sich auch in so einer Situation bestimmte Sprüche nicht verkneifen können.

Und das machte für mich einen großen Teil des Charmes des Buches aus: Die Figuren wirken echt. Es
werden zwar einige Klischees, wie das unsichere Pummelchen, die dumme Sportskanone, die schöne Zicke oder der angepasste Lehrerliebling, bedient, nur kommen diese Klischees ja auch nicht von ungefähr. Diese Schülercharaktere lassen sich sicher in den meisten Schulklassen tatsächlich finden. Von daher war es ok und machte die vierzehn Leute auch einfach unterscheidbar.
Damit bietet sich viel Identifizierungspotenzial und jeder Leser, egal ob männlich oder weiblich, kann jemanden finden, mit dem er sich verbunden fühlt.
Da es nicht wirklich um die einzelnen Schüler an sich geht, liegt auf ihnen auch kein Fokus. Neben der aktiven Handlung wird wenig nach links und rechts geschaut, sprich auf die persönlichen Geschichten eingegangen. Durch die Gedanken lernt man natürlich die drei Erzähler am besten kennen, doch auch die anderen Charaktere werden in kleinen Stücken offenbart. Es bleibt niemand wirklich blass oder platt, aber man lernt auch niemanden in der vollkommenen Breite kennen. Das ist aber vollkommen ok und angemessen bei dieser Story.

Die Sprache war für mich besonders und ließ das Buch ebenso wie die Figuren lebensnah wirken. Wenn Dinge, die runterfallen auftitschen und Regentropfen pladdern, fühle ich mich glatt etwas heimisch. Das mag auch daran liegen, dass die 18-jährige Autorin aus Berlin stammt.
Die Schreibweise ist jung und frisch und an den richtigen Stellen umgangssprachlich. Mir machte es Spaß, das zu lesen.

Überhaupt habe ich das Buch sehr gern gelesen, auch wenn es durch die Kürze und eher große Schrift relativ schnell vorbei war. Lea-Lina Oppermann beweist Fingerspitzengefühl bei so einem sensiblen Thema, schafft Figuren, die trotz weniger Informationen nicht platt wirken und packt alles in eine spannende und interessante Geschichte, die zum Weiterlesen animiert. Das Thema Schulamoklauf ist wichtig, vor allem aber seine Hintergründe.
Und genau an der Stelle komme ich zu dem einzigen größeren Kritikpunkt: Der Hintergrund des Amoklaufs, sprich die Motive des Amokläufers. Sie kamen letztendlich durch, aber für mich hätten sie noch deutlicher benannt werden können. Es blieb alles ein wenig wischiwaschi, manches wurde eher angedeutet. So blieb bei mir am Ende die Frage: Waren DAS wirklich Gründe für so eine Tat?

Daneben gibt es nur noch zwei kleinere negative Punkte: Die Kürze des Buches und die fehlende emotionale Bindung. Dadurch dass man direkt mitten in der Geschichte ist und keinen Schüler näher kennenlernt, konnten mich Geschehnisse weniger schockieren. Ich wurde an vielen Stellen nicht so richtig mitgerissen. Das tat der Spannung zwar keinen Abbruch, aber obwohl in der Geschichte an sich Herzbruch-Potenzial liegt, wurde es nicht genutzt.

Aber ganz am Ende, da war bei „Was wir dachten, was wir taten“ auch ein wenig der Weg das Ziel. So gespannt ich war, wer nun hinter der Maske steckt und warum er die Klasse bedroht, so gespannt war ich auch auf jede einzelne Aufgabe.
Das Buch konnte mich nicht bis ins kleinste Detail überzeugen, aber insgesamt hat es sehr, sehr viel richtig gemacht. Ich kann verstehen, dass die Autorin für dieses Debüt gleich mit dem Hans-im-Glück-Preis für Jugendliteratur ausgezeichnet wurde. Von mir gibt es .

