Roland Jungbluth – Remember

Dieses Buch erregte allein durch sein Cover meine Aufmerksamkeit. Aber mal ganz im Ernst: Es ist wirklich fantastisch. Und der Klappentext steht dem in nichts nach:

Sie sagen, sie sind deine Eltern.
Sie sagen, sie lieben dich.
Doch du hast diese Leute noch nie zuvor gesehen.

Verängstigt erwacht Annabel eines Morgens in einer psychiatrischen Anstalt. Sie hat keine Ahnung, wie sie dort hingekommen ist. Und: Sie kann sich nicht mehr an ihre Eltern erinnern. Doch sie ist nicht allein. Michael, Eric und George, drei Jungen aus ihrer Schule, teilen ihr Schicksal. Als sie dem Hinweis einer unheimlichen Patientin folgen, zieht es sie immer tiefer hinein in einen Strudel voller Rätsel und verstörender Ereignisse. Plötzlich finden sie sich in einer Welt wieder, in der sie niemanden mehr vertrauen können – nicht einmal sich selbst. Auf der verzweifelten Suche nach Antworten und ihren Erinnerungen wandeln sie bald auf einem schmalen Pfad zwischen Realität und Wahnsinn, zwischen Leben und Tod
Und ihre Uhr tickt.

„Remember“ ist der erste Roman von Roland Jungbluth. Vorher war er als Cartoonist tätig. Der Autor hätte lieber mal schon eher anfangen sollen die Menschheit mit seinen Geschichten zu beglücken. Anders kann ich es nicht nennen, was er mit seinem ersten Buch geschafft hat.

Es geht um vier Schüler, die sich nur flüchtig kennen. Sie alle finden sich plötzlich in einer Irrenanstalt wieder, wissen nicht wie sie hier hergekommen sind und erinnern sich nicht an ihre Eltern. Sie wissen nur eines: Die Leute, die sich als ihre Eltern ausgeben, sind es definitiv nicht.
Alles in der Anstalt wirkt gefährlich und beängstigend und so, als ob hier etwas ganz und gar nicht stimmt. Als eine Patientin ihnen dann noch sagt, sie sollen besser fliehen und ein bestimmtes Haus suchen, verstärken sich die negativen Gefühle der Gruppe.
Sie fangen an einen Fluchtplan zu schmieden. Was ihnen wirklich bevorsteht, können sie aber noch lange nicht absehen. Und für alles haben sie nur neun Tage Zeit. Was danach geschieht, weiß niemand.

Die vier Hauptpersonen könnten unterschiedlicher nicht sein und doch bilden sie schnell eine Einheit und ergänzen sich, wo es nur geht. Schnell schloss ich sie erst einmal in mein Herz, weil mir ihre Lage so unglaublich leid tat. Das einzige Mädchen, Annabel, ist mutig, klug und warmherzig. Michael wurde von allen immer nur als protziger Rugbyspieler gesehen. Doch er ist so viel mehr. Eric ist ein homosexueller Schwarzer und hat es damit nicht so leicht. George ist schlau, will sich aber noch nicht so recht mit seiner Rolle abfinden.
Nach und nach fragt man sich, wem von ihnen man aber wirklich trauen kann. Denn es zeigt sich, dass sie alle vielschichtiger sind als zuerst angenommen. Nach und nach gibt es immer mehr an ihrem Charakter zu entdecken.
Das Abenteuer, das es zu bestehen gilt, wird immer aus der Sicht einer der vier beschrieben. So kann man sowohl die Figuren als auch ihre Beweggründe und Ängste besser kennenlernen.

Auf dem Weg zurück in ihr altes Leben bekommt die Gruppe immer wieder Steine in Form von Rätseln und Hinweisen in den Weg gelegt. Das Miträtseln ist durchaus möglich. Ich habe es jedoch schnell aufgegeben, da es eher die Art kryptischer Rätsel ist, in die man sich sehr gut hineindenken muss.

Die Atmosphäre ist sehr düster und beängstigend. Nicht selten bekam ich Gänsehaut und fürchtete mich vor dem, was noch kommen würde. Ich wusste nie, wem man vertrauen kann und was wirklich mit der Gruppe passiert ist.

Die tolle Geschichte, die spannende Atmosphäre und der flüssige Schreibstil machten es schwer das Buch aus der Hand zu legen. Und umso näher ich der Auflösung kam, umso schwerer wurde es zusätzlich.
Der Leser bekommt jedoch nach und nach einen Wissensvorsprang. Die Geschichte von Annabel, Michael, Eric und George aus dem Jahr 1969 wird nämlich immer mal wieder von einem Interview aus dem Jahre 2019 unterbrochen. Hier wird ganz langsam enthüllt, worum es geht.
Das Ende war dann vielleicht nicht ganz so überraschend und ausgefallen, wie ich es ganz am Anfang angenommen hatte, aber es ist logisch und gut umgesetzt. Das hat mir gefallen.

