Anita Ganeri – Fantastic Stories for Fearless Girls

Wie Dornröschen, Schneewittchen oder Rapunzel ausharren, bis der Prinz sie rettet? Weit gefehlt! Die Märchen in diesem Buch erzählen von mutigen Mädchen und Frauen, die nicht auf ein glückliches Ende warten, sondern ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. So befreit Bradamante auf ihrem fliegenden Pferd ihren Geliebten aus den Fängen der bösen Hexe, Unanana rettet ihre Kinder aus dem Bauch eines Elefanten und die kleine Molly Whuppie trickst einen Riesen aus. Und das sind noch lange nicht alle Geschichten, von denen sich junge Heldinnen von heute inspirieren lassen können. (Klappentext)

Seit ich Mutter einer Tochter bin, überlege ich häufig, welche Werte ich ihr mitgeben möchte, was ich mir für sie wünsche und wie ich sie dabei unterstützen kann, ein selbstbewusstes und starkes Mädchen zu werden.
Im Oktober 2018, ich war schon schwanger, las ich von Keira Knightley, die ihrer Tochter keine Disney-Filme zeigte, weil ihr die vermittelten Frauenbilder nicht gefielen. Arielle, die ihre Stimme für einen Mann hergibt, Cinderella, die darauf wartet, von dem Prinzen gefunden zu werden. Auch wenn dieses Verbot seit kurzem aufgehoben ist, blieb mir der Fakt im Kopf. Gibt es zu wenig starke weibliche Vorbilder in Märchen und Filmen?
Diese Frage lässt sich nun mit Nein beantworten, denn Anita Ganeri hat 15 Geschichten zusammengetragen, in denen Frauen das Sagen haben und sich selber helfen.

Die Geschichten kommen von überall auf der Welt: von Peru über Norwegen, Niger und Indien bis Japan. Die Märchen sind alle unterschiedlich, spielen auf Inseln, in Wäldern, in Palästen oder unter Wasser. Es wird getrickst, verraten und gelogen. Die Frauen kämpfen mit Tieren, suchen magische Dinge und verlieben sich. Doch das Wichtigste: Die Entscheidungen gehen immer allein von den Frauen und Mädchen aus. Wenn sie zu etwas gezwungen werden sollen, verweigern sie es einfach.

Da liest man zum Beispiel von Nana Miriam, deren Dorf von einem Nilpferd bedroht wurde. Es beherrschte Magie und war immerzu hungrig, sodass es alle Reispflanzen und Ernten des Dorfes fraß und die Bewohner hungern mussten. Doch wo die Männer des Dorfes scheiterten, schafft es die kleine Nana Miriam, das Nilpferd mittels Magie und Kraft zu besiegen.
Oder es gibt Amira, deren Vater, der Sultan, das Geld mit beiden Händen aus dem Fenster warf. Um der Regierungskasse zu helfen, wollte Amira die letzten Goldbarren zu Geld machen. Sie war bei vier Händlern. Sie alle wollten mehr Geld für einen Barren zahlen, als er wert war, doch nur, wenn die Prinzessin ihre Frau wird. Mittels eines besonderen Schrankes schafft sie es, die Männer mit ihren eigenen Waffen zu schlagen.

Ich fand die Auswahl der Märchen, die durch niedliche Illustrationen von Khoa Le unterstrichen werden, klasse. Ich kannte nicht eines und allein durch die ganzen verschiedenen Länder, aus denen sie stammen, ist man ständig woanders, mal in Wüsten, mal im eisigen Nordland. Es war wirklich interessant, was andere Länder für Märchenfiguren kennen.

Die Geschichten an sich waren dann aber nicht im klassischen Sinne spannend. Man liest ja auch nicht atemlos, ob Dornröschen wohl wieder erwacht oder Rotkäppchens Oma doch noch gerettet werden kann.
Auch wenn sich manche Märchen in ihren Abläufen ähneln, bietet jedes doch genug Verschiedenes, damit keine Langeweile aufkommt.