Lea-Lina Oppermann – Was wir dachten, was wir taten
Beltz & Gelberg, 17. Juli 2017
ISBN 3407822987
179 Seiten
Broschiert; 12,95 Euro

S. L. Grey – Under Ground

Die Angst sitzt tief
Ein tödliches Grippevirus versetzt die Welt in Panik.
Um zu überleben, begibt sich eine Gruppe Flüchtender unter die Erde.
In der abgeschotteten Welt eines Luxusbunkers glauben sie sich in Sicherheit.
Doch der schlimmste Feind lauert bereits unter ihnen.
Sie selbst…
(Klappentext)

Als ich von diesem Buch hörte, war klar, dass ich es lesen möchte. Darum freute es mich, dass ich es als Rezensionsexemplar bekommen habe. Leider dauerte es dann noch ein wenig, bis ich seinen Status von „ungelesen“ zu „am lesen“ änderte.

In den letzten Jahren haben Geschichten über große Katastrophen – man möchte fast sagen „Vom Ende der Welt“ – Hochkonjunktur. Vor allem, seit „Dystopie“ so ein beliebtes Genre geworden sind. „Under Ground“ ist ähnlich und doch ganz anders.
Die Welt ist noch nicht untergegangen, aber mit viel Pech steht es kurz davor. In Asien ist ein Grippevirus ausgebrochen, das sich rasend schnell verbreitet und dabei überaus tödlich ist. Nun ist es in Amerika angekommen.
Greg Fuller wollte einerseits vorbereitet sein und andererseits Profit machen, als er einen verlassenen Bunker kaufte und zu einem unterirdischen, sicheren Luxusquartier, dem „Sanctum“, ausbaute. Ein paar Familien nahmen viel – sehr viel – Geld in die Hand, um sich eine Wohnung in dem Bunker kaufen zu können. Sie alle ahnten nicht, dass sie so überstürzt würden einziehen müssen.
Als plötzlich einer von ihnen tot ist, steht plötzlich jeder in Verdacht, ein Mörder zu sein. Doch selbst das wird schnell nur ihr kleinstes Problem bleiben…

Das Buch spielt sich fast ausschließlich in dem Bunker ab. Dies macht zu großen Teilen den Reiz der Atmosphäre aus. Es ist eng, es gibt kein Tageslicht und es sitzen eine ganze Menge fremder Menschen aufeinander.
Die „ganze Menge“ sind genauer gesagt 17 Menschen und ein Hund. Und diese 17 Menschen lernt man ziemlich gut kennen. Anfänglich hatte ich Angst, dass es zu viele Menschen und zu viele Geschichten sind, die man durcheinanderbringen wird. Schnell stellte sich heraus, dass es kein Problem ist. Die Personen unterscheiden sich so sehr voneinander, dass man sie deutlich auseinander halten kann. Dadurch rutschten einige natürlich in Klischees, was schade, aber irgendwie auch fast unvermeidbar war. Es gibt unter anderem die religiösen, waffenfanatischen Hinterwäldler, die reichen, versnobten Anwälte und die schüchternen, computerspielenden Asiaten.
Neben dem Besitzer Greg gibt es sechs weitere Wohnparteien im Sanctum. Aus jeder gibt es einen Erzähler. Diese sechs Blickwinkel sind spannend und bieten einen umfassenden Blick über die Geschehnisse im Bunker. Durch sie lernt man die restlichen Personen auch gut kennen.
Am Ende schaffen es Sarah Lotz und Louis Greenberg, die hinter dem Pseudonym S. L. Grey stehen, jeder Figur ausreichend Platz zu geben. Und selbst die „Nicht-Erzähler“ bleiben dabei nicht blass oder flach. Jeder bekommt eine eigene Geschichte mit einer eigenen Tiefe. Dabei war dem Leser natürlich nicht jede Figur sympathisch, aber das war auch durchaus so gedacht. Nichtsdestotrotz sind ein paar Sympathieträger und somit Identifikationsfiguren dabei.

„Under Ground“ soll ein Thriller sein und die Grundzutaten sind durch den abgeschotteten Handlungsraum, den Toten und die langsam anschwellenden Panik durchaus gegeben.
Leider stellte sich bei mir nie ein Nervenkitzel ein. Und das liegt gar nicht mal daran, dass man den Erzähler oft an einer spannenden Stelle verließ. Cliffhanger sind ja nichts Schlechtes. Es lag eher daran, dass vieles logische und damit vorhersehbare Wege ging und schockierende Dinge ganz plötzlich passierten, ohne dass sich vorher ein Spannungsbogen aufbauen konnte.
Ohne zu viel von der Geschichte verraten zu wollen, kann ich trotzdem sagen, dass ich sehr interessiert weiterlas, um das Ende zu erfahren, da ich auf einige Auflösungen wartete. Auf dem Weg dahin wurde ich mit der einen oder anderen Überraschung beglückt.

Geschrieben war es in einer wahnsinnig angenehmen Art. Es gibt drei männliche und drei weibliche Erzähler, die sich 50:50 in Jugendliche (ungefähr 17 bis 19 Jahre) und Erwachsene (um die 40 Jahre) unterteilen. Jedes Kapitel war dabei sprachlich an die Person angepasst ohne dass allzu starke Unterschiede bemerkbar waren. Das war wirklich gut gemacht.

Insgesamt hatte ich erst Angst, dass es zu viele gleichwertige und -wichtige Personen in dem Buch geben wird, aber da wurde ich schnell eines Besseren belehrt. Es machte mir keine Schwierigkeit, alle auseinanderzuhalten. Die Geschichte mit der Idee war gut gewählt und hatte durchaus ihre spannenden Momente. Letztendlich war es für einen Thriller aber zu wenig. Bessere Spannungsbögen hätten dem Lesevergnügen noch den letzten Kick verliehen. Ansonsten war ich die ganze Zeit interessiert beim Buch und ließ deswegen auch keine langen Lesepausen.

S. L. Grey – Under Ground
Originaltitel: Under Ground (Juli 2015)
Heyne Verlag, 14. November 2016
ISBN: 3453438108
383 Seiten
Broschiert, 12,99 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

Sebastian Fitzek – AchtNacht

Stellen Sie sich vor, es gäbe eine Todeslotterie. Sie könnten den Namen eines verhassten Menschen in einen Lostopf werfen. In der »Achtnacht«, am 8.8. jeden Jahres, würde aus allen Vorschlägen ein Name gezogen. Der Auerwählte wäre eine AchtNacht lang vogelfrei, geächtet. Jeder in Deutschland dürfte ihn straffrei töten – und würde mit einem Kopfgeld von zehn Millionen Euro belohnt.

Das ist kein Gedankenspiel.
Sondern bitterer Ernst.
Es ist ein massenpsychologisches Experiment, das aus dem Ruder lief.

Und Ihr Name wurde gezogen!
(Text der Titelklappe)

Sebastian Fitzek ist und bleibt einfach mein Lieblingsautor. Umso besser, dass meine Freunde das auch wissen und mir die Bücher zu den entsprechenden Gelegenheiten schenken. So bekam ich „AchtNacht“ als Vorbestellung zu Weihnachten von einer meiner Liebsten.
Die Enttäuschung darüber, dass die Thematik ziemlich vom Film „The Purge“ abgekupfert ist, war auch bald verflogen, als Sebastian Fitzek ebenjenes bestätigte. Er hatte den Film gesehen und überlegte, wie es wohl wäre, wenn es kein „Jeder gegen Jeden“ in der Zukunft, sondern ein „Alle gegen Einen“ in der Gegenwart geben würde. So war ich auch damit versöhnt.

Und dieser Eine ist Ben Rühmann. Eine gescheiterte Existenz. Seine Familie ist von ihm enttäuscht, er ist dem Alkohol zu sehr zugetan, seine Musikkarriere ging jäh zu Ende, als er einen Unfall verursachte, bei dem seine Tochter beide Beine verlor. So ist er auch nur mäßig überrascht, dass ihn jemand so sehr hasst und ihn tot sehen will. Mehr überrascht ist er darüber, dass er eben doch nicht der Einzige ist. Auch die junge Psychologiestudentin Arezu Herzsprung wurde ausgelost. Da die AchtNacht-Jäger auf der AchtNacht-Homepage alles posten, was sie über die beiden wissen – inklusive Adressen, Familienangehörige, Telefonnummern und aktuellem Aufenthaltsort – dauert es nicht lange, bis die beiden sich finden und versuchen, zusammen die Nacht zu überstehen. Immer mit einem wütenden Mob im Nacken.

Ich mag die Idee des Buches. Ich mochte sie nämlich schon bei „The Purge“. Auf den ersten Blick wirkt sie irritierend und abwegig, aber umso länger man darüber nachdenkt, umso weniger unwahrscheinlich wird sie. Einmal im Jahr alle Aggressionen rauslassen – und das auch noch straffrei. Und zusätzlich gibt es 10 Millionen Euro. Da würden sicher einige Menschen dafür sein.
Ben und Arezu haben Glück. Nicht alle glauben, dass die Regierung die AchtNacht unterstützt, so wie es kommuniziert wird. Aber es tun doch genügend. Und auch wenn sie vielleicht nicht daran glauben, für Mord Geld zu bekommen, so erfreuen sich doch viele daran, den beiden AchtNächtern Angst zu machen.
Eigentlich liegt hier ein hohes Spannungspotenzial, doch seltsamerweise konnte es mich nicht packen. Die Jagd entwickelt sich nicht nur zu einem Katz-und-Maus-Spiel, sondern es werden auch noch viele Unbeteiligte mit hineingezogen, um deren Sicherheit Ben und Arezu zusätzlich bangen müssen. Das macht sie zum idealen Spielball für allerlei Irre. Trotzdem kam kein Nervenkitzel auf. Nur gesteigertes Interesse.

Dieses Interesse hielt sich bis kurz vor der Hälfte des Buches. Bis dahin las ich in einem Rutsch. Doch dann passierten Dinge, die mich nervten. Dinge, die ich unlogisch fand. Ich hätte an vielen Stellen andere Entscheidungen getroffen als Ben und Arezu und das ernüchterte mich zusehends. So kam es, dass ich das Buch meines Lieblingsautors tagelang ungelesen liegen ließ. Ab der Hälfte wurde es also schleppend.
Die letzten 70 Seiten las ich dann wieder am Stück, da der Showdown doch noch einige Überraschungen bereithielt. Es wurden auch Dinge aufgelöst, nach denen ich gar nicht gefahndet hatte. Überraschende Überraschungen waren das also für mich.
Doch dann kam der große Knall und ich war fast empört. Die Auflösung war für mich ein riesengroßer Logikfehler. Das Thema, um das es letztendlich geht, interessiert mich nämlich schon lange und ich habe viel darüber gelesen und wahre Geschichten darüber verfolgt. Und darum steht für mich fest, dass Sebastian Fitzek es vollkommen falsch darstellt. So, wie es bei AchtNacht ist, ist das in der Realität nicht. So geht das nicht. In der Danksagung spricht er davon, dass ihm Spezialisten seine Fragen beantworteten. Aber alles, was man sonst dazu liest, ist komplett anders. Und ich tippe darauf, dass da eben ALLE ANDEREN Recht haben und Sebastian Fitzek nun leider nicht.
Dazu kommen weitere Ungereimtheiten und Logikfehler, die mich nur mit dem Kopf schütteln ließen.
Ich habe auch mit anderen Lesern gesprochen – die Fragen waren dort dieselben.

Apropos „dieselben“: Ben war wieder ein typischer Fitzek-Charakter, der so schon in vielen seiner Bücher vorkam. Sie haben immer große familiären Problemen, unglückliche Beziehungen, Schwierigkeiten mit Geld und dem Alkohol – Gescheiterte. Gerade die männlichen Hauptcharaktere der Bücher scheinen alle miteinander austauschbar – aber trotzdem nicht flach. Tiefgründig sind sie immer sehr. Auch dieses Mal. Auch die kleineren Rollen kommen nicht zu kurz, sondern bieten etwas Greifbares.

Was aber wieder wirklich einmalig war, war der Schreibstil. Er ist so flüssig, so weich und wohlig. Ich merke kaum, wie ich lese. Nie muss ich stolpern, nie irritieren mich Formulierungen oder Aussprachen. Er schafft es trotz Schwächen in der Story und der Personenwahl, dass sich Fitzek-Bücher schnell und problemlos lesen lassen.

Und das ist, was mir als Zusammenfassung zu „AchtNacht“ bleibt. Die Idee ist spannend und lässt einen auch sich selber Fragen: „Was würdest du tun? Wären 10 Millionen Euro es dir wert, einen Menschen umzubringen, den du nicht kennst?“. Doch leider fesselte mich der Verlauf der Geschichte nicht so sehr, wie er es hätte tun können.
Die Figuren waren nicht blass, aber charakterlich altbekannt.
Aber ganz am Ende, da ließ sich das Buch trotzdem wunderbar lesen. Trotzdem waren die Schwächen für mich so gravierend, dass ich einiges von der Höchstbewertung abziehe.

Sebastian Fitzek – AchtNacht
Knaur TB, 14. März 2017
ISBN 3426521083
408 Seiten
Taschenbuch; 12,99 Euro

Dan Vyleta – Smoke

Stell dir vor, deine dunklen Gedanken könnten sichtbar werden…

England, Ende des 19. Jahrhunderts. Eine Welt, die von einem besonderen Phänomen geprägt ist: Jede Bosheit, Unaufrichtigkeit oder Lüge manifestiert sich als Rauch, der unkontrollierbar dem Körper entweicht. Nur Thomas und Charlie, Schüler eines Elite-Internats, wagen es, die Gesetze des Rauchs zu hinterfragen. Sie stoßen auf ein düsteres Komplott aus Willkür, Macht und Unterdrückung und müssen schon bald um ihr Leben fürchten… (Klappentext)

Eigentlich habe ich mir vorgenommen, keine Rezensionsexemplare mehr anzufordern, weil ich noch einige zuhause habe. Aber dann kam die Information zu „Smoke“ und ich konnte nicht widerstehen. Das Buch klang zu gut.

Die Idee ist einfach klasse. Böse Gedanken, Lügen, Neid, alles entströmt den Menschen als Rauch. Mal ist er dicker, mal dünner, mal heller, mal dunkler. Doch immer können die Mitmenschen ihn lesen wie Gedanken, die sich von einem Menschen in den anderen übertragen. Schlechte Dinge können nicht mehr verheimlicht werden. Doch der Rauch schafft auch eine Zweiteilung in der Gesellschaft. Die armen Menschen, die Arbeiter, rauchen. Die Reichen und Mächtigen zeichnen sich durch fast vollständige Rauchlosigkeit aus. Thomas und Charlie, Kinder aus reichem Hause, wohnen in einem Internat unter Ihresgleichen. Doch die Weihnachtsferien, die sie bei Thomas Familie verbringen, werden alles verändern. Wie sie den Rauch sehen, wie sie die obere Gesellschaft sehen, wie sie ihr Leben sehen.

Schnell ist man inmitten der Geschichte, schnell passieren große Dinge, schnell ist es langweilig.
„Smoke“ hat 618 Seiten und peitscht einen in der Zeit durch viele Gegebenheiten. Erst passiert einiges im Internat, dann im Weihnachtsurlaub und ab da wird es eigentlich erst richtig hektisch. Doch leider kommt dabei zu keiner Zeit Spannung auf. Und das ist wohl das Dramatischste an der ganzen Lektüre. Es gibt so viel zu sehen, so viel passiert und ich langweilte mich da so durch.
Klar, das Buch ist offiziell kein Thriller oder Krimi, wo das Thema Spannung ganz oben stehen würde, aber nicht mal der düstere Komplott, den der Klappentext verspricht, versprüht irgendeine Art von Gefahr oder Nervenkitzel.
Natürlich passieren schreckliche Dinge, gefährliche Sachen. Aber diese kommen so unvermittelt, dass sich vorher keine Spannung aufbaut und dann werden sie so sehr ausgewalzt, dass es das alles auch nicht besser macht.

Als das Beste empfand ich weiterhin die Grundidee an sich. Es animierte mich sogar in der Anfangszeit des Buches, ab und zu zu denken: „Wäre dieser Gedanke, dieses Wort, diese Tat nicht auch Rauch wert gewesen?“. „Smoke“ brachte mich also anfänglich wirklich zum Nachdenken.
Doch umso länger das Buch wurde, umso weniger reizvoll wurde die Thematik, denn sie entwickelte sich nicht. Es gab einige neue Erkenntnisse zum Rauch, aber es brachte weder die Figuren noch den Leser wirklich voran.
Und letztendlich bleiben die großen, essentiellen Fragen zum Rauch ungeklärt. Das enttäuschte mich.

Oft schafft ein Buch es ja, mich trotz wenig Spannung von sich zu überzeugen, wenn die Figuren und die Sprache mitreißend sind. Doch leider schneidet in diesem Bereichen „Smoke“ auch sehr schlecht ab.
Die Figuren waren alle schwer zu fassen. Besonders nah war man an den beiden Hauptfiguren, den Jugendlichen Thomas und Charlie, dran. Thomas ist hart und distanziert, doch Charlie ist offen, ehrlich, herzlich und gütig. Er ist also der Kandidat, den die Leser spontan am meisten mögen können. Doch Dan Vyleta schaffte es zielsicher, die einzige – für mich – sympathische Person im Laufe des Buches auch verkommen zu lassen. Die Nebenfiguren sind durch die Bank nicht der Rede wert. Gemein, verlogen, gefährlich, arrogant – Sympathie kam bei mir nie auf.
Zusätzlich schwierig war, dass das Buch zum größten Teil in der dritten Person geschrieben ist. Wenige Kapitel sind aus der Sicht einer Figur geschrieben – dann in der Ich-Form. Aber weder sind das ausschließlich die Hauptfiguren noch macht es die jeweilige Person sympathischer.

Sprachlich hat es mir das Buch noch schwerer gemacht. Unnötig verkomplizierte Satzkonstruktionen stören oft den Lesefluss. Beschreibungen der Umgebung sind überladen mit Aufzählungen.
Da viel passiert im Laufe der Geschichte, kommen unsere Hauptfiguren an viele verschiedene Orte, zum Beispiel ein Bergwerk. Vyleta scheint sich damit, aber auch mit anderen Dingen, sehr ausgiebig beschäftigt zu haben und nutzt vollumfänglich das jeweils passende Vokabular. Dass der Leser dabei nicht immer mit allem vertraut sein wird, scheint für den Autoren Nebensache zu sein. Klarer Fall von: Er hat sich sehr bemüht, alles perfekt zu beschreiben. Leider schlägt sich das negativ auf das Lesevergnügen nieder.

Ich habe fast zwei Monate für „Smoke“ gebraucht. Ich hatte es extra direkt nach dem Erhalt angefangen, um ein Rezensionsexemplar nicht lange liegen zu lassen. Doch dann wurde mir das Lesen so wahnsinnig schwer gemacht.
Gute Idee, aber langweilige Geschichte, unsympathische Figuren und kein flüssiger Schreibstil. Als würde das nicht schon reichen, wurden die drängendsten Fragen der Geschichte nicht beantwortet. Praktisch: Das Ende reihte sich perfekt in das enttäuschende Buch ein.
Allein wegen der guten Idee, gibt es .

Dan Vyleta – Smoke
Originaltitel: Smoke (Juli 2016)
carl’s books, 13. März 2017
ISBN: 3570585689
618 Seiten
Broschiert, 16,99 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

Arthur Schnitzler – Traumnovelle

Die Ehe von Fridolin und Albertine steckt in der Krise, weil sich beide nach der Erfüllung ihrer erotischen Begierden sehnen, diese aber nicht ausleben können. Erst als sich Fridolin einer schönen Unbekannten hingibt und Albertine im Traum Erfüllung findet, kommen sie wieder zueinander. Jeder ist dabei für den anderen einen symbolischen Opfertod gestorben, der die Befreiung von den unterbewussten Trieben bedeutet. (Klappentext)

Fridolin ist ein angesehener Arzt, seine Frau Albertine kümmert sich um die gemeinsame Tochter.
Als er eines nachts an das Totenbett vom Hofrat gerufen wird, ahnt er nicht, dass diese Nacht unvergesslich sein wird. Mehr als eine Frau versucht ihn zu verführen und der geheimnisvolle Maskenball scheint sich als Gefahr zu entpuppen. Und das alles passiert ausgerechnet kurz nachdem er und seine Frau sich ihre geheimen Fantasien und Beinaheseitensprünge gebeichtet haben und sich dann versprachen, ab nun immer gleich alles zu erzählen…

Ich fand, die Geschichte klang unglaublich vielversprechend. Und das jetzt nicht, weil ich mich auf viele erotische Szenen freute, sondern weil ich auf die psychologischen Fragen gespannt war. Wird Fridolin seine Chancen nutzen? Wird er fremdgehen? Wird er es seiner Frau erzählen? Wird ihn ein schlechtes Gewissen plagen? Aber am allermeisten war ich gespannt auf den Maskenball, der mir als Einzelbilder aus der Verfilmung „Eyes Wide Shut“ (Review von zacksmovie) bekannt war.
Und tatsächlich war die Umsetzung anfänglich ziemlich gut und spannend. Immer tiefer gerät der Leser mit Fridolin in den Strudel aus Möglichkeiten und Abenteuern. Doch dann kippte das Buch für mich, die Spannung brach ohne Höhepunkt einfach ab.
Und dann hat es das Ende geschafft, dass das Buch mich doch vollkommen unbefriedigt zurückließ.

Der Leser ist die ganze Zeit bei Fridolin und begegnet mit ihm zusammen in der einen Nacht allerhand Personen. Doch leider ist er keine sympathische Figur. Er ist nicht nett oder liebevoll. Er ist eher ein Macho, fühlt sich als etwas Besonderes, kann total verstehen, warum ausnahmslos alle Frauen auf ihn stehen und nimmt sich Dinge heraus, die er anderen nicht zugestehst.
Vor allem zum Ende hin schüttelte ich beim Lesen ständig den Kopf über Fridolins Ansichten und Aussagen. Ich konnte mich nicht in ihn hineinversetzen und seine Entscheidungen auch nicht nachvollziehen.

Die Ansichten können jedoch aus dem gleichen Grund heraus anstrengend für heutige Leser sein wie die Sprache: Das Buch wurde vor gut 90 Jahren geschrieben.
Die Sprache ist dementsprechend unmodern und gewöhnungsbedürftig. Ich hatte in den ersten paar Seiten ziemliche Schwierigkeiten hineinzukommen. Dies besserte sich jedoch schnell.
Ich persönlich mag aber genau aus diesem Grund keine Klassiker. Selbst „Romeo und Julia“ oder „Kabale und Liebe“ (die beide ja noch einige hundert Jahre älter sind) nervten mich allein aufgrund der Sprache. Da bin ich wohl ein Kulturbanause.

Und das ist dann wohl auch der Grund, warum mich „Traumnovelle“ nicht begeistern konnte. Nicht einmal überzeugen.
Die Geschichte fand ich bis zur Hälfte wirklich gut und ich saß ziemlich gespannt da.
Doch die zweite Hälfte der Geschichte, die Person Fridolin und die Sprache verleideten mir den Spaß am Buch.
Ich mag wohl einfach keine Klassiker.
Dieser bekommt aber aufgrund der anfänglich starken Geschichte von mir.

Arthur Schnitzler – Traumnovelle
Anaconda, 31. August 2005 (Erstveröffentlichung: 1925)
ISBN 393848456X
95 Seiten
Gebunden; 3,95 Euro

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