Laurie Halse Anderson – Wintermädchen

Wintermädchen war das erste Buch mit der Thematik Essstörung, das ich gelesen habe.
Aus dem Klappentext war das für mich aber erstmal gar nicht so klar herauszulesen:

Ich rolle mich mit dem Gesicht zur Wand. Glasscherben rasen auf mein Herz zu, weil Cassie tot wie Stein ist. Sie starb im Gateway Motel, und ich bin schuld. Nicht die Modezeitschriften oder das Internet oder die fiesen Lästermädchen im Umkleideraum oder die hormongeschädigten Jungs auf dem Pausenhof. Nicht die Erfinder von Kleidergröße 0 und 00. Nicht mal ihr Eltern.
Ich bin nicht ans Telefon gegangen.

So beginnt auch das Buch. Lia erfährt gerade von ihrer Stiefmutter, Jennifer, dass Cassie tot aufgefunden wurde.
Cassie und Lia waren viele Jahre die besten Freundinnen und haben jeden Tag miteinander verbracht, da sie auch Nachbarinnen waren.
Eines Silvesters schwuren sie sich, dass sie die dünnsten Mädchen werden wollen. Ab da begann Lia zu hungern und Cassie begann alles in sich hineinzustopfen und dann zu erbrechen.
Nach einigen Jahren und mehreren Therapieversuchen, wandte sich Cassie von Lia ab, da sie angeblich an allem schuld war.
Und nun ist Cassie tot und Lia ging in der Todesnacht nicht ans Telefon, sondern ignorierte jeden der 33 Anrufe, da sie zu enttäuscht war.

Laurie Halse Anderson erzählt die Geschichte besonders eindringlich dadurch, dass Lia hier der Ich-Erzähler ist. Man bekommt nur Lias Denkweise und ihre Ansichten mit. Somit wird nicht viel von der Umgebung beschrieben und auch die Personen werden kaum charakterlich oder optisch beschrieben. Sonst hasse ich das ja, aber diesmal passte es wirklich gut. Lia kennt die Personen immerhin schon jahrelang und macht sich keine Gedanken über das genaue Aussehen. Und außerdem unterstreicht das nur, dass Lia in ihrer eigenen Welt feststeckt und eh eine verzerrte Wahrnehmung hat.

Lia verkörpert nämlich alle charakterlichen Eigenschaften einer Magersüchtigen. Sie findet sich mit 43kg immer noch fett. Sie findet sich nur schön, wenn sie ihren knochigen Käfig sieht, in den sie sich zurückziehen kann und von der Außenwelt abschottet.
Und ihre Ziele liegen noch bedeutend tiefer, denn bei 41kg wird sie schweben, denkt sie.
Es ist erschreckend zu lesen, welche Regeln sich Lia setzt und mit welchen Mitteln sie ihr Umfeld täuscht.
Konsequent wurden zusätzlich die Kalorienanzahlen hinter Speisen und Getränken in Klammern geschrieben. Von einigen Personen schätzt Lia sofort erstmal den BMI. Das unterstreicht gut, dass Lia den ganzen Tag an nichts anderes als ans Essen bzw. das Nicht-Essen denken kann.

Die Schreibweise des Buches ist besonders. Da Lia sich viele Gedanken verbietet, stehen die erstmal da, sind aber durchgestrichen. Danach steht dann, wie sie sich erlaubt darüber zu denken. Die Gedankenfetzen an die Todesnachricht sind sogar rechtsbündig gesetzt.
Und auch so gibt es in dem Buch noch ein paar typografische Besonderheiten (die jeder selber entdecken sollte 😉 ).
Gerade dadurch, dass das Buch so geschrieben ist, wie Lia reden würde, lässt es sich flüssig lesen und man bekommt gar nicht so schnell mit, wie die Seiten nur dahinfliegen.
Die Sprache ist sehr bildlich, symbolisch und poetisch, ohne unverständlich zu sein.
Trotzdem war mir das manchmal zu viel.
Lia ist beispielsweise in einer Online-Community unterwegs, in der sich die Mädchen gegenseitig beim Hungern unterstützen. Diese wird einmal beschrieben mit den Worten: Der „Chor der hungrigen Mädchen, die endlose Choräle singen, während ihre blutenden Kehlen langsam Rost ansetzen und sich mit Einsamkeit füllen.“
Und auch so hat die Autorin manchmal eine etwas andere Art Sachen zu beschreiben. Das hat sich in dem ersten Satz ja schon angedeutet und ging an Stellen wie „Sie bürstete mir das Haar und flocht Fremdwörter darin ein, webte die lateinischen Wurzeln und griechischen Herleitungen in meinen Kopf, damit mir das Anatomielernen leichter fallen würde.“ oder „Die Lehrer binden uns an den Stühlen fest und träufeln uns Welten in die Ohren.“ weiter.

