Michel Birbæk – Nele & Paul

Paul vermisst Nele.
Seit neun Jahren schon.
Dann steht sie plötzlich wieder vor ihm…
Es roch nach Frau. Ich schlug die Augen auf und lächelte. Bis ich sah, wo ich war.
Ein fremdes Schlafzimmer. Über mir hing eine Wanduhr, deren Ticken mich die ganze Nacht genervt hatte. Auf der Kommode neben dem Bett lag kein Zettel. Es duftete nicht nach Kaffee.
Niemand küsste mich wach. Niemand legte sich noch mal zu mir. Niemand verpasste mir einen süßen Blick wegen letzter Nacht. Nachts ließen One-Night-Stands einen bisweilen vergessen, dass es nicht die Frau des Lebens war, die da so schön seufzte. Doch das morgenlicht rückte das Verhältnis zurecht. Bloß zu Besuch.
Ich rollte mich aus dem Bett, griff nach meiner Hose und dachte an Nele. Das ist das Problem mit der großen Liebe – sie versaut einen für die kleinen.

Ist dieser Klappentext nicht schon wunderschön? Schlägt man das Buch dann auf, findet man ihn als erstes wieder, denn er ist fast der komplette Prolog.
Und gerade den letzten Satz werde ich mir wohl immer merken. Der ist ja wohl mehr als wahr.

Aber fangen wir beim Cover an.
Ich finde es wunderschön und schlicht. Es besitzt ein tolles, kräftiges Rot. Das Magnetband einer Kassette bildet ein Herz. Mein einziger Kritikpunkt: Die Kassette hat nichts mit dem Inhalt zu tun. Das hätte ich dann noch ein Stück besser gefunden.

Und auch die Grundidee der Story finde ich wunderbar. Die große Liebe, die nie aufhört. Das wünschen wir uns doch alle. Gut, Paul musste da jetzt erstmal neun Jahre leiden und lebte nicht wirklich, er existierte nur noch. Ein bisschen wie in Trance hatte ich das Gefühl. Kaum steht Nele wieder vor ihm, hat alles Sinn und seine Welt ist ein ganzes Stück bunter.
Und auch sie konnte ihn offensichtlich nie vergessen. Zwischen den beiden ist es, als hätte es diese neun Jahre ohne einander nie gegeben, obwohl selbst der Kontakt in dieser Zeit abgebrochen war.
Und von jetzt auf gleich gibt es diese unglaubliche Harmonie. Ich als Leser hatte auch nicht einmal den Gedanken, dass Nele ihre Liebe vorspielt, um irgendetwas bei Paul zu erreichen oder von ihm zu bekommen. Es kam ganz echt und authentisch rüber.
Und trotzdem hatte ich permanent das Gefühl, als ob wir auf eine unglaubliche Katastrophe zusteuern. Unterschwellig war immer die Angst, dass das Buch doch nicht einfach so viel Harmonie zeigen kann. Und das auch noch im tollsten Sommer. Der übrigens so fantastisch beschrieben war, dass ich zwischenzeitlich mal kurz die Augen geschlossen habe und mir ein Stück wärmer wurde.
Ob es diese große Katastrophe geben wird, möchte ich jetzt gar nicht sagen. Trotzdem hatte ich das Ende so nicht erwartet.

Was ich auch sehr mochte, waren die kleinen Nebengeschichten.
Es fängt schon damit an, dass Paul beim Polizeinotruf arbeitet und man einige Telefonate mitbekommt. Oder auch die Eskapaden seines besten Freundes Rokko.
Aber auch die Geschichte um die Bande (eine Gruppe, die gerade im Ort in einige Häuser einbricht und die Einwohner verletzt) war interessant. Gerade dadurch, dass auch solche Geschichten immer wieder aufgegriffen wurden und nicht nur kurz am Rande erwähnt, bekam das Buch für mich Tiefe. Es wirkte echter, da nicht nur Wert auf die Hauptstory „Nele & Paul“ gelegt wurde.

Doch nicht nur die Geschichte wirkte sehr authentisch, sondern auch die Figuren.
Sie hatten alle ihre Ecken und Kanten und ich konnte mich prima mit ihnen identifizieren. Jeder ist mir auf seine Art ans Herz gewachsen.
Manchmal hatte ich nur Probleme mit der unbegründeten Aggressivität, mit der vor allem Rokko oft antwortete. Mich überraschte das und ich verstand die Beweggründe selten.

