Rebecca James – Die Wahrheit über Alice

Ein dunkles Geheimnis
Ein zerstörtes Leben
Eine neue Freundin,
die dir hilft zu vergessen
Aber was, wenn sie nicht ist,
was sie zu sein scheint?
(Klappentext)

Den Klappentext finde ich sehr gelungen. Er ist spannend und macht Lust auf mehr. Gut, viele Bücher locken mittlerweile mit „Geheimnissen, die ihr Leben auf tragische Weise verändern“ (so oder so ähnlich), aber da ich vorher mal eine Leseprobe gelesen hatte, wusste ich, dass es hier tatsächlich stimmt.

Der englische Titel lautet „Beautiful Malice“. Der ist meiner Meinung nach sehr gelungen und treffend, denn zum einen heißt Malice Bosheit und zum anderen steckt da der Name Alice mit drin. Daher passt er doppelt gut. Im Normalfall finde ich die deutschen Titel, die nicht 1:1 übersetzt wurden, furchtbar. Bei „Schöne Bosheit“ wäre diese Doppeldeutigkeit aber gar nicht mehr zu erkennen gewesen. Daher finde ich ausnahmsweise auch mal den „neuen“ deutschen Titel wirklich gut. Obwohl mir eine Anspielung auf „Bosheit“ oder „Grausamkeit“ ein wenig fehlt. Aber das ist wohl nur mein persönliches Empfinden.

Das Titelbild passt gut in die Gesamtheit. Diese blonde Schönheit soll wohl Alice darstellen. Wenn man jetzt GANZ VIEL da hinein interpretieren möchte, könnte man wohl sagen „Rosen sind schön, tragen aber Dornen. Man muss sie vorsichtig anfassen und auf seine Haut aufpassen.“. So will ich das jetzt nicht auseinandernehmen. Ich mag das Cover einfach, auch ohne große Symbolkraft. Es sieht zart aus und dass das Wort „Alice“ sich in einer zarten Schreibschrift abhebt, hat auch etwas Besonderes.

Die Geschichte spielt in drei verschiedenen Zeiten.
Die meiste Zeit erlebt man mit der Hauptperson Katherine die Phase, in der sie Alice kennenlernt. Einige Kapitel spielen aber auch in der Vergangenheit, in der Katherines Schwester umgebracht wurde, und einige sind 5 Jahre in der Zukunft. Aus den anderen beiden Zeiten wusste man also schon einiges, was noch nicht in der Gegenwart (Zeit mit Alice) passiert ist.
Es ist wirklich schön zu lesen, wie die zarten Bande der Freundschaft geknüpft werden und Katherine sich immer mehr öffnen kann. Auch Robbie gehört zu dem anfänglichen Trio dazu.
Als Leser merkt man aber sehr schnell, dass mit Alice etwas nicht stimmt. Sie kann herzensgut sein und dann einfach nur böse und grausam. Robbie und Katherine wollen das aber einfach nicht sehen und egal was Alice verbockt hat, eine kurze Entschuldigung reicht und sie wird wieder in die Arme geschlossen.
Und das hat mich zweitweise wirklich genervt.
Alle scheinen bei ihr die rosarote Brille auf zu haben. Auch wenn Katherine ab und zu mal versucht zu reflektieren, was hinter Alice Verhalten steckt, gibt sie diese Gedankengänge meist schnell wieder auf. Immerhin hat sie endlich wieder Freunde und jemand mag und versteht sie.
Kann ich ja irgendwo verstehen, aber so blind darf man eigentlich nicht sein, auch nicht mit 17 Jahren.
Aber doch geht es nicht nur um diese „Freundschaft“ und die psychische Störung, die sich nach und nach bei Alice offenbart, sondern auch mit dem Thema Schuld wird sich lange und intensiv auseinander gesetzt. Auch wenn aus verschiedensten Perspektiven Argumente gebracht wurden, wollte ich mich nie zu einem Urteil herablassen.

Nichtsdestotrotz ist es sehr spannend die Veränderungen zu beobachten.
Ich wollte unbedingt die ganze Zeit wissen, was denn nun mit Alice los ist. Ich hatte auch die verschiedensten Theorien (nur mal wieder nicht die richtige). Und dass sie sich nicht zufällig mit Katherine anfreunden wollte, war auch offensichtlich. Nach den Beweggründen habe ich verzweifelt gesucht.
Man hat das Gefühl, kontinuierlich auf den großen Knall zuzusteuern und kann den Protagonisten nicht helfen, obwohl sie sicher sehr leiden werden. Und aus der anfänglich netten Alice, über die gemeine Alice und zu der abartig bösen Alice, wird dann die wirklich gestörte Alice. Das war beängstigend zu sehen, aber von Rebecca James wirklich gut gemacht.