Wie bei unseren bekannten Grimm’schen Märchen kann man aber sagen: So richtig geeignet für (kleine) Kinder ist das Buch nicht. Es gibt gefährliche Seemonster, kannibalische Riesen und Elefanten, die Kinder essen. Wobei man sich da natürlich fragen kann, ob es uns geschadet hat, von Hexen zu lesen, die Kinder in den Ofen geschoben haben oder Wölfen, die sieben Geißlein essen wollten. Mir nicht. Aber das muss jeder für sich und seine Kinder selber entscheiden.

Die 15 Geschichten für und über furchtlose Mädchen bieten auf jeden Fall jeweils eine tolle Moral und Ermutigung, eigene Wünsche zu verfolgen und für ein selbstbestimmtes Leben zu kämpfen. Ich habe sehr gern von Feng Mian, Zottelhaube, Tokoyo, Sumac und all den anderen gelesen.

Anita Ganeri – Fantastic Stories for Fearless Girls
Originaltitel: Fairy Tales for Fearless Girls (Oktober 2019)
Ullmann Medien GmbH, 31. März 2020
ISBN 374152459X
128 Seiten
Gebunden; 14,90 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

Matthias A. K. Zimmermann – KRYONIUM

Gefangen an einem unbekannten Ort, schmiedet der Erzähler heimlich Fluchtpläne. Die Tatsache, ohne Erinnerungen zu sein, erschweren das Vorhaben. Doch der Drang, endlich auszubrechen aus diesem furchteinflößenden, schneeverwobenen Schloss, lässt ihn jedes Risiko eingehen. Und so gerät der Erzähler immer tiefer hinein in einen wirren Strudel aus rätselhaften Begegnungen und magischer Paranoia, die er spielerisch zu entschlüsseln hofft, was ihn letztlich zum Ursprung seiner Erinnerungen führt. Der All-Age-Roman ist ein technoides Märchen, das sich mit Virtualität auseinandersetzt und die Frage aufwirft, was Erinnerungen sind und was sie bedeuten. Nichts ist so, wie es scheint in der Geschichte und die Frage, was Realität ist, muss immer wieder neu überdacht werden. (Klappentext)

Als ich die Anfrage für ein Rezensionsexemplar zu diesem Buch bekam, war ich direkt Feuer und Flamme. Keine Erinnerungen, Flucht, Schloss, Märchen, Schnee… es klang nach einem Buch, das eine fantastische Atmosphäre mit einer spannenden Geschichte verknüpft.

Als ich das Buch begann, war ich schnell ernüchtert. Ich konnte kaum etwas mit der Schreibart anfangen. Beschreibungen und Wörter wiederholten sich, Gespräche wirkten hölzern und gewollt. Manches klang, wie aus einem Schulaufsatz übernommen. Genervt begann ich schon, Post-Its an Stellen zu kleben, die ich in der Rezension als Negativ-Beispiel hervorheben wollte.
Es dauerte gut dreißig, vierzig Seiten bis nicht nur ich drin war. Es wirkte auch, als hätte sich der Autor quasi warmgeschrieben. Und ab diesem Moment konnte ich nicht mehr genug von KRYONIUM bekommen.

Fasziniert folgte ich der Hauptfigur, von der ich weder Namen noch Aussehen kannte. Nicht einmal das Geschlecht war bekannt. Doch das machte alles noch interessanter. Zusammen erkundeten wir dieses seltsam magische Schloss und fürchteten uns vor dem Ungeheuer, das im See um das Gebäude herum lebt und alles verschlingt, was ihm nah kommt. Wir schlichen zusammen durch den gruseligen Wald, in dem Gnome, Kobolde, Einhörner und sogar eine Hexe leben.
Und als ich da so wohlig in der Märchenwelt war, da entfaltete sich plötzlich eine Story vor mir, mit der ich nicht gerechnet habe. Schicht um Schicht entblätterte sich etwas, was mich immer tiefer in das Buch hineinzog. Jede freie Sekunde las ich. Selbst beim Kochen und Essen. Wenn Besuch da war, zog ich mich kurz mal zehn Minuten zurück, nur um ein Kapitel weiterzukommen.
Überraschung um Überraschung entdeckte ich und als ich dachte, ich wüsste jetzt, was Phase ist, krempelte der Autor all mein Wissen einfach um.

Es gab so unfassbar viele Verbindungen, Hinweise, Rätsel und Erkenntnisse. Nicht selten habe ich einen imaginären Hut vor dem Autoren gezogen, dass er das alles miteinander verwoben hat. Nicht einen Logikfehler habe ich in all dem Wust gefunden. Ganz im Gegenteil: Dinge, die ein Fehler hätten sein können, hebt der Autor extra hervor und ordnet sie ins Gesamtgefüge ein.

Das alles macht eine Rezension des Buches – vor allem in Bezug auf den Inhalt – wahnsinnig schwer. Denn mehr als den Plot, den auch der Klappentext wiedergibt, kann man eigentlich nicht erwähnen. Jedes weitere Wort wäre zu viel. Beim Lesen überkam mich schnell eine Idee, was auf dem Schloss vor sich geht und ich hatte absolut Recht und gleichzeitig kein Stück.

Bis zum Ende holperte es sprachlich mal an der einen oder anderen Stelle, doch ich sah eher, was für schöne Bilder Matthias A. K. Zimmermann mit seinen Worten malen konnte.
Vor allem physikalische Zusammenhänge haben es dem Autoren angetan und manchen Begriff erklärt er über die Notwendigkeit hinaus. Aber schnell war es ok für mich. Ich lächelte an der Stelle, an der ich bei anderen Büchern genervt wäre und dachte: „Tja, das ist wohl seine Art…“

Das Buch ist im besten aller Sinne komplex. Es ist eine Kunst, so etwas nicht schwierig werden zu lassen, sondern trotz aller Details und Verschachtelungen logisch und leichtfüßig zu bleiben. Meine Genervtheit der ersten Seiten ist komplett verflogen und hat sich absolut ins Gegenteil gewandelt. Ich bin begeistert und habe ein paar Spazierrunden dafür genutzt, meinem Freund alles über das Buch zu erzählen. Letztlich wäre ich gern länger bei dem Erzähler geblieben, der so klug und mutig war.

Edit:
Meine Rezension habe ich auch als Kurzform auf Instagram gepostet. Auf die Kritik zur Sprache hat der Autor geantwortet:

Der Anfang der Geschichte ist eigentlich sein Schluss. Ich habe den Roman rückwärts geschrieben, also mit dem Ende begonnen. Die Geschichte begann in seiner ersten Fassung also rasant in der Realität und führte durch mehrere Ebenen immer tiefer und tiefer hinab. Nach und nach entschleunigte die Handlung, die Sätze wurden länger, die Sprache in sich verschachtelter, bis der Schluss (also Kapitel 4 bis 1) dann quasi in einer Bildbetrachtung zugefroren war. Die Dramaturgie des Textes, so habe ich es mir vorgestellt, gleicht Wasser, das nach und nach zufriert. Eigentlich wäre es aber viel passender, so dachte ich dann, wenn es gerade umgekehrt wäre und die Dramaturgie einem Eiswürfel gleichen würde, der nach und nach auftaut und sich verflüssigt. Und so schrieb ich den ganzen Roman nochmals neu: vom Ende zum Anfang. Das hat natürlich die Wirkung, dass der Roman, so wie er jetzt vorliegt, wie eine Bildbetrachtung beginnt. Die Handlungen und ihre Figuren sind zu Beginn statisch und wie eingefroren, der Text liest sich quasi wie durch eine dicke Eisschicht. Die Räume und Landschaften tauen nach und nach erst auf, nehmen dann allmählich an Fahrt auf ab Kapitel 4. Man muss sich die Struktur des Romans als einen sich auftauenden Eiswürfel vorstellen …

Mein Gefühl, dass sich „warmgeschrieben“ wurde, stimmt also im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn der Autor dieses Gefühl auslösen wollte, hat er das bei mir auf jeden Fall erreicht. Nichtsdestotrotz begeisterte mich die Sprache anfangs nicht.

Matthias A. K. Zimmermann – KRYONIUM – Die Experimente der Erinnerung
Kulturverlag Kadmos Berlin, 28. Oktober 2019
ISBN 386599444X
324 Seiten
Gebunden; 19,90 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

John Boyne – Der Junge mit dem Herz aus Holz

Boyne_Der Junge mit dem Herz aus Holz

Von einem, der auszog, den Mut zu finden

Eines Morgens läuft Noah von zu Hause fort. Ein einsamer Waldweg führt ihn zu einem Spielzeugladen voller Zauber und Magie. Hier lernt Noah einen sehr ungewöhnlichen Spielzeugmacher kennen. Der alte Mann hat viel zu erzählen. In seiner Geschichte geht es um Abenteuer, Wunder und gebrochene Versprechen. So nimmt er Noah mit auf eine Reise. Eine Reise, die Noahs Leben verändern wird. Und die auch unser Leben verändern könnte.

Eine märchenhafte Parabel über den Trost des Erzählens (Klappentext)

Fast zwei Jahre lag dieses Buch auf meinem SuB. Und das, obwohl ich es damals unbedingt haben wollte.
Vielleicht lag es da so lange, weil mir das erste Buch, das ich von John Boyne gelesen habe, „Der Junge im gestreiften Pyjama“, nicht so richtig gut gefiel.
Vielleicht lag es da so lange, weil mich andere Bücher dann doch immer mehr interessierten.
Vielleicht lag es da so lange, weil es nie zu meiner Stimmung passte.
Vielleicht lag es da so lange, weil ich es auf meinem riesigen SuB schlicht und ergreifend übersehen habe.
Aber warum auch immer es da so lange dort lag, endlich habe ich es gelesen.

Die Welt schläft noch, da verlässt Noah Barleywater seine Eltern. Er will etwas Großes leisten und Abenteuer erleben. Immerhin ist er schon acht. Er durchquert seltsame Dörfer bis er zu einem Spielzeugladen kommt, der nicht minder merkwürdig ist. In dem Spielzeugmacher findet er jemanden, der ihm von großen Abenteuern erzählen kann und Noah besser versteht, als der kleine Junge denkt.

„Der Junge mit dem Herz aus Holz“ ist eine Geschichte voller seltsamer Begebenheiten. Es ist ein Buch, in dem man seinen Sinn für Humor irgendwo liegen lassen und Jahre verlieren kann, sodass man beide suchen muss. Ein Buch, in dem Bäume jammern, wenn man ihnen Äpfel von den Ästen stiehlt und Tiere reden können. Ein Buch, in dem Erinnerungen einen richtigen Platz im Kopf haben.

Man muss sich auf diese Dinge einlassen können, man muss fantasievolle Dinge als gegeben annehmen können, um das Buch zu mögen. Aber wenn man das tut, dann erwartet einen eine zauberhafte Geschichte. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Schon als Noah aus der Haustür trat, war ich dem kleinen Jungen verfallen. Er war klug und mutig und ich wollte ihn gern auf dem Weg in die Welt hinaus begleiten. Schnell wurde der kleine Junge immer vielschichtiger und tiefgründiger und ich wollte seinen Charakter mit ihm zusammen ergründen.
Der Junge mit dem Herz aus HolzDer alte Mann, der Noah seine Lebensgeschichte erzählt, war ebenso sympathisch. Gern verfolgte ich mit Noah zusammen die Erinnerungen. In der gebundenen Ausgabe sind diese Erinnerungen blau geschrieben und es finden sich einige passende Zeichnungen. Ich liebe solche Details in einem Buch.
Durch den weisen Mann lernt Noah viel über Reue, Abenteuer und die Dinge, die wichtig im Leben sind.

Doch so lehrreich es ist, so wenig spannend ist es auch. Ich hatte keinen wirklich Grund zum weiterlesen. Auch wenn die größte Frage ist: „Was wird aus Noah?“, hätte ich auch gut ohne die Antwort weiterleben können.

Die Sprache lässt den Zauber zum Glück durch die Geschichte wirken und versucht nicht noch zusätzlich einen draufzusetzen. Das wäre zu viel gewesen. Sie bleibt direkt und klar und eher ein wenig humorvoll. Passend für so eine Art von Geschichte.

Zum Schluss wartete noch eine Überraschung auf mich, die mich erfreute. Wer die Hinweise versteht bzw. überhaupt kennt, der wird schon früher drauf kommen.

Ich mag Märchen gern und auch in dem Buch mochte ich viel. Ich fand die Figuren toll und auch die magischen Dinge. Aber mir fehlte Spannung. Nicht, dass lehrreiche Geschichten immer spannend sein müssen, aber mir plätscherte das ein bisschen zu sehr dahin.
Am Ende – trotz Weisheit und Lehren und dramatischen Entscheidungen – berührte mich das Buch leider nicht. Da half auch der süße Noah nicht. Das Buch ging mir nicht nah, obwohl es darauf wohl angelegt war. 3,5 Sterne

John Boyne – Der Junge mit dem Herz aus Holz
Originaltitel: Noah Barleywater runs away (September 2010)
Fischer KJB, März 2012
ISBN 3596854776
237 Seiten
Gebunden; 13,99 Euro
(Auch als Taschenbuch erhältlich)

Frank-Thomas Kirchberg – Die goldene Kastanie

Kirchberg_Die goldene KastanieBei einem starken Gewitter verirrt sich Prinzessin Selina im Wald. Als sie irgendwann in eine trockene Höhle gelangt, steht plötzlich die Fee Jeraldine vor ihr und befiehlt ihr das Herz des Waldes, die goldene Kastanie wiederzubeschaffen. Sie wurde gestohlen und solange sie nicht wieder da ist, stirbt der Wald langsam ab.
Nur wenn Selina sich bereit erklärt die Kastanie zu suchen, findet sie einen Weg aus dem Wald. In ihrer Not trifft sie Graf Waldemar, der sich ebenfalls plötzlich verirrt im Wald wiederfindet. Zusammen mit ihm, der Magd Elsbeth und dem Knecht Johann versucht sie den Wald zu retten.
Doch Waldemar hat auch noch seine eigenen Probleme, die in Form von Richter Adelbert auftreten…

Graf trifft Prinzessin, Gestohlenes muss wiedergeholt werden, Schatzsuche, Verfolgungsjagd… In dem Buch finden sich altbekannte Motive, ein bisschen vermisse ich etwas Neues und Unbekanntes. Aber nichtsdestotrotz könnte auch daraus etwas richtig Gutes gemacht werden.
Könnte…

Der Autor sagt über sein Buch: „Meine Geschichte können sowohl Kinder, wie Jugendliche lesen, als auch genauso Erwachsene. Es ist sowohl ein Märchen, als auch eine Fantasy-Abenteuergeschichte mit ökologischem Touch.“
Märchen? Nun ja, ich glaube, es sind alle Anforderungen (Die Wikipedia der Bloggerin, die offensichtlich zu lange aus dem Deutschunterricht raus ist, freiwillig genannt hat) an ein Märchen erfüllt. Es ist ein Prosatext, die von wundersamen Begebenheiten erzählt. Es ist frei erfunden,die Handlung ist weder zeitlich noch örtlich festgelegt und es gibt phantastische Elemente.
Ansonsten sind auch meine persönlichen Märchen-Bedingungen erfüllt: Es gibt Burgen, Adlige auf Pferden, die der Prinzessin helfen, Feen, Gute, Böse… Passt also.
Aber ob eine einzige Fee gleich ein „Fantasy“ ausmacht und ein Ritt durch einen Wald eine „Abenteuergeschichte“ möchte ich ein bisschen bezweifeln.

Auch die Beschreibung, dass die Geschichte für Kinder, Jugendliche und Erwachsene geeignet ist, macht mir ein bisschen Bauchschmerzen. Für mich passt das Buch nämlich zu keiner Gruppe so wirklich. Für Kinder ist der einfache Stil der Geschichte sicher gut geeignet. Es wird gradlinig erzählt, es gibt bekannte Märchen-Elemente und eine Rettungsgeschichte ist einigermaßen interessant. Dafür empfinde ich die Sprache für Kinder vollends ungeeignet. Zu viele altertümliche Wendungen und Begriffe. Ich habe mir ab und zu vorgestellt, wie ich diese Geschichte einem Kind vorlesen würde und sah oft fragende Augen vor mir und Erklärungen, die den Lesefluss unterbrachen.

So mancher Satz wirkte gewollt hochtrabend ausgedrückt und wirkte deswegen sonderbar:

„[…]sie hatte schon lange keinen trockenen Faden mehr am Leib.“
„’ Das ist wohl gesprochen’, sagte die Fee Jeraldine.“
„’ Dieser Richter Adelbert ist ein ganz großer Bösewicht und er benimmt sich wie der allerschlimmste Flegel.’“
„Graf Waldemar und Prinzessin Selina sahen sich staunend an. Keiner von beiden fand Worte! Nach wie langer Zeit sahen sie sich wieder. Und auf welche Weise? Sie konnten es nicht glauben! Wie konnte so etwas nur geschehen?“ (Überhaupt gab es ständig rhetorische Fragen des Erzählers. Für mich definitiv zu viele.)
„Aber da war bereits Richter Adelbert da. ‚Abgefeimter Schurke!’, brüllte er den Grafen an.“
„So tafelten die beiden fürstlich!“

Für Jugendliche und Erwachsene war die Geschichte dann wieder zu einfach und unspannend dargestellt. Gerade dieses geradlinige, problemlose Erzählen macht es für diese Altersgruppen schwer. Es fehlte mir einfach eine gewisse Art von Komplexität. Ein paar mehr Seiten und Ausführungen hätten dem Buch nicht geschadet. Und die ein oder andere überraschende Wendung auch nicht.
Die Sprache machte es aber auch mir wirklich schwer und nicht selten musste ich die Augen verdrehen. Sie war kaum variabel. Wendungen und Wörter wiederholten sich in aufeinanderfolgenden Sätzen. Oft wirkte die Geschichte durch die Aneinanderreihung einfacher Sätze abgehackt. Andererseits gab es viele Komma- und Anführungszeichen-Fehler. Ein paar Mal fehlte ein ganzes Wort im Satz.

Am Ende passte für mich allerhand nicht zusammen.
Namen wie Elsbeth, Adelbert und Waldemar stehen in krassem Gegensatz zu Selina.
Moderne Ausdrücke und Worte mischen sich munter mit veralteten.
Das Versprechen einer Abenteuergeschichte passte nicht zu der einfachen Story.

Die Geschichte wurde 2007 als Hörspiel vertont. Ich glaube tatsächlich, dass das gut passt. Es gibt nur wenige Figuren, die Schimpftiraden des Richters kommen besser zur Geltung und wirken nicht so lächerlich wie beim Lesen. Mit ein paar einfachen Tricks lassen sich die Waldgeräusche gut nachahmen.
Ich glaube, als Vorlage für ein Hörspiel ist das Buch gut geeignet. Zum selber lesen eher nicht. 2 Sterne

Frank-Thomas Kirchberg – Die goldene Kastanie oder das Herz des Waldes
Kindle Edition, Januar 2014
69 Norm-Seiten (laut Autor)
eBook; 1,49 Euro