Der Schreibstil ist jedoch nicht nur flüssig, sondern auch abwechslungsreich. Er ist rasant, spielerisch, mal lustig, mal traurig und immer wieder malt der Autor wunderschöne Bilder mit seinen Worten:

„Sie wünschte, sie könnte ihnen ein kleines Stück von ihrem Glück rauben, damit sie es an einem Stock befestigen und wie eine kleine leuchtende Kinderlaterne vor sich hertragen konnte.“ (S. 155)
„Endlich sah Michael hoch und suchte Annabels Blick. Er atmete unregelmäßig. In seinen Augen kleine Seen.“ (S. 183)
„Das Spiel zwischen Gut und Böse wird nicht im Himmel ausgetragen und auch nicht in der Hölle. Es findet in dir selbst statt. Und wenn du ganz leise bist und in dich hineinhorchst, dann kannst du das Klirren der Schwerter auf dem Feld deiner Angst hören.“ (S. 344)

Dieses Buch hat die verschiedensten Emotionen in mir ausgelöst. Ich habe mich gegruselt, habe mitgefiebert, gehasst und gemocht, gerätselt und erkannt.
Es war fantastisch. Ich hatte lange nicht mehr so viel Spiel, Spaß und Spannung in einem Buch. Im wahrsten Sinne des Wortes ein WAHNSINNIG gutes Buch. Es verdient .
Auch wenn es in der Jugendbuch-Abteilung zu finden ist, ist das Buch für alle Altersklassen geeignet.

Roland Jungbluth – Remember
Arena Verlag, Juli 2012
ISBN 3401067575
380 Seiten
Gebunden; 14,99 Euro

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16 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Julie
    Okt 15, 2012 @ 13:40:09

    Das klingt wirklich sehr gut und landet auf meiner Liste 😉 Danke für Deine tollen Rezensionen.

    Antwort

  2. Kim
    Okt 17, 2012 @ 21:26:53

    Also das Cover hat auch meine Aufmerksamkeit erregt! ^^

    Antwort

  3. Roland Jungbluth
    Okt 19, 2012 @ 12:21:29

    Liebes Bücherherz,

    eine Freundin hat mich auf Ihren Blog und die schöne Rezension meines kleinen Buches aufmerksam gemacht. Und weil Sie mir damit wirklich den Tag versüßt haben, wollte ich Ihnen auf diesem Wege danken.

    Liebe Grüße und weiterhin viel Spaß beim Lesen und Bloggen!
    Roland Jungbluth

    Antwort

    • buecherherz
      Okt 19, 2012 @ 15:22:01

      Lieber Herr Jungbluth,

      es freut mich wirklich sehr, dass Sie auf meine Rezension aufmerksam geworden sind. Und ICH muss mich für dieses tolle und spannende Buch bedanken. Dieses Jahr hatte mich noch keine Geschichte sofort so in ihren Bann gezogen.

      Ich hoffe wirklich auf weitere Bücher von Ihnen!

      Liebe Grüße
      buecherherz

      Antwort

  4. Roland Jungbluth
    Okt 19, 2012 @ 18:25:56

    Na, dann hoffe ICH mal, dass ich Sie nicht enttäusche. Im nächsten Herbst gibt es einen neuen Jugendthriller.

    Schönes Wochenende! 🙂
    RJ

    Antwort

  5. Trackback: Monatsliste Oktober « Buecherherz
  6. Kermit
    Nov 03, 2012 @ 17:35:39

    Wow, die Rezi ist ja klasse! Das Cover spricht mich ehrlich gesagt überhaupt nicht an, aber bei deiner Begeistuerng musste das Buch natrlich sofort im Wunschbrunnen versenkt werden! Ich liebe Bücher mit „kryptischen Rätseln“, wie du es nennst und ich bin wirklich neugierig.
    Ist vorgemerkt und Weihnachten kommt bestimmt 🙂

    Antwort

    • buecherherz
      Nov 04, 2012 @ 00:41:37

      Dankeschön! 🙂
      Ich mag es ja eigentlich nicht, begeisterte Rezis zu schreiben. Die klingen meist so übertreiben und schleimig. Kritisieren kann ich besser. Aber dieses Buch hier hatte definitiv etwas Tolles verdient.
      Du magst das Cover nicht so? Ich musste dieses Buch gerade deswegen erstmal genau angucken.
      Ich bin sehr gespannt, ob du es auch demnächst lesen wird. Ich finde defintiv, es lohnt sich! 😉

      Antwort

  7. Trackback: Oktober-Liste « Buecherherz
  8. Helena
    Jan 05, 2013 @ 12:31:12

    Ich finde das Buch total toll 🙂
    Hab es gleich gelesen :3
    UNGLAUBLICH toll erzählt.

    Antwort

  9. Henrik
    Feb 28, 2016 @ 15:15:43

    Schöne Rezension!

    Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht beim Lesen und bin sehr froh, auf dieses Buch mehr oder weniger zufällig gestoßen zu sein. Es ist eine wunderbare Geschichte, die einem entgeht, wenn man sie nicht liest.

    Liebe Grüße
    Henrik

    Antwort

    • buecherherz
      Feb 29, 2016 @ 21:36:12

      Dankeschön!

      Ich bin auch heute – fast dreieinhalb Jahre nach dem Lesen – begeistert von dem Buch und erinnere mich sehr gut.
      Ich schaue auch immer mal nach, ob es neue Bücher von Roland Jungbluth gibt, aber bisher habe ich leider noch nichts gesehen.

      Liebe Grüße,
      Julia

      Antwort

      • Henrik
        Mrz 02, 2016 @ 07:20:11

        Nein, der Jungbluth scheint ein ruhiger Zeitgenosse zu sein. 🙂

        Aber gut, das eine Buch war eine richtige Bereicherung. Ich hoffe, dass ich das mit meiner baldigen Rezension auch deutlich machen kann und es noch ein paar neue Leser finden wird.

        Liebe Grüße
        Henrik

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