Dan Vyleta – Smoke

Stell dir vor, deine dunklen Gedanken könnten sichtbar werden…

England, Ende des 19. Jahrhunderts. Eine Welt, die von einem besonderen Phänomen geprägt ist: Jede Bosheit, Unaufrichtigkeit oder Lüge manifestiert sich als Rauch, der unkontrollierbar dem Körper entweicht. Nur Thomas und Charlie, Schüler eines Elite-Internats, wagen es, die Gesetze des Rauchs zu hinterfragen. Sie stoßen auf ein düsteres Komplott aus Willkür, Macht und Unterdrückung und müssen schon bald um ihr Leben fürchten… (Klappentext)

Eigentlich habe ich mir vorgenommen, keine Rezensionsexemplare mehr anzufordern, weil ich noch einige zuhause habe. Aber dann kam die Information zu „Smoke“ und ich konnte nicht widerstehen. Das Buch klang zu gut.

Die Idee ist einfach klasse. Böse Gedanken, Lügen, Neid, alles entströmt den Menschen als Rauch. Mal ist er dicker, mal dünner, mal heller, mal dunkler. Doch immer können die Mitmenschen ihn lesen wie Gedanken, die sich von einem Menschen in den anderen übertragen. Schlechte Dinge können nicht mehr verheimlicht werden. Doch der Rauch schafft auch eine Zweiteilung in der Gesellschaft. Die armen Menschen, die Arbeiter, rauchen. Die Reichen und Mächtigen zeichnen sich durch fast vollständige Rauchlosigkeit aus. Thomas und Charlie, Kinder aus reichem Hause, wohnen in einem Internat unter Ihresgleichen. Doch die Weihnachtsferien, die sie bei Thomas Familie verbringen, werden alles verändern. Wie sie den Rauch sehen, wie sie die obere Gesellschaft sehen, wie sie ihr Leben sehen.

Schnell ist man inmitten der Geschichte, schnell passieren große Dinge, schnell ist es langweilig.
„Smoke“ hat 618 Seiten und peitscht einen in der Zeit durch viele Gegebenheiten. Erst passiert einiges im Internat, dann im Weihnachtsurlaub und ab da wird es eigentlich erst richtig hektisch. Doch leider kommt dabei zu keiner Zeit Spannung auf. Und das ist wohl das Dramatischste an der ganzen Lektüre. Es gibt so viel zu sehen, so viel passiert und ich langweilte mich da so durch.
Klar, das Buch ist offiziell kein Thriller oder Krimi, wo das Thema Spannung ganz oben stehen würde, aber nicht mal der düstere Komplott, den der Klappentext verspricht, versprüht irgendeine Art von Gefahr oder Nervenkitzel.
Natürlich passieren schreckliche Dinge, gefährliche Sachen. Aber diese kommen so unvermittelt, dass sich vorher keine Spannung aufbaut und dann werden sie so sehr ausgewalzt, dass es das alles auch nicht besser macht.

Als das Beste empfand ich weiterhin die Grundidee an sich. Es animierte mich sogar in der Anfangszeit des Buches, ab und zu zu denken: „Wäre dieser Gedanke, dieses Wort, diese Tat nicht auch Rauch wert gewesen?“. „Smoke“ brachte mich also anfänglich wirklich zum Nachdenken.
Doch umso länger das Buch wurde, umso weniger reizvoll wurde die Thematik, denn sie entwickelte sich nicht. Es gab einige neue Erkenntnisse zum Rauch, aber es brachte weder die Figuren noch den Leser wirklich voran.
Und letztendlich bleiben die großen, essentiellen Fragen zum Rauch ungeklärt. Das enttäuschte mich.

Oft schafft ein Buch es ja, mich trotz wenig Spannung von sich zu überzeugen, wenn die Figuren und die Sprache mitreißend sind. Doch leider schneidet in diesem Bereichen „Smoke“ auch sehr schlecht ab.
Die Figuren waren alle schwer zu fassen. Besonders nah war man an den beiden Hauptfiguren, den Jugendlichen Thomas und Charlie, dran. Thomas ist hart und distanziert, doch Charlie ist offen, ehrlich, herzlich und gütig. Er ist also der Kandidat, den die Leser spontan am meisten mögen können. Doch Dan Vyleta schaffte es zielsicher, die einzige – für mich – sympathische Person im Laufe des Buches auch verkommen zu lassen. Die Nebenfiguren sind durch die Bank nicht der Rede wert. Gemein, verlogen, gefährlich, arrogant – Sympathie kam bei mir nie auf.
Zusätzlich schwierig war, dass das Buch zum größten Teil in der dritten Person geschrieben ist. Wenige Kapitel sind aus der Sicht einer Figur geschrieben – dann in der Ich-Form. Aber weder sind das ausschließlich die Hauptfiguren noch macht es die jeweilige Person sympathischer.

Sprachlich hat es mir das Buch noch schwerer gemacht. Unnötig verkomplizierte Satzkonstruktionen stören oft den Lesefluss. Beschreibungen der Umgebung sind überladen mit Aufzählungen.
Da viel passiert im Laufe der Geschichte, kommen unsere Hauptfiguren an viele verschiedene Orte, zum Beispiel ein Bergwerk. Vyleta scheint sich damit, aber auch mit anderen Dingen, sehr ausgiebig beschäftigt zu haben und nutzt vollumfänglich das jeweils passende Vokabular. Dass der Leser dabei nicht immer mit allem vertraut sein wird, scheint für den Autoren Nebensache zu sein. Klarer Fall von: Er hat sich sehr bemüht, alles perfekt zu beschreiben. Leider schlägt sich das negativ auf das Lesevergnügen nieder.

Ich habe fast zwei Monate für „Smoke“ gebraucht. Ich hatte es extra direkt nach dem Erhalt angefangen, um ein Rezensionsexemplar nicht lange liegen zu lassen. Doch dann wurde mir das Lesen so wahnsinnig schwer gemacht.
Gute Idee, aber langweilige Geschichte, unsympathische Figuren und kein flüssiger Schreibstil. Als würde das nicht schon reichen, wurden die drängendsten Fragen der Geschichte nicht beantwortet. Praktisch: Das Ende reihte sich perfekt in das enttäuschende Buch ein.
Allein wegen der guten Idee, gibt es .

Dan Vyleta – Smoke
Originaltitel: Smoke (Juli 2016)
carl’s books, 13. März 2017
ISBN: 3570585689
618 Seiten
Broschiert, 16,99 Euro

Kostenloses Rezensionsexemplar

4 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Melanie
    Mai 30, 2017 @ 19:54:32

    Du hast es durch! 😃
    Willkommen im Club!😊 Ich habe für dieses Buch auch sehr lange gebraucht. Am Ende immer nur 10-20 Seiten gelesen und wieder zur Seite gelegt. War sehr enttäuscht.
    Liebe Grüße

    Antworten

    • buecherherz
      Mai 30, 2017 @ 19:56:41

      Yeeeah! Das war aber auch ein Kampf! 😀
      Das letzte Drittel hab ich mehr oder weniger an einem Stück im Zug gelesen. Aber auch nur, weil dir Alternative war, etwas für die Uni zu tun. Darauf hatte ich glatt noch weniger Lust. 😀
      Liebe Grüße,
      Julia

      Antworten

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