Janet Evanovich – Gib Gummi, Baby!

Als ich mit „Heilig auf High Heels“ (Alix Girod) fertig war, habe ich ja gesagt, dass ich den Flop des Jahres gefunden habe.
In „Gib Gummi, Baby!“ hat das Buch aber einen würdigen Gegner gefunden. Ich kann kaum sagen, welches Buch schlechter war.

Laut Klappentext hätte es klischeehaft, aber gut werden können:

Als die junge Daisy Adams, die im Radio eine Tiersendung moderiert, ins Verkehrsressort wechselt, ist sie überglücklich: Denn erstens mag sie keine Rezepte für Hundefutter mehr präsentieren, und zweitens hat sie nun engeren Kontakt zu Steve Crow, ihrem äußerst gut aussehenden Chef. Aber Daisys Leben ist, gelinde gesagt, chaotisch, versucht sie doch gleich mehrere Jobs unter einen Hut zu bringen. Und eigentlich hat Daisy gar keine Zeit für so unproduktive Beschäftigungen wie eine neue Liebe…

Ich hasse Bücher, in denen im Klappentext schon Fehler sind.
So überglücklich ist Daisy gar nicht wegen des neuen Ressorts. Sie hat den Job zwar freiwillig übernommen, aber nur weil sie Geld braucht. Und die Rezeptsendung macht sie immer noch liebend gern, weil es ihr am Herzen liegt. Immerhin musste sie beim Chef auch einen Monat betteln, dass sie das machen darf. Und vor dem Chef hat sie anfangs etwas Angst. Große Freude war da nicht.

Dann hat der Titel auch überhaupt nichts mit dem Buch zu tun.
Da passt der englische („The Rocky Road to Romance“) noch ein wenig besser, weil sie ja nun immerhin die Verkehrsnachrichten übernimmt.
Aber „rocky“ war da trotzdem nichts. Ganz im Gegenteil (aber dazu gleich mehr)!

Außerdem passt das Cover so gar nicht! Daisy ist keine Schickimicki-Tussi, sondern trägt meist Jeans und T-Shirt. Und ein kleines Hündchen hat sie auch nicht. Steve legt sich im Laufe des Buches einen zu, aber einen jungen, riesigen, wuschligen, wilden Hund.

Eigentlich hätte ich aber schon eine schlimme Vorahnung haben sollen bei dem sprachlichen Schnitzer in der Überschrift des Klappentextes. „Die junge chaotische Daisy und ihr attraktiver Chef: Sie können zusammen nicht kommen – oder doch?“ „Zusammen kommen“ hat nicht immer etwas mit „Zusammenkommen“ zu tun. Das sollte mal jemand der Übersetzerin sagen.

Diese ist aber anscheinend eh keine Heldin.
Manches hat sie wohl einfach 1:1 übersetzt ohne groß zu überlegen, ob es für Deutsche Sinn macht: „Sie sind beide sehr nett, und ich weiß eigentlich nicht, warum sie sich dazu entschlossen haben, hier wie auf Tara zu leben.“ (Ist das irgendeine Redewendung, die ich nicht kenne?) oder „menschliche Ausgabe von Thomas, der kleinen Dampflok“ (muss der heimliche Bruder von Thomas, der kleinen Lokomotive sein).

Aber nicht nur die Übersetzerin hatte so ihre Probleme, sondern meiner Meinung nach auch die Autorin.
Aus der Liebesgeschichte wurde nichts rausgeholt.
Kaum musste Daisy ihren Chef fragen, ob sie den Posten des verletzten Verkehrsreporters übernehmen darf, werden seine Beschützerinstinkte geweckt und beide fliegen auf sich, wie die Motten auf das Licht.
Schon nach 19 Seiten fällt zum ersten Mal ein Satz, bei dem ich nur den Kopf schütteln konnte „Genau so fühlte er sich – wie ein kampferprobter Kater, der endlich die Liebe seines Lebens gefunden hatte.“. Ein paar Seiten weiter wurde es nicht besser: „Es war schon viel zu lange her, dass sie einem Mann gegenüber solche Gefühle empfunden hatte. Eigentlich hatte sie das noch nie erlebt.“ (Das war übrigens am ersten Abend mit ihrem neuen Posten.)
Später wissen die beiden auch gleich, dass sie Seelenverwandte sind (Jaja, das weiß man halt manchmal schon nach einer Woche.)
Ich fand das mehr als übertrieben. Die beiden haben immerhin schon ein Jahr miteinander gearbeitet und da hatte sich keiner für den anderen interessiert. Aber kaum reden sie fünf Worte miteinander, lieben sie sich über alles. Es ging zu reibungslos und da baute sich nichts langsam auf. Ich hab darüber permanent mit den Augen gerollt.
Hach, ich möchte so ungern spoilern, aber da das Buch so schlecht ist, kann ich eh keinem empfehlen das zu lesen. Wer es doch will, überliest bitte die nächsten Zeilen und macht bei „Die Personenbeschreibungen…“ weiter ;).
Ich habe mich nämlich schrecklich darüber aufgeregt, dass die beiden sich dann nach zwei Wochen verloben (was mehr oder weniger nur eine List von Steve war) und nach zweieinhalb Monaten stelle Daisy dann fest, dass sie schwanger ist (seit der Verlobung hatten die beiden sich aber nicht mehr gesehen, da sie Zeit für ihre Doktorarbeit brauchte). Darüber sind beide dann aber doch so glücklich, dass sie erstmal mit Cidre (auch Apfelschaumwein genannt… hat also Alkoholgehalt) anstoßen. Prima, an der Stelle hab ich mich mitgefreut 🙄 .

Die Personenbeschreibungen an sich blieben relativ platt und farblos. Es hatte keiner Ecken und Kanten. Selbst Steve, der ja eigentlich immer als so strenger und ernster Chef empfunden wird, steht gleich abends mit Essen vor Daisys Tür und kümmert sich liebevoll um sie, wo er nur kann.
Daisy selbst ist mehr mit Jammern und Zweifeln beschäftigt als alles andere. Ich kenne auch Amerikas Preislage nicht, aber ist es denn wirklich nötig, Zeitungen auszutragen, Schülerlotsin zu sein, im Altenheim zu arbeiten, ein Buch zu schreiben, im Radio eine Show zu moderieren und nebenbei noch Taxi zu fahren, nur weil man an seiner Doktorarbeit schreibt und ein kleines Häuschen hat (die in Amerika ja alle haben, so teuer kann es ja nun also nicht sein).
Es wohnt auch noch Daisys Bruder momentan bei ihr, da die Eltern im Urlaub sind. Er ist andauernd nur ungehobelt, vorlaut und isst ständig. Den Sinn seiner Figur habe ich nicht verstanden.
Und Bob, der Hund macht nie Probleme, obwohl er ein nicht mal ein Jahr alter Tierheimhund ist. Nicht das kleinste Problem macht er und nichts stellt er an.
Sowieso hatte ich das Gefühl, dass Bob alles versteht, was Menschen sagen und sehr menschlich handelt. Er trinkt beispielsweise auch Kaffee und sitzt brav am Tisch beim Essen.
Vielleicht habe ich bei Bob aber tatsächlich was verpasst. Es gibt nämlich eine Reihe über Elsie Hawkins und das hier ist der vierte Teil.

„Elsie wer?“ Denkt ihr jetzt sicherlich… Jaha, es gibt auch noch eine alte Frau in dem Buch, die Personenschützerin ist. Daisy fährt nämlich auf ihrer ersten Verkehrstour einen Drogendealer an und der kann deswegen dingfest gemacht werden. Ab da wird Daisy am Telefon bedroht und auch richtig angegriffen.

Ich finde schon, dass sich Frau Evanovich für so ein dünnes Buch hätte entscheiden müssen: Liebes- oder Gangster-Story? So wurden beide Handlungsstränge sehr schnell und platt abgehandelt. Beides lief reibungslos und die Auflösung, warum Daisy nun so bedroht wird und von wem eigentlich, wird in einem Nebensatz eingeworfen.

Auch wenn das Buch nun offiziell als vierter Teil der Elsie-Hawins-Reihe geführt wird, hatte ich nie das Gefühl. Elsie war nur eine Randfigur. Mit ihrer taffen und robusten eigenen Art war sie aber das Beste an dem Buch.

Es gibt aber noch zwei weitere kleine Pluspunkte. Zum einen ist das Buch mit 224 Seiten wirklich dünn.
Zum anderen wurde das mit dem Erzählen immerhin gut gemacht. Es gibt einen allwissenden Erzähler, der mal aus der Perspektive von Daisy, mal von Steve beschreibt. Das kann dann aber auch in einem Absatz wechseln, ohne verworren zu wirken. Man kommt gut mit und ist so immer auf dem Laufenden, was beide denken und wollen.

Leider habe ich noch einige Bücher von Frau Evanovich auf dem SuB liegen. Da bleiben die auch definitiv noch eine Weile. Von dem Schreck muss ich mich erstmal lange erholen.
In dem Zusammenhang kann ich auch nicht verstehen, dass unter dem Klappentext ein Zitat von The Bookseller Folgendes sagt: „Wenn man ein Buch von Janet Evanovich gelesen hat, will man sie alle!“
Also dieser Satz kann auf keinen Fall stimmen, wenn dieses Buch hier das erste ist.

Abschließend kann ich nur sagen, dass ich selten so ein irrelevantes Buch gelesen habe.
Nur weil es sich wirklich flüssig lesen lässt, gibt es nicht die niedrigste Sternbewertung, sondern ein halbes Sternchen mehr: .

Janet Evanovich – Gib Gummi, Baby!
Originaltitel: The Rocky Road to Romance (1991)
Goldmann, Oktober 2007
ISBN 3442461677
224 Seiten
Taschenbuch; 7,95 Euro

(Hmm, das deutsche Wikipedia gibt „Gib Gummi, Baby!“ als Einzelband an. Mein Bücherforum und auch die englische Wikipedia-Seite über Frau Evanovich sagen, dass es zu der Elsie-Hawkins-Reihe gehört. Der Ordnung halber, nehme ich die mal mit auf. Ach, und nicht wundern. Der vierte Teil hat zwei Titel, da er erstmal 1991 erschien und dann 2004 neu aufgelegt wurde in leicht veränderter Form.)

Reihenfolge der Bücher:
1. Eine ganz normale Bettgeschichte
2. Wer eine schöne Frau verführt
3. Eine Frau für einen Sommer
4. Wenn eine Frau aufs Ganze geht/ Gib Gummi, Baby!

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4 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. buchstabentraeume
    Feb 28, 2012 @ 20:28:51

    Hach, eine tolle Rezension! Vielen Dank dafür, die versüßt mir gerade den Abend! Einfach herrlich! Und viel Spaß mit den anderen Evanovich-Büchern! *lach*

    Antwort

  2. buchstabentraeume
    Feb 28, 2012 @ 20:48:09

    Oh, jetzt machst du mich aber neugierig… Hast du etwa in der Zwischenzeit noch ein Evanovich-Buch gelesen? *g*

    Antwort

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