Und was die Figuren an sich angeht, war ich mit dem Buch sehr zufrieden. Es gab nur wenige und somit konnte auf jeden einzelnen gut eingegangen werden.
Sowohl das Aussehen, der Charakter, als auch deren individuelle Geschichte und der Hintergrund wurden gut beleuchtet.
Letztendlich hat man aber jede Figur schon einmal in einem anderen Buch gesehen. Sie sind sehr stereotyp angelegt und wenig facettenreich. Keiner bricht aus, ob es nun der herzensgute, aber recht naive Robbie; die egozentrische, egoistische, psychopatische Alice oder die im Selbstmitleid suhlende, deprimierte, sich nichts gönnende Katherine ist.
Auch wenn das jetzt ziemlich gemein klingt, mochte ich sie alle auf ihre Weise, da sie trotzdem noch authentisch rüberkamen.

Allein schon durch die Charaktergestaltung und die spannende Geschichte, ließ sich das Buch sehr gut lesen.
Die Sprache tat dann ihr Übriges. Flüssig und bodenständig war sie. Keine abgehobene Ausdrucksweise, sondern reifen (!) 17jährigen angemessen. Und dazu gehörte auch, dass ab und zu (also eher selten) mal richtig geflucht wurde. Manche Autoren neigen ja dazu „So ein Mist“ zu schreiben, wenn man sich richtig aufregt. Hier wurde dann schon zu härteren Bandagen gegriffen, aber nie unpassend und immer wohl dosiert. Das war sehr angenehm.
Einen Bruch gab es immer an den dramatischen Stellen (um genauer zu sagen an den Stellen, wo jemand starb oder umgebracht wurde).
Dort wechselte der Ich-Erzähler und der Leser war plötzlich der Protagonist. Dann hieß es „Du läufst…“, „Du hast Angst…“ oder „Du hörst Schritte hinter dir….“
Was den Leser wohl in die Geschichte reinziehen sollte, ließ mich relativ kalt. Bei anderen mag dieser sprachliche Kniff aber wirken.

Alles in allem kann ich nur sagen, dass es ein gutes Buch mit einer spannenden Geschichte ist. Die Auflösung fand ich dann zwar nicht wirklich spektakulär, aber doch plausibel.
Ab und zu war ich ziemlich erschrocken von der Blindheit und Dummheit von Katherine und Robbie, die Alice so sehr gefallen und bei sich behalten wollten.
Trotzdem kann man etwas lernen und es öffnet ein wenig die Augen für richtige und falsche Freunde.
Obwohl alles sehr traurig, dramatisch und spannend war, aber auch fröhlich und lustig, fehlt mir der Funke.
Außerdem lässt mich das Ende unbefriedigt zurück. Es ist in gewisser Hinsicht ein offenes Ende (was ich ja grundsätzlich nicht mag) und dann handelte Katherine entgegen ihres im ganzen Buch dargelegten Charakters. Ihre Beweggründe wurden zwar genannt, aber das wollte nicht so recht damit zusammenpassen, dass sie 22 ist und alles schon fünf Jahre zurückliegt (das Buch endet in der Zukunftszone).
Ich vergebe aber ganz tolle und kann das Buch empfehlen.

Was mir jetzt im Nachhinein sehr schwer fällt, ist die Einordnung in ein Genre. Drama, Liebesstory, Frauenbuch, Horror und Humor fallen sofort aus. Jugendbuch? Naja, die Hauptpersonen sind zwar Jugendliche, aber trotzdem passt das auch nicht so gut. Krimi? Ja, das Buch hat wohl Krimi-Elemente. Aber eher wenige und ein richtiger Krimi ist es sowieso nicht. Psychothriller? Jaaaa, Alice ist schon psychopathisch und manipuliert, wo sie kann. Es ist auch spannend, aber doch kein Thriller.
Hilflos habe ich mit jetzt dafür entschieden, es in die Kategorie „Roman“ einzuordnen.

Rebecca James – Die Wahrheit über Alice
Originaltitel: Beautiful Malice (Juli 2010)
Rowohlt, Oktober 2010
ISBN 3805250037
316 Seiten
Gebunden; 16,95 Euro

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