Florian Beckerhoff – Frau Ella

Von diesem Buch hatte ich nichts erwartet. Weil ich mir nie Rezensionen durchgelesen habe, wusste ich auch nicht so wirklich, worum es geht. Warum ich es mir damals zugelegt hatte? Weil ich es auf dem Bücherbasar auf Arbeit günstig erstanden habe und eine Freundin es unbedingt haben wollte (meine Logik: dann muss es ja gut sein 😀 ). Keine guten Gründe, aber für mich reichten sie.
Tatsächlich fand ich aber schon damals den Klappentext nicht wirklich ansprechend:

Frau Ella, rüstige 87, soll am Auge operiert werden. Völlig unnötig, findet sie. In der Klinik begegnet ihr zum Glück der junge Sascha, befreit sie aus den Fängen der Ärzte und quartiert sie erst einmal bei sich zu Hause ein. Nur für eine Nacht, glaubt Sascha. Doch dann kommt alles anders. Ein humorvoller und warmherziger Roman über eine ungewöhnliche Freundschaft.

Leider bin ich nie mit den Figuren warm geworden. Das fängt schon damit an, dass Sascha und Ella sich bis zum Ende gesiezt haben. Wie soll denn das bitte eine warmherzige Freundschaft sein? Also wenn ich mit knapp 90 später mal bei einem fremden Menschen wohne, der 55 Jahre jünger ist als ich, wird der gnadenlos geduzt. Vor allem, wenn der so viel für mich und mit mir macht.
Ich fand Frau Ella aber tatsächlich auch so permanent anstrengend. Nicht mal, weil sie vieles nicht verstanden hat aus der „modernen Welt“. Das waren sogar noch die Stellen, an denen ich sie ganz süß fand. Sondern das ganze Gehabe. Dass sie erstmal die ganze Wohnung aufräumen muss und auch so immer recht lustlos und unmotiviert wirkt.
Was ich auch nie verstehe: Warum ziehen Autoren gnadenlos Sachen durch, die jede Figur im Buch nervt? Hier war es Frau Ellas Universalantwort „Aha“. Jeder fragte sich und sie, warum sie nur immer mit „Aha“ antwortet und war irgendwann mal schwer genervt davon. Und ihre Auflösung „Weil mich alles erstaunt“ konnte mich auch nicht versöhnlich stimmen.

Mit Sascha bin ich auch nicht klar gekommen. Der war ebenso die meiste Zeit unmotiviert und lethargisch. Das nervte wiederrum Frau Ella (an dieser Stelle nochmal die Frage: Warum ziehen Autoren solche schlechten Sachen dann gnadenlos durch die Geschichte?).
Er war so von seinem Selbstmitleid in den Bann gezogen, dass ihn nichts so richtig aufheitern konnte. Gaaaaanz langsam steigerte sich das dann mal, aber so unmerklich, dass er damit bei mir nichts mehr retten konnte.

Und die Geschichte war auch wirklich lahm.
Ich habe schon am Anfang nicht verstanden, warum Sascha die arme alte Frau aus dem Krankenhaus entführt. Vor allem war er zu dem Zeitpunkt noch wirklich genervt von ihr. Und nur weil die beiden sich mit Klosterfrau Melissengeist zusammen „betrinken“, ist das noch lange kein Fundament, auf dem solche Pläne aufgebaut werden.
Außerdem war der Grund so an den Haaren herbei gezogen (ich glaube, dem Autor fiel da nichts Besseres ein). Frau Ella sollte für ihre Augen-OP eine Vollnarkose bekommen und da haben die beiden Patienten gleich ein Komplott gewittert: Frau Ella soll umgebracht werden (immerhin ist Tod ein Risiko dieser OP).

Ehrlich gesagt gab es dann auch keine wirkliche Geschichte. Der Pfleger, der Frau Ellas Sachen am nächsten Tag bringen sollte, taucht einfach nicht auf und so bleibt die Alte fast eine Woche bei Sascha in der dreckigen, kleinen MännerWohnung.

In dieser Woche nehmen Sascha und sein Kumpel Klaus (ein extrem extrovertierter, lauter Charakter… also das genaue Gegenteil von Sascha) Ella Freitag überall mit hin. Sie kleiden sie neu ein, gehen mit ihr schön Essen und sich betrinken, fahren mit ihr auf den elterlichen Hof, der mittlerweile von einem schwulen Pärchen komplett umgestaltet wurde und zwingen sie immer wieder in ihre Vergangenheit abzutauchen. Die ist aber nicht mal spannend. Das einzige Traurige war, dass sie ihre große Liebe ziehen lassen musste. Aber das ist leider zu banal um mitreißend zu sein.

Außerdem versucht Frau Ella Sascha aus seinem Trott zu reißen. Aber eigentlich auch eher dadurch, dass sie nörgelt und ihm immer wieder vor Augen hält, was er alles falsch macht.
Zum Beispiel, dass er seine Ex-Freundin Lina, die Knall auf Fall nach Spanien abgehauen ist und sich ein halbes Jahr nicht gemeldet hat, nicht wieder zurücknehmen will.

Also plätscherte die Geschichte nur so vor sich hin und war nicht spannend.
Dazu war der Schreibstil leider ab und zu holperig. So manches Mal kam ich irgendwann nicht mehr hinterher, wer gerade spricht.

Einige Sachen werden auch am Ende nicht aufgelöst. Zum Beispiel, was nun mit den Augen der beiden passiert. Denn als Sascha mit Frau Ella geflohen ist, hat er auch die Genesung seines Auges aufs Spiel gesetzt. Und das von Frau Ella wurde ja nun gar nicht operiert.
Weiterhin schimmerten ab und zu kleine Sachen durch und es schien, als würde Frau Ella langsam Alzheimer bekommen. Aber auch das wurde nicht weiter thematisiert.

Alles in allem konnte ich aus der Geschichte nichts für mich mitnehmen. Ich habe nichts gelernt über Freundschaft oder dergleichen. Das Buch war ok, mehr aber auch nicht.
Für einen Debütroman ist es aber gar nicht schlecht. Daher gibt es .

Aber eins konnte ich doch mitnehmen. Ein Zitat, das mich zum Lachen gebracht hat:

„Ein Leben, in dem alles klappte, wäre ja gar nicht zu schaffen, schon von der Zeit her.“

Florian Beckerhoff – Frau Ella
List, Juli 2009
ISBN 3471350233
316 Seiten
Gebunden; 14,90 Euro

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2 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. traumtaenzerin
    Feb 09, 2012 @ 17:08:57

    Ach herrje, das liegt auch noch auf meinem SuB. Da kann ich mich ja auf einiges gefasst machen. 😉

    Antwort

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