Marie-Aude Murail – So oder so ist das Leben

Murail_So oder so ist das Leben

Erstens kommt es anders…
Violaine ist schön und gelangweilt. Ihr Vater ist arrogant und berufsmüde, die Mutter ständig gestresst. Ihr fünfzehnjähriger Bruder ist blöd und oberflächlich, die kleine Schwester ziemlich clever. Vaters junger Assistenzarzt ist süß, doch ein bisschen schwer von Begriff… Und dann wird Violaine schwanger. Klar, dass das ihr Leben durcheinanderbringt. Aber nicht nur ihres, sondern auch das der gesamten Familie. (Klappentext)

Ich weiß nicht, was ich mir so recht von dem Buch erhofft habe. Allzu spaßig klingt ja schon der Klappentext nicht. Aber vielleicht habe ich gedacht, dass Buch würde die großen Emotionen hervorrufen. Bei mir und bei den Protagonisten. So richtig ist das bei niemandem geschehen.

Von der Geschichte habe ich zusätzlich etwas anderes erwartet.
Ich dachte, der Klappentext würde die Ausgangssituation darstellen und man würde erleben, wie die Familie mit der voranschreitenden Schwangerschaft umgeht. Doch am Ende gibt es nicht mehr als auf dem Buchrücken steht.
Die Story erstreckt sich über einen Zeitraum von gut drei Wochen.
In der Zeit geht es hauptsächlich darum, wie unglücklich Vater Jean Baudoin mit seinem Job als Allgemeinarzt ist und um Violaines Zerrissenheit, ob sie abtreiben soll oder nicht.

Ich fand das thematisch nicht so richtig spannend.
Durch verschiedene Personen hat man unterschiedliche Meinungen zu Abtreibungen (bei Minderjährigen) gehört. Für manche ist diese Betrachtungsweise vielleicht interessant, ich persönlich weiß aber seit jeher, wie ich dazu stehe. Ich fand es jedoch fast immer gut und glaubwürdig dargestellt.
Die Behandlungen der verschiedenen Patienten durch Jean gefiel mir da schon besser. Vor allem, da die Fälle etwas abseits vom normalen „Husten, Schnupfen, Heiserkeit“ waren.

Mit vielen Personen im Buch kam ich nicht klar.
Arroganz, Zickereien, Boshaftigkeit, Hinterhältigkeit und schnippisches Verhalten waren oft anzutreffen. Sowohl bei den Nebenfiguren als auch bei den Hauptfiguren.
Glücklicherweise war Violaine zwar ein etwas lethargisches Mädchen, das auf vieles nicht so recht Lust hatte, aber sie war eine der Netten.

Warum nun aber so viele Nachnamen mit „B“ beginnen mussten, wunderte mich sehr. Baudoin, Boudin, Bernard, Bonpié, Bonnard, Bergeron.
Vor allem bei den ganzen Patienten wurde es für mich so kompliziert, dass ich immer wieder im Buch hin und her blätterte, um noch einmal nachzulesen, welches Problem der Patient hatte. Die gleichen Leute kamen zwar immer wieder, aber es wurde nicht jedes Mal wieder die Ausgangserkrankung oder das Ausgangsproblem erwähnt. Da der Leser von den Patienten beim ersten Mal oft nur ein paar Zeilen zu sehen bekam, vergaß man die Krankheitsfälle schnell wieder.

Sprachlich empfand ich es als „typisch französisch“.
Ich habe noch nicht allzu viele französische Bücher gelesen, aber die, die ich gelesen habe, waren von der Schreibart sehr ähnlich.
Die Sätze empfinde ich als sehr direkt, klar und treffend ohne groß verspielt zu sein. Manches Mal sogar etwas plump und trotzdem ein wenig pointiert. Insgesamt bekomme ich beim Lesen kein leichtes, zartes Sprachgefühl, sondern ein schweres. Mich zieht die Sprache regelrecht runter durch ihr Gewicht.
Oft fand ich sie hier auch viel zu altbacken.
Wenn ich die siebzehnjährige Violaine sagt: „›Du siehst müde aus, mein lieber Papa.‹ (S. 207), jemand mit Ende 20 sich an der Gegensprechanlage meldet mit: „›Ja, bitte? Sie wünschen?‹“ und jemand spürt, wie ihn „›große Schwäche an Leib und Seele überkam‹“ (S. 236), dann schüttelte es mich mal unangenehm.

Im Nachhinein frage ich mich aber auch, warum ich das Buch überhaupt aus dem Regal gezogen habe. Das Thema „ungewollte Schwangerschaft“ nervt mich schon eine ganze Weile.
In meinem Freundes-, Bekannten- und Verwandtenkreis wurden in den letzten Jahren so viele Frauen ungewollt schwanger, dass man gar nicht glauben kann, dass sich in meinem Umfeld eigentlich vorrangig gebildete, intelligente, starke Frauen befinden. Manche haben die Kinder bekommen, andere abgetrieben und noch andere haben sie verloren.
Ich verurteile dabei nicht mal eine ungeplante Schwangerschaft an sich. Das kann passieren. Nur die schiere Masse nervt mich brachial.
Deswegen war ich mit den Gedanken oft auch gar nicht wirklich bei Violaine, sondern schweifte immer mal ab und dachte: „Aha, das hat diese Freundin also auch erlebt.“, „Oh, das habe ich bei der anderen auch gehört.“, „Ach das passiert also dann und dann.“.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Mit der Sprache kam ich gar nicht klar und mit den Personen nur zur Hälfte. Das Thema fand ich zusätzlich nur so semi spannend.
Durch die großen Buchstaben und die wenigen Seiten hat sich das Buch aber rasend schnell gelesen.
Trotzdem kann ich nur 2,5 Sterne geben.

Marie-Aude Murail – So oder so ist das Leben
Originaltitel: La fille du docteur Baudoin (Oktober 2006)
Fischer Schatzinsel, Februar 2011
ISBN 3596853591
254 Seiten
Gebunden; 13,95 Euro
(Auch als Taschenbuch erhältlich)

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