Die Sprache war bildlich und flüssig. Sie besteht auch aus einer guten Mischung zwischen sachlicher Ausdrucksweise und Umgangssprache. Das passte sehr gut ins Bild, wenn die Dialoge nicht im besten Deutsch geschrieben waren.
Die Gespräche hatten es mir aber sowieso angetan. Ich kann immer nur wiederholen, wie authentisch das Buch geschrieben ist. Zum Beispiel gab es auch mal die Situationen, dass eine Person etwas erklärte und sein Gegenüber verstand nicht, wie es gemeint war. Dann wurde halt neu angesetzt und eine andere Herangehensweise beim Erklären versucht. Also so wie es in echt eben auch ist. Es wird nicht aneinander vorbei geredet, aber man versteht nicht alles auf Anhieb, wie es gemeint ist. Das hat mich sehr fasziniert wie gut das gemacht war.

Ein wenig verwundert war ich nur bei den Kapiteln. Neben dem Prolog und Epilog wird von Kapitel Zehn auf Kapitel Null herunter gezählt. So recht habe ich das nicht verstanden. Ich kann mir da schon etwas denken, das damit gemeint sein könnte, aber sicher bin ich nicht.
Aufgeteilt sind die Kapitel sehr unterschiedlich. Mal haben sie nur circa zehn Seiten, mal fast 90. Die einzelnen Kapitel sind aber immer sehr lesefreundlich in Abschnitte unterteilt. Zu lang war es mir manchmal trotzdem.
Begeistert war ich vom Epilog. Ich liebe ja diese kurzen Zusammenfassungen, was mit den Figuren (auch den Nebenfiguren) passieren wird. Hier wurde es so gelöst, dass der Epilog sechs Monate nach Kapitel Null angesiedelt ist und dort dann zusammengefasst wird, was in der Zwischenzeit passiert ist.
Die Geschichte ist insgesamt aber sehr spannend und ich habe den Sarkasmus geliebt, mit dem gerade Paul gut ausgerüstet ist. Für diese wundervolle Story über eine Liebe, die nie geendet hat, gibt es .

Michel Birbæk – Nele & Paul
Lübbe, Februar 2009
ISBN 3785723504
395 Seiten
Gebunden; 16,95 Euro

Advertisements

5 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. buchstabentraeume
    Mrz 09, 2012 @ 17:52:42

    Hach, da bekomme ich ja richtig Lust, das Buch noch mal zu lesen. Freut mich sehr, dass es dir auch so gut gefallen hat. Hatte schon ein wenig Angst, dass ich dir das falsche Buch empfohlen habe… Mit den Kapitelüberschrifen – das ist mir damals auch aufgefallen. Wirklich erklären konnte ich es mir damals nicht und auch jetzt habe ich spontan keine Idee, weil es einfach schon zu lange her ist, seit ich das Buch gelesen habe. Aber es ist definitiv eines der Bücher, die ich noch einmal lesen werde. Vielleicht erklären sich die Kapitelüberschriften dann beim zweiten Lesen.

    Antwort

    • buecherherz
      Mrz 10, 2012 @ 09:54:33

      Ja, das hat sich echt gelohnt.
      Danke für den Tipp!

      Ich würde ja jetzt gern meine Theorie zu den Kapiteln nennen, aber das würde wohl zu viel verraten. Aber ich denke da an etwas ganz Plumpes… Ich schreib dir das einfach per PN im BT 😉

      Antwort

  2. buchstabentraeume
    Mrz 10, 2012 @ 09:56:17

    Jaaa, mach das mal. 🙂

    Antwort

  3. seitengeraschel
    Mrz 11, 2012 @ 20:27:30

    Was für eine schöne und spannende Rezension, und wieder ein Buch mehr auf meiner Wunschliste! 🙂

    Antwort

    • buecherherz
      Mrz 12, 2012 @ 00:44:26

      Dankeschön! Das freut mich sehr!

      Ich muss echt sagen, dass es eher ein „Atmosphäre-Buch“ als ein „Story-Buch“ ist. Aber dafür ist die Stimmung dann eben umso toller 🙂

      Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: