Sarah Kuttner – Kurt

Lena hat mit ihrem Freund Kurt ein Haus gekauft. Es scheint, als wäre ihre größte Herausforderung, sich an die neuen Familienverhältnisse zu gewöhnen, daran, dass Brandenburg nun Zuhaue sein soll. Doch als Kurts kleiner Sohn bei einem Sturz stirbt, bleiben drei Erwachsene zurück, die neu lernen müssen, wie man lebt. (Text der Titelklappe)

Schon mit ihrem Buch „180° Meer“ hat mich Sarah Kuttner vor drei Jahren begeistert. Nun hat sie es wieder geschafft.

„Kurt“ fühlte sich unfassbar real an. Vielleicht, weil ich so viel davon mit meiner eigenen Geschichte verbinden kann.
Es fängt schon mit dem Setting an. Brandenburg. Das Bundesland, in dem ich geboren und aufgewachsen bin. Erst mit 20 Jahren hab ich es verlassen. Kuttner hat es geschafft, mir wieder für seine Schönheit die Augen zu öffnen. Die Alleen und Seen, die Wälder und die Parks.

Hierhin hat es nun Lena und Kurt verschlagen, damit sie näher bei dem kleinen Kurt sein können. Die Vater-Sohn-Beziehung hatte unter der Entfernung Berlin-Oranienburg zu sehr gelitten.
Da sitzt Lena nun. Sie, das Großstadtmädchen, die Freiberuflerin, die Kinderlose. Plötzlich ist der Sohn ihres Freundes den halben Monat bei ihnen. Plötzlich muss sie sich mit Gärten und Hausrenovierungen auseinandersetzen. Plötzlich ist alles anders, aber nicht unbedingt weniger schön. Bis Kurt stirbt. Und Lena plötzlich mit einem verwaisten Vater zusammen ist.

Schon der Klappentext verrät den großen Knall. Ich wusste, was passieren wird und trotzdem habe ich Kurti mein Herz stehlen lassen. Dieser kleine, herzliche Junge mit den fehlenden Schneidezähnen und Spielzeugautos in der Hand. Voller Spannung und Angst habe ich jede Situation kritisch beäugt, in der sich Kurt befand. Bis es kam. Es.
Doch auch danach verlor das Buch nichts von seiner Anziehungskraft. Ich musste doch sehen, ob Lena und Kurt – und auch Klein-Kurts Mutter Jana – ein wenig heilen können.
Wie sehr mich das Buch in seinen Bann zog, konnte ich klar an Zahlen festmachen. Ich wollte nur mal kurz am ersten Abend reinlesen. Den ersten Satz lesen. Die erste Seite vielleicht. Dann war ich auf Seite 140 und musste ins Bett. Den Rest habe ich am nächsten Tage gelesen.

Sarah Kuttner schafft es aber auch jedes Mal, dass mein Herz aufgeht bei ihrer Art zu erzählen. Wenn Leute sich in Gedanken verbummeln und durch den Garten hotten, um die Blumen zu gießen, dann bin ich zuhause. Dann bin ich selber wieder in Brandenburg und kieke, anstatt zu gucken. Gerade mit dieser Art zu schreiben, schafft sie kleine Lichtstrahlen in all dem Grau des Buches. Ich musste nicht selten lachen und damit ist doch eine weitere Parallele in das echte Leben gezogen. So traurig alles ist, man sollte nicht sein Lachen verlieren.

Mit ihrer Sprache hat sie aber noch mehr geschafft, was mir erst aufgefallen ist, als das Buch beendet war. Ich habe sie vor mir gesehen – Lena, Kurt, Kurt, Jana, den Nachbarn, die Schwester. Als würde ich sie kennen. Dabei wurde nicht einer beschrieben. Ich weiß nicht mal, ob Kurti braune oder blonde Haare hat. Aber all das brauchte ich nicht, um das Gefühl zu bekommen, ich hätte die Personen alle schon mal gesehen.

„Kurt“ – ein Buch wie ein Bosse-Song. Melancholisch und leicht zugleich. Und ein bisschen Brandenburg-Romantik, wie in seinem Lied „Frankfurt Oder“.
Ich habe großes Glück. Ich weiß nicht, wie es ist, ein Kind zu verlieren. Aber einige Personen in meiner Familie wissen es. Und das Buch gibt mir die Kraft, mich das nächste Mal zu meiner Oma zu setzen, ihre Hand zu nehmen und zu fragen: „Sag doch mal, wie hast du das überlebt?“
Ich durfte dahingegen dieses Buch lesen, während meine neugeborene Tochter auf mir lag. Ich musste aufpassen, ihr nicht das Köpfchen nass zu weinen und sie gleichzeitig nicht beim Lachen zu sehr durchzuschütteln. Und vielleicht ist das alles, was man über „Kurt“ wissen muss.

Sarah Kuttner – Kurt
S. FISCHER, 13. März 2019
ISBN 3103974248
240 Seiten
Gebunden; 20,00 Euro

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Ferdinand von Schirach – Der Fall Collini

Vierunddreißig Jahre hat Fabrizio Collini als Werkzeugmacher bei Mercedes gearbeitet. Unauffällig und unbescholten. Und dann tötet er in einem Berliner Luxushotel einen alten Mann. Grundlos, wie es aussieht. Ein Albtraum für den jungen Anwalt Caspar Leinen, der die Pflichtverteidigung übernimmt: Das Opfer, ein hoch angesehener deutscher Industrieller, ist der Großvater seines besten Freundes. Schlimmer noch, Fabrizio Collini schweigt beharrlich zu seinem Motiv. Leinen beginnt zu recherchieren und stößt auf eine Spur, die ihn mitten hineinführt in ein erschreckendes Kapitel deutscher Justizgeschichte. (Text der Titelklappe)

Am 18. April kommt die Verfilmung dieses Buches in die Kinos. Ich hätte ihn so gern gesehen – und das nicht nur wegen Elyas M‘Barek in einer der Hauptrollen. Da meine Tochter erst wenige Wochen alt ist, wurde das mit dem Kino nichts, aber ich habe die literarische Vorlage als Rezensionsexemplar erhalten. Darüber habe ich mich wahnsinnig gefreut.