Ich habe es an keiner Stelle bereut, mich auf diese Geschichte einzulassen, auch wenn es manchmal schwer war. Ich weiß zwar, dass dies eine rein fiktive Geschichte ist, aber aus verschiedenen Reportagen im TV weiß ich, dass Betroffene wirklich so handeln und denken. Und Lias Zustand verschlimmert sich auch zunehmend und es bleibt nicht nur bei der Magersucht.

Letztendlich blieben mir aber noch zu viele Fragen offen. Es wurde nie aufgelöst, ob sich Lia einiges einbildet oder wirklich bestimmte Sachen sehen kann. Gut, da ja aus Lias Sicht geschrieben wurde, kann man es gar nicht wirklich objektiv auflösen. Trotzdem fehlt es mir. Und die überpoetische Sprache machte das Lesen auch manchmal zu einer Herausforderung.
Insgesamt vergebe ich .

Laurie Halse Anderson – Wintermädchen
Originaltitel: Wintergirls (März 2009)
Ravensburger Buchverlag, Juli 2010
ISBN 3473353213
318 Seiten
Gebunden; 16,95 Euro

Advertisements

5 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. buchstabentraeume
    Feb 20, 2012 @ 09:33:32

    Das Buch ist wirklich ganz besonders. Nicht nur von der Handlung her, sondern vor allem vom Stil. An deine Beispiele konnte ich mich sogar noch erinnern, obwohl ich das Buch vor bestimmt zwei Jahren gelesen habe. Und wie du sagst: Es ist fiktiv, aber erschreckend realistisch. Ein wichtiges Buch, finde ich, dass sich vielleicht sogar als Schullektüre eignet.

    Antwort

    • buecherherz
      Feb 20, 2012 @ 09:44:30

      Stimmt, daran habe ich noch gar nicht gedacht, dass es auch als Schullektüre geeignet wäre.
      Aber ansererseits… Ich fand das Buch an vielen Stellen einfach zu positiv gegenüber der Magersucht (da Lia sie ja nicht für so lebensbedrohlich ansah) und auch die Vorteile und Schönheit ihres knochigen Körpers hat Lia hervorgehoben.

      Ihre Außenwirkung kam ja kaum drin vor. Also wie krank sie wahscheinlich wirklich aussieht. Daher denke ich, dass Mädchen (oder auch Jungs), die etwas labiler sind, vielleicht ziemlich gute Abmagerungs-Tipps bekommen.

      Antwort

  2. buchstabentraeume
    Feb 20, 2012 @ 09:58:00

    Stimmt, da hast du völlig Recht, Tipps um noch weiter abzumagern werden in diesem Buch gegeben. Aber andererseits zeigt das Schicksal von Cassie ja ganz klar, wie schlimm diese Krankheit ist. Und Lia wird von extremen Selbstvorwürfen geplagt. Ich denke, es wird deutlich genug, welche schrecklichen Folgen diese Krankheit hat. Und mit der Anleitung eines qualifizierten Lehrers sollte sich das Buch durchaus lesen lassen. 😉

    Antwort

  3. buchstabentraeume
    Feb 20, 2012 @ 10:25:00

    Ach, Recht oder nicht, ist doch egal. Ist bloß meine Meinung dazu. 😉 Kannst doch eine andere haben. 😉

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: