Martina Wildner – Michelles Fehler

Michelle macht in diesem Buch genau 85 Fehler (jedes Kapitel umfasst einen davon). Ich habe genau einen gemacht. Und das war wohl der schlimmste. Ich habe dieses Buch gelesen!

An sich ist der Grundgedanke gar nicht mal übel. Ziemlich interessant sogar. Es geht um die 14jährige Michelle, in deren Leben im Moment alles schief läuft. Sie ist immer noch 1,44m, hat eine neue Feindin in der Klasse (und das ist nicht ausgesponnen. Das ist eine Tyrannin vom Feinsten) und ihre Eltern sind seit kurzem getrennt. Eigentlich sollte das Fehlerberechnungsamt (kurz: FBA) dafür zuständig sein, Fehler zu vermeiden. Und wenn das nicht geht, dann wenigstens auf einem gesunden Maß zu halten.
Michelle letzter „Schutzengel-Sachbearbeiter“ hatte leider andere Sorgen als Michelles Wohlergehen und der neue, Schmidt, ist keinen Deut besser; eher schlechter, denn er versucht aktiv Michelle um die Ecke zu bringen.

Und da fangen meine Probleme eigentlich an. Michelle ist wirklich süß und sie tut mir echt leid. Die ganze Zeit gehen Sachen schief. Aber nicht so, dass man denkt „Boah bist du blöd, das hätte NIEMAND so gemacht“, sondern eher unterschwellig. Sie guckt zum Beispiel aus dem Fenster, sieht etwas Erschreckendes, zuckt zurück, tritt ihrem Französischlehrer auf dem Fuß, wird deswegen von ihm schikaniert, muss einen Vortrag halten und erhält eine 4-. Es waren also immer so Kleinigkeiten, die aufeinander aufbauen, und das war gut so. Es war also nie unrealistisch oder sehr überzogen.
Dafür war der Sachbearbeiter Schmidt das Allerletzte. Er steckt voller Hass und der ist für den Leser einfach total unbegründet. Nie erhält man eine klärende Antwort, warum er gleich an seinem ersten Tag Michelle töten will. Einzig allein, dass sie und ihre Entscheidungen ihn nerven, wird gesagt.
Und damit nervt er mich! Ich hatte so eine Wut auf den, dass ich echt aufhören wollte zu lesen. Ich fand das eben anstrengend, nervig und unnötig. Hätte man mal wenigstens Erklärungen bekommen. Aber nein! Er hasst sie und basta. Das geht einfach nicht. Da bleiben zu viele Fragen offen.
Und deswegen musste ich das Buch wirklich oft zur Seite legen.
Es ist ja nicht so, dass ich mit hasserfüllten Figuren nicht umgehen könnte, aber hier waren die einfach alle abgrundtief böse. Und solche Schwarz-Weiß-Malerei nervt. Vor allem, wenn sie so unbegründet ist (bei der Feindin, Lydia, ist das ja das Gleiche).

An sich bleiben die Personen aber auch seltsam farblos. Sie werden zwar alle beschrieben, aber die meisten nur sehr, sehr grob. Gerade von den Eltern hat man nie wirklich etwas über das Aussehen oder den Charakter erfahren. Und ihre Freunde und ehemaligen Freunde kamen zwar oft vor, aber Michelle war eher mit sich beschäftigt als mit anderen Personen. Deswegen konnte ich keine Bindung zu anderen Figuren aufbauen, egal ob sie nett waren oder nicht.

Für mich schlecht gemacht waren auch die Zeit- und Ortsprünge. Das Buch spielt ja nur an einem Tag. An dem Tag, an dem Michelle die meisten Fehler ihres bisherigen Lebens macht. Jede Kapitelüberschrift zeigt deswegen auch die exakte Uhrzeit und den kommenden Fehler.
Also läuft es an sich chronologisch ab. Dann gibt es aber auch mal eine leere Zeile und schon ist man in der Vergangenheit. Es ist aber weder typografisch abgegrenzt, noch konnte man das so richtig aus dem letzten Satz herauslesen. Das war dann öfter zu abrupt.
Dazu gibt es noch Absätze, die kursiv geschrieben sind. Die spielen dann bei Schmidt im FBA.

Seltsam waren auch die Running-Gags. Zum Beispiel hasst Michelle H-Milch. Und für sie riechen auch ganz viele Sachen in der Umwelt so oder auch Personen danach. Es kommt zwar eine oberflächliche Erklärung, aber die fand ich auch nicht dolle. Außerdem hasst sie Hamburg. Und natürlich springt ihr überall das Wort Hamburg ins Auge. Und wenn mal eine Farbe erwähnt wird, dann ist es Anthrazit. Das Auto ihres Vaters (der übrigens nach Hamburg gezogen ist) hat nämlich diese Farbe. Und deswegen haben natürlich auch fast alle anderen Autos diese oder das Kostüm ihrer Mutter.
Das sind aber noch Sachen, die man lesen kann, ohne dass sie einen behindern, aber der letzte Running-Gag ist mehr als störend.
Sie zählt alles. Das ganze Buch besteht fast nur aus Zahlen. Oder sie rechnet. Sie lässt einen Stein in ein Loch fallen, und rechnet an der Falldauer (übrigens 2,2 Sekunden und nicht wie erst fälschlich gedacht 2,7 Sekunden. Wie auch immer das so genau geht 😯 ) die Tiefe des Lochs. Oder sie errechnet das Volumen des Platzes unter ihrem Bett (da liegt sie gerne drunter um zu überlegen).
Man erfährt auch meist genau wie viele Schritte sie in welche Himmelsrichtung macht, wie viele cm² Wunden haben, oder wie viele Durchmesser der Hals eines Hundes hat (übrigens ergab sich folgender Rechenweg: Wie groß ist der Abstand der Nieten des Hundehalsbandes? Wie groß muss deswegen der Umfang sein? Und wie dick deswegen der Hals?).
Was an sich ganz lustig klingt, wird dann richtig schwierig, wenn die Zahl Siebenhundertdreiundzwanzig oder so heißt. Gemerkt? Das stört wirklich den Lesefluss, finde ich.

Naja, wahrscheinlich bin ich schon lange zu alt für dieses Buch (obwohl das bei anderen Büchern mit ähnlich alten Protagonisten ja egal ist). Aber das habe ich auch bei so manchen Begriffen gemerkt. Die Droge, die sich die Beamten reinpfeifen, heißt Egalin (es wird denen offensichtlich alles gleichgültig) und die verbotene Zeitschrift, in der Tricks stehen, heißt Trixtrax. Das ist mir zu einfach und kindisch.

Den Anhang habe ich übrigens komplett weggelassen. Ich will mir die ganzen Begriffe (von A wie Absoften bis Z wie Zuständigkeitsbereich) und die Bücher des FBA, die in der Geschichte vorkommen, nicht noch einmal durchlesen. Wozu? Die Erklärungen gab es doch alle schon!

Da ich die meiste Zeit so genervt war, kann ich nur geben. Da konnte auch die wirklich sympathische Figur der Michelle nichts rausreißen. Aber für Jüngere (also ich tippe so auf 10 bis 14 Jahren), könnte das Buch interessant sein.

Martina Wildner – Michelles Fehler
Bloomsbury, September 2008
ISBN 383335013X
249 Seiten + 32 Seiten Anhang („Kleines Fehlerlexikon“ und „Vorträge, Seminare und Lehrbücher“)
Taschenbuch; 6,90 Euro

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  1. Trackback: Aufhören oder nicht aufhören, das ist hier die Frage. « Buecherherz

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