Nachdem der bisher vollkommen unauffällige Fabrizio Collini einen Industriellen kaltblütig erschießt und sich danach direkt der Polizei stellt, sind alle überfragt: Staatsanwaltschaft, Nebenklage und auch der Pflichtverteidiger Caspar Leinen. Denn obwohl Collini zu jeder Zeit gesteht, der Mörder zu sein, bleibt er darüber hinaus schweigsam. Leinen sucht deswegen fieberhaft nach dem Warum und stößt dabei auf allerhand Überraschungen und Skandale.

Ferdinand von Schirach ist selber Strafverteidiger und schafft es deswegen, diesen Roman überaus realistisch wirken zu lassen. Er gewährt einen Blick hinter die Kulissen – in die Richterzimmer, Hinterzimmer und Wohnzimmer der Anwälte dieses Landes.

Die Handlung des Romans ist sehr überschaubar. Sie beginnt mit dem Mord und zeichnet dann den Prozess nach, unterbrochen durch wenige Rückschauen und einige private Einblicke in das Leben des jungen Rechtsanwalts Leinen.
Die Wirkung der verschiedenen Teile ist vollkommen verschieden. Der Prozess ist sachlich, klar, scharf. Die Rückblenden leben von ihren atmosphärischen Bildern und emotionalen Worten. Beides entwickelte einen regelrechten Sog.

Vom ersten Satz an steckt man mitten in der Handlung. Man ist direkt mit Fabrizio Collini im Hotel auf dem Weg zur Suite des zukünftigen Mordopfers. Keine Schnörkel, kein künstliches Aufblähen. Damit ist die Spannung sofort hoch.
Auch sonst ist das Buch zwar nicht linear oder gar simpel, aber trotz Sackgassen und Wendungen auch nicht künstlich verlängert oder verkompliziert.

Trotz der wenigen Seiten und der meist geradlinigen Sprache kommen die Figuren und ihre Hintergrundgeschichten nicht zu kurz. Ich habe keine Ahnung, welche Haar- oder Augenfarbe Caspar Leinen hat. Ich weiß nicht, welche Farbe die Schuhe des Staatsanwalts haben – aber was ich kenne ist ihr Charakter. Mit wenigen Worten stellte von Schirach klar, wer wie einzuordnen ist, ohne dabei die Figuren schwarz oder weiß zu zeichnen. Man bekommt Einblicke in Seelenleben, Charaktereigenschaften und Lebensgeschichten.

Es ist ein großes Glück, dass Ferdinand von Schirach nicht nur Strafverteidiger geblieben ist, sondern anfing, seine Geschichten aufzuschreiben – sowohl die realen aus seiner Kanzlei als auch die fiktiven. Mit „Der Fall Collini“ hat er mir ein kurzweiliges und spannendes Buch beschert. Es gab Überraschungen, Wendungen und eine überzeugende Geschichte. Der „echte“ Einblick in die Arbeit der Justiz war dabei nur ein Bonus.
Die Geschichte von Fabrizio Collini hat definitiv das Potenzial, viele Leser nicht nur lesetechnisch, sondern auch emotional zu packen. Nur, weil es mich persönlich nicht auf der emotionalen Ebene bekommen hat, ziehe ich ein bisschen bei der Bewertung ab. Ich hatte aber trotzdem sehr viel Spaß mit dem Buch.

Ferdinand von Schirach – Der Fall Collini
btb, 13. Februar 2017 (erstmals veröffentlicht 2011)
ISBN 3442714990
199 Seiten
Taschenbuch; 10,00 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

Courtney Summers – Sadie

Sadie ist verschwunden. Die Polizei findet nichts als ein verlassenes Auto und ihren Rucksack. Auf flehende Bitte von Sadies Ersatzoma nimmt ein Journalist die Suche auf.

In seinem Podcast folgt West McCray Sadies Spuren und gräbt in ihrer Familiengeschichte. Erst vor Kurzem wurde Sadies Schwester Mattie ermordet aufgefunden. Auch wenn er die Zusammenhänge noch nicht versteht, spürt McCray intuitiv: Er darf keine Zeit verlieren.

Sadie hätte alles gegeben, um ihre kleine Schwester zu schützen. Jetzt bleibt ihr nur noch eines – sie muss Matties Mörder finden. Koste es, was es wolle. (Klappentext)

Sadie hatte bisher kein einfaches Leben. Sie wuchs ohne Vater, dafür mit einer drogenabhängigen Mutter und ihren wechselnden Verehrern in einem Trailerpark auf. Als sie sechs Jahre alt war, kam ihre Schwester Mattie zur Welt und damit begann ihre eigene zu leuchten. Plötzlich war da so viel Liebe, die sie von ihrer Mutter nicht kannte. Sie hat alles für Mattie getan, wollte sie nur glücklich sehen. Das zerbrach, als Mattie umgebracht wurde. Alles, was Sadie bleibt, ist der Wunsch, Matties Mörder zu finden und ihre Schwester zu rächen.

Die Geschichte um Sadie und Mattie wird abwechselnd aus zwei Perspektiven erzählt. Zum einen folgt man Sadie auf der Suche nach dem Mörder und zum anderen dem Podcast, der einige Monate nach Sadies Verschwinden – und damit auch ihrem Teil der Geschichte – spielt.
Daraus ergeben sich zwei komplett verschiedene Erzählweisen: Sadie beschreibt alles Erlebte tiefgründig und emotional, West McCray sachlich mit verschiedenen Interviewpartnern.

Die Story an sich ist prinzipiell eine altbekannte. Bücher über verschwundene Kinder gibt es wie Sand am Meer. Der Podcast macht das Ganze aber modern, frisch und bietet ein anderes Leseerlebnis. Schade ist dabei nur, dass sich das meiste doppelt. Alles, was man in Sadies Teilen hautnah miterlebt, wird von West McCray nach und nach aufgedeckt und nachverfolgt. Nichtsdestotrotz mochte ich diese Teile sehr gern – eben weil es besonders war.

Das Buch lebt vor allem davon, dass der Leser in die Geschichte von Sadie hineingezogen werden und mitfühlen muss. Der Leser muss ihr gebrochenes Herz fühlen und verstehen, warum für Sadie ohne Mattie nichts mehr von Wert ist. Er muss die Jagd quer durch die USA, das Nachgehen kleinster Hinweise und Puzzleteile nachvollziehen können.
Das Problem: Ich konnte das alles nicht. Sadie war für mich unnahbar und trotz ihrer tragischen Vergangenheit und großen Liebe zu ihrer kleinen Schwester unsympathisch. Ich baute keine Verbindung zu ihr auf.

Das Buch versuchte manche Details lange für sich zu behalten, um dann nach und nach die Umstände von Matties Tod und Sadies Suche nach dem Mörder aufzudecken. Doch die Details wurden nie mit einem großem Wumms entschlüsselt, sondern eher neben bei. Manches kann man vorher schon vermuten, anderes bleibt seltsam uninteressant.
Das wären immerhin die Stellen gewesen, in denen das Buch mit Spannung hätte glänzen können, aber leider hat es das – für mich – nicht geschafft. Insgesamt fehlte mir die Spannung. Mattie war schon zu Beginn des Buches tot und ich hatte keine Beziehung zu ihr, brauchte dementsprechend keine Rache für sie. Sadie fuhr von Station zu Station, um den Mörder zu finden. Das war manchmal langwierig und gab keinen Thrill her. Und auch das Ende war für mich nicht befriedigend.

Zusätzlich ist schade, dass der „Spannungsmacher“ auf dem Titel („Stirbt sie, wird niemand die Wahrheit erfahren.“) nicht stimmt. West McCray schafft es nach und nach den Weg von Sadie nachzuvollziehen und Geheimnisse aufzudecken. Da ist es vollkommen irrelevant, ob sie gefunden wird oder nicht.

Sadies Suche nach dem Mörder ihrer Schwester und die Suche des Journalisten nach Sadie hätte wirklich cool werden können. Spannend, aufregend, modern und berührend. Es blieb auf der Stufe „interessant“, das Leben aller Protagonisten kennenzulernen, doch egal, wie dramatisch es war, es kam nie zu mir durch. Durch den Podcast war das Buch trotzdem neu, modern und machte mir in Teilen Spaß. Dafür gibt es .

Courtney Summers – Sadie
Originaltitel: Sadie (September 2018)
Beltz & Gelberg, 7. Februar 2019
ISBN 340781240X
359 Seiten
Broschiert; 16,95 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

J. K. Rowling – Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind – Das Originaldrehbuch

Der Naturforscher und Magizoologe Newt Scamander kehrt soeben von einer Reise zurück, die ihn auf der Suche nach seltenen und ungewöhnlichen magischen Geschöpfen einmal um die ganze Welt geführt hat. Eigentlich will er gar nicht lang in New York bleiben, doch als sein Koffer vertauscht wird und einige seiner Tierwesen daraus in die Stadt entkommen, droht allen Beteiligten Ärger und große Gefahr… (Inhalt der Titelklappe)

Ich war kein besonders großer Fan des Films. Ich mochte die Atmosphäre und die Figuren, die Story fand ich jedoch recht langweilig. Sehr schnell hatte ich sie auch vergessen. Das war auch der Grund, warum ich als Vorbereitung auf den zweiten Teil das Drehbuch lesen wollte.

Newt Scamander kommt frisch in New York an, als ihm direkt ein paar Tiere aus seinem Koffer entschwinden. Auf seinem Weg, die Tiere wieder einzusammeln, trifft er Jacob Kowalski, der sich ihm kurzerhand anschließen muss. Doch in New York geht noch etwas ganz anderes vor sich. Eine gewaltige, schwarze Energie hat sich breitgemacht, zerstört Straßen und Häuser und ist damit kurz davor ist, die Magierwelt zu verraten. Die Zauberervereinigung Macusa kämpft um den Schutz dieser Welt, Mary Lou und ihre Kirche der Zweiten Salemer möchte sie wiederum zerstören. All diesen Begebenheiten sieht sich Newt nun gegenübergestellt.

Wenige weitere Nebenstränge gibt s noch und mir persönlich war es zu viel. Nicht alles war letztlich relevant oder fügte sich in die Hauptstory ein. Vieles war einfach Vorbereitung auf die weiteren Filme, die da kommen werden.

Die Spannung der Geschichte blieb für mich auch beim Nachlesen auf der Strecke. Ob Newt die paar entfleuchten Tiere einfangen kann, war jetzt nicht so der Catcher. Es war jedoch schön von den verschiedenen Tieren an sich zu lesen. Durch den Film hatte ich ja auch schon eine genauere Vorstellung der einzelnen Wesen.
Die Frage nach der dunklen Macht war für mich an der Stelle fast schon interessanter. Die war aber wiederum nicht so schön eingeführt und bot auch nicht so viel Vorstellungsmaterial wie die phantastischen Tierwesen.

Da das Buch „nur“ ein Drehbuch ist, ist es natürlich müßig, über die Figurenzeichnung, die aufgebaute Atmosphäre oder sprachliche Feinheiten zu berichten. Die sind nämlich nicht wirklich gegeben, aber darauf war das Buch auch nicht ausgelegt. Die Beschreibung der Szenen ist dafür so gut und ausführlich, dass man sich alles soweit vorstellen kann. Natürlich noch besser, wenn man den Film schon kennt.

Überhaupt ist es gar nicht so gewöhnungsbedürftig, wie man es vielleicht denken könnte, ein Drehbuch zu lesen. Ich persönlich hätte nur früher darauf achten sollen, dass vorn schon auf das Filmbegriffe-Glossar am Ende des Buches hingewiesen wird. Dann wäre ich auf manche Abkürzungen schneller gekommen.

Schade, mich konnte die Story weder als Film, noch als Buch so richtig fesseln. Im Film war wenigstens noch die Atmosphäre dabei, die mich wirklich begeistern konnte. Das ging den sachlichen Anweisungen und Beschreibungen im Drehbuch verloren. Newt finde ich leider auch nicht so süß und sympathisch wie andere. Insgesamt fand ich die Geschichte und das Buch ganz ok und durch die tollen Zeichnungen und die Thematik der Tiere ein ganz kleines bisschen besonders. Mehr aber auch nicht.

J. K. Rowling – Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind – Das Originaldrehbuch
Originaltitel: Fantastic Beasts and Where to Find Them: The Original Screenplay (November 2016)
Carlsen, 14. Januar 2017
ISBN 3551556946
301 Seiten
Gebunden; 19,99 Euro

Thorsten Steffens – Klugscheißer Royale

Timo Seidel ist 28 Jahre alt und führt ein Leben ohne jegliche Ambitionen. Anstatt wie seine Freunde Karriere zu machen, ist er in seinem Studentenjob hängengeblieben. Dementsprechend uninspiriert führt er seine Arbeit aus, so dass er fristlos entlassen wird. Zu allem Überfluss hat seine Freundin Cleo beschlossen, sich von ihm zu trennen. Nun steht er also da: Ohne Freundin, ohne Job, ohne Geld und ohne Perspektive. Aus heiterem Himmel bietet sich ihm jedoch eine außergewöhnliche Offerte: Er bekommt einen befristeten Arbeitsvertrag als Lehrer. Nun ist es also offiziell: Für die kommenden sechs Monate darf Timo staatlich beauftragter Klugscheißer sein. Im öffentlichen Dienst! Vom Staat angeheuert wie James Bond! Quasi 007 Klugscheißer Royale! Schnell muss er allerdings feststellen, dass der Lehrerberuf doch ein wenig schwieriger ist als ursprünglich gedacht… (Klappentext)

Als ich die Anfrage zu diesem Rezensionsexemplar erhielt, sprach mich der Klappentext sofort an, denn – ich will es nicht leugnen – ich erkannte einige Parallelen zu meinem Leben. Die Hörprobe des Buches überzeugte mich ebenso, indem sie mich prompt zum Lachen brachte. Ich musste einfach wissen, wie Timo Seidel sein neues Leben auf die Reihe bekommt.

Timo ist sarkastisch und intelligent. Eine Kombination, die nicht zwingend auf alle Menschen sympathisch wirkt, doch ich mochte ihn sofort. Er ist nicht wirklich eigen oder spinnerhaft. Er weiß halt Dinge besser. Und das vermittelt er dem Leser meist mit einer großen Portion trockenem Humor.
Mich veranlasste das häufig zum Grinsen und Schmunzeln, doch herzhaft lachen musste ich leider nie. Die Hörprobe hatte mich mehr mitreißen können, denn die Stimmspiele, das Pausenlassen, das Augendrehen, das man förmlich hören konnte – das geht beim Selberlesen leider alles etwas verloren.

Doch nicht nur Timo war mir mit seiner Art häufig sehr, sehr nah. Das ganze Buch schien nahbar und authentisch. Bücher müssen nicht immer authentisch sein, nicht real. Aber wenn sie es sind, dann dürfen sie nicht langweilig sein. „Klugscheißer Royale“ wird das allein durch Timos Charakter und seine Meinung und Einstellung zu den Digen, die in seinem Leben passieren, nicht. Nichtsdestotrotz könnte alles genau so passieren. Eine wohlige Normalität, die humorvoll dargestellt wird.

Häufig bemängele ich an Büchern, dass sie auf kein konkretes Ziel hinarbeiten und deswegen nicht spannend sind. Auch hier fehlt – mehr oder weniger – ein Konflikt, der aufgelöst werden soll. Doch durch die humorvolle Erzählweise und Timo an sich kam keine Langweile auf. Ganz im Gegenteil: Thorsten Steffens schaffte es ohne „Ziel“ etwas Spannendes zu schaffen.
Dabei gab es auch die ein oder andere Überraschung, die ich nicht erwartet habe. Aber auch an dieser Stelle bleibt sich der Autor treu, denn das Buch ist keinesfalls übertrieben wendungsreich. Selbst bei den Überraschungen bleibt es authentisch und immer im Bereich des Möglichen.

Die Nebenfiguren schließen sich dem Konzept an. Ein paar Arbeitskollegen lernt man kennen, eine Handvoll guter Freunde, Lehrerkollegen und einige Schüler. Steffens findet ein gutes Mittelmaß an Personen – nicht so wenig, dass man denkt, der Autor würde einem ein Erinnerungsvermögen absprechen und auch nicht so viele, dass man durcheinanderkommt. Eben genau so, wie man es im echten Leben bei Timo auch hätte erwarten können.
Die Figuren an sich sind alle auf dem Boden geblieben, in ihrer Art zum Teil aber auch austauschbar. Gut, dass der Autor nicht aus jedem Charakter einen Sonderling machen wollte. Tiefe Einblicke in die Leben der anderen bekommt man aber nur äußerst vereinzelt.

Zum Ende konnte mich das Buch auch noch richtig bewegen. Das hatte ich die Zeit über nicht geahnt und darum hat es mich umso mehr überrascht. Das führte mir noch einmal vor Augen, dass in diesem humorvollen Buch ernste Themen insgesamt nicht zu kurz kamen.

„Klugscheißer Royale“ besitzt mit Timo Seidel eine klasse Hauptfigur, die man so nicht allzu häufig an Büchern antrifft. Das Buch ist humorvoll, scheut sich aber auch nicht vor ernsten Themen. In dieser Kombination liest es sich wirklich schnell.
Die Kritik, die ich habe ist fast vernachlässigbar – und zudem sehr subjektiv. Es sind Dinge, die bei mir zutreffen, bei dem Nächsten aber schon ganz anders sein können: Das Buch ist durchaus spannend und ich wollte Timos Entwicklung verfolgen, ich war aber nicht so sehr in seinem Bann, dass ich es nicht mehr aus der Hand legen konnte. Außerdem hätte ich gern auch mal laut gelacht. Vielleicht war ich da von der kurzen Sequenz der Hörprobe schon zu verwöhnt und bin mit der reinen Schrift nicht mehr dazu veranlasst worden.
Mir hat das Buch insgesamt wirklich gut gefallen und ich habe auch schon meinen Freund dazu gedrängt, es als nächstes zu lesen. Das habe ich bisher noch nie gemacht.

