Wolfgang Brenner – Aber Mutter weinet sehr


Als der kleine Johann spurlos verschwindet, ändert sich das Leben seiner Eltern
radikal. Robert, der Vater, verlässt sich auf die Polizei, Marie, die Mutter,
hat Angst, dass es den Kriminalbeamten mehr um die Ergreifung des Entführers
als um das Leben ihres Kindes geht. Und dann hängt eines Tages eine Tüte an
ihrem Fahrrad. Darin das Handy ihres Sohnes. Marie beginnt sich heimlich mit
dem Entführer zu treffen. Sie fleht ihn an. Er lässt sie zappeln. Dann bricht
der Kontakt ab. Bis Marie durch Zufall die Identität des Täters herausfindet.
Das Spiel beginnt von vorne. (Klappentext)

Fangen wir mit den positiven Seiten des Buches an: Es liest sich flüssig.

So, nun zu den negativen Aspekten:

Es fängt schon einmal damit an, dass das Buch für mich kein Psychothriller ist, so wie es das Cover ankündigt.
Dazu ist es zu langweilig, ohne Spannungsbogen. Natürlich leidet Marie stark
unter dem Verlust ihres Sohnes, aber ich empfand es eher als Krimi.

Die Figuren waren ohne Ausnahme unsympathisch, distanziert und schlecht beschrieben. Gerade bei den beiden Hauptfiguren Robert und Marie fehlten
Beschreibungen des Äußeren. Da der Erzähler die ganze Zeit alles aus Maries
Sicht darstellte, kannte man immerhin ihr Innenleben, aber das half nicht dabei,
sie sympathischer zu machen.
Sowohl sie als auch alle anderen Figuren trafen NICHT EINE logische
Entscheidung. Sie tat quasi alles um gegen die Polizei zu arbeiten (ja, ich
kann vielleicht nachvollziehen, dass Mütter in dieser Situation nicht mehr
rational handeln, aber SO abwegig ja dann nun auch wieder nicht), Robert und
sie waren eh keine Einheit und die Polizei maulte, meckerte und war genervt von
den beiden, anstatt sie mehr zu unterstützen und ihnen Halt zu geben.
Auch weitere Nebenfiguren waren kein bisschen besser. Ganz im Gegenteil, alles
wirkte kühl und zu wenig emotional.
Die Figuren lügen und betrügen sich gegenseitig in einer Tour. Wenn sie
miteinander interagiert haben, hätte ich das Buch am liebsten weggelegt, so
schwer konnte ich es ertragen.
Der Einzige, der mir sympathisch war, war Johann. Und von dem hat man ja nichts mitbekommen außer, dass er weg war.

Maries Suche nach Johann war durchzogen von viel zu vielen Zufällen. Davon
abgesehen, dass das Ganze nicht spannend dargestellt war, konnte ich mich
eigentlich nur darüber lustig machen, wie konstruiert es war. Somit war es mir
auch (leider) recht bald egal, ob Johann überhaupt noch gefunden wird und ob er
dann lebt oder tot ist.
Was mich in diesem Zusammenhang auch stört, ist, dass die Anfangssequenz nicht
in den Rest der Geschichte eingebaut war. Dort wurde eine Kinderleiche gefunden
und Marie sollte sagen, ob es ihr Kind ist. War es nicht, aber diese Stelle war
mitten aus all der Zeit irgendwo rausgerissen und als alles chronologisch
erzählt wurde, kam sie nicht mehr drin vor. Ich habe keine Ahnung, wann das
passiert sein soll.

Bei den Vorteilen habe ich ja gesagt, dass sich das Buch gut lesen lässt. Das
stimmt. Es liest sich schnell, da die Sprache sehr einfach ist. Das heißt aber
noch lange nicht, dass sie gut ist.
Es fängt schon damit an, dass es Wörter und Wendungen gibt, die kaum jemand
benutzt.
So wurde zum Beispiel jemand mit dem Wort „Stoffel“ beleidigt, Figuren
untereinander waren sich „nicht gram“ und alles „ließ sich an“ als wäre es so
und so. Anstatt sich jemand richtig bemüht oder angestrengt hat, hat er sich
für seine Familie „aufgerieben“. Ein ehrgeiziger, unerfahrener Mann ist hier
übrigens ein „Heißsporn“.

Das hätte ich noch akzeptieren können, hätte der Autor nicht ganz
deutlich gezeigt, dass in seinem Kopf heute die Berliner Mauer noch steht. Ich
hatte irgendwann versucht mir einzureden, dass das Buch vielleicht aktuell
veröffentlicht wurde, aber eigentlich früher spielt, aber spätestens, als
Schüler-VZ eine Rolle spielte, ging das nicht mehr.
Es folgt eine kleine Auflistung meiner „liebsten“ Ost-West-Sprüche in diesem
Buch:

  1. „Ich dachte erst, das ist jetzt einer dieser Westmänner, die sich
    Frischfleisch im Osten besorgen wollen.“ (S. 150)
  2. „Bei uns im Osten…“ (S 161)
  3. „… Lores Leben im Osten.“ (S. 198)
  4. „Irgendwann hatte sie einen Mann aus dem Westen kennen gelernt…“ (S. 198 )
  5. „…Lores Umzug in den Westen…“ (S. 198)
  6. „Allerdings hatte der zuständige Beamte im Osten nicht unbedingt den
    Eindruck, dass die Eltern der betreffenden Person sehr kooperativ wären. Sie
    gehörten wohl zu den Bürgern, die alle Institutionen des Staates, in dem sie
    nun leben mussten, als westliche Zwangsinstrumente ansahen.“ (S. 199)
  7. „Während sie denen im Osten gezeigt haben, wie rücksichtsvoll die
    westdeutschen Ermittlungsbehören vorgehen,…“ (S. 204)
  8. „Um es deutlich zu sagen: Menschen, die vom Osten in den Westen ziehen,
    verändern ihr Aussehen sehr schnell.“ (S. 206)
  9. „Sie müssen von Tom, der Frau aus dem Osten und von ihrem Sohn sein.“ (An
    dieser Stelle wurde Lore übrigens schon hunderte Male „Lore“ genannt. Sie wurde wohl plötzlich degradiert.) (S. 207)
  10. „Und diese Frau aus dem Osten?“ (S. 233)
  11. „Chemnitz sah aus wie eine westdeutsche Kleinstadt.“ (S. 270)
  12. „Die Kennzeichen der unter den tief hängenden Kiefern geparkten Autos
    zeigten ihr, woher die Anwohner und Camper kamen: ausschließlich aus dem Osten.“
    (S. 279/280)

Dass Lore aus Chemnitz kommen musste, war ja fast klar. Die neuen Bundesländer
bestehen ja eigentlich auch nur aus Sachsen… und der Sohn musste natürlich
Kevin heißen. Der Name steht doch so schön für dumme Ostdeutsche.
Ich habe beim Lesen dieser Stellen wirklich Hass bekommen und verstehe nicht,
was der Autor sich dabei gedacht hat. Vor allem, da diese Unterteilung in „Ost “ und „West“ ansonsten komplett unwichtig für die Geschichte war.

In meinem Blog ist die niedrigste Bewertung „1 Stern“. Nur, weil es sich
schnell weglesen ließ, bekommt dieses Buch einen halben Stern mehr: .

Wolfgang Brenner – Aber Mutter weinet sehr
Albrecht Knaus Verlag, 3. September 2012
ISBN 3813505030
288 Seiten
Broschiert; 16,99 Euro

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