Alix Girod – Heilig auf High Heels

Ich bin so glücklich: Nächsten Januar muss ich nicht lange überlegen, ich glaube, ich habe jetzt schon den Flop des Jahres gefunden.
Und ich Dummi hatte mich auf ein heiteres Frauenbuch gefreut nach der schweren Kost davor. Aber Pustekuchen. Das war noch um einiges schwerer. Und dazu nervtötend!

Aber das konnte ich doch wirklich nicht ahnen nach diesem Klappentext:

„Pauline Orman-Perrin , genannt POP, ist bekannt für ihre witzigen Kolumnen im Modemagazin ‚Modelle‘. Als ihr in der Water Bar (Spezialität: Salat ohne alles) eine Pyramide Mineralwasserflaschen auf den Kopf fällt, begegnet sie im Koma Gott – in Gestalt von Karl Lagerfeld. Karl/Gott stellt sie vor die Wahl: Entweder sie betreut in Zukunft als Engel die Jenseits-Zeitschrift ‚HimmElle‘ oder sie ändert ihr Leben. Pauline bekommt genau vierzig Tage Zeit, um sich selbst, ihre Familie und ihr Glamour-Magazin zu mehr Glaube, Liebe und Sinn umzukrempeln…“

Ich weiß nicht, welchen Kreuzzug Frau Girod mit diesem Buch führen wollte. Denn ab dem Moment als POP wieder aus dem Koma erwacht, ist sie die fanatischste Christin, die ich mir vorstellen konnte.
In diesem Zusammenhang hört sie dann auch gleich mal komplett auf, sich gut zu kleiden. Sie schmeißt konsequent ALLES weg, was ihr in ihrem „alten Leben“ etwas bedeutet hat.
Somit finde ich den Titel auch komplett falsch. Sie mag ja versucht haben eine Heilige zu sein. Die High Heels waren zu diesem Zeitpunkt aber schon weggeschmissen.

Den Pfad des Guten muss POP aber nicht allein beschreiten. Gott stellt ihr noch die Wegbegleiterin Germaine Criquet an die Seite: eine alte, hässliche, giftige, kinderhassende (und ebenso fanatische) Sterbebegleiterin.
Den Sinn dieser Frau habe ich aber nie verstanden. Ich hatte das Gefühl, dass sie einfach bösartig ist. Wie Pauline zu dem Urteil „gut und sanft“ kam, war mir bis zum Ende schleierhaft.

Aber ich fand nicht nur Germaine unausstehlich, ich fand auch keinen Draht zu allen anderen Personen.
Das kommt auch daher, dass keine einzige Person beschrieben wurde. Weder vom Aussehen her, noch charakterlich. Natürlich kam an manchen Stellen ein wenig vom Charakter durch, aber auch nie wirklich. Eine Meisterleistung der Autorin, finde ich. Auf 271 sowohl Optik als auch Charakter konsequent zu ignorieren muss auch gekonnt sein.
Aber Frau Girod ist im wahren Leben Autorin bei der Frauenzeitschrift Elle. Die hat sich sicher ein dickes Fell zugelegt.

Um das hier mal festzuhalten, auch wenn ich selber atheistisch erzogen wurde, kann ich mich sehr für die Menschen freuen, die aus ihrem Glauben Kraft ziehen.
Es störte mich also nicht, dass hier eine Begegnung mit Gott stattfand (da gibt es ja auch genug Filme, die ich liebe), aber POP scheint schon ein sehr schlichtes Gemüt zu haben. Sie hat nämlich komplett alles falsch gedeutet, was Gott ihr gesagt hat.
Nur weil man mehr Sinn in sein Leben bringen soll, muss man doch nicht seinen kompletten Kleiderschrank wegwerfen und aufhören sich zu schminken.
Und man muss sich erst recht keiner kolumbianischen Familie annehmen, die man über Mein-Freund-der-Flüchtling.com gefunden hat. Oder sich auch nicht verpflichten 20 Jahre einen Häftling jede Woche zu besuchen.
Außerdem sabotiert sie nun auch ihre Zeitschrift und schmuggelt heimlich irgendwelche christlichen Kampfschriften in das Heft.
Auch ihre Familie hat zu leiden. Denn nicht nur, dass sie recht unansehnlich wurde, sie verweigerte sich auch jedes härteren Wortes gegenüber der Kinder (dass der Sohn dann auch recht fix davor stand von der Schule zu fliegen, war ja Nebensache).
Pauline verbrachte ihre Zeit lieber damit ständig rührselig zu sein und vor Dankbarkeit zu heulen, wenn ihre Kinder sich stritten. Denn eigentlich zeigte das ja, wie sehr sie sich lieben.

Das alles steigert die Autorin noch mit Zitaten über jedem Kapitel. Normalerweise liebe ich das, da diese Sprüche immer lustig sind.
Frau Girod schien da aber einen neuen Pfad beschreiten zu wollen.
Meine kleine Auswahl der Schauer-Zitate:

„Seid euer eigenes Licht. Seid eure eigene Zuflucht.“ Buddha

„Das Herz und nicht die Vernunft nimmt Gott wahr.“ Blaise Pascal

„Die Trauer um einen Toten währt sieben Tage, die um einen Toren und Gottlosen alle Tage seines Lebens“ Ecclesiasticus

Ansonsten wird auch noch die Bibel zitiert.

Ich möchte es nochmal wiederholen, ich habe nichts, aber auch GAR NICHTS gegen Gläubige. Jeder, wie er es für richtig hält.
Aber was sollte das hier alles?
Eigentlich sagte mir das Buch: jeder der sich gern um sich kümmert und keiner wohltätigen Arbeit nachgeht ist abgrundtief böse und kommt nicht in den Himmel (das wäre POP nämlich nicht, wenn sie die Himmels-Zeitung nicht übernommen hätte).

Zu diesem Zweck manipuliert POP auch die Pille und die Kondome ihrer besten Freundin. Die soll nämlich bitte noch ein Kind bekommen mit ihrem neuen Freund, den sie seit zwei Wochen kennt.

Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl ich soll zum Katholizismus bekehrt werden. Oder einer anderen Relegion. Das schien erstmal nebensächlich. Hauptsache gläubig.

Vielleicht hätte ich auch das nicht so unglaublich furchtbar gefunden, wenn das Buch wenigstens gut geschrieben gewesen wäre. War es aber nicht!
An keiner Stelle lustig. Nicht mal meine Mundwinkel verzogen sich nach oben. Auch wenn das Buch laut Klappentext ein „hinreißend komisches Duell zwischen Seelenheil und Frühjahrskollektion“ sein soll.
Sehr schade! Denn dass die Autorin es kann, blitzte ab und zu mal durch, wenn POP ihre Chefinnen betrügen wollte und einen Artikel im alten Stil geschrieben hat (aber an diesem Stellen war ich meist so runtergezogen von dem Buch, dass ich auch nicht lächeln konnte).

Erschwerend hinzu kamen Wörter, die niemand kennt (behaupte ich mal so einfach).
Also mir sagte zumindest weder „sektiererisch“ noch „Fatwa“ etwas.
Immer wieder gab es auch französisches Essen oder wichtige regionale Persönlichkeiten, die ich nicht kannte. Die habe ich dann teilweise gegooglet. Aber das ist auch anstrengend, weil man immer aus dem Lesefluss rauskommt.
Aber zumindest an der Stelle, an der die Gefangene, die POP immer besucht „Die kleine Dutroux“ genannt wird, musste ich wissen, was das ist. Ich hatte ja erst ein Schimpfwort vermutet, das nicht übersetzt wurde. Aber dann kam heraus, dass das ein belgischer Mörder und Sexualstraftäter war.

Nachdem ich mich nun durch ca. 250 Seiten gequält hatte (die Hoffnung, dass das alles doch irgendwie nur Spaß sein sollte, blieb) wurde es tatsächlich nochmal minimal besser.
Aber die Lehre, die mich dieses Buch lehren wollte, war so dermaßen lachhaft, dass auch der etwas weniger missionarshafte Charakter nichts ausreißen konnte.

Also ich fasse nochmal zusammen:
• Figuren waren blass und hielten den Leser auf Distanz
• recht flüssig geschrieben, aber immer wieder mit Wörter durchzogen, die man im Normalfall nicht kennt
• viele französische Begriffe (die mich nicht gestört haben, aber wer kein Französisch in der Schule hatte, könnte so seine Probleme bekommen)
• kein bisschen witzig
• Schwarz-Weiß-Malerei (da Ungläubige immer die schlechteren Menschen waren)
• versucht zum Glauben zu bekehren (aber wirklich unendlich penetrant!!!)

Kurz gesagt: Das Buch war alles andere als himmlisch!
Nur weil sich das Buch die meiste Zeit gut lesen ließ und ein paar Personen wenigstens noch normal blieben (und POP auch regelmäßig erklären wollten, dass sie es übertreibt), gibt es ein halbes Gnadensternchen mehr (man muss sich den Weg der Tugend ja noch warm halten):

Alix Girod – Heilig auf High Heels
Originaltitel: Sainte futile (April 2006)
Fischer Taschenbuch Verlag, April 2008
ISBN 3596175666
271 Seiten
Taschenbuch; 8,95 Euro

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