Thorsten Steffens – Klugscheißer Royale
Piper, 1. August 2018
ISBN 3492501656
231 Seiten
Taschenbuch; 12,99 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

Trish Cook – Midnight Sun

Eine Liebe, so unendlich wie ein Sommernachtshimmel

Auf den ersten Blick ist die 17-jährige Katie ein Mädchen wie jedes andere: Sie schreibt ihre eigenen Songs, hängt mit ihrer besten Freundin ab oder beobachtet ihren Schwarm Charlie aus der Ferne. Als der eines Abends Katies Auftritt als Straßenmusikerin sieht, verliebt er sich Hals über Kopf in sie. Katie schwebt im siebten Himmel – doch sie verschweigt Charlie etwas Lebenswichtiges: Katie leidet an einer seltenen Krankheit, die jegliches Sonnenlicht zur tödlichen Gefahr macht. Wie berauscht treibt sie mit Charlie durch die lauen Sommernächte und setzt alles auf eine Karte… (Klappentext)

Nachdem eine Bloggerin auf Instagram vollkommen aufgelöst in ihre Instastorys schluchzte, weil sie eben „Midnight Sun“ beendet hat, wusste ich, dass ich dieses Buch auch lesen muss. Ich werde doch so gern von Büchern bewegt.

Das Buch hat wirklich große Buchstaben und wenige Seiten und doch brauchte ich einige Wochen, um es zu beenden.
Direkt am Anfang hatte mich das Buch schon ein wenig verloren. Katie spricht zum Zuschauer in sehr lockerer Weise. Das Lockere wirkt nicht unangenehm oder unpassend, aber doch so, dass ich gleich ahnte, in welche Richtung das Ganze gehen wird. Außerdem mag ich das Durchbrechen der vierten Wand einfach nicht.
Das nächste Mal hat mich das Buch ein paar Seiten weiter verloren. Gut, vielleicht kennt man das britische Boxenluder Katie Price nicht in Amerika und die Autorin ahnte nichts von der Dopplung, aber dass das kranke, kluge, musikalische siebzehnjährige Mädchen so hieß, konnte ich nicht ernst nehmen.

Die Geschichte an sich entwickelte sich dann schnell und vorhersehbar, selbst wenn man den Klappentext nicht kennt. Katie beobachtet ihren Schwarm Charlie seit Grundschulzeiten von ihrem Fenster aus und er ahnt nichts von ihrer Existenz.
Als er sie zufällig nachts beim Spielen ihrer Songs sieht, ist er sofort fasziniert. Da ist sie also: Die Chance für Katie, ihre große Liebe zu erobern.
Doch wie erklärt man jemandem, dass man sich keinem Sonnenlicht aussetzen darf und dass man sterben kann, wenn man es doch tut?

Ehrlicherweise steckt hier doch ein riesengroßer Logikfehler. Katie war anfänglich noch in der Schule, bevor sie zuhause unterrichtet wurde. Charlie ist in ihrem Alter und kommt jeden Tag an ihrem Haus vorbei. Beide wohnen in einer kleinen Stadt. Wie sollte er nie von dem Mädchen mit der seltenen Krankheit gehört haben? Vor allem, da andere ganz genau wissen, wer Katie ist.

Darüber hätte ich aber hinwegsehen können, wenn mich Katie berührt hätte. Sie blieb jedoch die ganze Zeit flach. Natürlich ist sie klug, tapfer, nett, liebevoll – all diese guten Dinge, aber ich kam nie an sie heran. Hatte auch keinen Grund dazu. Sie war nicht unsympathisch, aber eben auch nicht wirklich das Gegenteil. Sie interessierte mich einfach nicht.

Ich quälte mich also zu drei Vierteln durch eine vorhersehbare, unspannende Story mit mittelmäßig interessante Figuren. Die Sprache gab mir zusätzlich überhaupt nichts.
Dann schaffte das Buch es aber tatsächlich noch, mich zu berühren. Auch ich musste etwas heulen – aber bei Weitem nicht so wie die andere Bloggerin. Diesen Spagat des Buches konnte ich schwer begreifen: Ziemlich lahmes Buch, das mich letztlich doch berühren konnte.
So richtig hebt das meine Bewertung aber nicht. Es bleibt seltsam mittelmäßig.

Trish Cook – Midnight Sun
Originaltitel: Midnight Sun (September 2017)
cbt, 12. Februar 2018
ISBN: 9783570312124
296 Seiten
Taschenbuch, 10,99 Euro

Sebastian Fitzek – Das Paket

VORSICHT!
Öffnen auf eigene Gefahr

Ihr Postbote bittet Sie, ein Paket für einen Nachbarn anzunehmen. Einen Nachbarn, dessen Namen Sie noch nie gehört haben. Obwohl Sie schon seit Jahren in Ihrer kleinen Straße wohnen.
»Was kann schon passieren?«, denken Sie sich.

Und lassen damit den Albtraum in ihr Haus… (Klappentext)

Wie immer habe ich dieses Buch direkt nach dem Erscheinen gekauft, weswegen ich noch die Auflage habe, die mit einem Umkarton daherkommt. Speziell, besonders… wie meine Beziehung zu allen Fitzek-Büchern.

Seit Emma von dem Serientäter, der in der Presse nur „Der Friseur“ genannt wird, vergewaltigt und geschoren wurde, ist in ihrem Leben nichts mehr, wie es war. Die einst lebensfrohe Frau schafft es nicht mehr, aus dem Haus zu gehen. Sie ist von Ängsten geplagt und bekommt ihr Leben nur noch schwer auf die Reihe. Doch dann begeht sie einen Fehler: Sie nimmt ein Paket für einen Nachbarn an – sie bemerkt, dass sie weder weiß, wer der Nachbar sein soll, noch wo er wohnt. Emma sieht sich der nächsten lebensbedrohlichen Situation gegenüber…

Selten geht Sebastian Fitzek den Weg mit einer weiblichen Hauptfigur. Ebenso selten, wie er den Figuren ein intaktes Beziehungsleben gönnt. Doch Emma hat eines, sie hat einen tollen Mann, mit dem sie einen süßen Hund hat und einmal Kinder plante. Bis der Friseur sie vergewaltigte und sie danach eine Fehlgeburt erlitt. Dann änderte sich alles. Ihre Psyche, ihre Beziehung, ihr Kinderwunsch. Ihr Mann ist immer noch da. Er liebt sie, unterstützt sie, hilft ihr. Doch Emma ist nicht mehr heile. Emma ist das genaue Gegenteil.

Emma ist eine angeschlagene Person und auch eine unzuverlässige Erzählerin, denn weder sie noch der Leser können wirklich wissen, was real ist und was ihrer angstgebeutelten Fantasie entspringt. Trotzdem, oder gerade deswegen, ist es interessant, bei ihr zu sein und sie besser kennenzulernen. Wie immer ist sie eine vielschichtige Person, bei der man schnell tief in die Psyche eindringt. Ebenso authentisch wirken alle Nebenfiguren.

Mit dem unbekannten Paket rutscht Emma nun in eine neue Psychose und nimmt den Leser mit auf eine Reise. Man wechselt zwischen verschiedenen Zeiten, springt ohne Probleme vor und zurück, wobei sich das Puzzle um ihr Leben und ihr Leiden immer mehr vervollständigt.

Was beim Lesen für mich ein wenig auf der Strecke blieb, war die Spannung. Denn das Schlimmste hat Emma schon hinter sich. Sie ist eines der vielen Opfer des Friseurs. Und von dem Paket an sich geht erst einmal ja keine Gefahr aus.
Es ist interessant alles Weitere zu entdecken, ja. Aber spannend? Angsteinflößend? Gruselig? Nicht wirklich.

Vor allem durch die Zeitsprünge wird eine zweite Ebene aufgemacht: Die des Friseurs. Für mich lag hier die Stärke des Buches. Ich wollte unbedingt wissen, wer dieser Sadist ist und warum er Emma – und den anderen Frauen – so etwas angetan hat. Doch auch das war nicht spannend im klassischen Sinne, man musste nur verschiedene Puzzleteile zusammenfügen.

Das Buch besticht also weniger durch seine nervenaufreibende Spannung als vielmehr durch seine Atmosphäre. Dieses psychisch instabile Konstrukt der Geschichte lässt den Leser zweifelnd durch die Seiten schlingern.

Ich hatte insgesamt viel Spaß mit dem Buch. Ich mochte die Ausgangsgeschichte um das Paket als auch die Hintergrundgeschichte mit dem Friseur. Ich fand Emma eine interessante Hauptfigur und wollte mit ihr alle Rätsel lösen. Dabei umfing mich diese wunderbare Psycho-Atmosphäre.
Doch letztlich entwickelte sich die Geschichte für mich ein wenig behäbiger als ich es von meinem Lieblingsautoren gewohnt bin. Nichts konnte mich von einer Seite auf die andere überraschen. In dieser Kombination gibt es von mir .

Sebastian Fitzek – Das Paket
Droemer, 26. Oktober 2016
ISBN 3426199203
362 Seiten
Gebunden; 19,99 Euro
(Auch als Taschenbuch erhältlich.)

Weitere Bücher des Autoren (klicke für die Rezension):

Colleen Hoover – Nur noch ein einziges Mal

Colleen Hoover empfahl, den Klappentext nicht vorab zu lesen. Man sollte sich auf die Geschichte einlassen, ohne zu viel zu wissen. Ich habe das getan. Für alle anderen folgt er aber nun:

Manchmal sind es die, die man am meisten liebt, die einen am tiefsten verletzen…

Als sie nach Boston zieht, fühlt Lily sich zunächst wie in einem Traum: eine neue Stadt, der erste Job und dann noch Ryle – attraktiv, wohlhabend und bis über beide Ohren in Lily verliebt. Doch dann trifft Lily zufällig Atlas wieder, ihre erste Liebe. Auf einmal zeigt Ryle sich von einer Seite, die sie niemand erahnt hätte… (Klappentext)

„Dieses Buch hat mich zerstört und aufgebaut zugleich.“ las und hörte ich mehrfach über dieses Buch. Jubelnde Besprechungen, wohin ich sah. Meine Erwartungen waren unfassbar hoch.

Lily Blooms Leben hat sich radikal geändert, denn ihr Vater ist vor kurzem gestorben, doch so richtig schade findet sie es nicht. Und just an dem Abend, an dem sie ihrer fehlenden Trauer auf der Beerdigung Ausdruck verliehen hat, trifft sie auf einer Dachterrasse den faszinierenden Ryle. Sie verabschieden sich, ohne in Kontakt zu bleiben. Einige Monate später treffen sie sich jedoch wieder – und damit steht dem Beginn einer großen Liebe nichts im Weg.

Dankenswerterweise ergibt sich diese Liebe angenehm, langsam, natürlich. Ganz allmählich verliebte ich mich mit Lily in Ryle, den charmanten Arzt. Lily war überhaupt eine Figur, in die man sich gut und gern hineinfallenlassen konnte. Sie ist lustig, sympathisch, ehrgeizig und verliebt sich eben nicht kopflos – weder in Ryle, noch in ihre erste Liebe Atlas. Die gemeinsame Geschichte mit Letzterem lernt man in einer Art Rückblick-Briefen kennen. Und auch hier war es keine typische Hals-über-Kopf-Liebe. Es war ebenso authentisch und natürlich, wie später mit Ryle.

Richtig Spannung kommt hinein, als Lily überraschend Atlas wiedertrifft. Plötzlich ändert sich der Drive der Geschichte. Dinge sind plötzlich offen, an festen Verbindungen wird gerüttelt. Und dieser Punkt ist es, der das Buch für viele Leser so besonders macht. Ein Fakt, mit dem viele mitfühlen können, weil sie die gleichen Erfahrungen gemacht haben.
Für mich persönlich liegt hier aber die Krux des Buches, denn ich kann die Situationen nicht nachempfinden, ich habe nie in ihnen gesteckt. Natürlich fand ich das Buch trotzdem sehr gut, spannend, mitreißend und emotional – mir fehlte aber die verbindende Komponente. Die Komponente, die andere Leser „zerstört und aufbaut zugleich“.

Ich konnte mich also nicht zur Gänze emotional einfangen lassen, ich blieb immer ein wenig distanziert. Vielleicht waren es die zu hohen Erwartungen, vielleicht die fehlende Nähe zum Thema.

Nichtsdestotrotz war es ein Hoover-Feeling, wie man es kennt, was mich dazu verleitete, „Nur noch ein einziges Mal“ fast in einem Rutsch zu lesen. Mit weinen, hoffen, mitfiebern und mitlieben.

Schon länger steht Colleen Hoover meiner Meinung nach vollkommen zu Unrecht noch in der Jugendbuch-Ecke bei den Buchhändlern. Mit diesem hier hat sie es einmal mehr bewiesen. Vielleicht auch deshalb, weil sie viel ihrer eigenen Familiengeschichte mit hineingebracht hat.
Es war ein wundervolles Buch, das mich aufgrund der Thematik aber nicht ganz abholen konnte und mir das Herz nicht so gebrochen hat, wie ich es erwartet habe.

Colleen Hoover – Nur noch ein einziges Mal
Originaltitel: It ends with us (August 2016)
dtv, 10. November 2017
ISBN: 3423740302
411 Seiten
Broschiert, 14,95 Euro

Weitere Bücher der Autorin (klicke für die Rezension):

Jay Asher – Tote Mädchen lügen nicht

Man kann die Zukunft nicht st■ppen,
man kann die Zeit nicht ◄◄ zurückspulen –
doch wer auf Pl►y drückt. erfährt die Wahrheit.

Als Clay aus der Schule nach Hause kommt, findet er ein Päckchen mit Kassetten vor. Er legt die erste in einen alten Kassettenrekorder, drückt auf »Play« – und hört die Stimme von Hannah Baker. Hannah, seine ehemalige Mitschülerin. Hannah, für die er heimlich schwärmte. Hannah, die sich vor zwei Wochen umgebracht hat. Mit ihrer Stimme im Ohr wandert Clay durch die Nacht, und was er hört, lässt ihm den Atem stocken. 13 Gründe haben zu ihrem Selbstmord geführt, 13 Personen hatten ihren Anteil daran. Clay ist einer davon… (Klappentext)

Ich bin dem Hype erlegen. Nachdem alle mittlerweile die zweite Staffel von „Tote Mädchen lügen nicht“ auf Netflix schauen, musste ich endlich mal das Buch lesen. Erst dann kann auch ich die Serie beginnen.

Das Buch hatte noch nicht begonnen, da war ich schon gespannt. Ich wollte die 13 Gründe wissen, die ein junges Mädchen in den Selbstmord trieben. Und als ich dann zu lesen begann, kam eine zweite spannende Frage hinzu: Wie ist Clay darin verwickelt? Der liebe Clay… Er konnte einfach kein Teil der Kette sein. Er durfte kein Teil der Kette von Ereignissen sein, die Hannah ihren Lebensmut nahmen.

Doch umso weiter das Buch voranschritt, umso mehr nahm meine Spannung ab.
Clay fand ich immer noch als Charakter toll. Ich mochte ihn wirklich gern. Je mehr ich aber von Hannahs Geschichten hörte, desto mehr dachte ich, dass sie Clay sicher irgendwas anheften kann. Egal, wie sinnvoll es ist.

Dieses Gefühl zog sich irgendwie durch das ganze Buch. Neben Clay ist Hannah die zweite wichtige Erzählerin. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Hannah kann auf nichts mehr reagieren, es gibt keinen Dialog. Es gibt nur ihre Stimme auf den Kassetten. Und diese Stimme war mir unfassbar unsympathisch. Ich mochte Hannah nicht. Am meisten hatte das mit ihren Entscheidungen zu tun. Nicht mit der großen, endgültigen. Sondern mit den vielen kleinen davor.
Ganz ehrlich? Es fiel mir schwer, bei ihr kein Victim blaming zu betreiben. Wahrscheinlich ist es mir letztlich auch nicht gelungen. Denn ich fand vieles, was sie tat einfach unlogisch. Klar ist man als junges Mädchen, das sie war, nicht immer so stark, wie man glaubt zu sein.
Aber mal so als Beispiel aus dem Buch: Wenn ihr ein Junge seine Hand aufs Bein legt, während sie ihre Stirn auf seiner Schulter abgelegt hat und wenn sie ihm dann ins Ohr flüstert: „Was tust du da?“, klingt das für mich eher spielerisch. Es hätte nur noch ein „Uhhh“ vor ihrer Frage gefehlt. Vielleicht wäre da ein „Lass das!“ angemessener gewesen.
So ging es letztlich immer weiter.
Nein, ich fand all ihre Gründe ganz und gar nicht ausreichend, um sich umzubringen. Sie wirkte genervt von ihrem Leben und von ihren Mitschülern. Aber nicht so, als wäre sie am Boden zerstört, als wäre ihre Seele kaputt oder als wäre sie depressiv.

Ich las die Geschichten dann also keinesfalls so gespannt, wie ich es gehofft hatte.
Problematisch wurde das Lesen dann aber noch aus einem anderen Grund. Hannahs Geschichte ist kursiv gedruckt, Clays Gedanken dazu Standard.
Beim schnellen Lesen verpasste ich dann manchmal den Typowechsel und wunderte mich, von was Hannah jetzt redet. Denn Clays Teile hingen immer irgendwie mit Hannah zusammen, mussten sich aber nicht zwangsläufig gerade auf das beziehen, was sie sagt.

Ich weiß es nicht, aber vielleicht war Jay Asher nicht der richtige, um diese Geschichte zu erzählen. Auch wenn ich ihm sein Einfühlungsvermögen nicht absprechen will, habe ich im eigenen Umfeld erlebt, dass viele Männer damit Probleme haben, sich in Frauen und ihre täglichen Erfahrungen und Erlebnisse hineinversetzen zu können. Vielleicht hat er ja Schwestern, Töchter oder Freundinnen, die ihre Teenie-Erfahrungen mit ihm geteilt haben, aber er hat sie nicht erlebt. Und genau das scheint mir für seine Art von Erzählung wichtig zu sein.
Vielleicht hätte er das Buch nach der großen MeToo-Debatte heute aber auch anders geschrieben. Mittlerweile ist das Buch ja auch über zehn Jahre alt.

So hat der Autor aber ein Buch geschaffen, das mit einer spannenden Grundidee auftrumpfen kann. Mit Clay hat es eine liebenswürdige Hauptperson, die von Hannah in eine unfassbar grausame Situation gebracht wird.
Der Umsetzung fehlt es vorn und hinten aber an so einigem. Vorrangig an ernsthaften Gründen und nachvollziehbaren Handlungen von Hannah.

Jay Asher – Tote Mädchen lügen nicht
Originaltitel: 13 Reasons Why (Oktober 2007)
cbt, 08. Oktober 2012
ISBN 357030843X
283 Seiten
Taschenbuch; 8,99 Euro

Dave Eggers – Der Circle

Huxleys schöne neue Welt reloaded: Die 24-jährige Mae Holland ist überglücklich. Sie hat einen Job ergattert in der hippsten Firma der Welt, beim »Circle«, einem freundlichen Internetkonzern mit Sitz in Kalifornien, der die Geschäftsfelder von Google, Apple, Facebook und Twitter geschluckt hat, indem er alle Kunden mit einer einzigen Internetidentität ausstattet, über die einfach alles abgewickelt werden kann. Mit dem Wegfall der Anonymität im Netz – so ein Ziel der »weisen drei Männer«, die den Konzern leiten – wird die Welt eine bessere. Mae stürzt sich voller Begeisterung in diese schöne neue Welt mit ihren lichtdurchfluteten Büros und High-Class-Restaurants, wo Sterne-Köche kostenlose Mahlzeiten für die Mitarbeiter kreieren, wo internationale Popstars Gratis-Konzerte geben und fast jeden Abend coole Partys gefeiert werden. Sie wird zur Vorzeigemitarbeiterin und treibt den Wahn, alles müsse transparent sein, auf die Spitze. Doch eine Begegnung mit einem mysteriösen Kollegen ändert alles …
(Inhalt laut Verlagshomepage)

Meine Bachelorarbeit, die ich nun schreiben muss, wird als Thema einen Vergleich vom Buch „Der Circle“ und Film „The Circle“ beinhalten. Um das zu realisieren, musste ich erst einmal das Buch lesen.

Die Geschichte beginnt an dem Ort, der schnell zum Dreh- und Angelpunkt von Maes Leben wird: die spannende und coole Firma „Circle“. Mae steigt in der Abteilung der Costumer Experience ein und arbeitet sich schnell hoch. Bald schon ist sie eines der Aushängeschilder der Firma. Die Geschäftsfelder, die sie so kennenlernt, sollen das Leben der amerikanischen Bevölkerung erleichtern: Finanzen vereinfachen, Profile in den sozialen Medien zusammenführen, fremde Ecken der Welt entdecken, in der eigenen Vergangenheit wühlen – dank des Circle ist nichts mehr unmöglich. Doch wann wird aus dieser Erleichterung eine Gefahr für die Freiheit?

Dave Eggers schaffte es, fantastische Bilder vom Circle an sich und dem Arbeiten dort zu vermitteln. Bilder, die mich direkt sehnsüchtig werden ließen. Schön muss es da sein. Hübsch, interessant, spannend. Die moderne Optik kombiniert mit all den Gratis-Angeboten und der Tätigkeit bei einem Unternehmen, das die Welt verändert. Ich wollte dort hin.
Doch umso mehr man erfährt, umso tiefer man mit Mae in die Geschäftsfelder einsteigt, umso gruseliger wird es. Umso realer wird es. Schnell wird einem klar, dass man von vielem heute entweder nicht mehr weit weg ist oder dass manches technisch sicher schon möglich ist. Und diese Erkenntnis kann Angst machen.

Mit Mae wird eine nette Person vorgestellt, die von der schieren Übermacht ihres neuen Arbeitgebers etwas eingeschüchtert ist. Vor allem in ihren Arbeitsanfängen schafft Dave Eggers etwas Besonderes. Bei der Darstellung ihres Arbeitsaufkommens und des stetigen Erweiterns des Umfangs ihrer Aufgaben war ich beim Lesen regelrecht gestresst. Ich saß mit Mae dort an diesem Schreibtisch und bekam einen Monitor nach dem anderen, musste eine Anfrage nach der anderen beantworten und musste innere, äußere und externe Feeds im Auge behalten, um zu kommentieren, bewerten und informieren.
Doch umso weiter die Geschichte voranschritt, umso weniger konnte ich Mae und ihre fanatische Blindheit ihres Arbeitgebers gegenüber ertragen. Irgendwann wurde dieses vollkommene Unterwerfen für mich unrealistisch und ich schüttelte ständig den Kopf über Maes Aussagen.
Dass sie sich den Aufgaben und Zielen des Circles so unterwarf, stand auch in krassem Gegensatz zu ihrem stetigen Überhöhen über die anderen Mitarbeiter.
Auch wenn Dave Eggers das bewusst so anlegte – denn es gab durchaus auch andere Figuren, Kritiker, Menschen, die Dinge hinterfragten – nervte mich Mae.

Die größte Schwäche des Buches liegt für mich aber an der fehlenden Spannung.
Es war unglaublich interessant, in diesem Unternehmen unterwegs zu sein. Die Ideen und Geschäftsfelder waren von Grund auf erst einmal alle schlüssig und würden unser aller Alltag tatsächlich auf bestimmten Ebenen erleichtern. Ich wollte gern immer mehr kennenlernen.
Doch das Zuschlittern auf die große Katastrophe geschah eher subtil und sehr langsam. Eine echte Spannung wurde so nicht aufgebaut.

Mit seinen 560 Seiten, die fast ausschließlich auf dem Circle-Campus spielten, entstanden für mich allerhand Längen. Viele Schleifen wurden gedreht, wenn auch jede neue Umdrehung die Schraube weiter in den Kern des Circle bohrte. Das Ziel und die Katastrophe kamen näher, aber eben sehr gemächlich. Für mich einfach zu gemächlich. Ich hätte verschiedene Arbeitsräume nicht sehen müssen, einige Aufgaben nicht begleiten müssen und so allerhand Personen nicht kennenlernen müssen, die einfach nie wieder eine Rolle spielten.

Insgesamt war das Buch und seine Idee also wirklich gut und beängstigend. Doch das Lesen war irgendwann etwas zäh und Mae wurde nach und nach immer unlogischer und unsympathischer.

Dave Eggers – Der Circle
Originaltitel: The Circle (Oktober 2013)
Kiepenheuer&Witsch, 14. August 2014
ISBN: 3462046756
560 Seiten
Gebunden, 13,99 Euro (als Taschenbuch erhältlich)

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